Leichtathletik-WM

„Botschafter“ mit besonderer Mission

Said Gilani vom SV Nienhagen startet bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft für Afghanistan. Der 100-Meter-Sprinter sieht sich als Botschafter seines Landes.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Juli 2022 | 16:05 Uhr
  • 15. Juli 2022
Said Gilani geht bei der WM in Oregon über die 100-Meter-Strecke an den Start. Der 26-jährige Afghane gehört der Leichtathletik-Abteilung des SV Nienhagen an.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Juli 2022 | 16:05 Uhr
  • 15. Juli 2022
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Nienhagen.

Es ist schon ein höchst interessanter Mann, den sich die Leichtathletik-Abteilung des SV Nienhagen da "geangelt" hat. Die Rede ist von Said Gilani, seines Zeichens afghanischer Rekordhalter auf der 200- und 400-Meter-Strecke, über 110 und 400 Meter Hürden und außerdem zweimaliger WM-Teilnehmer. Nun hat es den 26-jährigen in Deutschland geborenen Athleten, der in den vergangenen sieben Jahren für den SV Werder Bremen startete, beruflich nach Celle verschlagen.

Durch Zufall beim SVN gelandet

Ein Glücksfall für den SVN, der den 1,92 Meter großen und 88 Kilo schweren Modellathleten mit der doppelten Staatsbürgerschaft, wenn auch eher zufällig, in den südlichen Landkreis lotsen konnte. „Ich war vor gut acht Wochen alleine im Celler Otto-Schade-Stadion trainieren. Da sind zwei Athletinnen aus meiner jetzigen Trainingsgruppe auf mich aufmerksam geworden. Sie haben mich angesprochen und dann den Kontakt zum SVN hergestellt. Jetzt bin ich hier und fühle mich sehr wohl“, berichtet Gilani, der in Nienhagen nun von Enrico Röthig trainiert wird.

Training zusammen mit Usain Bolt

Als ehemaliger Zehnkämpfer konzentriert sich der gelernte Handelsfachwirt, der im Außendienst für die Supermarktkette Edeka unterwegs ist, ganz auf die 100-Meter-Strecke. Und das hat einen guten Grund, denn der sympathische Sportler startet bei den am Freitag beginnenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften in der US-amerikanischen Stadt Eugene im Bundesstaat Oregon für sein Land Afghanistan genau in dieser Disziplin.

Das ist kein Novum für Gilani, der dank Wildcards bereits 2017 bei der WM in London und 2019 bei der WM in Doha, wo sich die internationalen Medien auf den „Exoten“ stürzten, WM-Erfahrung sammeln konnte. „In London hatte ich die Gelegenheit, zwei Stunden mit dem achtfachen Olympiasieger und elffachen Weltmeister Usain Bolt zu trainieren und mich mit ihm auszutauschen. Das war megacool und natürlich ein unvergessliches Erlebnis“, schwärmt Gilani, dessen persönliche Bestzeit über 100 Meter bei 11,12 Sekunden liegt.

Es geht nicht ums Sportliche

Said Gilani war bereits bei den Weltmeisterschaften 2017 und 2019 am Start.

Dass man mit dieser Zeit auf internationaler Bühne keinen Blumentopf gewinnen kann und die Weltmeisterschaft für ihn höchstwahrscheinlich bereits nach dem Vorlauf vorbei sein wird, ist dem Neu-Nienhäger natürlich klar. Doch ihm geht es um etwas anderes. „Ich lebe in Deutschland, aber meine Wurzeln sind in Afghanistan. Ich bin sehr heimatverbunden, denn meine Familie lebt dort. Der WM-Start ist ein großes Privileg für mich. Ich will für mein durch die Taliban-Herrschaft gebeuteltes Land positive Signale aussenden“, erklärt der 26-Jährige.

In seiner Heimat ist er ein Star

Vor diesem Hintergrund versteht sich Said Gilani, der in seinem Heimatland einen gewissen Prominentenstatus besitzt und dort oft im Fernsehen zu sehen ist, eher als afghanischer „Botschafter“, der über den Sport Optimismus verbreiten will. „Ich will mich bestmöglich präsentieren und mit meinem Start für Afghanistan zeigen, dass man sich nicht unterkriegen lassen darf“, betont der Leichtathlet, der der einzige afghanische Starter in Oregon sein wird.

Treffen mit afghanischen Sportminister

In Begleitung seines Vaters, der Arzt ist, hat sich der SVN-Athlet auf die Reise in die USA gemacht. Dort wird er den afghanischen Olympischen Präsidenten, den Sportminister Afghanistans und den afghanischen Botschafter aus den USA treffen. „In Doha bin ich 2019 im Vorlauf auf dem sechsten Platz gelandet. Wenn ich dieses Ergebnis wiederholen könnte und dazu möglichst nah an meine Bestzeit heranlaufen könnte, wäre das eine tolle Sache“, meint Gilani.

Von Von Jochen Strehlau