Wandel im 19. Jahrhundert

Celle zwischen Tradition und nationaler Frage

Im 19. Jahrhundert wurde der Ruf nach deutscher Einheit laut. Celle als einstige Welfenresidenz befand sich seinerzeit zwischen Tradition und Patriotismus.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 01. Okt. 2022 | 06:05 Uhr
  • 05. Dez. 2022
Der hannoversche König Georg V. (1819 bis 1878) reagierte mit Ablehnung auf die Ziele des Nationalvereins.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 01. Okt. 2022 | 06:05 Uhr
  • 05. Dez. 2022
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Rudolf von Bennigsen (1824 bis 1902). 
Celle.

In Verbindung mit der Frage nach der Bedeutung des nationalstaatlichen Gedankens in Deutschland im Verlauf des 19. Jahrhunderts war der Dichter Friedrich von Schiller zu einer Symbolfigur der Nationalbewegung geworden. Ihm war anlässlich der Wiederkehr seines 100. Geburtstages überall in Deutschland eine besondere Verehrung zuteilgeworden, die verknüpft war mit der Hoffnung breiter Volksschichten auf die Verwirklichung ihrer politischen Ziele und Absichten, deren Berechtigung sie in Schillers Werken begründet sahen. Die bei diesen Gedenkveranstaltungen zu beobachtenden Willensbekundungen fallen in eine Zeit, in der vom Dritten Stand ausgehende Forderungen nach erweiterten individuellen Rechten, nach Demokratisierung und nationaler Vereinigung neuen Auftrieb erhielten.

Ruf nach der deutschen Einheit

Im Vergleich zu den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts waren die mit dem Ruf nach der deutschen Einheit verbundenen Bestrebungen der Bürgerinnen und Bürger nun nicht nur Ausdruck eines durch die Philosophie der Aufklärung eingeleiteten geistigen Wandels. Darin einbezogen waren auch die durch den Prozess der Industrialisierung bewirkten grundlegenden wirtschaftlichen Veränderungen: Ökonomische Entwicklung, Gewerbefreiheit, Unabhängigkeit, individuelle und kollektive Rechtssicherheit und nationale Einheit wurden miteinander verknüpft. Besondere Bedeutung erlangte dabei die Erkenntnis, dass wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten die Schaffung möglichst großer politischer und wirtschaftlicher Einheiten verlangten und somit die Beseitigung von Zoll- und Verkehrsschranken als eine wichtige Voraussetzung für solche Veränderungen zu betrachten sei.

Spaltung im Deutschen Bund

Bei der Frage, wie solche Fortschritte in Deutschland zu erreichen seien, kam es zur Spaltung im Deutschen Bund, aber auch innerhalb der Bevölkerung der Mitgliedsstaaten. Nach den Vorstellungen der Nationalliberalen konnten bei der Durchsetzung dieser Ziele und damit auch bei der Lösung der Deutschen Frage angesichts der vorhandenen Interessengegensätze und Widersprüche zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes Fortschritte nur unter preußischer Führung erreicht werden.

Herausragender Repräsentant dieser politischen Zielrichtung war der Führer der liberalen Opposition in der Zweiten Kammer des hannoverschen Landtags Rudolf von Bennigsen. Mit Sorge hatte er die unzureichende Handlungsfähigkeit des Deutschen Bundes und den lähmenden Dualismus zwischen Österreich und Preußen beobachtet und die Durchsetzung weitergehender gesamtstaatlicher Regelungen gefordert. Eine tatkräftige Zentralgewalt sei notwendig, Deutschlands Machtstellung in Europa zu stärken und im Interesse ökonomischer Prosperität die Handels- und Gewerbefreiheit im Rahmen eines bürgerlichen Rechtsstaates mit klar formulierten Gesetzen zu sichern.

Die dazu notwendigen Impulse und Problemlösungen seien von Österreich nicht zu erwarten. Eine solche Führungsrolle im deutschen Einigungsprozess könne deshalb nur Preußen übernehmen. In der „Hannoverschen Erklärung“ der Liberalen vom 19. Juli 1859, die weitgehend die Handschrift Bennigsens trägt, heißt es dazu: „Die Ziele der preußischen Politik fallen mit denen Deutschlands im wesentlichen zusammen. Für die Zeiten der Gefahr und des Krieges die Vertretung unserer Interessen und die Leitung unserer militärischen Kräfte vertrauensvoll in Preußens Hände gelegt werden solle, sobald nur klare Ziele, eine feste Leitung und ein entschiedenes Handeln von Preußen zu erwarten ist.“1

Liberale und Demokraten gründen Deutschen Nationalverein

Im Interesse eines erfolgreichen Vorgehens wurde am 15. und 16. September 1859 in Frankfurt am Main von Liberalen und gemäßigten Demokraten aus den verschiedenen deutschen Staaten (außer Österreich) der Deutsche Nationalverein gegründet, der seine besondere Aufgabe darin sah, das Bewusstsein für den nationalen Gedanken zu schärfen und für die Einrichtung einer einheitlichen Zentralgewalt und eines Reichsparlaments zu werben.

