Nach Reichsgründung

Ungestümer Vorwärtsdrang

Nach dem Entstehen des Deutschen Kaiserreichs im Jahre 1871 wuchs dessen Drang nach Erweiterung von Macht und Einflussnahme in Europa und in der Welt.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 02. Dez. 2022 | 12:43 Uhr
  • 02. Dez. 2022
Das Kaiserpaar zu Besuch in Celle im Juni 1913.
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Celle.

Der siegreiche Kaiser als führender Repräsentant einer geeinten Nation, die durch die gewonnene Stärke nach dem erfolgreichen Waffengang im Bewusstsein der Bevölkerung nach Erweiterung ihrer Macht und Einflussnahme in Europa und in der Welt verlange − diese Vorstellungen bestimmten nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 in zunehmendem Maße die politische Einstellung und Orientierung eines Großteils der deutschen Bevölkerung und ließen auch hierzulande immer mehr Menschen von einer glorreichen Zukunft ihres „Vaterlandes“ träumen. Solche Überlegungen und Zielsetzungen gewannen in den nachfolgenden Jahrzehnten ebenso in der offiziellen Politik an Bedeutung und wurden dann auch zur Richtschnur des Regierungshandelns.

„Ein machtvolles Vaterland“

Die im nationalen Interesse anzustrebende „Weltmachtgeltung“ des deutschen Kaiserreiches schlug sich in jenen Jahren auch in zahlreichen Denkmälern nieder, die an „alte deutsche Kaiserherrlichkeit“ erinnern und zugleich Sinnbild der aufwärtsstrebenden und als geschlossene Einheit auftretenden Nation sein sollten. Ein Beispiel dafür ist das 1883 eingeweihte „Nationaldenkmal auf dem Niederwald“ bei Rüdesheim, für dessen Errichtung auch die Celler Bürgerinnen und Bürger einen namhaften finanziellen Beitrag im Rahmen einer Sammlung zur Verfügung stellten. Dieses Bauwerk, so wurde in der „Celleschen Zeitung“ betont, ist „errichtet worden […] von der gesammten Nation zum Andenken an die deutschen Kämpfe und Siege zum Preise der deutschen Einigkeit und Freiheit und zur Verherrlichung der Wiederaufrichtung des Reiches und der deutschen Kaiserkrone“.1

Um auf diese Weise „den Sinn für des Vaterlandes Macht und Herrlichkeit und für die Bedingungen derselben neu zu beleben“, will man sich nicht durch den von „inneren Streitigkeiten“ und Kämpfen bestimmten „Parteigeist“ beirren lassen. Sonst entstehe die Gefahr, dass die Nation „auf falsche Wege geräth und den Sinn für diejenigen Verhältnisse verliert, die recht eigentlich die Wurzeln ihrer Kraft und Größe sind“.2

Wie überall in Deutschland, nahmen auch in der heimischen Presse die Betrachtungen zur Entwicklung des „aufblühenden Deutschen Reiches“ in der Folgezeit einen breiten Raum ein. Mit Stolz verwies man dabei auf die seit der Reichsgründung erreichte politische Bedeutung und Machtentfaltung des Kaiserreiches und verband damit die Überlegung: „Muß denn nicht das Herz eines jeden Deutschen höher schlagen, wenn er zum Beispiel bedenkt, welch’ hohe Culturstufe sein Vaterland unter allen Ländern der Erde einnimmt, wenn er bei jeder Gelegenheit erfährt, daß das Deutsche Reich eine Macht repräsentiert, welche zu den entscheidenden gehört. Und dies Alles dankt er dem Blute seiner Söhne, der Einheit seiner Fürsten und dem klugen Walten seiner Staatsmänner.“ Im Zusammenhang mit diesen Aussagen wird dann unter Berücksichtigung der Größe des Staatsgebietes und der Bevölkerungszahl eine Einordnung Deutschlands in das europäische Staatengefüge vorgenommen und festgestellt: „Unter den europäischen Staaten gehen dem Deutschen Reiche an Flächeninhalt Russland und Oesterreich-Ungarn, an Bevölkerungszahl nur Russland voran.“3

Das Nationaldenkmal auf dem Niederwald bei Rüdesheim zur Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871. Auf diesem Denkmal wird Kaiser Wilhelm I. abgebildet, umgeben von deutschen Fürsten und Vertretern des deutschen Volkes. Abbildung aus der Celleschen Zeitung vom 28. September 1883.

