Seit zehn Jahren im Wachkoma

„Sein Herz schlägt“: Der frühere Celler Publikumsliebling Hakan Bicici liegt seit zehn Jahren im Wachkoma

Hakan Bicici begeisterte mit seinen Dribbelkünsten nicht nur die Fans von TuS Celle und Hannover 96, dann änderte sich sein Leben schlagartig. Vor zehn Jahren verunglückte der ehemalige Fußballprofi bei einem Verkehrsunfall in der Türkei und liegt seitdem im Wachkoma. Seine Familie kümmert sich um ihn. Wie es ihm geht, wie sich frühere Mitspieler und Trainer erinnern - und wie wichtig der Fußball bis heute für Hakan Bicici ist.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 25. Nov. 2022
  • 15:05 Uhr
28. Nov. 2022
 
Hannover.

Ihm auf dem Fußballplatz zuzuschauen, war ein Genuss: Vier Jahre lang trug Hakan Bicici in den 90er-Jahren das Trikot des TuS Celle FC, bei Hannover 96 wurde er zum Star – doch vor zehn Jahren versetzte das Schicksal dem einstigen Publikumsliebling einen schweren Schlag.

Bei Hannover 96 wurde Hakan Bicici zum Star

In Hakan Bicicis Wohnzimmer fliegen die Wellensittiche frei herum und zwitschern, seine Mutter Fatma steht in der Küche und bereitet das Essen vor. Der 52-Jährige sitzt in seinem Stuhl und beobachtet das Geschehen. Es scheint, als würde er jeden Moment aufstehen und etwas sagen. Doch das kann er nicht.

„Er war ja praktisch in der Hälfte durch.“

Hakan Bicicis Tante Hülya Häseler

Ex-Profi liegt nach schwerem Autounfall im Wachkoma

Seit zehn Jahren ist der frühere Fußball-Profi im Wachkoma. Bei einem schweren Autounfall in der Türkei am 26. November 2012 erlitt er Verletzungen am Kopf, innere Blutungen sowie Bein- und Rippenbrüche. „Er war ja praktisch in der Hälfte durch“, sagt Tante Hülya Häseler. Die Türkin ist nur einige Jahre älter als ihr Neffe. Aufgewachsen sind Bicici und sie „wie Geschwister“. Zwölf Tage vergingen damals, ehe der damals 42-Jährige nach seinem Unfall aus der Türkei nach Deutschland geflogen und dort behandelt wurde.

Ex-Fußballprofi Hakan Bicici sitzt umgeben von Mutter Fatma Bicici (rechts) und seinen Tanten Hülya Häseler in Hannover in seinem Rollstuhl. Nach einem schweren Autounfall liegt der frühere Spieler von Hannover 96 und des TuS Celle FC seit genau zehn Jahren im Wachkoma.

„Hallo Spätzchen. Gib mir einen Kuss.“

Hakan Bicicis Mutter Fatma

Mutter Fatma kümmert sich liebevoll um Hakan Bicici

Seitdem wird der frühere Mittelfeldspieler von seiner Familie gepflegt, allen voran von seiner Mutter Fatma Bicici. Die 70-Jährige wohnt mit ihrem Sohn in einer barrierefreien Wohnung in Hannover. Neben dem Pflegedienst und den regelmäßigen Besuchen weiterer Familienmitglieder kümmert sie sich alleine um ihn. Sie streicht ihm sanft über die Haare und spricht in einem so liebevollen Ton zu ihrem Sohn, dass sein Blick sie nicht mehr loslässt. „Hallo Spätzchen“, sagt Mutter Fatma zu ihm. „Gib mir einen Kuss“, flüstert sie ihm auf Türkisch zu. Ihr Sohn fixiert sie mit seinem Blick.

Kapitäne unter sich: TuS Celles Hakan Bicici mit Bayern Münchens Lothar Matthäus bei der Platzwahl vor einem Freundschaftsspiel im Günther-Volker-Stadion im Januar 1996. 

