Oberliga Niedersachsen

Eintracht Celle ohne „Männer der ersten Stunde“

Das ist ein Schlag ins Kontor: Der MTV Eintracht Celle verliert vier Spieler, die die Erfolgsgeschichte von Anfang an mitgeschrieben haben.

  • Von Oliver Schreiber
  • 03. Aug. 2022 | 13:00 Uhr
  • 03. Aug. 2022
  • Von Oliver Schreiber
  • 03. Aug. 2022 | 13:00 Uhr
  • 03. Aug. 2022
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Celle.

Gemeinsam wurden sie zweimal Bezirksmeister und stiegen in die Oberliga auf, schafften dort zuletzt nach einem beeindruckenden Halbjahr den Klassenerhalt, wurden Landespokalsieger und kickten sogar im DFB-Pokal: Tim Struwe, Lars Borchert, Daniel Ruchatz und Tjark Klindworth gehören zu den „Männern der ersten Stunde“ bei Fußball-Oberligist MTV Eintracht Celle, die zusammen seit 2014 beziehungsweise 2015 eine echte Erfolgsstory geschrieben haben.

Trainer Hilger Wirtz vor Umbruch bei Eintracht Celle

Doch die ist nun für sie (vorerst) beendet. Denn alle Vier legen eine Pause ein oder beenden ihre Karriere. „Das ist ein herber Verlust für uns. Sie werden uns fehlen, weil sie sportlich und menschlich unheimlich wertvoll für den Verein und die Mannschaft waren“, erklärt Trainer Hilger Wirtz, der nun einen großen Umbruch einleiten muss, zumal ihm auch weitere Säulen wie Gerbi Kaplan oder Fabian Weigel weggebrochen sind.

Zuletzt bei der Hochzeit von Torwart Christof Rienass schwelgten alle noch einmal in Erinnerungen. „Das war schon eine geile Zeit. Wir sind als Team da echt zusammengewachsen, es sind echte Freundschaften entstanden, auch die Frauen sind untereinander befreundet. Dadurch ist der Kern der Truppe auch immer zusammengeblieben“, erläutert Struwe.

Tim Struwe spielte in Jugend von Hannover 96

Der Kapitän, der in der Jugend von Hannover 96 ausgebildet worden ist und 2014 von Teutonia Uelzen zu den Blau-Weißen gewechselt war, geht schweren Herzens von Bord. „Natürlich wird mir der Fußball fehlen und vor allem auch dieses Kabinengefühl, das Miteinander mit den Jungs. Jeder Fußballer kennt das. Aber ich kann den Aufwand, der auf diesem Niveau erforderlich ist, zeitlich leider nicht mehr stemmen. Und damit kann ich auch meinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden“, erläutert Struwe. Der 28-Jährige, der bei der Lindhorst-Gruppe in Winsen arbeitet (Finanzen und Controlling), absolviert in Lüneburg noch ein Jahr lang ein berufsbegleitendes Studium.

Ganz ohne Sport geht’s bei Struwe, der bei Eintracht auf der Sechser-Position agierte, aber nicht. Im Gegenteil. Der Hermannsburger betreibt aktiv Cross-Fit, zuletzt im Urlaub hat er einen Kursus im Kitesurfen absolviert. Aber natürlich hat er auch weiter den Fußball im Blick. „Ich muss mal schauen, was in einem Jahr ist. Ich werde definitiv nichts ausschließen, dafür kicke ich viel zu gerne“, betont Struwe, der das Team geprägt hat.

Nach ursprünglichem Rücktritt: Lars Borchert hatte ausgeholfen

Dies gilt auch für Lars Borchert, der ja bereits 2020 nach dem Landespokal-Triumph und dem DFB-Pokalspiel gegen Bundesligist FC Augsburg (0:7) seinen Rücktritt erklärt hatte. Vor einem Jahr kehrte er zurück in den Kader, um mitzuhelfen, den Klassenerhalt zu schaffen. „Dies ist uns ja gelungen. Aber es war schon vorher klar, dass ich nach der Saison aufhöre“, schildert der 32-Jährige, der 2014 nach dem Abstieg aus der Oberliga vom TuS Celle FC rüber zum Nachbarn gegangen war. Gleich im ersten Jahr gelang zusammen mit Struwe und Ruchatz, damals noch unter Trainer Frank Weber, der Aufstieg in die Landesliga.