Die Vorstellungen und Absichten der Liberalen stießen vor allem auf den Widerstand jener Kräfte, die an der Eigenständigkeit der Einzelstaaten festhalten wollten. Es waren insbesondere die Konservativen in den kleinen und mittleren Staaten des Deutschen Bundes, die gegen diese Pläne opponierten.

Hannoverscher König Georg V. gegen Ziele des Nationalvereins

In Hannover sahen die Konservativen in dem Bekenntnis der Liberalen eine Bedrohung der hannoverschen Souveränitätsrechte. Mit Ablehnung, Entrüstung und Unverständnis reagierte auch der hannoversche König Georg V. auf die Ziele und Pläne des Nationalvereins. In Hannover versuchten die konservativen Kräfte ihre Vorstellungen, Interessen und Anliegen vor allem durch den im Frühjahr 1862 auf ausdrücklichen Wunsch des hannoverschen Königs gegründeten „Großdeutschen Verein“ wirksam zu vertreten. Vorrangiges Ziel dieses Vereins, zu dessen Mitgliedern Angehörige aus den verschiedenen Bevölkerungsschichten gehörten (Adelige, bäuerliche Grundbesitzer, Handwerker und hannoversche Staatsbeamte), sollte es sein, eine mit umfassenden Kompetenzen ausgestattete Zentralgewalt in Deutschland im Interesse der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Einzelstaaten sowie der Erhaltung und Sicherung des monarchischen Prinzips als Grundlage der Staats- und Gesellschaftsordnung zu verhindern.

Schwierige Lage für Hannover

Für die hannoverschen Konservativen spielte dabei auch die besondere geografische Lage des Staates, gekennzeichnet durch unmittelbar angrenzende preußische Gebietsteile im Osten und Westen des Landes, eine wichtige Rolle. Dabei wirkte auch die Erinnerung an die Ereignisse von 1805/1806 nach, als Preußen die Herrschaft in Hannover übernahm. Die Möglichkeit erneuter preußischer Expansionsbestrebungen blieb aus der Sicht der Konservativen fortan eine ständige Gefahr. Diese für Hannover prekäre Situation war auch durch die auf dem Wiener Kongress (1814/1815) für den hannoverschen Staat erreichten territorialen Erweiterungen nicht beseitigt worden.

Angst vor Verlust der staatlichen Eigenständigkeit

Aufgrund dieser Bedingungen verstärkte sich in den konservativen Kreisen des Königreiches die Befürchtung, Hannover werde im Falle einer kleindeutschen Lösung durch die preußische Hegemonie die staatliche Eigenständigkeit weitgehend einbüßen. Mit Österreich im Bunde konnte aus der Sicht der Regierung in Hannover und der sie unterstützenden konservativen Kräfte einer solchen Entwicklung am ehesten Einhalt geboten werden. Besonderen Anklang fand diese großdeutsche Vereinstätigkeit in den altwelfischen Landesteilen, in Hannover, Celle, Lüneburg und Harburg. Darüber hinaus gab es eine solche Unterstützung auch in Hildesheim.

Annexion des welfischen Herrschaftsgebietes durch Preußen

Angesichts dieser politischen Gegensätze bedeuteten die Ereignisse des Jahres 1866 für viele Menschen im Königreich Hannover zweifellos eine tiefe Zäsur. Gegen die Annexion des bisherigen welfischen Herrschaftsgebietes durch Preußen war bereits unmittelbar nach dem Geschehen des Jahres 1866 von verschiedenen Seiten Protest erhoben worden. Solche Reaktionen waren insbesondere bei Angehörigen des Landadels zu beobachten, die sich weiterhin mit dem angestammten Fürstenhaus verbunden fühlten und deshalb für die Erhaltung der Eigenständigkeit Hannovers eintraten. Zu den weiteren Bevölkerungsgruppen, von denen Widerstand gegen Preußen ausging, gehörten ein großer Teil der evangelisch-lutherischen und der katholischen Geistlichkeit sowie Teile des Bauern- und Handwerkerstandes vorwiegend aus den alten Landesteilen.

