Literatur

Vor dem Untergang: Eugen Ruges «Pompeji»

In seinem aktuellen Roman erzählt der preisgekrönte Autor Eugen Ruge von Aussteigern, Kapitalisten und falschen Propheten. Der Schauplatz ist das antike Pompeji. Aber eigentlich meint er uns.
  • Von Deutsche Presse Agentur
  • 26. Mai 2023 | 15:31 Uhr
  • 26. Mai 2023
Eugen Ruge legt mit «Pompeji» einen Roman vor, der auch Fragen an die Gegenwart stellt.
  • Von Deutsche Presse Agentur
  • 26. Mai 2023 | 15:31 Uhr
  • 26. Mai 2023
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Über Pompeji scheint schon alles gesagt und geschrieben. Die spektakuläre Naturkatastrophe aus dem Jahr 79 n. Chr. ist so gut dokumentiert wie kaum ein anderes historisches Ereignis und wurde auch deshalb zum dankbaren Stoff für Romane und Filme wie etwa dem monumentalen Epos «Die letzten Tage von Pompeji». Es erscheint auf den ersten Blick überraschend, dass sich nun ausgerechnet Eugen Ruge dieser fernen Vergangenheit zuwendet.

Bisher kreisten seine Bücher vor allem um die eigene Familiengeschichte, das SED-Regime und den Stalinismus («In Zeiten des abnehmenden Lichts», «Metropol»). Doch auch «Pompeji» hat in gewisser Weise mit seiner Familiengeschichte zu tun.

In einem Radiointerview verriet der Autor jüngst, dass seine Großmutter Charlotte einst als Kind sein Interesse für das Thema weckte, indem sie vom Vulkanausbruch fabulierte. Dieses von ihr übertrieben ausgeschmückte Untergangsszenario faszinierte ihn. Doch fiktional über eine bestens bekannte Katastrophe zu schreiben, kann heikel sein. Ein erster Versuch geriet Ruge denn auch nach eigener Aussage zu einer Art Kostümfilm.

Im nun vorliegenden zweiten Anlauf ist aus dem Roman dagegen eine Parabel geworden mit sehr deutlichen Parallelen zur krisengeschüttelten Gegenwart, speziell zur drohenden Klimakatastrophe und der Unbekümmertheit, mit der ihr immer noch begegnet wird. Im Mittelpunkt des Romans steht die Frage: Ahnten die Bewohner von Pompeji vorher etwas von dem drohenden Unheil - und falls ja, warum verhielten sie sich so passiv?

Erzählt wird die unglaubliche Geschichte des Aufsteigers Josse, der sich von einem ungebildeten migrantischen Metzgerssohn zu einem genialen Manipulator und Volksverführer entwickelt, sich mit seinem heillosen Opportunismus Reichtum und Macht verschafft, die Menschen aber ins Verderben laufen lässt.

Ein allwissender Erzähler führt durch die Handlung. Gleich zu Beginn kündigt er eine spektakuläre Enthüllungsgeschichte an: «Dies ist der wahre Bericht vom Untergang Pompejis und seiner Bewohner.» Allerdings sei es kein Heldenepos, «sondern ein schmutziger, saurer, ja womöglich kleinlicher Bericht über ein schmutziges, saures und kleinliches Kapitel der Stadtgeschichte».

17 Jahre nach einem Erdbeben, bei dem Pompeji schon schwere Schäden erlitt, gibt es wieder beunruhigende Vorzeichen: Tiere werden durch giftige Gase getötet, zeitweilig liegt ein schwefeliger Geruch in der Luft, unerklärliche Risse zeigen sich im Mauerwerk. Doch viele Bürger glauben nicht an einen Vulkanausbruch, ja sie glauben nicht einmal an die Existenz von Vulkanen.

Aber es gibt auch die Gruppe der besorgten Bürger. Diese schließen sich im Vulkanverein zusammen, um in sicherer Entfernung vom Vesuv eine neue Siedlung, das «Fenster des Meeres», zu gründen. Dank seiner Redekunst schwingt sich Josse, eigentlich Jowna, vom Abkömmling bitterarmer pannonischer Einwanderer zum Anführer des Vereins auf und setzt sich geschickt über die rivalisierenden philosophischen Aussteiger-Grüppchen hinweg.

Bald werden auch reichere Bürger von dem Neubau-Projekt angezogen. Das beunruhigt wiederum Livia, die schwerreiche Frau des Stadtoberhaupts Fabius Rufus. Als wichtigste Bauunternehmerin von Pompeji fürchtet sie um ihre Pfründe. Für sie gibt es nur einen Ausweg: Wenn Josse die Pompejaner dazu verleiten konnte, aufgrund obskurer Gerüchte ihre Stadt im Stich zu lassen, kann er sie auch zum Dableiben bewegen. Es ist alles nur eine Frage der Verführungskunst.

Ruge verbindet kunstvoll die historischen Fakten mit Fiktion zu einem stimmigen Ganzen. Einige Personen wie etwa der im Roman nicht gerade schmeichelhaft gezeichnete Forscher Plinius hat es wirklich gegeben. Die meisten Figuren aber sind fiktional. Sie sind zeitlos wie der Separatist Maras oder neuzeitlich neoliberal wie die Kapitalistin Livia.

Ruge lässt viel Wissen über die römische Antike miteinfließen, trotzdem kommt sein Roman unterhaltsam, satirisch und leichtfüßig daher, mit einem Augenzwinkern über die ewig gleiche Neigung des Menschen, sich bereitwillig hinters Licht führen zu lassen.

Eugen Ruge: Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna, dtv, München, 368 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-423-28332-8