89 Spiele für TuS Celle FC in der Regionalliga

Bicicis Familie kam 1965 aus der Türkei nach Deutschland. Er war einer der ersten Spieler in Hannover mit Migrationshintergrund, die es in den Profi-Fußball schafften. Der wichtigste Club seiner Karriere war Hannover 96. Für die Niedersachsen stand er in 82 Zweitliga-Spielen auf dem Platz. Neben Eintracht Braunschweig sowie den türkischen Clubs Antalyaspor und Gençlerbirligi Ankara war auch TuS Celle FC eine erfolgreiche Station für ihn. Für die Blaugelben lief er 1991/92, 1994 bis 1996 sowie 2001/2002 auf, schoss in 89 Spielen 39 Tore.

Nahm es auch mit den ganz Großen auf: Hakan Bicici (vorne) im Duell mit Rekordnationalspieler Lothar Matthäus. 
„Ein überragender Spieler mit unheimlichen technischen Fähigkeiten.“ Jürgen Rynio, Bicicis früherer Trainer beim TuS Celle FC.  

Ex-Trainer Jürgen Rynio: „Ein lustiger, lebensfroher Mensch“

Bicici war bekannt als Dribbelkünstler. Eine Eigenschaft, an die sich sein ehemaliger Trainer Jürgen Rynio gern erinnert. Der heute 74-Jährige kannte Bicici von seiner Zeit bei 96, holte ihn im Sommer 1991 erstmals nach Celle. „Ein überragender Spieler mit unheimlichen technischen Fähigkeiten. Und dabei ein lustiger, lebensfroher Mensch“, blickt Rynio, der seit 2002 ein Heim für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung in Bergen betreibt, zurück.

„Ein feiner Kerl, der auch mal Unsinn gemacht hat. Wir haben viel gelacht.“ Roy Nischkowsky, ehemaliger Mitspieler in Celle.  

Ex-Mitspieler Roy Nischkowsky: „Ein Profi ohne Starallüren“

Auch Bicicis damaliger Mitspieler beim TuS FC, Roy Nischkowsky, erinnert sich gerne an den kleinen und wendigen Edeltechniker: „In der Regionalliga gab es damals keinen, der besser mit dem Ball umgehen konnte. Er hat unsere Mannschaft geprägt“, sagt der 47-Jährige, der auch die menschliche Seite Bicicis schätzt. „Als wir beide 1994 nach Celle kamen, war er schon Profi, hatte aber keine Starallüren. Ein feiner Kerl, der auch mal Unsinn gemacht hat. Wir haben viel gelacht mit ihm.“ Die Nachricht von Bicicis Unfall sei damals ein Schock gewesen, so Nischkowsky.

„Es tut weh, Hakan so hilflos zu sehen. Das war für mich kaum zu ertragen.“ Fahed Dermech, früherer Mitspieler beim TuS Celle FC.

Fahed Dermech: „Es tut weh, Hakan so hilflos zu sehen“

Das gilt auch für Fahed Dermech, mit dem Bicici zwei Jahre zusammen beim TuS Celle FC spielte: „Wir waren auch danach sehr gut befreundet, hatten den Urlaub in der Türkei zusammen geplant“, erzählt Dermech. Weil er aber kurzfristig in seine tunesische Heimat reisen musste, flog er nicht. „Ich hätte auch in dem Auto sitzen können, mit dem Hakan verunglückt ist“, sagt Dermech. Anfangs besuchte der heute 56-Jährige seinen Weggefährten zu Hause am Krankenbett. „Aber es tut weh, Hakan so hilflos zu sehen. Das war für mich kaum zu ertragen, ich konnte nächtelang nicht schlafen.“ Heute ist Dermechs Kontakt zu Bicici und seiner Familie so gut wie abgebrochen. „Aber ich denke oft an ihn.“

„Unheimliche technische Fähigkeiten“: 2010 gab es bei einem Freundschaftsspiel der SG Wienhausen/Eicklingen gegen die Traditionsmannschaft von Hannover 96 ein Wiedersehen mit Hakan Bicici. 

„Martin Groth kommt immer wieder alle paar Monate, um ihn zu besuchen. Aber er geht auch immer ein bisschen traurig wieder raus."

