Wirtschaft im 19. Jahrhundert

Von Zunftzwängen und Freiheitsstreben in Celle

Das Handwerk in Celle litt im 19 Jahrhundert unter Zunftzwängen. Der Wunsch nach einer Liberalisierung der Wirtschaft wurde immer größer. Erster Teil über Bauern und Gewerbetreibende im Königreich Hannover.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 12. Nov. 2022 | 06:05 Uhr
  • 12. Nov. 2022
Das im Jahre 1735 gegründete Landgestüt in Celle. Mit dieser staatlichen Einrichtung sollte die bäuerliche Pferdezucht gefördert werden.
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König Georg III. (1738 bis 1820) im Krönungsornat.
Celle.

Bei einer Gesamtbetrachtung der Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert gewinnt in Verbindung mit den vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen auch die Frage nach den wirtschaftlichen Grundlagen, Bedingungen und Veränderungen eine wichtige Rolle. Dies gilt ebenso für das Königreich Hannover. Große Erwartungen hatten viele Menschen in den verschiedenen deutschen Teilstaaten seit dem Wiener Kongress (1814/1815) neben ihrem Wunsch nach politischen Reformen auch mit einer Liberalisierung der Wirtschaft verbunden.

Privatinitiative größeren Entfaltungsraum ermöglichen

In Hannover waren solche Vorstellungen vor allem beim Bürgertum der Städte, dem Unternehmertum in Handel und Industrie sowie den Juristen und Magistratsbeamten anzutreffen. In diesen zum Großbürgertum und zum Mittelstand gehörenden Gruppen zeigte man sich besonders aufgeschlossen für neue, der Privatinitiative einen größeren Entfaltungsraum ermöglichende Formen der wirtschaftlichen Gestaltung. Im Zuge der Industrialisierung erwiesen sich einzelstaatliche Abgrenzungen als ein immer größeres Hindernis für wirtschaftliche Unternehmungen. Zu diesen Behinderungen zählten auch überkommene Vorstellungen von der Schutzbedürftigkeit der heimischen Betriebe, die von widersprüchlichen staatlichen Vorschriften und produktionshemmenden Reglementierungen begleitet waren. Die Beseitigung von Zoll- und Verkehrsschranken und die Schaffung größerer wirtschaftlicher Einheiten waren deshalb zentrale Forderungen in Bezug auf eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung.

Einstellungen von Bauern und Handwerkern verschieden

Das Königreich Hannover war in den Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress noch stark von der Agrarwirtschaft und vom handwerklichen Gewerbe geprägt. Bemerkenswert ist dabei zugleich die Feststellung, dass es in dieser historischen Phase innerhalb der Bauernschaft wie auch des Handwerkerstandes unterschiedliche Einstellungen und Interessen gab. So waren bei Teilen dieser Berufsgruppen, die von ihrer Grundeinstellung eher als konservativ einzustufen waren, liberale Neigungen mit entsprechenden wirtschaftlichen Forderungen anzutreffen.

Denkmal in Celle für Albrecht Daniel Thaer (1752 bis 1828).

Solche Orientierungen konnte man in den neuen Landesteilen des Königreichs beobachten, vor allem bei den Bauern in Ostfriesland und in den im 18. Jahrhundert angegliederten Herzogtümern Bremen und Verden. Hier gab es einen eigenständigen, selbstbewussten Bauernstand mit freierem Verfügungsrecht über den Grundbesitz, während in den alten Landesteilen, den traditionell welfischen Herrschaftsgebieten, in dieser Hinsicht durchweg eine starke Gebundenheit des Bodenbesitzes anzutreffen war, ohne dass die Bauern – von Ausnahmen abgesehen – dabei persönlich unfrei waren.

Bauern besaßen im Königreich Hannover Eigentum

Freies Grundeigentum war zwar in den althannoverschen Gebieten lediglich in einigen Gegenden der früheren Fürstentümer Göttingen und Grubenhagen zu finden. Das im Lande „vorherrschende Meierrecht stellte jedoch für die Inhaber der danach ausgegebenen Bauernstellen nur eine vergleichsweise geringe Belastung dar“. 1 Festgelegte Rechte und Pflichten konnten zudem nicht mehr willkürlich außer Kraft gesetzt oder verändert werden. „Die Bauern besaßen Eigentum an den Hofgebäuden und zur Sicherung der Hofgröße wurde das Anerbenrecht durchgesetzt (außer im Eichsfeld).“ 2

Schutz der Bauern durch Gerichte

Die Agrarpolitik der Herzöge aller welfischen Linien hatte seit dem 16. Jahrhundert Maßnahmen zur Absicherung der Bauern ergriffen. Dazu gehörten vor allem ein erbliches Recht an dem von ihnen bewirtschafteten Boden und die Verhinderung erhöhter Lasten, die die Bauern aufbringen mussten. Schutz erfuhren die Bauern ebenfalls durch die Gerichte, zum Beispiel bei der Durchsetzung des Verbots für Rittergutsbesitzer, einen heimgefallenen Hof zu „legen“. 3 Zur Verbesserung der Agrarverfassung trugen auch die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts von Georg III. eingeleitete Befreiung der Bauern von ihren Diensten auf den landesherrlichen Domänen sowie die 1802 durchgesetzte und eine großflächigere Bewirtschaftung ermöglichende Gemeinheitsteilungsordnung für das Fürstentum Lüneburg bei.