Besondere Beachtung, so wurde betont, verdienten bei diesem Vergleich mit den anderen europäischen Mächten die tiefgreifenden Veränderungen und Umwälzungen, die sich in Deutschland im Verlauf des 19. Jahrhunderts vollzogen hätten. Dies gelte vor allem für die seit 1816 eingetretene Verdoppelung der Bevölkerung, die als „gewaltige jährliche Vermehrung“ zu bewerten sei. Von herausragender wirtschaftlicher Bedeutung seien „unsere Reichtümer an Land und an Bodenschätzen“ und die in Verbindung mit diesen Ressourcen erbrachten Leistungen der arbeitenden Bevölkerung in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Bergbau und im Bereich der industriellen Produktion. Diese enormen Fortschritte und Erfolge seien jedoch erst durch die Gründung des Deutschen Reiches und die politische Weisheit der Staatsführung möglich geworden. Ein besonderer Dank gebühre dabei dem an der Spitze des Staates stehenden Kaiser, ohne dessen zielstrebiges und vertrauenswürdiges Handeln Deutschland eine so bedeutende Stellung in der Welt und ein solches Ansehen unter den Völkern Europas nicht hätte erreichen können.4

Am 15.Juni 1888 bestieg nach dem frühen Tod Friedrichs III. sein noch junger Sohn Wilhelm, der den Titel Wilhelm II. annahm, den Kaiserthron. Wie sein Großvater Wilhelm I., so sah auch Wilhelm II. im Gottesgnadentum die Legitimationsgrundlage seiner Regentschaft. Mit dem Regierungsantritt dieses jungen Kaisers verbanden viele Menschen in Deutschland hohe Erwartungen. Sein bisheriges Leben war von einem unaufhaltsamen Aufstieg Preußens und Deutschlands begleitet. Mit dieser Entwicklung vergleichbar war auch sein eigener Weg verlaufen, der ihn bereits im 29. Lebensjahr auf den Kaiserthron geführt hatte.

Ein junger Kaiser besteigt den Thron

Voller Tatendrang wollte er nun Politik nach eigenen Vorstellungen gestalten. Er war in einer Zeit aufgewachsen, in der Deutschland mit der Reichsgründung und einer dynamischen industriellen Entwicklung einen Aufschwung erfahren hatte, durch den das neue Kaiserreich zu einer führenden europäischen Großmacht aufgestiegen war. Besonnenheit und Beharrlichkeit im Sinne der von Bismarck betonten Politik einer Festigung des Deutschen Reiches nach innen und einer Absicherung des neuen Nationalstaates nach außen (das Deutsche Reich als „saturierter“ Staat) – diese Vorstellungen und Leitgedanken wollte Wilhelm II. für seine Regentschaft so nicht gelten lassen. In Verbindung mit dem Regierungsantritt dieses neuen Herrschers wurde deshalb auch von besorgten Beobachtern die Frage gestellt, ob nicht der ungestüme Vorwärtsdrang des Kaisers und die von ihm erhobenen politischen Ansprüche und angestrebten Ziele den Widerstand anderer Mächte heraufbeschwören mussten und dadurch das Reich trotz seiner beachtlichen industriellen und militärischen Stärke in eine bedrohliche Isolierung geraten könnte.

Kanzler Bismarck muss Abschied nehmen

Angesichts der vom Kaiser beanspruchten Machtposition und der von ihm propagierten politischen Ziele war der Konflikt mit dem preußischen Ministerpräsidenten und Reichskanzler Otto von Bismarck vorgezeichnet. Zu Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten des Kaisers mit Bismarck, dessen Leistungen im Zusammenhang mit der Gründung des neuen Reiches er in jungen Jahren Hochachtung und Anerkennung entgegengebracht hatte, war es schon bald nach dem Beginn der Regentschaft Wilhelms II. gekommen. Als besonders gravierend erwiesen sich dabei die Auseinandersetzungen um die Gestaltung der Sozial- und Außenpolitik. Im Unterschied zu Wilhelm II. plädierte Bismarck in der Konfrontation mit der Arbeiterbewegung für eine Verlängerung des Sozialistengesetzes. Und im Zusammenhang mit dem vom Reichskanzler entwickelten Bündnissystem widersetzte sich der Kaiser der von Bismarck im Interesse der Absicherung des Reiches angestrebten Verlängerung des Rückversicherungsvertrages mit dem Zarenreich. Diese grundsätzlichen Differenzen ließen eine kontinuierliche fruchtbare Zusammenarbeit des selbstbewussten Monarchen mit dem auf eine lange Erfahrung zurückblickenden Kanzler nicht zu, so dass es zum Bruch mit Bismarck und schließlich am 20. März 1890 zur Entlassung des Reichskanzlers kam.5

Die britische Zeitung „Punch“ kommentierte diesen Vorgang am 29. März 1890 in einer berühmten Karikatur von Sir John Tenniel mit dem vieldeutigen Hinweis: „The pilot leaves the ship“ – „Der Lotse geht von Bord“.

Wilhelm II. will „Weltgeltung“

Als Emporkömmling, der innere Unsicherheit und eine körperliche Behinderung (den von Geburt an verkürzten Arm) durch seine Vorliebe für militärisches Gepränge, Imponiergehabe, forsches Auftreten und markige Reden zu kompensieren versuchte, repräsentierte Wilhelm II. zugleich den Geist und die Lebensart der Gesellschaft des kaiserlichen Deutschlands im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Als ruhmreicher Herrscher wollte er in die Annalen des Hohenzollernhauses eingehen. Unter seiner Regentschaft sollte das Reich alle anderen Mächte in Europa überstrahlen.

