Analyse von Fanforscher

Schiedsrichter und Pandemie ein Grund für Gewalt

Diese Saison gab es bereits die ersten Spielabbrüche im Celler Fußball. Fanforscher Gunter Pilz aus Nienhagen spricht über die Gründe für Gewalt im Sport. Auch Pandemie und Schiedsrichter können eine Mitschuld tragen, meint er.

  • Von Lisa Brautmeier
  • 22. Sept. 2022 | 12:00 Uhr
  • 23. Sept. 2022
  • Von Lisa Brautmeier
  • 22. Sept. 2022 | 12:00 Uhr
  • 23. Sept. 2022
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Celle.

Bedrohte Schiedsrichter, Gewalt unter Fußballern, rüde Fouls, Trainer mit Roten Karten, diskriminierende und rassistische Aussagen von Fans oder Sportlern und Spielabbrüche als Folge – all das sorgt im Fußballkreis Celle immer wieder für negative Schlagzeilen. Auch in dieser noch jungen Saison gab es bereits erste Spielabbrüche, zum Beispiel Anfang September in der Kreisligapartie zwischen FC Firat Bergen und MTV Eintracht Celle II oder in der 3. Kreisklasse beim Spiel SV Hambühren II gegen SSV Groß Hehlen II. Auch auf den SV Dicle aus der 1. Kreisklasse wartet der nächste Sportgerichtstermin.

Emotionen müssen raus

Wieso kommt es im Sport und vor allem im Fußball immer wieder zu verbaler oder physischer Gewalt? „Wir leben in einer Gesellschaft, die uns zwingt, Gefühle zurückzuhalten. Es braucht aber entsprechende Ventile, um aufgestaute Emotionen rauszulassen. Sportereignisse werden oft zu solchen Ventilen“, sagt der Nienhäger Sportsoziologe und Fanforscher Gunter Pilz. Der 77-Jährige ist als Berater für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in den Bereichen Fairplay, Gewaltprävention und Gesellschaftliche Verantwortung tätig.

Gewalt hauptsächlich im Fußball

Dass es hauptsächlich im Fußball zu unschönen Szenen kommt, macht Pilz an zwei Aspekten fest. Zum einen erhalte der Fußball eine viel höhere gesellschaftliche Aufmerksamkeit als andere Sportarten. Es sei mit Abstand der beliebteste Sport in Deutschland. „Und wo mehr Menschen sind, ist die Stimmung schnell viel aufgeladener als woanders“, erklärt Pilz. Zweiter Grund: Im Fußball gebe es lange Traditionen und lange Feindschaften, die gewaltfaszinierte Menschen anziehe, selbst, wenn unklar sei, warum diese Feindschaften überhaupt bestehen.

Bundesliga-Spieler halten sich zurück

Während sich in den unteren Ligen auch teils Spieler, Trainer oder Funktionäre zu Fehlverhalten hinreißen lassen, sieht es in den Profiligen anders aus. „Da haben sich die Spieler mehr unter Kontrolle, da es auch um wirtschaftliche Aspekte und um deren Existenz geht“, sagt Pilz. Dafür sind es bei den Proficlubs eher die Fans, die nicht nur mit dem Abbrennen von Pyrotechnik für Ärger sorgen. So kam es zuletzt zum Beispiel im Champions-League-Spiel zwischen Olympique Marseille und Eintracht Frankfurt zu Fan-Krawallen, bei denen Feuerwerkskörper in die Mengen geschossen wurden.

Pandemie verschlimmert Situation

Dass es jetzt – ligenübergreifend – zu vermehrter Gewalt kommt, macht Pilz auch an der Pandemie fest. „Wir haben eine besondere Situation. Wir hatten zwei Jahre kaum Kontakte, waren auf uns gestellt und es hat sich eine Menge angestaut, was erst einmal raus muss, bevor sich alles hoffentlich wieder normalisiert“, sagt Pilz.

"Es hat sich eine Menge angestaut, was erst einmal raus muss, bevor sich alles hoffentlich wieder normalisiert."

