Louis Suzannet de la Forest

Ein reformierter Pastor aus Frankreich in Celle

Im 17. Jahrhundert floh der reformierte Pastor Louis Suzannet de la Forest aus Frankreich nach Celle. So lebte und wirkte der Geistliche an der Aller.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Okt. 2022 | 06:05 Uhr
  • 15. Okt. 2022
Ansicht 1778 – einziges bekanntes Ölgemälde des Celler Schlosses im 18. Jahrhundert.
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  • 15. Okt. 2022 | 06:05 Uhr
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Celle.

Im Sachsenspiegel vom 17. September ging es um das pastorale Wirken des reformierten Pastors Louis Suzannet de la Forest (Delaforest) in Mauzé, der einstigen Heimatgemeinde der Celler Herzogin Eléonore d’Olbreuse. 1686 wurde er seitens der Obrigkeit vor die Wahl gestellt, entweder katholisch zu werden oder binnen zwei Wochen Frankreich zu verlassen. Er entschied sich für das Exil. Mit dem Schiff reise er unter anderem in Begleitung des 16-jährigen Gabriel Migault und seiner Frau Esther Allaire zunächst in die Vereinigten Niederlande. Über Amsterdam führte die Reise unmittelbar weiter nach Celle, wo die mit ihm verwandte Herzogin Eléonore d’Olbreuse lebte.

Der adelige Theologe sollte der erste offizielle Pastor der 1686/1688 gegründeten Französisch-reformierten Gemeinde in Celle werden. Unbekannt ist, wo er in Celle zusammen mit seiner Frau wohnte. Spekuliert wird, dass er unter anderem im Haus der Herzogin am Großen Plan 3 (heute Robert-Meyer-Platz) gewohnt hat.

Gottesdienste in herzoglichen Wohngemächern im Celler Schloss

Die Wohngemächer der Herzogin im Celler Schloss, in denen zunächst die französisch-reformierten Gottesdienste gefeiert wurden, lagen im dritten Obergeschoss. Ein Zimmer fungierte als gottesdienstlicher Versammlungsort der anfangs noch kleinen höfischen Hugenottengemeinde in Celle. Bevor Louis Suzannet de la Forest in Celle eintraf, war von 1683 an als Pastor der noch inoffiziellen hugenottischen Hofgemeinde der aus der Normandie stammende Prediger Etienne de Maxuel de la Fortière tätig. Er hatte bereits in Zeiten der Verfolgung die reformierte Kirchengemeinde von Le Mans betreut. Ob vor 1683 reformierte Theologen Dienste für die Herzogin und die übrigen Hugenotten bei Hofe leisteten, ist unbekannt.

Unterschrift von Pastor Louis Suzannet de la Forest (Delaforest) im Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde Celle.

Bereits am 24. Mai 1686 taufte Louis Suzannet de la Forest erstmals in Celle ein Kind. Die Taufen fanden zunächst nur nach vorheriger Genehmigung der Herzogin nachts in einem Zimmer, das zu den Gemächern der Herzogin zählte, statt „wegen der Schwierigkeiten, welche die lutherischen Geistlichen der Taufe durch unseren reformirten Pastor entgegenstellten“. Eine offizielle Französisch-reformierte Gemeinde, deren Ordnung der Französischen Kirchenordnung entsprach, gab es damals noch nicht.

Leitungsgremium mit Pastor und lebenserfahrenen Männern

Bis zur Bildung eines die Kirchengemeinde leitenden Consistoire (Presbyterium), das die kirchenrechtliche Voraussetzung für die Bildung einer Hugenottengemeinde war, dauerte es noch bis zum Jahr 1688. Dieses Leitungsgremium setzte sich – neben dem Pastor – aus verheirateten, lebenserfahrenen Männern zusammen, die eine angesehene Berufsposition erreicht haben. „Im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat, Amen.“ Mit diesen Worten begann Pastor de la Forest die Wahl des die Gemeinde leitenden Consistoire. „Mit Erlaubnis des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg-Zell und durch den Eifer der Herzogin seit 2 ½ Jahr als Pastor der reformierten Flüchtlingsgemeinde in Celle bestellt, ohne jemand zur Seite zu haben, der ihn mit Rath in der Führung der Heerde unterstützte, habe er sich immer von Herzen danach gesehnt, aus der Versammlung einige Herren sich zuzugesellen, um Gemeinde-Angelegenheiten zu ordnen und der Verteilung der Armenheller vorzustehen. Darum habe er die Frau Herzogin gebeten, ihre Augen auf 4-5 Personen zu richten, die mit ihm eintreten könnten für das Wohl und die Erbauung der Gemeinde“, schreibt Henri Tollin. Mit Genehmigung der Herzogin wurden schließlich angesehene Höflinge in dieses Amt berufen. Fortan ergänzte sich das Presbyterium selbst durch Kooptation, wobei den Gemeindegliedern allerdings ein Einspruchsrecht zugebilligt wurde. Für lutherische Gemeinden war damals eine Gemeindeleitung durch Laien noch absolut undenkbar.