Viele Landbewohner in existenzieller Not

Trotz dieser fördernden Maßnahmen konnte die noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorherrschende günstige Agrarkonjunktur im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht fortgesetzt werden. Stark sinkende Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse und von den meisten Bauern noch zu leistende Dienste und Abgaben brachten viele Landbewohner in existenzielle Not. Weitere umfassende Reformen waren angesichts dieser Krise dringend notwendig. 4

Mit dieser in den verschiedenen Landesteilen von unterschiedlichen grundherrlichen Bindungen und Verfügungsrechten über den Bodenbesitz gekennzeichneten Agrarverfassung geriet man in Hannover in zunehmendem Maße in einen Widerspruch zu einer durch verbesserte Anbaubedingungen (zum Beispiel durch Einführung von Fruchtwechselwirtschaft und neuer Kulturpflanzen wie Kartoffeln und Zuckerrüben) möglichen effizienteren Betriebsweise im bäuerlichen wie im adeligen Bereich. 5

Landwirtschaft prägt Export auch nach Wiener Kongress

Dennoch blieb die vorrangige Bedeutung des Agrarsektors auch in der Zeit nach dem Wiener Kongress (1814/1815) bestehen. Dies zeigte sich auch weiterhin im Außenhandel: „Exportiert wurden immer noch hauptsächlich land- und forstwirtschaftliche Erzeugnisse wie Korn, Leinen, Wolle, Butter und Eichenholz. Begünstigt durch freihändlerisch niedrige Einfuhrzölle strömten im Gegenzug Fertig- und Kolonialwaren aus Großbritannien ins Land, was den Aufbau einer eigenen Produktion zusätzlich erschwerte.“ 6

Agrarverfassung tritt in Kraft

Von grundlegender Bedeutung für die Agrarverfassung Hannovers wurde dann die maßgeblich von dem Osnabrücker Juristen Johann Carl Bertram Stüve (1798-1872) vorbereitete und ausgestaltete Ablöseordnung, die 1833 in Kraft trat. Die Ablösung der noch bestehenden bäuerlichen Lasten und Abgaben erfolgte danach im Wesentlichen durch Geldzahlungen. Indem in Hannover durch eine „Kapitalzahlung und Geldrente“ einer Existenz gefährdenden Zerstückelung landwirtschaftlichen Besitzes entgegengewirkt wurde, konnten geeignete Voraussetzungen für einen leistungsfähigen Bauernstand im Lande geschaffen werden. 7

Eigenständige Betriebe ohne Zwang zur gemeinschaftlichen Bewirtschaftung

Mit dem am 30. Juni 1842 erlassenen Gesetz über die Verkoppelungen sowie mit dem Gesetz über das Verfahren in Gemeinheitsteilungs- und Verkoppelungssachen (ebenfalls vom 30. Juni 1842) wurde dann „die Grundlage für eine Flurbereinigung im großen Maßstab“ gebildet. „Das Resultat waren eigenständige Betriebe, die nicht mehr dem Zwang zur gemeinschaftlichen Bewirtschaftung unterlagen“. 8 Allerdings begünstigten diese weiteren Maßnahmen zur Agrarreform mittlere und große Hofbesitzer. Dagegen hatten Kleinbauern und die unterbäuerlichen Schichten von dieser Umgestaltung kaum oder überhaupt keine Vorteile. 9

Gewerbefreiheit aufgehoben – Zunftverfassung wieder in Kraft gesetzt

Auch im Handwerk erwiesen sich nach dem Wiener Kongress in der Phase der beginnenden Industrialisierung „obrigkeitsstaatliche Beschränkungen und genossenschaftliche Bindungen“ als Hindernis für wirtschaftlichen Fortschritt und machten „eine fabrikmäßige Produktion von zunfthandwerklichen Erzeugnissen so gut wie unmöglich“. 10 So war zum Beispiel im Gebiet des früheren Fürstentums Hildesheim durch die Bekanntmachung über die Wiederherstellung der Zünfte, Ämter und Innungen vom 21. April 1817 die während der napoleonischen Herrschaft eingeführte Gewerbefreiheit aufgehoben und die zuvor gültige Zunftverfassung wieder in Kraft gesetzt worden. Eine ähnliche Verordnung vom 12. Mai 1817 wurde für Stadt und Verwaltungsbezirk Osnabrück wirksam. 11

Der Versuch der hannoverschen Landesregierung, „die Zunftordnungen dahin [zu] modifizieren, daß die wirtschaftlich hemmenden und unzeitgemäßen Privilegien der Zünfte abgebaut und ihre Sozialverfassung den Anforderungen der Zeit angepaßt wurden“, ließ sich vielfach angesichts heftiger Widerstände nicht in der gewünschten Form verwirklichen.

