Oberliga Niedersachsen

„Herausragendes Jahr“ für MTV Eintracht Celle

Den großen Umbruch erfolgreich gemeistert: Der MTV Eintracht Celle liegt zur Halbzeit in der Oberliga voll im Soll und blickt auf ein "herausragendes Jahr" zurück, wie Trainer Hilger Wirtz im CZ-Interview betont. Dennoch ist Vorsicht geboten - es wird 2023 nicht einfacher.

  • Von Oliver Schreiber
  • 06. Jan. 2023 | 15:00 Uhr
  • 06. Jan. 2023
Die als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelte junge Mannschaft des MTV Eintracht Celle hat aus 17 Oberliga-Spielen 24 Punkte geholt. Damit hat sich das Team eine gute Ausgangsposition im Kampf um den Klassenerhalt erarbeitet.
  • Von Oliver Schreiber
  • 06. Jan. 2023 | 15:00 Uhr
  • 06. Jan. 2023
Anzeige
Blickrichtung gegnerisches Tor: Rechtsverteidiger Laurin Bonk (rechts) und Aziz Kiy waren an vielen Treffern beteiligt. Die Offensivqualitäten des MTV Eintracht Celle sind in der Oberliga gefürchtet. Allerdings offenbaren sich auch immer wieder Probleme im Defensiv-Verhalten.
Celle.

Von wegen Abstiegskandidat Nummer eins: Fußball-Oberligist MTV Eintracht Celle liegt nach der Hinrunde mit 24 Punkten aus 17 Partien auf Rang neun – und hat durch die ausgefallenen Spiele im Dezember noch zwei Partien mehr zu absolvieren als die Konkurrenz im Kampf um den Klassenerhalt. Die Bilanz ist komplett ausgeglichen: sieben Siege, drei Remis, sieben Niederlagen, 42:42 Tore. Auf einen suboptimalen Start mit nur drei Punkten aus den ersten sechs Spielen und dem letzten Tabellenplatz folgte eine beeindruckende Serie mit 17 Zählern aus sieben Partien (fünf Siege, zwei Remis).

Starker neuer Kapitän: Adrian Zöfelt hat die Binde von Tim Struwe übernommen. Mit zehn Treffern ist er zusammen mit Luca van Eupen bester Eintracht-Schütze.

Der große Umbruch nach je elf Ab- und Zugängen verlief besser als erwartet. Immerhin mussten die Blau-Weißen den Verlust von Führungsspielern und Leistungsträgern wie Tim Struwe, Lars Borchert, Fabian Weigel, Tjark Klindworth, Gerbi Kaplan, Daniel Ruchatz oder Felix Krüger verkraften. Dem gegenüber standen fast ausnahmslos Neuerwerbe aus der Abteilung „Jugend forscht“, die noch keine oder kaum Erfahrung aus höheren Ligen aufzuweisen hatten wie Tim Freund, Ilhan Kizilhan, Aziz Kiy, Maximilian Wede oder Felix Senga Mpumuliza. Sie haben sich wie auch die Eigengewächse Amadou Sesay, Talal Selo, Toufik Cheriet und Oury Keita gut entwickelt – ein Schlüssel für den Erfolg.

Daumen hoch: Hilger Wirtz (links) und Co-Trainer Frank Steinkuhl haben die junge Mannschaft nach dem Umbruch durch intensives Training schnell auf Oberliga-Niveau gebracht.

Aber der schöne Schein trügt auch ein wenig. Denn der Abstand auf den ersten Abstiegsplatz beträgt nur vier Punkte, die Liga ist mindestens ab Platz sieben komplett ausgeglichen. Daher tritt Hilger Wirtz (58), bereits seit 2015 Eintracht-Trainer, im Interview auch auf die Euphoriebremse. Der A-Lizenz-Coach spricht zudem über seine Eindrücke von der bisherigen Saison, die Erwartungen für die Rückrunde und auch über seine persönliche Zukunft bei den Cellern.

Hilger Wirtz kann es nicht fassen: Am Anfang der Saison lief es alles andere als rund - nach sechs Spieltagen war Eintracht Letzter mit nur drei Punkten. Doch dann kam die große Erfolgsserie.

Vor gut zwölf Monaten haben Sie auf die Frage, wie Sie das Fußballjahr des MTV Eintracht Celle mit einem Wort beschreiben würden, mit „frustrierend“ geantwortet. Welcher Begriff fällt Ihnen dieses Mal spontan ein?

Herausragend.

Klare Ansagen: Hilger Wirtz verlangt seinen Spielern im Training viel ab - der Erfolg gibt ihm Recht.

Inwiefern war das Jahr herausragend?

Zu Beginn des Jahres hatten uns alle abgeschrieben – und das konnte man auch keinem übelnehmen. Doch wir haben uns aus einem großen Tief herausgearbeitet, eine fast perfekte Abstiegsrunde gespielt und den Klassenerhalt geschafft. Und den großen Umbruch im Sommer haben wir nach anfänglichen Schwierigkeiten auch gut bewältigt. Wir haben aufs Jahr gesehen von 28 Spielen 15 gewonnen und im Schnitt fast 1,7 Punkte pro Spiel geholt, dabei viele Tore geschossen. Da waren viele spektakuläre Spiele dabei, wir haben oftmals tollen Fußball gezeigt. Die Fans sind voll auf ihre Kosten gekommen. Daher war es einfach herausragend.

So fing alles an: Bereits seit Sommer 2015 ist Hilger Wirtz Trainer des MTV Eintracht Celle. Hier tröstet er nach dem Derbysieg gegen den TuS Celle FC, den er zuvor ein Jahr gecoacht hatte, Kai Broschinski.

