Verfolgt in Frankreich

Flucht vor Folter und Plünderei nach Celle

Pastor Louis Suzannet de la Forest ist ein Verwandter der Celler Herzogin Eléonore d’Olbreuse. Im 17. Jahrhundert floh er vor den Dragonern in Frankreich.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 17. Sept. 2022 | 06:00 Uhr
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Celle.

Im Frühjahr 1686 traf der reformierte Pastor Louis Suzannet de la Forest, seigneur de Puycouvert, in Begleitung des 16-jährigen Gabriel Migault in der Residenzstadt Celle ein. Noch im selben Jahr wurde er erster offizieller Pastor der Französisch-reformierten Gemeinde in der Stadt. Die Reise hatte die Glaubensflüchtlinge aus dem Poitou in Frankreich über die Niederlande bis ins Fürstentum Lüneburg geführt. Celle war von dem Theologen mit Bedacht als Ort seines Exils gewählt worden, war er doch ein Verwandter der Celler Herzogin Eléonore d’Olbreuse. In diesem Beitrag soll das Leben von Pastor Louis Suzannet de la Forest († 1703 in Celle) bis zu seiner Ankunft in Celle nachgezeichnet werden, so dass die Gründe für das Verlassen seiner französischen Heimat verständlich werden.

Verwandter der Celler Herzogin Eléonore d’Olbreuse

Seine Eltern waren der Pfarrer der reformierten Gemeinde von Mauzé, Samuel de la Forest, und Jeanne Raymond. Mauzé-sur-le-Mignon ist eine westfranzösische Ortschaft etwa 37 Kilometer östlich von La Rochelle. Leider liegen über die Geburtsdaten des Sohnes keine präzisen Informationen vor. Auch gibt es manche kleinere Lücken in dessen Biografie. Doch ist davon auszugehen, dass er um 1630 das Licht der Welt erblickte.

Louis Suzannet de la Forest studiert in Montauban

Louis Suzannet de la Forest absolvierte sein Theologiestudium in der vom orthodoxen Calvinismus geprägten Stadt Montauban. Der mit einer Akademie als Pfarrkolleg und einer Universität ausgestattete Ort wurde 1598 im Edikt von Nantes wie La Rochelle zum „sicheren Ort“ für die Anhänger des reformierten Glaubens erklärt. Noch im selben Jahr beschloss die Nationalsynode der Reformierten Kirche in Frankreich, in Montauban eine Akademie zum Studium der Philosophie, Theologie, Medizin und der Rechte zu errichten. Unter der Präsidentschaft von Antoine Garissoles (* 1587; † 1651) schloss Louis Suzannet de la Forest (Ludovicus de La Forest) erfolgreich seine Dissertation ab. Die wie damals üblich in Latein verfasste Arbeit erschien 1650 bei Philippe Braconnier (Philippum Braconerium) in Montauban unter dem Titel „Theses theologicae, de novis argutiis circa versiones interpretationes et consequentias scripturarum“.

Louis Suzannet de la Forest wurde seit den 1660er Jahren Pastor in der Ortschaft Mauzé im Poitou, wo zuvor sein Vater das Pfarramt innehatte. Es war für den reformierten Ortspastor keine leichte Zeit, da die Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Protestanten kontinuierlich zunahmen. Der Theologe musste erleben, wie ein Großteil seiner Gemeindeglieder dem Druck nicht standhielt und aus Angst zur katholischen Kirche übertrat beziehungsweise – trotz königlichen Verbots – in die Niederlande oder nach England floh. Er hat in Zeiten der Unterdrückungen seine schrumpfende Gemeinde gestärkt und ihr während der Dragonaden unter dem Intendanten Demuin beigestanden.

1682 wurde Louis Suzannet de la Forest berufen, um die reformierte Provinzsynode der Saintogne zu leiten, die am 7. Oktober in der Gemeinde Barbezieux in Anwesenheit von zwei königlichen Kommissaren, einem katholischen und einem protestantischen, abgehalten wurde. Insbesondere befasste sich die Synode mit den noch nicht durch die staatliche Obrigkeit geschlossenen protestantischen Kirchen.

