Personalunion

Celle als zweite Residenz der Welfen

Auch nach dem Verlust der Residenz und dem Beginn der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien blieb die Bindung der Celler an die Welfen bestehen.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 20. Aug. 2022 | 06:00 Uhr
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Celle.

Das gesellschaftliche Leben in der Stadt Celle wurde lange Zeit von den im Schloss residierenden welfischen Fürsten bestimmt. Auch nach dem Verlust der fürstlichen Residenz im Jahre 1705 und dem Beginn der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien im Jahre 1714 blieb die Bindung der Bewohner der Stadt an das „angestammte Fürstenhaus“ bestehen. Häufige Besuche von Mitgliedern der welfischen Herrscherfamilie in Celle verstärkten diese Beziehungen.

Napoleonischen Kriege treffen Kurfürstentum Hannover

Nicht zu übersehen waren aber auch die Schwächen des Landes: Das Kurfürstentum Hannover verfügte nur über begrenzte Machtmittel zum Schutz und zur Verteidigung seines Territoriums gegen Angriffe von außen. Durch die Personalunion mit Großbritannien war es in seiner staatlichen Entwicklung von den politischen Entscheidungen in London abhängig, ohne dass der britische König zugleich die Sicherheit des Kurfürstentums in kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Mächten gewährleisten konnte. Dies wurde insbesondere in der Zeit der napoleonischen Kriege im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert deutlich, als Hannover wiederholt Schauplatz militärischer Konflikte wurde und als von fremden Truppen erobertes und besetztes Land unter erheblichen Belastungen zu leiden hatte. Unter diesen Bedingungen befand sich der Kurstaat stets in einer unsicheren Lage.

Niederlage der Franzosen gefeiert

In dieser historischen Phase konnte sich Großbritannien jedoch trotz der gegen das Land verhängten Kontinentalsperre als ein von Napoleon nicht zu besiegender Gegner behaupten. Deshalb herrschte im Kurfürstentum Hannover großer Jubel, als die Bevölkerung nach den in der Zeit der französischen Vorherrschaft in Deutschland erlittenen Unterdrückungen von der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig (Oktober 1813) erfuhr und die Menschen nun, befreit von der Fremdherrschaft, wieder als Untertanen des „angestammten Herrscherhauses“ der Welfen in Frieden leben konnten.

Celler sind treue Untertanen der Welfen

Einen Beweis ihrer Anhänglichkeit und Untertanentreue konnten auch die Bürger der Stadt Celle bereits kurz nach dem Ende des Befreiungskriegs gegen Napoleon erbringen. Als Herzog Ernst August von Cumberland auf seiner Durchreise nach Hannover am 4. November 1813 auch durch Celle kam, begrüßte ihn die Bevölkerung freudig. 1

Bedeutsam waren für Celle im weiteren Verlauf der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien auch Veränderungen, die sich in den 1830er Jahren im Königreich Hannover vollzogen. So wurde die Stadt, nachdem 1831 Herzog Adolph Friedrich von Cambridge, der Bruder des britischen Königs Wilhelm IV. (1765 bis 1837), in Hannover als Vizekönig seinen Wohnsitz genommen hatte, als zweite Residenzstadt des Königreichs Hannover eingestuft. Dazu erläutert Clemens Cassel: „Es waren geschichtliche, gesellschaftliche und kulturelle Zustände, auf die sich das Volk dabei stützte, obwohl das Allerstädtchen an Bevölkerungszahl bereits von vielen anderen Orten übertroffen wurde. Nur durch die 1705 erfolgte Angliederung der Lüneburgischen Lande an Calenberg war Hannover zu dem geworden, was es 1814 war, nämlich Königsresidenz [...]. Residenz dieses angegliederten, wertvolleren Landesteiles war Celle mit seinem verlassenen Herzogschlosse gewesen, das noch immer der Strahlenkranz der Erinnerung an die glänzenden Tage des Herzogs Georg Wilhelm und der stillen Dulderin, der dänischen Königin Karoline Mathilde, umschwebte.“ 2

Wechsel an der Spitze des welfischen Doppelkönigtums

Für die weitere Entwicklung des hannoverschen Staates wurde dann eine andere staatspolitische Veränderung entscheidend. Ursache dafür war ein Wechsel an der Spitze des welfischen Doppelkönigtums im Jahre 1837. Als am 20. Juni König Wilhelm IV. in London ohne erbberechtigte Nachkommen starb und nun Königin Victoria (1819 bis 1901) in direkter Erbfolge den britischen Thron bestieg, wurde in Hannover aufgrund einer anderen Thronfolgeregelung Ernst August, Herzog von Cumberland (1771 bis 1851), ein jüngerer Bruder Wilhelms und Onkel Victorias, der neue Monarch. Nach dem in Hannover geltenden Recht hätte die weibliche Erbfolge erst nach Erlöschen des Mannesstammes in beiden Linien des welfischen Hauses eintreten können. Aufgrund dieser unterschiedlichen Thronfolgeregelung endete 1837 die seit 1714 bestehende britisch-hannoversche Personalunion.

