Schiedsrichter-Anekdoten

Einmalige Chance: Für St. Pauli blaugemacht

Beckenbauer, zwei linke Schuhe und eine einmalige Chance: Als Schiedsrichter hat der Nienhäger Jörg Schlicht einige Highlights und kuriose Momente erlebt.

  • Von Lisa Brautmeier
  • 26. Juni 2022 | 13:00 Uhr
  • 01. Juli 2022
  • Von Lisa Brautmeier
  • 26. Juni 2022 | 13:00 Uhr
  • 01. Juli 2022
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Nienhagen.

Er war im Berliner Olympiastadion, beim FC St. Pauli und bei Spielen mit dem FC Bayern München. Aber Jörg Schlicht saß nicht auf der Tribüne, er stand auf dem heiligen Rasen. Als Linienschiedsrichter war er mehrere Jahre in der 2. Bundesliga aktiv. Auch danach ließ ihn der Sport nie los. Mittlerweile pfeift der 79-Jährige zwar nicht mehr, aber er ist noch Teil der Schiedsrichtervereinigung und wurde kürzlich für seine 60-jährige Mitgliedschaft geehrt.

Frühes Aus als Spieler

Mit 18 Jahren fing Schlicht an, Jugendspiele zu pfeifen. Nebenbei spielte er weiter Fußball, bis er mit 27 Jahren verletzungsbedingt aufhören musste. Als Schiedsrichter des SV Nienhagen stand er aber weiter auf dem Feld. „Ich war mit Leidenschaft Fußballer und das war meine Möglichkeit, der Sportart erhalten zu bleiben“, sagt Schlicht. Und es war eine gute Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen und zu reisen.

Mit einer Celler Schiedsrichter-Auswahl ging es zum Beispiel 1973 nach Österreich und 1976 nach Ungarn, um die Länder kennenzulernen und sich mit Schiedsrichtern vor Ort auszutauschen. Dabei wurde auch Fußball gespielt. In Ungarn wurden die Referees aus dem Landkreis Celle als deutsche Schiedsrichterauswahl angekündigt. „Wir hatten mit etwa 50 Zuschauern gerechnet, auf einmal kamen aber 3000. Da waren wir ziemlich erschrocken“, sagt Schlicht schmunzelnd. Sie gewannen mit 3:2.

Bundesliga-Debüt im Olympiastadion

In dem Zeitraum war Schlicht als Schiedsrichter relativ schnell aufgestiegen, bis hoch in die vierte Liga. Er hoffte auf den Einsatz in der dritten, doch dann kam die Überraschung: Er bekam die Chance als Linienrichter an der Seite von Wilfried Kornrumpf (SSV Südwinsen) in der 2. Bundesliga zum Einsatz zu kommen. Zusammen mit Dieter Schatte (SV Eintracht Celle) standen sie am 31. August 1977 das erste Mal bei einem Bundesliga-Spiel auf dem Platz. Tennis Borussia Berlin besiegte im Olympiastadion die SG Union Solingen mit 3:0.

Pokalspiele mit dem FC Bayern München

Es folgten Einsätze bei Begegnungen namhafter Gegner. Schlicht war auch bei Pokalspielen mit dem FC Bayern München im Einsatz. „Da haben Bekannte vorm Fernseher gesagt, schaut mal, der gibt dem Beckenbauer die Hand. Die wird er nie wieder waschen“, erzählt Schlicht. Und es gab viele weitere Highlights, zum Beispiel das Stadtderby zwischen Hertha BSC und Tennis Borussia Berlin vor 40.000 Zuschauern.

Richtig viel Geld verdienen konnte man damals als Schiedsrichter jedoch noch nicht. Das Pfeifen war mehr ein Hobby. „Wir bekamen 25 Mark pro Tag. Die Fahrtkosten waren das, womit man am meisten verdiente“, sagt Schlicht. Der gelernte Industriekaufmann hatte bereits mit 20 Jahren entschieden, dass er raus in die Welt möchte und war seitdem im Außendienst einer großen Firma tätig. Manchmal ging der Fußball aber doch vor. Da wurde auch schon mal blaugemacht.

Für einmalige Chance Arbeit geschwänzt

1978 hatte Schlicht die Chance, beim Spiel des FC St. Pauli gegen Bayer 05 Uerdingen dabei zu sein. „Da ging es damals rauf und runter, die Zuschauer waren schon immer sehr vernarrt in den Verein“, sagt Schlicht. Diese besondere Stimmung wollte er unbedingt miterleben. Also meldete er sich bei seiner Firma krank, um mitfahren zu können. St. Pauli verlor 1:4 und die Heimfans waren so aufgebracht, dass die Polizei das Schiedsrichtergespann vom Platz begleitete. Genau von dieser Szene wurde in der Zeitung dann ein Foto veröffentlicht. So wurde Schlicht dann von seinem Chef erwischt. „Da musste ich ihm dann erklären, dass das eine einmalige Chance für mich gewesen war“, sagt Schlicht.

Plötzliches Aus in 2. Liga

Drei Jahre pfiff der Nienhäger in der 2. Bundesliga, ehe Kornrumpf völlig unerwartet verstarb. So konnte das Gespann nicht weiter machen. Aber im Amateurbereich war Schlicht weiter als Schiedsrichter aktiv, bis bei ihm vor etwa zwölf Jahren eine Herzkrankheit festgestellt wurde und er aufhören musste. Aber seine Leidenschaft gibt er gerne an andere weiter. Beim SVN hat er mitgeholfen, junge Schiedsrichter anzuwerben. Für sie hat er einen ganz wichtigen Tipp: „Ich sage immer, man soll nicht versuchen, bedrohlich zu wirken. Die eigene Ruhe überträgt sich auf die Spieler.“

Mit zwei linken Schuhen an der Linie

Zudem sollte man das richtige Schuhwerk dabei haben. Schlicht ist es nämlich einmal passiert, dass er zwei linke Schuhe eingesteckt hatte. Eigentlich hätte Schlicht als Hauptschiedsrichter pfeifen sollen, aber so wurde kurzerhand getauscht. Ein Kollege übernahm und Schlicht machte den Job des Linienschiedsrichters. „Da musste man weniger laufen“, sagt er. Denn er hat das Spiel trotzdem durchgezogen. Und laut ihm ist es auch niemanden aufgefallen, dass er zwei linke Schuhe an hatte.

Schlicht hat dieses Hobby immer sehr ernst genommen, es aber auch mit der nötigen Lockerheit betrachtet. Wie sehr er dafür von allen Seiten geschätzt wurde, merkt er noch heute: „Wenn man in Celle spazieren geht, grüßen einen immer wieder frühere Spieler. Da denke ich mir, da kann man ja nicht so viel falsch gemacht haben.“