Gunter Pilz, Fanforscher

Soziale und kulturelle Konflikte im Sport

Dass es im Amateurbereich auch auf dem Platz zu Feindseligkeiten kommt, liege laut dem Sportsoziologen daran, dass soziale und kulturelle Konflikte zum Teil im Spiel ausgetragen werden. Manchmal würden wohl auch fremdenfeindliche Motive eine Rolle spielen. Derartige Konflikte kann es jedoch nicht nur unter zwei Mannschaften geben, sondern auch zwischen Spielern und Schiedsrichtern. So sprach Edip Ekinci, Trainer des SV Dicle Celle, von Schikanen „einiger weniger Schiedsrichter“ ihnen gegenüber.

„Es ist sicherlich richtig, dass es schon einmal vorkommen kann, dass ein Schiedsrichter bei Spielern mit Migrationshintergrund anders handelt, aber insgesamt lässt sich das nicht pauschal feststellen“, sagt Pilz. Fremdenfeindlich handelnde Schiedsrichter seien Einzelfälle. „Vielmehr beobachten wir diese vor allem bei Spielern und Zuschauern und im Übrigen stehen, was Beleidigungen und Diskriminierungen anbelangt, Spieler mit Migrationshintergrund anderen in nichts nach“, sagt Pilz.

Schiedsrichter nicht immer unschuldig

Trotzdem seien die Schiedsrichter nicht immer unschuldig, wenn es zu Eskalationen kommt – vor allem in Amateurligen. „Die Schiedsrichter in der Bundesliga sind besser geschult. Wenn diese jemandem die Rote Karte zeigen möchten, entfernt er sich zunächst und wartet ab, bis der Spieler sich beruhigt hat“, sagt Pilz. Auch bei Rudelbildungen würden sich die Schiedsrichter zurückhalten. Im Amateurfußball sehe das anders aus.

Mehr Empathie für Schiedsrichter

Aber es sei laut Pilz wichtig zu betonen, dass Schiedsrichter besonders geschützt werden müssen und eben auch nicht in der Lage seien, immer alles richtig zu erkennen. Er macht dies an einem Fallbeispiel fest und erzählt von einem Spieler, der wegen Gewalt eine Langzeitsperre erhalten hat. Diese wurde reduziert, nachdem er einen Schiedsrichterlehrgang absolviert hatte. „Danach hat er erkannt, wie schlecht Schiedsrichter in der Kreisklasse ohne Linienrichter dran sind“, berichtet Pilz. „Der Spieler hat erkannt, dass ein Schiedsrichter nicht gegen ihn pfeift, weil er Türke ist, sondern weil der Schiedsrichter Situationen schlicht nicht gesehen hat.“ Daher wäre es aus der Sicht des Sportsoziologen sinnvoll, dass jeder Trainer und jeder Spieler mal diesen Perspektivwechsel erhalte und selbst Spiele pfeife, um mehr Empathie für die Schiedsrichter und deren Situationen zu entwickeln.

"Je ruppiger ein Spiel ist, desto mehr negative Emotionen breiten sich auf den Rängen aus. Das gilt auch umgekehrt."

Günter Pilz, Fanforscher

Vorfälle beim NFV melden

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass sich Fans und Spieler gegenseitig beeinflussen. „Je ruppiger ein Spiel ist, desto mehr negative Emotionen breiten sich auf den Rängen aus. Das gilt auch umgekehrt“, sagt Pilz. Und wie sollten sich Zuschauer verhalten, die mitbekommen, dass sich andere unangemessen verhalten? Ob es ratsam wäre, diese Zuschauer direkt darauf anzusprechen, hänge von der Situation ab. „Wenn man jemanden zur Vernunft bringen möchte und dann selbst die Faust ins Gesicht bekommt, ist niemanden geholfen. Dennoch wünsche ich mir mehr Zivilcourage auf den Plätzen, um den wenigen Unbeherrschten zu signalisieren, dass dieses Verhalten auf dem Sportplatz nichts zu suchen hat“, so Pilz. Wichtig sei es darüber hinaus, diese Vorkommnisse zu melden. Dies ist zum Beispiel bei der Anlaufstelle für Gewalt und Diskriminierungsfälle beim Niedersächsischen Fußballverband (NFV) möglich.