Saisonbestleistung

So lief die Leichtathletik-WM für Said Gilani

Said Gilani vom SV Nienhagen startete bei der Leichtathletik-WM für Afghanistan. Über 100 Meter lief er zur Saisonbestleistung - trotz Unruhe im Vorfeld.

  • Von Jochen Strehlau
  • 01. Aug. 2022 | 14:30 Uhr
  • 01. Aug. 2022
  • Von Jochen Strehlau
  • 01. Aug. 2022 | 14:30 Uhr
  • 01. Aug. 2022
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Eugene/Orgeon.

Für Sprinter Said Gilani vom SV Nienhagen waren es spannende Tage mit vielen neuen Erfahrungen. Bei den vor kurzem zu Ende gegangenen Leichtathletik-Weltmeisterschaften im amerikanischen Eugene (Oregon) war der 27-jährige Neu-Nienhäger auf der 100-Meter-Strecke für Afghanistan am Start. Dort schied der sympathische Athlet mit der doppelten Staatsbürgerschaft zwar trotz Saisonbestleistung wie erwartet im Vorlauf aus, doch das trübte Gilanis Stimmung und die Lust auf kommende Aufgaben in keiner Weise. Schließlich konnte der SVN-Sprinter doch viele wichtige Erkenntnisse aus seiner bereits dritten WM-Teilnahme ziehen.

 

Untergebracht im Studentenwohnheim

Aber vor Ort musste Gilani erstmal feststellen, dass in Eugene in puncto Unterbringung und direktem Fankontakt doch einiges anders ist, als er es von seinen früheren WM-Auftritten in London (2017) und Doha (2019) kannte. Untergebracht war er im Studentenwohnheim auf dem Gelände des in der Nähe des Stadions gelegenen Universitätscampus. Dessen Gebäude waren mit Physioraum, Akkreditierungscenter oder Help-Desk WM-tauglich umgerüstet worden. Dort teilte er sich ein Zimmer mit zwei Athleten aus dem Sudan und Tadschikistan.

„Das Stadion und der Warm-up-Bereich waren in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen. Kurioserweise haben sich die Wege der Fans und die der Athleten ins Stadion gekreuzt. Da kamen einem viele freundliche Gesichter entgegen. Die Stimmung war total familiär. Es war schon sehr ungewohnt, aber cool, wie viele Autogramm- und Fotowünsche wir erfüllen mussten“, berichtet Gilani, dessen 100-Meter-Vorlauf einer der ersten Wettkämpfe der WM war.

Hektik vor dem Start

25 Minuten vor dem Rennen wurden die Athleten in den sogenannten Call-Room gerufen. Hier kam reichlich Unruhe ins Starterfeld. „Ein Athlet kam zehn Sekunden zu spät und wurde trotz lautstarken Protesten disqualifiziert. Dem späteren Vorlaufsieger ist die Spikeplatte gebrochen und er hatte nur noch drei Minuten, um seine Schuhe zu tauschen. Und zu guter Letzt mussten wir kurzfristig noch alle unsere vorderen Startnummern gegen welche mit einem Zeitmess-Chip austauschen. Es war also ziemlich hektisch und alles andere als totenstill in den Katakomben“, erzählt Gilani, der zu seiner eigenen Verwunderung aber ganz entspannt blieb. Selbst durch den Fehlstart eines Athleten von den Fidschi-Inseln ließ sich der 27-jährige nicht aus der Ruhe bringen.

Saisonbestleistung trotz Verletzung

Auch im zweiten Anlauf klappte sein Start gut. Dabei gehört dieser nicht zu den Stärken des 1,92 Meter großen Athleten. Der Nienhäger kam immer besser Fahrt. Doch nach 70 Metern schoss ihm der Schmerz in die Oberschenkelrückseite. „Ich hatte mir eine Zerrung zugezogen und konnte den Kniehub nicht mehr voll ausführen“, sagt Gilani. Mit Schmerzen gelang es ihm dennoch, den knapp vor ihm laufenden Konkurrenten auf der Nachbarbahn hinter sich zu lassen. Erst in den Katakomben sah er seine Zeit: 11,43 Sekunden, Saisonbestleistung. „Der Athlet vor mir ist eine 11,28 Sekunden gelaufen. Ohne die Verletzung hätte ich ihn bestimmt noch überholt“, glaubt Gilani, der bei sich noch viel Luft nach oben sieht.

Am Ende war er mit seiner Zeit, mit der er unter den 28 Startern aus den Vorläufen den 17. Platz belegte, recht zufrieden. „Ich hatte von allen Startern sogar die schnellste Reaktionszeit im Startblock“, freut sich Gilani. Beglückwünschen zu der ordentlichen Leistung konnte ihn aber nur sein mitgereister Vater, denn die Funktionäre aus der afghanischen Föderation erhielten ebenso wie Sportler aus Syrien, Iran oder Jemen keine Einreisegenehmigung in die USA.

Zurück in Deutschland schmiedet Gilani schon wieder Zukunftspläne. Der ehemalige Zehnkämpfer will sich im Training weiterhin ganz auf die 100-Meter-Strecke konzentrieren, um dann bei der nächsten WM 2023 in Budapest erneut anzugreifen. „Die WM in Eugene, wo ich gelernt habe, dass ich mit Druck gut umgehen kann, hat meinen Ehrgeiz nochmals gesteigert. Mein Ziel ist es, die 11 Sekunden-Marke zu unterbieten. Das ist durchaus drin und dafür werde ich im Training richtig Gas geben“, verspricht das neue Aushängeschild der SVN-Leichtathletik-Abteilung.