Doch selbst nach der Bildung dieses Leitungsgremiums blieb Pastor de la Forest noch der Rechnungsführer seiner Gemeinde. Dabei hatte er – ausgenommen bei höheren Beträgen – eine sehr große Entscheidungsfreiheit bei den Ausgaben, insbesondere im Bereich der Diakonie. Alle Vierteljahre gab der Theologe seinen Kirchenältesten Rechenschaft über die Einnahmen und Ausgaben.

Der zuvor erwähnte Gabriel Migault, der den Beruf eines Perückenmachers erlernt hatte, wurde zunächst bezahlter Lektor und Kantor der Gemeinde, wobei die Herzogin einen beträchtlichen Finanzzuschuss gab. 1690 wurde er Ältester und schließlich 1703 Diakon.

Taufe eines Juden aus Metz

In den ersten Jahren predigte Pastor de la Forest sonntags, mittwochs und freitags. In seiner Amtszeit von 1686 bis zu seinem Tod im Jahr 1703 gestaltete der Theologe zahlreiche Taufen, Trauungen und Bestattungen. Unter ihm kam es auch zu der einzigen Judentaufe in der Geschichte der Celler französisch-reformierten Kirchengemeinde. Der Theologe und seine Frau Esther Allaire unterwiesen über einen längeren Zeitraum hin den 30-jährigen französischsprachigen Marcus Everard („juif de nation“) aus Metz in den Grundlagen des christlichen Glaubens. Am 8. September 1686 wurde er auf den Vornamen des Pastors Louis getauft. Da er aber Analphabet war, konnte er sein Taufprotokoll nicht eigenhändig unterzeichnen.

"Ein Mann aus gutem Hause"

Aus der Frühzeit des Wirkens von Pastor Louis Suzannet de la Forest in Celle liegt ein Bericht aus der Feder des italienischen Reiseschriftstellers Gregorio Leti vor, der ebenfalls der reformierten Konfession angehörte. Seine Personenbeschreibungen erweisen sich in seinem Buch „Abrégé de l’histoire de la maison sérénissime et electorale de Brandenbourg“ zugegebenermaßen zum Teil als anbiedernde Schmeicheleien für die Genannten: „Die Stadt [Celle] ist nicht so klein, wie ich sie mir vorgestellt habe. Die herrschende Religion ist die des Fürsten, der Lutheraner ist, aber die Katholiken haben nicht darunter zu leiden. Im Augenblick findet man hier auch die Reformierten, wegen der Frau Herzogin, die seit kurzem mit Zustimmung seiner Durchlaucht des Herzogs für sich und für die anderen Reformierten, die es am Hofe gibt oder die in der Stadt wohnen, einen Pastor hat kommen lassen. Dieser Pastor heißt Herr de la Forest. Er ist ein Mann aus gutem Hause, führt ein musterhaftes Leben, ist gut erzogen und ein Gelehrter. Zur Zeit predigt er gewöhnlich im Zimmer Ihrer Durchlaucht der Herzogin, und das soll so lange geschehen, bis die Zahl der Anhänger dieser Religion groß genug ist, um eine Kirche zu benötigen. Bis jetzt aber ist deren Zahl noch nicht groß genug, denn es sind erst wenige französische Flüchtlinge hier angekommen. Als ich hier war, waren am Hof und in der Stadt noch nicht einmal 150 Mitglieder dieser Gruppierung vorhanden. Die Frau Herzogin bezeigt für die Religion so viel Eifer und Andacht, daß sie ganz einfach nicht frömmer sein könnte.“

Hugenotten errichten im Jahr 1700 in Celle ihren „Temple“

Erst als in der Residenzstadt die Zahl der reformierten Glaubensflüchtlinge auf circa 300 Personen angewachsen und die in Celle lebenden Hugenotten nach dem Frieden von Rijswijk keine Perspektive zur Rückkehr in ihre französische Heimat sahen, erschien ein eigenes Kirchengebäude notwendig. Der Vorschlag der Repräsentanten der Französisch-reformierten Gemeinde in der neu errichteten Westceller Vorstadt, in der die meisten herzoglichen Beamten und Offiziere lebten, ein gemeinsames Kirchengebäude für Lutheraner und Reformierte zu errichten, wurde sowohl seitens der lutherischen Kirche als auch der Obrigkeit abgelehnt. So errichteten die Hugenotten im Jahr 1700 mit herzoglicher Genehmigung alleine ihren „Temple“, die heutige Evangelisch-reformierte Kirche. Da die Spenden und Zuwendungen für den rund 5000 Reichstaler kostenden Kirchenbau inklusive Innenausbau nicht ausreichten, gewährte Pastor de la Forest seiner eigenen Kirchengemeinde ein Darlehen von 1350 Talern, die er sich jedoch selber zuvor geborgt hatte. Dafür erhielt er die auf dem Kirchengrundstück stehenden Gebäude abgesehen von der Kirche und den Garten als Hypothek. Am 19. Dezember 1700 fand der erste Gottesdienst im „Templum a Gallis reformatis aedificatum“ statt, in welchem Pastor de la Forest die Vormittagspredigt hielt.