Zwei kinderlose Ehen

Im Poitou war der Theologe seit 1657 in erster Ehe mit Madelaine Biguereau verheiratet, der Tochter eines Steuereinnehmers aus Poitiers und der Renée Mairé. Anscheinend hatte er mit ihr keine Kinder. Nach deren Tod heiratete er in zweiter Ehe Esther Allaire, die am 2. Juli 1690 in Celle verstarb. Auch diese Ehe blieb kinderlos.

Über sein pastorales Wirken in Mauzé sind wir durch das Journal des protestantischen Lehrers Jean Migault (* 1644 in Basse Touches de Thorigné; † 1707 in Emden) informiert, das ausführlich über die Unterdrückungsmaßnahmen und Verfolgungen zwischen 1663 und 1689 berichtet, welche die reformierten Protestanten im südwestfranzösischen Poitou unter der Herrschaft Ludwigs XIV. erleiden mussten. Das Journal ist ein wertvolles zeitgeschichtliches Dokument, mit dessen Hilfe das Phänomen der Dragonaden besser zu verstehen ist. Darunter ist der systematische Einsatz von Dragonern als Handlangern der Obrigkeit zu verstehen, die, von der katholischen Geistlichkeit unterstützt, mit Gewaltmaßnahmen wie Plünderungen und Folter den Übertritt der verängstigten Hugenotten zum katholischen Glauben erzwingen sollten.

Dragoner wüten in Frankreich

In den ersten Wellen der Dragonaden im Poitou wurde Mauzé noch verschont und länger als andernorts konnten reformierte Gottesdienste gefeiert werden. Durch die Intervention und die guten diplomatischen Beziehungen der Herzogin von Celle war ihre nähere poiteviner Heimat bei den Zwangsmaßnamen, die die Obrigkeit gegen die französischen Protestanten anordnete, zunächst noch relativ geschützt. Um 1660 lebten im Poitou etwa 77.000 bis 80.000 reformierte Christen. Die 1681 beginnenden Dragonaden und weitere Repressalien führten jedoch zur Konversion von rund 39.000 Reformierten zur katholischen Kirche. Etwa 18.000 Reformierte, also rund ein Viertel der protestantischen Bevölkerung des Poitou, emigrierten trotz königlichen Verbots aus Frankreich. Gegen Ende der Dragonaden hatten rund drei Viertel der Hugenotten angesichts der „gestiefelten Missionare“, wie die Dragoner auch bezeichnet wurden, ihren Glauben aufgegeben.

Die politische Obrigkeit versuchte, Pastor Louis Suzannet de la Forest immer wieder in seiner Amtsausführung als Seelsorger und Prediger zu behindern. So wurde er mehrmals genötigt, zusammen mit seinen Kirchenältesten den Intendanten als direkten Vertreter des Königs entweder nach La Rochelle oder nach Rochefort zu begleiten. Bei der letzten dieser Reisen nach Rochefort wurde der Theologe von Gabriel Migault, dem drittältesten Sohn des Lehrers Jean Migault, als dessen Diener begleitet. Der Pastor kannte ihn seit dessen zwölften Lebensjahr. Es sollte eine zeitlebens bestehende enge Verbindung zwischen beiden entstehen, wie die gemeinsame spätere Flucht nach Celle belegt.

Kirchenbücher im Château d’Olbreuse versteckt

Während der Reise mit dem Intendanten wurde Mauzé von Dragonern heimgesucht. Schließlich war auch das Pfarrhaus von Pastor de la Forest, in dem sich Offiziere einquartierten, Plünderungen ausgesetzt. Auch der reformierte temple [Kirche] in Mauzé wurde verwüstet. Weitsichtig hatte man die wichtigsten Gemeindedokumente, wie zum Beispiel die Kirchenbücher, im unweit gelegenen Château d’Olbreuse versteckt. Dort hatte die Celler Herzogin Eléonore d’Olbreuse das Licht der Welt erblickt und ihre Kindheit verlebt.