Personalunion endet

Der neue König von Hannover hatte sich den Ruf eines erzkonservativen Standesvertreters erworben, der ohne Rücksicht auf die Meinung und Wünsche der Untertanen eigene Interessen und Ziele verfolgte. Als Herzog von Cumberland gehörte er seit 1799 dem britischen Oberhaus an. Dort hatte er sich als „Hochtory“ profiliert, liberale Reformen stets abgelehnt und heftig bekämpft und sich allen Versuchen, die angestammten Rechte des Monarchen anzutasten, entschieden widersetzt. In Hannover blickte man deshalb, vor allem in liberalen Kreisen, mit Sorge auf den Regierungsantritt des neuen Herrschers.

Streit um Staatsgrundgesetz von 1833

Dass diese Befürchtungen nicht unbegründet waren, sollte sich bald nach der Ankunft des Königs in der neuen Residenz zeigen. Den Weg der Reformen wollte er nicht beschreiten. Dem Staatsgrundgesetz von 1833 hatte Ernst August schon bei der Unterzeichnung widersprochen. Da er bereits zu jenem Zeitpunkt davon ausgehen konnte, nach dem Tode Wilhelms IV. als neuer Herrscher auf den Welfenthron in Hannover zu gelangen, erschien es ihm unerlässlich, in die Beratung über den Entwurf einbezogen zu werden. „Dies geschah jedoch nur höchst unzulänglich. Man legte ihm lediglich ein Konzept zur Begutachtung vor, nicht aber die dem Entwurf gegenüber stark veränderte endgültige Fassung, der er deshalb auch seine Zustimmung verweigerte.“ 3

König Ernst August veranlasst Umbauten in der Stadt Celle

Besondere Aufmerksamkeit ließ auch König Ernst August der Stadt Celle zukommen. In der Zeit seiner Regentschaft, in der er fast jedes Jahr für einige Tage im Celler Schloss wohnte, wurden verschiedene bauliche Veränderungen vorgenommen. Dazu zählten die Vergrößerung des Speisesaals im Südflügel des Gebäudes, der Einbau der nördlichen Einfahrt sowie die Errichtung eines Treppenhauses im Hof und eines Flurgangs daneben.

Ebenso gehört zu den bedeutenden baulichen Maßnahmen während der Herrschaft dieses hannoverschen Königs die Errichtung des neuen Gebäudes für das Oberappellationsgericht, dessen Grundsteinlegung am 25. Juni 1840 erfolgte. Die Einweihung fand dann am 24. August 1843 statt. Die häufigen Besuche des Königs und anderer königlicher Gäste in dieser Zeit weckten in Verbindung mit den glanzvollen Festlichkeiten vielfältige Erinnerungen an vergangene Zeiten, als hier noch die Celler Welfenfürsten residierten.

Widerstände auch in Celle gegen autoritäre monarchische Politik

Allerdings fanden die Besuche dieses Königs aufgrund seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem wenige Jahre vor seinem Regierungsantritt in Hannover in Kraft getretenen Staatsgrundgesetz nicht immer die ungeteilte Zustimmung der Celler Bürger. Bei der Wahl für die vom König 1838 einberufene Ständeversammlung hatte sich eine Mehrheit gegen die von Ernst August verfolgte autoritäre monarchische Politik entschieden. Mehrfach wurde der Aufenthalt des Königs deshalb in diesen Jahren in Celle durch das oppositionelle Verhalten von Bürgern beeinträchtigt, die auf diese Weise ihren Widerstand gegen die von Ernst August vollzogene Aufhebung des Staatsgrundgesetzes zum Ausdruck bringen wollten. 4

Höfisches Leben kehrt nach Celle zurück

Ernst August ist bis zur Gegenwart in Bezug auf seine historische und politische Einordnung eine umstrittene Persönlichkeit geblieben. Clemens Cassel charakterisierte diesen hannoverschen König in seiner Darstellung zur Geschichte der Stadt Celle als „eine mannhafte, scharf ausgeprägte Persönlichkeit, barsch, oft launisch und eigenwillig und entschiedener Gegner des Liberalismus“, und als einen Herrscher, „der, wie er 1848 in einer Ansprache erklären konnte, ‚nie das sagt, was er nicht wirklich meint, und nichts verspricht, was er nicht halten wird.‘“5

