Gewalt im Fußball

Hilferuf der Celler Schiedsrichter: "Zündschnur ist kürzer geworden"

Spielabbrüche und Gewalt im Fußball nehmen zu. Daher appelliert Niedersachsens Schiedsrichter-Boss per offenem Brief an die Vernunft der Spieler und Vereine. Auch in Celle kommt es vermehrt zu Eskalationen.

  • Von Oliver Schreiber
  • 02. Nov. 2022 | 13:05 Uhr
  • 02. Nov. 2022
Die Schiedsrichter Niedersachsens rufen um Hilfe. Die Gewalt auf Fußballplätzen hat immens zugenommen.
  • Von Oliver Schreiber
  • 02. Nov. 2022 | 13:05 Uhr
  • 02. Nov. 2022
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Celle.

Diese Gewalttat hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Bei einem Spiel der Fußball-Bezirksliga in Bochum vor gut einer Woche wurde ein Schiedsrichter von einem Trainer, einem Betreuer und einem Fan einer Mannschaft brutal zusammengeschlagen und musste mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der Referee war zuvor nach Abpfiff beleidigt worden und hatte Platzverweise erteilt. „Ich hoffe, dass wir hier in Celle von solchen abscheulichen tätlichen Übergriffen verschont bleiben. Ausschließen kann man das leider nicht. Diese Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter. Die Zündschnur ist bei allen Beteiligten kürzer geworden. Das darf nicht so weitergehen. Sonst wird es verdammt schwer, neue Schiedsrichter zu gewinnen, die wir dringend benötigen“, mahnt Celles Schiedsrichter-Obmann Kai Heuman.

Starker Rückgang bei Schiedsrichtern

Genau dieses Problem hat Niedersachsens obersten Schiri-Boss, Bernd Domurat, zu einem offenen (Brand-)Brief veranlasst, in dem er an die Vernunft aller Fußballer appelliert. Denn der Niedersächsische Fußball-Verband (NFV) hat binnen dreier Jahre rund 18 Prozent an aktiven Referees verloren. 2019 waren laut NFV landesweit noch 7548 Unparteiische regelmäßig im Einsatz, aktuell sind es nur noch 6198. Die Tendenz ist weiter rückläufig, gerade an der Basis und im Jugendbereich fehlen Schiris. „Wesentliche Gründe dafür sind die zunehmende Respektlosigkeit, Unfairness und leider auch Gewalt gegen unsere Unparteiischen. In der Saison 2021/22 gab es in Deutschland so viele Spielabbrüche wie nie zuvor. Bei der Hälfte davon war der Schiedsrichter von Gewalt betroffen“, beschreibt Domurat die prekäre Lage.

Kai Heuman, Schiedsrichter-Obmann des NFV-Kreises Celle.

Celle in Fairplay-Wertung regelmäßig weit unten

Celle gehört hier zumindest in Niedersachsen fast schon traditionell zu den „Problemkindern“. Nach einer leichten Entspannung hat die Anzahl der Verfehlungen und Spielabbrüche zuletzt wieder deutlich zugenommen, das Kreissportgericht kann sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen. „Ich befürchte, der Kreis Celle wird in der Fairplay-Wertung wieder ganz unten stehen. Man spürt förmlich, wie sich die Dinge hochschaukeln. Wir müssen einer weiteren Eskalation entgegentreten. Dazu gehören alle – Spieler, Trainer, Offizielle, Zuschauer – und natürlich auch wir Schiedsrichter. Es geht darum, bei allen Emotionen vernünftig miteinander umzugehen“, erklärt Heuman.

Anzahl an Schiedsrichtern in Celle konstant

Immerhin: Trotz der zunehmenden Attacken gegen Schiris und entgegen dem Trend in Niedersachsen ist die Situation im Kreis Celle vergleichsweise komfortabel. „Die Zahl unserer aktiven Schiris ist mit rund 130 konstant geblieben, wir haben pro Wochenende rund 70 einsatzbereite Schiedsrichter. Hier zahlt sich unsere gute Nachwuchsarbeit aus. Und auf unsere älteren Semester ist immer Verlass“, erläutert Heuman.

Nahezu alle Spiele können so immer noch neutral besetzt werden. Allein in der Kreisliga sind pro Spieltag 24 Schiris im Einsatz, da hier die Partien stets im Gespann geleitet werden. „Im Vergleich zu anderen Kreisen sind wir hier gut aufgestellt. Aber mit jeder Attacke gegen Schiedsrichter wird es schwerer, junge Menschen für dieses Hobby zu gewinnen beziehungsweise sie bei der Stange zu halten“, meint Heuman.

Bernd Domurat, Vorsitzender des Verbands-Schiedsrichter-Ausschusses des NFV.

Daher sendet der NFV nun auch diesen Hilferuf, in dem der respektvolle Umgang miteinander auf dem und außerhalb des Platzes gefordert wird. „Tätlicher Gewalt geht eine verbale Radikalisierung voraus. Es geht nicht darum, Emotionen zu unterbinden, diese gehören zu unserem Fußballsport dazu. Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen haben indes gar nichts mit Emotionen zu tun. Wer dies tut, hat auf unseren Sportplätzen nichts zu suchen“, betont Domurat in seinem Schreiben. Bei jeglicher Form von Gewalt gelte eine absolute Null-Toleranz-Linie. „Es wird verstärkt präventive Maßnahmen geben müssen. Aber es wird sicherlich auch verstärkt repressive Maßnahmen gegen Unfairness, verbale und tätliche Gewalt geben müssen“, so Domurat weiter.

"Schreiben noch nicht gefruchtet"

Achim Prüße, Spielausschussvorsitzender und Vorstandsmitglied des NFV-Kreises Celle, spricht dieser offene Brief von Niedersachsens Schiri-Boss aus der Seele. „Darin ist alles treffend formuliert. Jeder Verein sollte sich das mal genau durchlesen und die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen. Aber offensichtlich hat dieses Schreiben ja noch nicht gefruchtet, wenn man sieht, was am vergangenen Wochenende allein in der Kreisliga schon wieder los war. So langsam macht das alles keinen Spaß mehr, wenn du permanent nur noch mit irgendwelchen Ausschreitungen beschäftigt bist“, unterstreicht Prüße.