Protektion aus dem fernen Celle

Die reformierte Familie d’Olbreuse gewährte verfolgten Hugenotten so lange wie möglich Unterschlupf. Offensichtlich wirkte sich die Protektion aus dem fernen Celle zunächst noch als Schutz aus, weil Ludwig XIV. bei der Familie d’Olbreuse aus außenpolitischen Gründen noch Zurückhaltung übte. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes am 18. Oktober 1685, das den Reformierten bislang zumindest auf dem Papier Schutz gewährt hatte, wurden jedoch auch im Poitou die letzten reformierten Kirchengebäude zerstört, darunter auch das in Mauzé (bereits am 24. September 1685), wo Louis Suzannet de la Forest als Pastor wirkte.

Ein guter Bekannter des Theologen war der bereits erwähnte Lehrer Jean Migault. Als dessen erste Frau Elisabeth Fourestier (* um 1643 in Ruffigny de Chavagné; † 28. Februar 1683 in Mauzé) 1683 im Alter von 39 Jahren im Sterben lag, erwies sich der Theologe als ein einfühlsamer Seelsorger. Jean Migault berichtet: „Monsieur de la Forest, unser sehr ehrwürdiger Pastor, und auch die Mademoiselles de la Forest besuchten sie sehr oft. Diese barmherzigen Menschen verließen sie nicht eher, als bis Gott sein Werk an ihr vollendet hatte, indem er sie der Welt entzog.“

Schwestern von Louis Suzannet de la Forest landen im Gefängnis

Auch die beiden Schwestern des Theologen lebten in Mauzé. Die ältere namens Jeanne trug den Titel Mademoiselle de Puycouvert (Jeanne de la Forest de Puycouvert) und die jüngere namens Marie den Titel Mademoiselle de la Vergnais (Marie de la Vergnaye de la Forest). Nach einer gescheiterten Flucht aus Frankreich mit einem englischen Schiff wurden die beiden Schwestern am 23. April 1686 zusammen mit ihrer Nichte Anne de Chaufepié und zahlreichen weiteren Frauen auf der Insel Ré gegenüber der Stadt La Rochelle ins Gefängnis geworfen. Die Nichte beschreibt in einem längeren Bericht ihre „lichtlose, kothige Zelle“, in die auch die Demoiselles de la Forest eingesperrt wurden, um sie zum Übertritt zum Katholizismus zu nötigen.

Am 12. Mai 1697 wurden die adeligen Frauen in die Klöster La Fougereuse und de Fontenay überführt. Und doch ergab sich ein unerwartetes Ende des Martyriums. Henri Tollin berichtet: „Am 1. Juni 1688 wurden sie plötzlich, ohne zu wissen warum, auf ein holländisches Schiff gebracht, und so in ein Land der Gewissenfreiheit hinübergerettet, ohne je ihren reformirten Glauben verleugnet zu haben.“ Jeanne de la Forest de Puycouvert lebte später von 1696 bis 1705 und ihre Schwester Marie de la Vergnaye de la Forest von 1693 bis 1703 bei ihrem Bruder in Celle.

Hugenotten durften Glauben nicht mehr ausüben

Mit dem Edikt von Fontainebleau vom 18. Oktober 1685 wurde das Edikt von Nantes, das den Hugenotten bis dato unter Einschränkungen die Ausübung ihres Glaubens gestattete, widerrufen. Alle bekehrungsunwilligen reformierten Geistlichen mussten binnen zwei Wochen das Königreich Frankreich verlassen. Dazu gehörte auch Pastor Louis Suzannet de la Forest. Er gelangte auf dem Seeweg in die Vereinigten Provinzen (heute die Niederlande). Mit an Bord des Schiffes waren auch sein Neffe Monsieur Goribon, Gabriel Migault und Madedemoiselle de la Forest. Über Amsterdam führte die Reise unmittelbar weiter nach Celle, wo seine Verwandte Eléonore d’Olbreuse Herzogin war.