Neben den alten Machteliten aus Adel und Großgrundbesitz waren in der Gesellschaft des Kaiserreiches neue Gruppierungen und Kräfte wie die führenden Vertreter aus Finanzwirtschaft und Großindustrie aufgestiegen. Zu den Eliten gehörten ebenso das Offizierskorps, die höheren Beamten und ein Großteil der Hochschulprofessoren sowie die Mehrheit des Besitzbürgertums, die in besonderer Weise von dem wirtschaftlichen Aufschwung in Verbindung mit der fortschreitenden Industrialisierung profitieren konnten.

Und es gab viele Gelegenheiten, die neu gewonnene Stärke des Reiches in demonstrativer Form zum Ausdruck zu bringen: Stapelläufe, Flottenparaden und besondere das Herrscherhaus betreffende Anlässe (wie zum Beispiel „Kaisers Geburtstag“). Ebenso boten Gedenkveranstaltungen wie die Sedanfeiern oder die Einweihung „nationaler Denkmäler“ (Beispiele dafür waren das bereits erwähnte Niederwalddenkmal bei Rüdesheim und das 1897 im Mündungswinkel von Mosel und Rhein errichtete Reiterstandbild Wilhelms I.) die Möglichkeit, das Bewusstsein für die „Macht und Größe der deutschen Nation“ zu stärken. Selbst im kleinbürgerlichen Milieu war dieses Gefühl einer neuen Wertschätzung und Teilhabe an der „deutschen Weltmachtstellung“ spürbar. Und so war auch in Celle in mancher Wohnung an bevorzugter Stelle in der „guten Stube“ das Bild des Kaisers angebracht, daneben Fotos aus der Militärzeit des Familienoberhauptes. Zugleich bestärkten diese „Erinnerungsstücke“ die Menschen in dem Gefühl, „dazuzugehören“ und an diesem grandiosen Aufstieg der deutschen Nation teilhaben zu können.

Einen herausragenden Platz in der Gesellschaft des Kaiserreiches nahm das Militär ein. Die Uniform wurde auch von hochrangigen Beamten und Politikern bei öffentlichen Veranstaltungen getragen.

Die sich in solchen Erscheinungen im Bewusstsein der Öffentlichkeit widerspiegelnden Veränderungen nahmen oftmals groteske Formen an. Einen Eindruck davon konnte man zum Beispiel bei der Einweihung des von Paul Wallot gebauten Reichstagsgebäudes in Berlin am 5. Dezember 1894 gewinnen, an der auch Kaiser Wilhelm II. teilnahm. Die Schlusssteinlegung dieses Bauwerkes am Königsplatz glich ebenso wie die Zeremonie bei der Grundsteinlegung zehn Jahre zuvor mehr einem militärischen Schauspiel als einer dem besonderen Anlass entsprechenden Feier. Von einer gebührenden Vertretung des deutschen Volkes konnte an diesem Tage nicht die Rede sein. Ein „Gewoge und Geglitzere von Uniformen, wie ein Aehrenfeld“, bestimmte das Bild, „hier und da durch einige schwarze Punkte, Abgeordnete im Frack, unterbrochen“.6

Auch der Reichstagspräsident, der konservative Abgeordnete von Levetzow, war in der Uniform eines preußischen Landwehrmajors der Reserve erschienen. Kritisch wurde dazu in einem Kommentar der liberalen „Vossischen Zeitung“ vermerkt: „Der Präsident des Reichstages ist der Herr des Hauses, er ist der höchste Gebieter in seinen Räumen. Der Major aber ist der Untergebene schon jedes Oberstleutnants und hat ihm seine Reverenz zu machen. […] Aber gestern hatte der Major nichts zu tun […], sondern nur der Präsident des deutschen Reichstages, der freigewählte Vertrauensmann der Volksvertretung, und darum hätten wir gewünscht, er hätte diese hohe Würde auch durch das Gewand des freien Mannes angedeutet.“7

Fortsetzung folgt

Quellen

1 Cellesche Zeitung (fortan CZ) v. 28.9.1883.

2 Ebd.

3 Zit. nach: Otto Sroka; Daniela Guntner: Damals. Celle vom 19. zum 20. Jahrhundert, Band II. Celle 1985,

S. 121.

4 Zit. nach: Sroka/Guntner, wie Anm. 3, S. 122.

5 Vgl. Heinrich August Winkler: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum

Untergang der Weimarer Republik. München 2000, S. 258ff.

6 Michael, S. Cullen; Der Reichstag. Die Geschichte eines Monumentes. Berlin 1983, S. 236.

7 Zit. nach: Winkler, wie Anm. 5, S. 279f.

Von Karl-Heinz Buhr