Widerstand gegen Preußen

Die liberale Mehrheit der Zweiten Kammer der hannoverschen Ständeversammlung hingegen stimmte der Einverleibung Hannovers in den preußischen Staat zu. Diese Mitglieder des Landtages sahen in dem Vorgehen Preußens eine im Interesse des gesamten Deutschlands notwendige Maßnahme. Sie verknüpften ihr Votum mit dem an die preußische Regierung gerichteten Wunsch nach einer Respektierung der Eigentümlichkeiten und der Einheit des Landes. Zudem baten sie die neuen Machthaber um eine gerechte Behandlung des hannoverschen Staatsvermögens.

Nationale Begeisterung auch im Celler Land

Eine neue Situation für die politische Entwicklung in Deutschland brachte der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871 mit sich. Der Ausbruch dieses Konflikts löste überall in Deutschland patriotische Begeisterung aus und stärkte das Bewusstsein, im nationalen Interesse handeln zu müssen. Diese Feststellung gilt ebenso für die Bevölkerung jener Gebiete, in denen sich in den zurückliegenden Jahren eine partikularistische Opposition gegen die Politik Bismarcks massiv bemerkbar gemacht hatte. Dazu zählte vor allem auch das nach dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 von Preußen annektierte Gebiet des ehemaligen Königreichs Hannover.

Deutsch-Hannoversche Partei als Sprachrohr der Welfen-Anhänger

Frühzeitig meldeten sich in der Provinz Hannover die Nationalliberalen zu Worte, deren Vorstand am 18. Juli einen Aufruf an das deutsche Volk erließ, in dem von der Erwartung eines siegreichen Endes des Krieges und der Begründung der deutschen Einheit die Rede ist. Als Gegner der Nationalliberalen war in der preußischen Provinz Hannover nach 1866 die Deutsch-Hannoversche Partei aufgetreten. Sie hatte sich zum Sprachrohr der Anhänger des welfischen Herrscherhauses gemacht und verfolgte als zentrales Ziel die Wiedererrichtung eines eigenständigen hannoverschen Staates sowie die Rückkehr eines welfischen Fürsten auf den Königsthron. Zu den Gebieten, die als „Heimstatt welfischer Resistenz“ zu zählen waren, gehörte auch das Celler Land. Von einer widerstrebenden oder gar oppositionellen Haltung war jedoch in jenen Julitagen des Jahres 1870 bei Ausbruch der Kriegshandlungen hierzulande nichts zu bemerken.

Celler zeigen sich loyal zu Preußen und zum Kaiser

Die Bevölkerung von Celle hat zweifellos während des Krieges durch vaterländische Gesinnung und große Opferbereitschaft ihre Loyalität gegenüber dem preußischen König und der von Bismarck geführten Regierung gezeigt. Auch in der nun beginnenden Zeit des Kaiserreiches sollte sich an dieser Haltung nichts ändern. Dennoch behielt Celle den Ruf einer „Hochburg des Welfentums“. Durch diese von den politischen Gegnern ausgehende und als negative Bewertung gedachte Einschätzung ließ sich die welfische Anhängerschaft hierzulande nicht beirren. Man scheute auch in dieser Zeit keineswegs davor zurück, sich zur welfischen Tradition zu bekennen. So versammelten sich Freunde des welfischen Königshauses regelmäßig zu einer Gedenkfeier am Jahrestag der Schlacht von Langensalza, und bei Wahlen waren die Anhänger des Welfentums weiterhin mit einer großen Stimmenzahl vertreten. Auch im Bürgervorsteherkolleg der Stadt Celle konnten ihre Vertreter eine bedeutende Stellung einnehmen.

Angesichts der erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung im hannoverschen Land nach der unter Preußens Führung durch Bismarck vollzogenen Reichsgründung verlor diese politische Organisation bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs jedoch an Überzeugungskraft. Von ihrer antipreußischen Orientierung rückte die Welfenpartei aber auch danach nicht ab. Zu einer ernsthaften Bedrohung für den staatlichen Zusammenhalt sind die Aktivitäten dieser politischen Gruppierung jedoch zu keiner Zeit geworden.

 

 

Quelle

1 Zit. nach: H. Oncken: Rudolf von Bennigsen. Ein deutscher liberaler Politiker, Bd. 1, Leipzig und Stuttgart 1910, S. 351.

Von Karl-Heinz Buhr