Hülya Häseler

Noch regelmäßig bei Hannover 96 zu Gast

Seine Verwandten sind mit Bicici regelmäßig bei Heimspielen von 96 zu Gast. Auch ins Theater oder zu Konzerten gehen sie gemeinsam und unternehmen mit Bicici vieles, was er früher schon gerne gemacht habe. Sie beobachten dann manchmal, dass er darauf reagiere und aufmerksam zusehe. Auf einigen Sportplätzen sei Bicici heute noch bekannt. Die Familie hat derzeit noch Kontakt zu Frank Obermeyer, dem Teamchef der Traditionsmannschaft, und dem ehemaligen 96-Mittelfeldspieler Martin Groth. „Der kommt immer wieder alle paar Monate, um ihn zu besuchen. Aber er geht auch immer ein bisschen traurig wieder raus“, sagt Häseler.

Hakan Bicici mit seiner Tante und seinem Cousin bei einem Heimspiel von Hannover 96.   

„Wenn sie nicht vorbeikommen kann, machen sie Video-Calls.“

Hülya Häseler

Tochter kommt regelmäßig zu Besuch

Auch Bicicis Tochter sei regelmäßig zu Besuch. Auf ihren Namen reagiere er sehr stark. Wenn seine Familie über sie spricht, vergrößere er die Augen und ziehe die Brauen weit hoch. „Wenn sie nicht vorbeikommen kann, machen sie Video-Calls“, berichtet Häseler.

Viele Therapien durchgemacht

Viele Therapien hat Bicici schon durchgemacht. Neben den regelmäßigen Terminen bei Logopädie, Ergo- und Physiotherapie hat die Familie bereits mehrere ausgefallene Versuche wie Trainings in der Slowakei oder Delfintherapie in der Türkei unternommen. Auch wenn sie für den Moment Erfolge brachten, so hielten sie nicht langfristig.

Hakan Bicici bei der Delfintherapie in der Türkei. 

„In dem Moment merke ich ja, er fängt zu schwitzen an, sein Kopf wird ganz rot, sein Körper reagiert.“

Hülya Häseler

Regungen machen Familie glücklich

Der Familie gehe es darum, dem Ex-Fußballer eine höhere Lebensqualität zu verschaffen. Seine Tante berichtet von Situationen im Stadion, in denen Bicici sich in einer Gruppe von stehenden Menschen befindet, die alle um ihn herum versammelt sind. „Wie das Häschen in der Grube“, beschreibt sie dieses Geschehen. „In dem Moment merke ich ja, er fängt zu schwitzen an, sein Kopf wird ganz rot, sein Körper reagiert.“ In diesen Situationen seien Hilfsmittel wie ein elektrisch betriebener Stuhl, in dem er sich aufrichten kann, eine wahre Hilfe.

Er hält die Hand der Mutter

Auch wenn medizinisch bisher nicht festgestellt werden konnte, ob und wie viel Bicici von seiner Umgebung mitbekommt, so ist sich seine Familie sicher: „Ich glaube nicht daran, dass er nichts mitbekommt“, sagt Hatice Moormann, die andere Tante. Wenn ihm etwas zu viel wird, schließe er einfach die Augen. Er grinst, hält die Hand seiner Mutter oder weint auch manchmal, berichtet Hülya Häseler. Dadurch komme es immer wieder zu Interaktionen mit ihm, die seine Familie glücklich machen.

Freundschaftsspiel TuS Celle gegen Bayern München

Freundschaftsspiel TuS Celle gegen Bayern München

„Er ist warm und sein Herz schlägt.“

Hülya Häseler

Zeitweise scheint es so, als wolle Bicici teilnehmen am Gespräch, als würde in jedem Moment etwas aus seinem Mund kommen. Doch es geschieht nicht. Gelegentliche Geräusche und Huster zeigten, dass er da ist. „Das passiert nicht auf Knopfdruck“, stellt Häseler klar. Doch es sei wichtig zu verstehen, dass Hakan Bicici noch da ist. „Er ist warm und sein Herz schlägt“, sagt sie. Und dabei schaut sie ihrem Neffen tief in die Augen. Und er schaut zurück.

Von Heiko Hartung und Melissa Erichsen