Haben Sie das in dieser Form erwartet? Der Start in die neue Saison war ja alles andere als vielversprechend.

Nein, sicherlich nicht. Zumal uns wichtige Stützen verlassen haben und wir sie fast ausschließlich durch Talente ohne Oberliga-Erfahrung ersetzt haben. Natürlich hofft man immer, dass es sich so entwickelt und man auch Erfolg hat. Aber dahinter steckt harte Arbeit. Die Jungs haben im Training Gas gegeben, das zahlt sich immer aus. Anders geht es auch nicht.

Interview mit NDR-Reporterin Valeska Homburg nach dem großen Triumph: 2020 wurde Hilger Wirtz mit dem MTV Eintracht Celle Landespokalsieger samt Qualifikation für den DFB-Pokal. Hinzu kommen zwei Bezirksmeisterschaften und das mehrfache Erreichen des Klassenerhalts in der Oberliga.

Wie kam es zu diesem doch überraschenden Umschwung mit einer Serie von sieben Spielen in Folgen ohne Niederlage mit fünf Siegen, darunter auch gegen Topteams?

Wir haben auch zuvor schon gute Leistungen gezeigt, aber eben nicht gepunktet. Wichtig war, dass die Jungs nie den Kopf in den Sand gesteckt haben und bereit waren, an sich zu arbeiten. Der Wille, sich immer verbessern zu wollen, ist entscheidend. Nach so einem großen Umbruch ist es völlig normal, dass nicht auf Anhieb alles klappt. Es war ein Gewöhnungsprozess, der natürlich noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Mannschaft hat sich nach und nach gefunden, sie tritt als geschlossene Einheit auf. Mit den Erfolgen kamen natürlich auch eine gewisse Leichtigkeit und Selbstvertrauen hinzu.

Luca van Eupen hat sich unter Hilger Wirtz zu einem Torjäger und Leistungsträger entwickelt.

Welche Spieler haben Sie besonders positiv überrascht?

Ich hebe ungern Einzelne hervor. Ich könnte viele Spieler nennen. Laurin Bonk und Adrian Zöfelt haben auf der rechten Seite offensiv richtig Alarm gemacht. Auch Luca van Eupen hat sich im vergangenen Jahr enorm weiterentwickelt und ist zu einem echten Torjäger geworden. Faisal Soma ist auf einem richtig guten Weg, leider ist er durch Verletzungen immer wieder zurückgeworfen worden. Alexander Laube hat seine Sache als umfunktionierter Linksverteidiger richtig gut gemacht. Maximilian Wede hat sich überraschend schnell an die Oberliga gewöhnt, hat aber natürlich noch Steigerungspotenzial und Nachholbedarf – wie viele andere junge Spieler auch. Auch Tim Freund war als Torwart trotz seiner jungen Jahre oftmals schon ein großer Rückhalt. (hält inne und überlegt kurz) Jetzt habe ich ja doch einige Spieler genannt, das wollte ich eigentlich gar nicht. (lacht)

Hilger Wirtz' Sohn Hilger von Elmendorff zieht die Fäden im Eintracht-Mittelfeld. Nach mehreren schweren Verletzungen ist er immer wieder zurückgekommen. Wenn der 26-Jährige fehlt, merkt man es dem Celler Spiel sofort an.

Sie haben die Entwicklungspotenziale angesprochen. Worin liegen die genau? Sicherlich im Defensiv-Verhalten, da Eintracht immer noch zu viele Gegentore kassiert, oder?

Ja, natürlich. Aber generell können und müssen wir uns in allen Bereichen noch verbessern. Fußballerisch sind wir richtig stark, im Spiel mit Ball verfügen wir über eine gewisse Qualität. Auch hier gibt es noch Luft nach oben. Unser Defensiv-Verhalten hat sich zwar insgesamt verbessert, aber wir machen einfach noch zu viele leichte Fehler, sowohl mannschaftstaktisch als auch individuell. Wir müssen noch konzentrierter und konsequenter verteidigen, besser umschalten und antizipieren. In den Zweikämpfen müssen wir cleverer und entschlossener sein, da sind wir oft zu lieb beziehungsweise naiv. Aber man darf auch nicht vergessen, dass unsere Viererkette zuletzt aus zwei gelernten Angreifern, einem Linksverteidiger und einem noch unerfahrenen Innenverteidiger bestand.

Auf ihn ist Verlass: Yannik Ehlers (links), etatmäßiger Linksverteidiger, überzeugt auch als Innenverteidiger.

Wo landet Eintracht am Ende der Saison?

Wenn wir auch nächste Saison noch in der Oberliga spielen, haben wir alles richtig gemacht. Die Platzierung ist dann zweitrangig. Ich hoffe natürlich, dass wir nicht bis zum Schluss zittern müssen. Aber es wird hammerhart. Der Abstiegskampf beginnt ab Platz sieben, unser Vorsprung nach unten ist auch nicht allzu groß. Wir haben nur eine Chance, wenn wir immer am Limit spielen. Das muss jedem bewusst sein.

Apropos Saisonende: Sie sind in Ihrer achten Saison als Eintracht-Trainer. Kommt noch eine neunte hinzu?

Grundsätzlich kann ich mir das natürlich vorstellen. Die Arbeit mit den Jungs und dem gesamten Umfeld bei Eintracht macht mir nach wie vor viel Spaß. Wir werden wie immer Ende Januar oder Anfang Februar Gespräche führen, ich bin da ganz entspannt. Ich bin zwar gerade 58 geworden, aber noch fühle ich mich fit genug. Daher muss ich meine Trainerkarriere noch nicht beenden. (schmunzelt)