Karrierestart beim ESV Fortuna Celle

Erster Jugendleiter über Merle Frohms: "Habe nie jemanden so fliegen sehen"

Die deutsche Nationaltorhüterin Merle Frohms spielt am Mittwoch mit ihrer Mannschaft gegen Frankreich um den Einzug in das EM-Finale. Wie talentiert sie ist, fiel ihrem ersten Trainer und dem damaligen Jugendleiter beim ESV Fortuna Celle früh auf. Gemeinsam mit ihrer Familie blickt er auf ihre Karriere zurück - und nach vorne. 

  • Von Lisa Brautmeier
  • 27. Juli 2022 | 07:12 Uhr
  • 27. Juli 2022
  • Von Lisa Brautmeier
  • 27. Juli 2022 | 07:12 Uhr
  • 27. Juli 2022
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Celle.

„Schon mit zehn Jahren hat sie den Hechtsprung gemacht wie heute.“ Der Celler Heinrich Fuchs gerät ins Schwärmen, wenn er an seinen früheren Schützling zurückdenkt. Die Rede ist von Merle Frohms, Nationaltorhüterin und gebürtige Cellerin. Fuchs, ehemaliger Jugendtrainer beim ESV Fortuna Celle, verfolgt die Spiele der Fußball-Europameisterschaft in England ganz genau. Er ärgert sich über jeden kleinen Fehler der Torhüterin und freut sich über brillante Paraden noch viel mehr.

Vier Spiele – viermal zu null. Die deutsche Nationalmannschaft hat bei der EM noch kein Gegentor hinnehmen müssen. Der Kasten von Merle Frohms blieb sauber. Und so soll es für die 27-Jährige am besten auch weitergehen. Am Mittwoch geht es in Milton Keynes ab 21 Uhr (live im ZDF) um den Einzug ins Finale.

Frohms: "Wir wissen, dass die Gegner stärker werden"

Mit Halbfinalgegner Frankreich erwartet die DFB-Elf ein Team, das im Viertelfinale gegen die Niederlande immerhin 33 Torschüsse abgab. Torhüterin Frohms ist gewarnt. Das Team habe in den vergangenen Spielen zwar ein Zeichen an andere Mannschaften gesendet, „dass es schon viel braucht, um gegen uns ein Tor zu schießen. Aber wir wissen auch, dass die Gegner jetzt stärker werden“, sagte sie. Ihre Familie aus Celle wird beim Halbfinale wieder mitfiebern.

"Es ist eine große Sache, jemanden in der Familie zu haben, der es so weit geschafft hat."

Lasse Frohms, Bruder von Merle

Das Gruppenspiel gegen Finnland hatten sie im Stadion mitverfolgt. Für Vater Norbert Frohms war das ein emotionaler Moment: „Es war schön, sie da reinmarschieren zu sehen, wie die Flagge gehisst und die Nationalhymne gespielt wurde.“ Mutter Andrea gefällt vor allem die familiäre Atmosphäre, die beim Frauenfußball in den Stadien herrscht. Und auch Bruder Lasse war vor Ort: „Es ist eine große Sache, jemanden in der Familie zu haben, der es so weit geschafft hat.“

Talent von Merle Frohms früh erkannt

Bruder und Schwester verbrachten in ihrer Kindheit und Jugend viel Zeit auf dem Platz des ESV Fortuna Celle an der Kampstraße. Merle Frohms spielte bis 2011 in Teams der männlichen Jugend. Bei den Mädchen half sie aus. Schon früh zeigte sich ihr Talent. So spielte die 1995 geborene Torhüterin zum Beispiel 2007 zusammen mit den Juniorinnen des Jahrgangs 1990. Das Team wurde Bezirksmeister und Bezirkspokalsieger und erreichte das Halbfinale der Niedersachsenmeisterschaft. „Schon damals war sie herausragend“, sagt der damalige Jugendleiter Thorsten Schmalz. Und weiter: „Ich habe in meinen 15 Jahren als Jugendleiter niemanden im Tor so fliegen sehen wie Merle.“

Gegen Jungs durchgesetzt

Auch ihr erster Trainer Heinrich Fuchs hat ihr Talent früh erkannt. In ihrem Jahrgang gab es seinerzeit drei Torhüter – zwei Jungen und Merle Frohms. „Sie hat die beiden von der Leistung her stehengelassen“, sagt der 79-Jährige. Die anderen Torhüter hatten schnell erkannt, dass sie besser war. Reibereien hat es laut Fuchs deshalb aber nicht gegeben. Manchmal verzichtete Frohms auch freiwillig auf den Platz im Tor und spielte stattdessen im Feld mit. „Fußballerisch kommt ihr das jetzt entgegen“, so Fuchs. Er hatte damals dafür gesorgt, dass alle vier Wochen ein Torwarttrainer aus der Bundesliga auf die Fortuna-Anlage kam, um ein spezifischeres Training anzubieten. Als Frohms dann 2011 den Schritt zum VfL Wolfsburg machte, war das zwar ein Verlust für den Celler Verein, aber niemand wollte ihr Steine in den Weg legen. „Es war für alle klar, dass das für sie der einzig richtige Weg war“, sagt Fuchs.

Mit dem VfL Wolfsburg holte Merle Frohms vier Deutsche Meisterschaften, fünfmal den DFB-Pokal und zweimal die Champions League. Aber eben nicht als Nummer eins. Sie stand lange im Schatten vom Almuth Schult und wechselte daher 2018 zum SC Freiburg. Die vergangenen zwei Spielzeiten stand sie bei Eintracht Frankfurt im Tor. In diesem Sommer zieht es sie nun zurück zum VfL Wolfsburg, nachdem ihre große Konkurrentin Schult in die Vereinigten Staaten wechselt.

"Wir werden auch in Wolfsburg von dem tollen Auftritt von Merle profitieren.“

Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter des VfL Wolfsburg

Und auch in der Nationalmannschaft hat die Cellerin Schult mittlerweile als Stammtorhüterin abgelöst. Mit ihrer weißen Weste bei der EM schürt sie schon jetzt die Vorfreude bei ihrem neuen (alten) Verein. „Sie hat dem Druck standgehalten, eine Almuth Schult mit ihrer ganzen öffentlichen Strahlkraft als Konkurrentin hinter sich zu haben. Wir werden auch in Wolfsburg von dem tollen Auftritt von Merle profitieren“, sagt Wolfsburgs Sportlicher Leiter Ralf Kellermann.

Lob vom DFB-Torwarttrainer

Frohms hat sich in den vergangenen Jahren stark verbessert. Das ist auch beim DFB nicht unbemerkt geblieben. „Sie hat sich in allen technischen und taktischen Belangen weiterentwickelt, auch in der Persönlichkeit“, sagt der langjährige Torwarttrainer des DFB-Teams, Michael Fuchs. Da kann auch Namensvetter Heinrich Fuchs nur zustimmen, der den Werdegang verfolgt hat. Vor allem mit dem linken Fuß sei sie noch besser geworden. Fuchs hatte bereits bei Fortuna großen Wert darauf gelegt, dass Frohms lernt, beidfüßig zu spielen. Das unterscheidet sie von vielen anderen Torhüterinnen bei der EM.

Erster Trainer fiebert mit

Wenn am Mittwochabend das deutsche Team auf Frankreich trifft, sitzt auch Heinrich Fuchs wieder vor dem Fernseher und fiebert mit. Er weiß um die starken Spielerinnen Frankreichs, vertraut aber auf die richtige taktische Einstellung des DFB-Teams: „Und wenn doch jemand durchkommt, muss Merle die Bälle eben halten.“