Eléonore d’Olbreuse umgab sich mit Landsleuten

Ihrer reformierten Konfession ist Eléonore d’Olbreuse im lutherisch geprägten Fürstentum Lüneburg zeitlebens treu geblieben. Auch um sich am Hofe ihres Mannes heimischer zu fühlen, umgab sich Eléonore, die von ihrer Schwägerin Sophie von Hannover (Sophie von der Pfalz) abschätzend „das Fräulein von Poitou“ genannt wurde, von Anbeginn mit Landsleuten, die ihrer reformierten Konfession angehörten. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich zahlreiche Poitevins nach ihrer Flucht aus Frankreich nach Celle begaben, wo sie in Eléonore Desmier d’Olbreuse eine engagierte Fürsprecherin fanden.

Celler Schloss als „rettende Arche“

Henri Tollin äußert: „Eleonorens Celler Schloss war, wie in Poitou das Schloss d’Olbreuse, die rettende Arche für die Untergehenden. Dort durften sie ihre Gottesdienste halten […]. Dort war ihre Heimat. Dort sammelte sich das protestantische Poitou.“ Angesichts der landsmannschaftlichen Zusammensetzung der Celler Hugenottenkolonie erwies sich Louis Suzannet de la Forest, der am 24. Mai 1686 seine erste Taufe in Celle vornahm, als eine optimale Besetzung für deren pastorale Betreuung.

1686/1688 kam es zur offiziellen Gemeindegründung. In den ersten Jahren wurden die Gottesdienste in den Wohngemächern der Herzogin im Celler Schloss gefeiert, die im dritten Geschoss lagen. Gabriel Migault, der den Beruf eines Perückenmachers erlernte, wurde 1687 Vorleser in der Französisch-reformierten Gemeinde, seit 1690 bekleidete er das Amt eines Ältesten und schließlich wurde er 1703 Diakon. Louis Suzannet de la Forest verstarb 1703 in Celle.

Quellen

L. FAYE: Histoire de Mauzé-sur-leMignon, Paris 1992 (Nachdruck der Ausgabe von 1855).

Andreas FLICK: „Drei Mal mehr Hugenottin … als Französin“? Herzogin Eléonore Desmier d’Olbreuse (1639-1722) (= Kleine Schriften zur Celler Stadtgeschichte, Bd. 10/Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, Bd. 47) Celle – Bad Karlshafen 2011.

Ursula FUHRICH-GRUBERT: Ursula: Jean Migault und Emden – Emden und Jean Migault, in: KRUMENACKER, Yves (Hg.): Das Journal von Jean Migault. Leiden und Flucht einer hugenottischen Familie (1682–1689) (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 37), Bad Karlshafen 2003, S. 125-137.

Eugène und Émile HAAG: La France protestante ou vies des protestants français qui se sont fait un nom dans l‘histoire. Depuis les premiers temps de la réformation jusqu‘à la reconnaissance du principe de la liberté des cultes par l‘Assemblée Nationale blée Nationale, tom 6, Paris 1856 [Artikel La Forest (Louis de), S. 215f.].

Yves KRUMENACKER (Hg.): Das Journal von Jean Migault. Leiden und Flucht einer hugenottischen Familie (1682–1689) (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 37), Bad Karlshafen 2003.

Yves KRUMENACKER: Les Protestants du Poitou au XVIIIe siècle (1681-1789) (= Vie des Huguenots, 1), Paris 1998.

Otto Erich STRASSER-BERTRAND: Die Evangelische Kirche in Frankreich (= Die Kirche in ihrer Geschichte, Bd. 3, Lieferung M 2), Göttingen 1975.

Henri TOLLIN: Geschichte der hugenottischen Gemeinde von Celle (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, II, 7 u. 8), Magdeburg 1893.

Seite „Mauzé-sur-le-Mignon“, in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie (7.7.2022).

Seite „Montauban“, in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie (5.4.2022).

Ev.-ref. Gemeinde Celle, Best. 1, Nr. 128 „Papier des Registres de Baptêmes, Mariages et autres choses qui s’administration l’Eglise Reformée receuille à Zele par le permission de Son Altesse Serenissime Monsigneur le Duc et par le Zele de son Altesse Serenissime Madame la Duchesse“ (Erstes Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde in Celle), 1686-1704.

Von Andreas Flick