Gegen Gewalt im Fußball

Konfliktlotse über Treffen mit SV Dicle: "Spieler reflektieren sich selbst"

Um die Vorfälle aus der vergangenen Saison aufzuarbeiten, hat sich der SV Dicle Celle mit einem NFV-Konfliktlotsen zusammengesetzt. Dieser erzählt, wie das Gespräch abgelaufen ist und wie die Spieler reagiert haben.

  • Von Lisa Brautmeier
  • 31. Aug. 2022 | 15:15 Uhr
  • 31. Aug. 2022
  • Von Lisa Brautmeier
  • 31. Aug. 2022 | 15:15 Uhr
  • 31. Aug. 2022
Anzeige
Celle.

Nicht immer geht es auf und neben Fußballplätzen fair zu. Zu viele Fans, Spieler, Schiedsrichter oder Vereinsverantwortliche haben schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Um Vorfälle, zum Beispiel von Gewalt oder Diskriminierung, aufzuarbeiten, gibt es die Konfliktlotsen des Niedersächsischen Fußballverbands. Im Interview mit CZ-Redakteurin Lisa Brautmeier spricht Özcan Irkan aus Salzgitter über seine Arbeit als NFV-Konfliktlotse und über seinen Einsatz beim SV Dicle. Das Treffen war Teil der Auflagen, die Dicle nach einem Spielabbruch im April vom Kreissportgericht auferlegt bekommen hat.

Herr Irkan, warum haben Sie sich für die Ausbildung zum NFV-Konfliktlotsen entschieden?

Weil ich selbst Rassismus und Diskriminierung als Fußballer erfahren habe. Ich hatte ziemlich oft das Bedürfnis, diese Erfahrungen jemanden mitzuteilen. Aber so richtig verstanden hat man es nie. Diejenigen, die ähnliche Erfahrungen machen, sollen sich ernstgenommen und verstanden fühlen. Sie müssen auch durch den Verband unterstützt werden. Und genau diese Brücke wollte ich den Betroffenen mit der Ausbildung zum Konfliktlotsen bauen.

Was sind die Ziele der NFV-Konfliktlotsen?

Wichtig ist, dass Betroffene geschützt und unterstützt werden. Man hat auch im Fußball erkannt, dass Strafen und Sperren allein nicht die Lösung sind. Man muss durch Sensibilisierung, Prävention und Interventionen bei den Täter und Täterinnen eine Einstellungs- und Verhaltensänderung erreichen. Wir haben doch im Grunde alle dasselbe Ziel: Wir wollen alle einen fairen und vorurteilsfreien Fußball.

Welche Aufgaben übernehmen Sie als Konfliktlotse?

Ich begleite die NFV-Anlaufstelle bei der Bearbeitung von Gewalt- und Diskriminierungsfällen und bin dann die regionale Anlaufstelle vor Ort. Die Aufarbeitung der Vorfälle ist enorm wichtig. Ich versuche auch Handlungsoptionen gemeinsam mit den Beteiligten zu erörtern oder ein freiwilliges, gemeinsames Gespräch zu führen.

Sie waren als Konfliktlotse beim SV Dicle Celle. Wie verlief der Erstkontakt?

Ich wurde telefonisch von einem Vereinsverantwortlichen kontaktiert. Man hat sich also aktiv um den Kontakt bemüht. Nachdem ich danach den offiziellen Auftrag der NFV-Anlaufstelle erhalten hatte, war es für mich zuerst einmal wichtig, einen Überblick über die Situation zu bekommen. Das zur Verfügung gestellte Sportgerichtsurteil mit der Auflage war geeignet, um einen Einstieg zu finden. Mir war es wichtig, nicht nur die Vereinsführung, sondern vor allem mit der Mannschaft zu sprechen. Ich musste kurz vor dem Termin feststellen, dass die Umsetzung allerdings nicht so ganz funktionierte. Doch nachdem ich meinen Standpunkt klargestellt hatte und nochmals erklärt habe, wieso es erforderlich sei, den vorgegebenen Rahmen einzuhalten, lenkte man sofort ein.

Welche Probleme wurden erkannt?

Es herrschte eine absolute Einigkeit darüber, dass man weiter Fußball spielen möchte. Den verursachten Spielabbruch verurteilte man. Hier war für mich positiv überraschend zu erleben, dass die Spieler sich so gut selbst reflektierten. Im Gespräch kritisierten sie sich gegenseitig für ihr Fehlverhalten und auch für ihre Fehleinschätzungen. In der Zukunft müsse man sich anders verhalten, hieß es. Dabei stellte ich klar, dass Rudelbildungen sehr bedrohlich wirken können. In keinem Fall darf sich der Abstand zu den Schiedsrichtern und Schiedsrichterinnen oder Assistenten und Assistentinnen so verringern, dass beim Betroffenen Angst ausgelöst wird. Interessant war, von der Mannschaft zu hören, dass sie sich Unterstützung von offizieller Seite wünsche. Oft erlebe man Schikanen. Der sogenannte erste Schritt für ein Hochschaukeln der Emotionen würde oft nicht von ihnen kommen, doch das bliebe oft ungehört. Insofern war mein Einsatz als Konfliktlotse bei der Mannschaft sehr wohlwollend aufgenommen worden.

Und wie äußerte sich die Vereinsführung bei Ihrem Treffen?

Man weiß um die problematischen Dinge im Verein, denn man hatte bereits Dinge in Gang gesetzt. So teilte man mir mit, dass man sich unter anderem von Spielern getrennt habe. Auch würde man mittlerweile mehr Sorgfalt beim Thema Ordnung des Platz- und Spielbetriebs leisten. Störer bei den eigenen Fans wolle man zukünftig nicht mehr dulden.

Wurden konkrete Präventionsmaßnahmen vorgeschlagen?

Für mich war es wichtig, zu hören, dass man als Verein schon eine Reaktion gezeigt hat. Wichtig war in dem Fall die Einsicht, dass der ordentliche Spielbetrieb gewährleistet werden muss. Ich regte an, während der Saison ein Coaching oder eine Schulung zu absolvieren. Der NFV bietet hier viele angepasste Maßnahmen an. Grundsätzlich würde man für so etwas offen sein, aber die Zeit fehle einfach.

Werden Sie und der Verein weiter in Verbindung bleiben?

Ein Teil der Auflage des Sportgerichts war es, dass ein zweiter Termin stattfinden soll. Er wird sicherlich bald stattfinden. Aber auch ohne diese Auflage wollte ich dem Verein meine Unterstützung anbieten. Ich habe zum Beispiel angeboten, bei prekären Spielen, also anlassbezogen, das Spiel zu beobachten. Ich sehe viele gute Ansätze beim SV Dicle, aber auch die Gefahr dass man in alte Muster zurückfallen kann. Ich werde auf jeden Fall den Kontakt aufrechterhalten. Die Mannschaft selbst ist ein Musterbeispiel an Integration. Die Spieler unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Religionen verstehen sich sehr gut, so mein Eindruck. Das ist doch etwas Positives, auf dem man aufbauen kann.