Instandsetzung des Barocktheaters und Wiederherstellung der zerstörten Hofkapelle

Weitere Höhepunkte in der Zeit danach stellten die Besuche Georgs V. (1819 bis 1878), der 1851 Ernst August auf dem Welfenthron gefolgt war, dar. Auch in dessen Regierungszeit konnte in Verbindung mit den zahlreichen Besuchen des Königs und der ihn begleitenden Mitglieder des Fürstenhauses in Celle von einer Wiederbelebung des höfischen Lebens gesprochen werden. Dazu zählten auch weitere bauliche Maßnahmen wie die Instandsetzung des Barocktheaters und die Wiederherstellung der während der französischen Besetzung zerstörten Hofkapelle. Die in dieser Zeit in Celle veranstalteten Empfänge und prunkvollen Hofbälle sowie die dargebotenen Schauspiele brachten neues Leben in die Residenz.

Lustspiele, Opern und Ballette im neu ausgestatteten Celler Schlosstheater

Einen anschaulichen Eindruck von dem Geschehen in diesen Jahren vermittelt Clemens Cassel: „Das waren immer Tage des Jubels und Stolzes, wenn der König, sei es allein oder in Begleitung der Königin Marie, des Kronprinzen Ernst August, der Prinzessinnen Friederike und Mary oder anderer Verwandten [...] in der reich mit Fahnen und Laubgewinden geschmückten Allerstadt anwesend war. Da gab es Lustspiele, Opern und Ballette in dem 1855 auf des Königs Befehl neu ausgestatteten Schlosstheater, Diners, Soupers und Bälle für die hoffähigen Gesellschaftsklassen, Feuerwerke in den Kaffeegärten, Gesang- und Musikständchen, genau wie bei Vaters Zeiten, doch kam die Kunst dabei mehr zur Geltung.“ 6

Diners, Soupers und Bälle für hoffähige Gesellschaftsklassen

Als ein besonderes Ereignis sollte auch der im Jahre 1866 geplante Besuch des hannoverschen Königs in Celle gestaltet werden. Georg V. beabsichtigte, zum Pfingstfest mit großem Anhang in die Allerstadt zu kommen und im Schloss zu wohnen. Es waren umfangreiche Empfangsfeierlichkeiten vorgesehen, wenn der König, begleitet von der gesamten königlichen Familie sowie dem Herzog von Braunschweig, dem Herzog Joseph und der Prinzessin Marie Therese von Sachsen-Altenburg, wie geplant, am ersten Pfingsttage (21. Mai) mit einem Sonderzug hier eintreffen würde. Die Bevölkerung sah diesem Ereignis mit gespannter, freudiger Erwartung entgegen. 7

Celler enttäuscht über abgesagten Besuch von König Georg V.

Groß war dann aber die Enttäuschung, als die Bewohner der Allerstadt am 15. Mai 1866 erfuhren, dass „Se. Majestät der König den für Celle in Aussicht gestellten Besuch einstweilen aufschieben wolle“. 8

Zur erneuten Ankündigung eines Besuches des hannoverschen Königs in Celle kam es danach aber nicht mehr. Die zeitweise Wiederkehr eines höfischen Lebens im Celler Schloss fand bereits kurz nach dieser Absage ein jähes Ende. Wenige Wochen nach dem gescheiterten Besuch Georgs V. befand sich das Königreich an der Seite Österreichs im Krieg gegen Preußen.

Quellen

1 Aufzeichnungen für 1813 in den Archidiakonatsakten, zit. nach: Archidiakonus Rauterberg: Aus Celles Vergangenheit, in: Cellesche Zeitung v. 25.4.1892.

2 Vgl. Clemens Cassel; Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes- und Kulturlebens der Bewohner, herausgegeben von der Stadt Celle, zweiter Band. Celle 1934, S. 308.

3 Mijndert Bertram: Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates, herausgegeben im Auftrag des Museums-Vereins für Volkskunde, Kunst- und Landesgeschichte in Celle. Hannover 2003, S. 54.

4 Vgl. Cassel, wie Anm. 2, S. 312ff.

5 Cassel, wie Anm. 2, S. 312.

6 Cassel, wie Anm 2, S. 317. Vgl. hierzu auch Otto Sroka/Daniela Guntner: Damals. Celle vom 19. zum 20.Jahrhundert, Band II. Celle 1985, S. 4.

7 Vgl. Cellesche Anzeigen (fortan CA) v. 17.4.1866,28.4.1866 u. 12.5.1866, Vgl. hierzu auch Sroka/Guntner , wie Anm. 6, S. 8f..

8 CA v. 15.5.1866; ebenso Sroka/Guntner, wie Anm. 6, S. 9.

Von Karl-Heinz Buhr