Handicap-Sport beim SVN

Die coolen Kicker von Nienhagen

Beim SV Nienhagen trainieren Kinder mit Handicap zusammen mit anderen kleinen Kickern. Die gelebte Inklusion stößt mitunter aber auch auf Widerstand.

  • Von Heiko Hartung
  • 19. Nov. 2022 | 15:00 Uhr
  • 19. Nov. 2022
  • Von Heiko Hartung
  • 19. Nov. 2022 | 15:00 Uhr
  • 19. Nov. 2022
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Nienhagen.

Auf den ersten Blick wirkt das Gewusel auf dem Rasenplatz des SV Nienhagen an diesem Nachmittag wie ein Jugendfußballtraining, wie man es landauf, landab in jedem Dorfverein beobachten kann: Ein gutes Dutzend Kinder in bunten Trikots und Trainingsjacken läuft hinter dem Ball her, ab und zu ist ein helles Lachen oder ein Torjubel zu hören. Erst auf den zweiten Blick sieht man einige Unterschiede bei den kleinen Kickern: Ein Junge bewegt sich mit einem Rollator über den Platz, ein weiterer rudert ab und an unkontrolliert mit den Armen, ein Mädchen hat Schwierigkeiten, koordiniert zu laufen.

Freude am Sport ohne Leistungsdruck

„Willkommen bei unserem Fußballteam für Kinder mit und ohne Handicap“, sagt Silvia Heger. Vor mehr als zwölf Jahren hat die Nienhägerin ein pädagogisches Sportangebot beim SVN ins Leben gerufen. „Damals gab es im gesamten Landkreis Celle kein Vereinssportangebot für Kinder und Jugendliche mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung“, erinnert sich das langjährige Vorstandsmitglied. Freude am Sport ohne Leistungsdruck – das war ihr und den anderen Übungsleitern mit pädagogischer Ausbildung oder fundierter Trainererfahrung wichtig.

Silvia Heger startete inklusives Training

In diesem Jahr kam eine Neuerung ins Spiel, die der 63-Jährigen ganz wichtig ist: „Alle zwei Wochen arbeiten wir inklusiv. Das heißt, die Handicap-Gruppe trainiert dann gemeinsam mit anderen Kindern“, erklärt Heger, die seit April Vorsitzende des SV Nienhagen ist.

Vorurteile gibt es in diesem Alter nicht

Und so tummeln sich an diesem Herbsttag auch die nicht behinderten Kinder der Nienhäger U8-Mannschaft zusammen mit der Handicap-Gruppe auf dem Platz. Gleich drei Trainer leiten die Spielerinnen und Spieler des gemischten Teams an. Einer von ihnen ist Max Kemling. „Man sollte Kinder mit Handicap im Alltag nicht immer separieren“, sagt der 39-Jährige. „Man sieht den Kindern das Defizit oft gar nicht an. Und Vorurteile gibt es in diesem Alter auch nicht. Die fühlen sich hier absolut dazugehörig und alle verstehen sich super“, so Kemling.

„Ich habe viele Vereine angerufen, ob Hevin mitmachen kann, aber es gab nur Absagen.“

Suigil Kaplan, Mutter von Hevin

Viele Absagen von anderen Vereinen

Mit strahlenden Augen kommt Hevin auf den Reporter am Spielfeldrand zugelaufen. „Das macht so viel Spaß. Ich habe viele Freunde hier“, sagt das Mädchen im gelben Trikot. Hevin wirkt jünger, als es ihre 15 Jahre erwarten lassen – nicht nur körperlich: „Sie ist in ihrer geistigen Entwicklung zurückgeblieben“, erklärt ihre Mutter Suigil Kaplan. Jede Woche kommt sie mit ihrer Tochter aus Celle zum Sport nach Nienhagen. „Ich habe viele Vereine angerufen, ob Hevin mitmachen kann, aber es gab nur Absagen.“ Bis Kaplan auf das Engagement des SVN stieß. „Hevin blüht hier voll auf. Wenn das Training mal ausfällt, ist sie richtig traurig“, erzählt die Mutter.

Handicap-Gruppe des SV Nienhagen 2010 gegründet

Als die Handicap-Gruppe 2010 gegründet wurde, fanden sich schnell zwölf Kinder und Jugendliche. „Wir hatten Kinder mit Down-Syndrom, mit motorischer Beeinträchtigung, Intelligenzminderung, mit ADS und ADHS, aber auch aus sozial problematischen Familien dabei“, blickt Heger, die hauptberuflich als Logopädin arbeitet, zurück.