Handwerk in der Stadt Celle von „geschlossenen Zünfte“ geprägt

Einen anschaulichen Eindruck von diesen wirtschaftlich hemmenden Bedingungen vermitteln die Darstellungen von Clemens Cassel zur Lage des Handwerks in der Stadt Celle. Aufschlussreich ist dabei eine Übersicht über die Handwerkergilden der Stadt aus dem Jahre 1833. Von den damals hier existierenden 31 Betrieben waren 21 Gewerbe in Handwerksgilden organisiert, 1849 erhöhte sich deren Zahl auf 23. Die Frei- und Schutzbriefe für diese Gilden waren, wie Clemens Cassel bemerkt, „fast alle in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts ausgefertigt“ worden. Im Jahre 1849 galten die Buchbinder (mit 5 Meistern), die Drechsler (mit sechs Meistern), die Kleinschmiede (mit zwölf Meistern) und die Tischler (mit 26 Meistern) als „geschlossene Zünfte“, deren Personenzahl war somit auf ein Höchstmaß beschränkt. 12

Dominierende Rolle der Zünfte in der Wirtschaftsverfassung

Von den 1833 in Celle existierenden 31 Gewerben waren zehn „freie“, dem Zunftzwang nicht unterworfene Handwerke; deren Meister gehörten jedoch auswärtigen Zünften in Uelzen, Hannover, Lüneburg, Goslar, Osterode und Harburg an. Davon betroffen waren 31 Meister, eine im Vergleich zu den insgesamt 331 Meistern in den Handwerksgilden geringe Anzahl, die auf die dominierende Rolle der Zünfte in der Wirtschaftsverfassung der größeren Städte des hannoverschen Staates schließen lässt.

Widersinnige Regelungen und Bedingungen in Celle

Hinzu kamen ganz widersinnige Regelungen und Bedingungen. So gehörte in Celle zum Beispiel zu den Widersprüchen, die der Zunftzwang teilweise mit sich brachte, dass einzelne Handwerker (in diesem Fall drei Zimmerer) zwar in der Stadt Celle dem Zunftzwang unterworfen waren, in ihrem Wohnsitz in den Vorstädten aber ein solcher Zwang nicht existierte. Als ebenso unverständlich erschien es Bürgern in Celle, die für Gewerbefreiheit eintraten, „daß in dem seit 1831 zollgeeinten Deutschland der freieste Warenverkehr bestehe, zwischen Stadt und Land aber durch den Zunftzwang mancherlei Beschränkungen erleide“.13

Quellen

1 M. Bertram: Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates, herausgegeben im Auftrag des Museumsvereins für Volkskunde, Heimat- und Landesgeschichte in Celle. Hannover 2003, S. 21.

2 A. Fahl: Landwirtschaft im Zeitalter der Agrarreform, in: Biedermeier und Revolution – Hannover 1848. Hannover 1998 (= Schriftenreihe des Historischen Museums Hannover, Heft 13), S. 38.

3 Der hier angesprochene Sachverhalt des „Bauernlegens“ verweist auf die Einziehung abhängiger Bauernstellen durch Gutsherrn.

4 Bertram, wie Anm. 1, S. 42.

5 Vgl. W. Treue: Niedersachsens Wirtschaft seit 1760. Hannover 1964, S. 13ff.

6 Bertram ,wie Anm. 1, S. 42.

7 Vgl. W. Conze: Die liberalen Agrarreformen Hannovers im 19. Jahrhundert. Hannover 1947, S. 13f.

8 Bertram , wie Anm. 1, S. 63.

9 A.a.O., S. 65.

10 H. Linde: Das Königreich Hannover an der Schwelle des Industriezeitalters, in: Neues Archiv für Niedersachsen , Bd. 5, H. 21-26, 1951/52, S. 435.

11 K. Kolb; J. Teiwes: Beiträge zur politischen, Sozial- und Rechtsgeschichte der Hannoverschen Ständeversammlung von 1814-1833 und 1837-1849. Hildesheim 1977, S. 206f.

12 Cl. Cassel: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes und Kulturlebens der Bewohner, herausgegeben von der Stadt Celle, zweiter Band. Celle 1934, S. 280f.

Von Karl-Heinz Buhr