Jetzt will der Innenverteidiger einfach mehr Zeit für seine Ehefrau Judith und den eineinhalbjährigen Sohn Adrian haben. „Wenn du in der Oberliga kickst, kommt die Familie schon zu kurz. Die Wochenenden sind verplant und du stehst in der Woche abends dreimal auf dem Fußballplatz. Das habe ich jahrelang gemacht, jetzt ist es einfach an der Zeit kürzerzutreten“, sagt Borchert. „Entzugserscheinungen“ befürchtet der 32-Jährige nicht. „Momentan fehlt mir der Fußball nicht. Natürlich wird es irgendwann noch das ein oder andere Mal im Fuß jucken, aber ich möchte mich nicht mehr an eine Mannschaft binden, weil du dann ja wieder am Wochenende unterwegs bist“, verdeutlicht Borchert. Auch er denkt gerne an diese tollen acht Jahre im Eintracht-Trikot zurück. „Das war echt eine sehr schöne Zeit. Der Verein und wir als Team können stolz auf das sein, was wir erreicht haben.“

Auszeit für Daniel Ruchatz

Das sieht auch Daniel Ruchatz, mit 26 Jahren eigentlich im besten Fußballeralter, so. „Da waren viele tolle Erlebnisse dabei. Das hat uns zusammengeschweißt“, meint der Rechtsverteidiger. Nichtsdestotrotz macht er jetzt einmal ein Jahr Pause. „Ich habe ein wenig die Lust verloren und wollte einfach mehr Freizeit haben. Mir war der Aufwand einfach zu hoch“, begründet Ruchatz, der in Hannover lebt, arbeitet und studiert, seine Entscheidung. Nach seiner Auszeit will er nächste Saison wieder kicken. „Ob ich dann wieder bei Eintracht anfange oder in einer unteren Klasse, weiß ich noch nicht“, so Ruchatz, den der MTVE 2014 vom SC Vorwerk verpflichtet hatte. Derweil will er sich mit Tennis fit halten.

Knieverletzung macht Tjark Klindworth zu schaffen

Bei Keeper Tjark Klindworth ist es das lädierte Knie, das für seine Demission im Oberliga-Team gesorgt hat. Kreuz- und Innenband sind geschädigt, sodass die Stabilität fehlt. „Leider kann ich kein spezielles Torwarttraining mehr absolvieren. Ich habe es versucht, aber danach immer Schmerzen gehabt. Die Verletzung ist nach Absprache mit mehreren Fachärzten konservativ behandelt worden, eine OP würde nach aktuellem Stand auch keine Verbesserung gewährleisten. Damit muss ich mich leider abfinden“, erläutert der 29-Jährige, der 2015 zusammen mit Coach Wirtz vom TuS FC zum MTVE gewechselt war. Immerhin kann er schmerzfrei laufen, auch Fitnessübungen sind kein Problem. „Aber Fußballspielen fehlt mir schon, gerade mit dieser tollen Truppe“, gibt Klindworth zu.

Das „abtrünnige“ Quartett wird der Eintracht-Mannschaft auf andere Weise weiter treu bleiben. Klindworth leistet im Umfeld des Vereins bereits Unterstützung und wird dies weiterhin tun. Selbstverständlich wird er wie auch Struwe, Borchert und Ruchatz die Partien der ehemaligen Teamkollegen verfolgen und sie bei Heimspielen anfeuern. „Wir sind ja nicht aus der Welt und verlassen auch nicht den Verein. Wir fühlen uns immer noch mit den Jungs verbunden und drücken ganz fest die Daumen, dass sie den Klassenerhalt schaffen“, erklärt Struwe stellvertretend für alle. Und vielleicht sieht man ja auch den ein oder anderen „Mann der ersten Stunde“ noch einmal auf dem Spielfeld der Wilharm-Arena. Dann wird die Story weitergeschrieben.