„Wir sind keine behinderte Mannschaft, wir sind eine coole Mannschaft.“

Gabriel (10 Jahre alt)

Im Schulbus von anderen Kindern gehänselt

Während die Klubchefin das Treiben auf dem Platz beobachtet, kommt Gabriel in seinem Fußballerdress auf sie zugelaufen. Der Zehnjährige mit Entwicklungsverzögerung muss unbedingt etwas loswerden. Im Schulbus sei er gehänselt worden. Er spiele doch bloß in einer Behindertenmannschaft, das sei doch blöd. Gabriel hat jedoch einen gänzlich anderen Blick auf sein Team. Erbost ruft er: „Wir sind keine behinderte Mannschaft, wir sind eine coole Mannschaft.“

Derzeit wird nur Fußball gespielt

Zeitweilig wurde in der Handicap-Gruppe auch Judo und Schwimmen angeboten, derzeit wird lediglich Fußball gespielt – in einer Woche gemeinsam mit den sieben- und achtjährigen Kindern der U8, beim nächsten Mal wieder im kleinen Kreis, wo Heger und Co. ihre Aufmerksamkeit ausschließlich den Kindern mit gesundheitlichen Defiziten widmen.

„Natürlich passen wir die Trainingsinhalte während der Inklusionseinheit an die Kinder mit Handicap an. Aber das Erlernen von sozialer Kompetenz im Umgang mit Menschen, die besonders sind, ist sogar ein zusätzliches Plus für die anderen.“

Max Kemling, Trainer

Trainer mussten Eltern überzeugen

Mitunter habe man seit der Einführung der gemischten Trainingstage Überzeugungsarbeit bei Eltern der nichtbehinderten Kinder leisten müssen. „Es gibt welche, die sehen die sportliche Entwicklung ihres gesunden Kindes beeinträchtigt, wenn es zusammen mit Behinderten trainieren soll“, erklärt Coach Kemling kopfschüttelnd und fügt an: „Das kann ich ausschließen.“ Im Gegenteil: „Natürlich passen wir die Trainingsinhalte während der Inklusionseinheit an die Kinder mit Handicap an. Aber das Erlernen von sozialer Kompetenz im Umgang mit Menschen, die besonders sind, ist sogar ein zusätzliches Plus für die anderen.“ Und Silva Heger ergänzt: „Auch für uns Übungsleiter ist es toll zu sehen, wie viel Freude und Begeisterung unser Angebot bei den Kindern auslöst.“

Rollator wird geschickt eingesetzt

Derweil rollt der Fußball zu Finn. Der Elfjährige stützt sich mit den Händen an den Griffen seines Rollators ab. Langsam, aber zielstrebig treibt Finn den Ball zwischen den Vorderrädern mit seinen Füßen Richtung Tor. Einerseits behindert ihn der Rollator beim Fußballspielen, andererseits setzt Finn das Gerät geschickt ein, um den Ball vor den Gegenspielern abzuschirmen.

„Jedes Kind hat das Recht, an der Gesellschaft teilzuhaben."

Silvia Heger, Initiatorin

Regelmäßiges Training ist wichtiger Baustein

Eine Wahl hat er nicht: Ohne seine Gehhilfe würde sich der Junge aus Vorwerk und „riesige Bayern-Fan“ nicht auf den Beinen halten können. Der IGS-Schüler hatte unter der Geburt eine Sauerstoff-Unterversorgung, leidet seitdem unter einer infantilen Zerebralparese. „Vereinfacht gesagt, werden die Signale vom Gehirn nicht an die Wirbelsäule weitergegeben“, erklärt sein Vater Roy Eggert, beim SC Vorwerk einst selbst Fußballer. Für seinen Sohn lautet das Ziel, irgendwann ohne den Rollator auszukommen. „Neben dem Spaß, den er hier hat, ist das regelmäßige Training ein wichtiger Baustein auf dem Weg dorthin“, sagt der Vater.

Jedes Kind hat das Recht auf Teilhabe

Spaß und Förderung der Fitness sind auch für Gründerin Silvia Heger wichtige Eckpfeiler ihres Projektes. Und noch etwas: „Jedes Kind hat das Recht, an der Gesellschaft teilzuhaben“, betont die 63-Jährige.

Aktuell besteht die Handicap-Sportgruppe des SV Nienhagen aus fünf Kindern. Trainiert wird freitags, 17 bis 18.30 Uhr. Treffen an der Grundschul-Turnhalle. „Es sind noch sechs Plätze frei“, sagt Leiterin Silvia Heger. Interessenten melden sich bei ihr unter Telefon (05144) 970743.