Allerdings fanden weiterhin reformierte Hofgottesdienste in den Gemächern der Herzogin statt, die von dem jeweiligen hugenottischen Hausgeistlichen der Herzogin, zunächst dem poiteviner Pfarrer Pierre Dunoyer und danach François Jodouin, der zuvor auch die Französisch-reformierte Gemeinde in Lüneburg betreut hatte, gestaltet wurden.

Geldsorgen plagen Celler Hugenottenpastor Louis Suzannet de la Forest

Als de la Forest über 60 Jahre alt war, zeigten sich zunehmend Spuren seines Alters, hinzu kamen Geldsorgen, da seine Gehaltszahlungen unregelmäßig eingingen. Die schwierige Situation des Celler Hugenottenpastors wurde selbst in den holländischen Synoden bekannt. Als die Synode von Arnheim 1696 einen Hilfsprediger anbot, stieß das Celler Consistoire auf unerwarteten Widerstand der Celler Herzogin. Da sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechterte, bat Pastor Louis Suzannet de la Forest am 7. August 1698 darum, einen Theologen namens Portal als zweiten Pfarrer anzustellen. Doch scheint dieser – trotz der Einwilligung des Consistoire – sein Amt nicht angetreten zu haben. Erst 1702 übernahm der zuvor erwähnte – aus dem Poitou stammende – Hauskaplan der Herzogin Pierre Dunoyer die Hälfte aller Amtshandlungen.

Theologe stirbt ohne Nachkommen

Das letzte Sitzungsprotokoll des Consistoire, das Pastor Louis Suzannet de la Forest im Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde unterzeichnete, stammt vom 1. Juli 1703. Der Theologe verstarb ohne Nachkommen über 65-jährig am 25. Juli 1703 und wurde in Celle auf dem Neuenhäuser Friedhof beigesetzt. Seine Frau Esther Allaire war bereits am 2. Juni 1690 verstorben. Die 200 Francs, die der Pastor seiner französisch-reformierten Gemeinde vermacht hatte, wurden am 23. Dezember 1703 von seinen beiden Schwestern Marie de la Vergnaye de la Forest und Jeanne de la Forest de Puycouvert, die ebenfalls als Glaubensflüchtlinge nach Celle gekommen waren, ausgezahlt.

Als 1766 Reperaturarbeiten am Grab des Theologen notwendig waren, kam seine ehemalige Kirchengemeinde für die Kosten auf, da es in Celle keine Angehörigen mehr gab. Wann das Grab aufgehoben wurde, ist unbekannt.

Quellen

Wilhelm BEULEKE: Hugenotten in Niedersachsen (= Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Bd. 58), Hildesheim 1960.

Andreas FLICK: Flucht vor Folter und Plünderei. Pastor Louis Suzannet de la Forest war ein Verwandter der Celler Herzogin Eléonore d’Olbreuse, in Cellesche Zeitung (Sachsenspiegel), 17. September 2022, S. 44.

Andreas FLICK: 1700-2000: 300 Jahre Evangelisch-reformierte Kirche in Celle, in: Celler Chronik 9. Beiträge zur Geschichte und Geographie der Stadt und des Landkreises Celle, Celle 2000, S. 58-101.

Andreas FLICK: Gregorio Leti und sein Bericht über den Celler Hof aus dem Jahre 1687, in: Celler Chronik 8. Beiträge zur Geschichte und Geographie der Stadt und des Landkreises Celle, Celle 1998, S. 63-101.

Gregorio LETI: ABREGÉ DE L’HISTOIRE DE LA MAISON SERENISSIME ET ELECTORALE DE BRANDENBOURG. Avec les Portraits des Princes, & Princesses, Ministres d’Etat, Officiers, Dames, & Cours Sérénissimes de Brandebourg, Brunsuic, Hesse, Meckelbourg, & Nassau, Amsterdam 1687.

Yves KRUMENACKER (Hg.): Das Journal von Jean Migault. Leiden und Flucht einer hugenottischen Familie (1682–1689) (= Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, 37), Bad Karlshafen 2003.

Silke LINDEMANN: Jüdisches Leben in Celle. Vom ausgehenden 17. Jahrhundert bis zur Emanzipationsgesetzgebung 1848 (= Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte, Bd. 30), Bielefeld 2004.

Henri TOLLIN: Geschichte der hugenottischen Gemeinde von Celle (= Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, II, 7 u. 8), Magdeburg 1893.

Ev.-ref. Gemeinde Celle, Best. 1, Nr. 129: „Papier des Registres de Baptêmes, Mariages et autres choses qui s’administration l’Eglise Reformée receuille à Zell par le permission de Son Altesse Serenissime Monsigneur le Duc et par le Zele de son Altesse Serenissime Madame la Duchesse“ (Erstes Kirchenbuch der Französisch-reformierten Gemeinde in Celle), 1686-1704.

Evangelisch-reformierte Gemeinde Celle, Bestand 1, Nr. 122: Unterhaltung des Grabsteins des verstorbenen Pastoren Delaforest auf dem Neuenhäuser Friedhof, 1766-1767.

 

Von Andreas Flick