Industrialisierung im 19. Jahrhundert

So profitierte Celle vom technischen Fortschritt

Der Beginn der Industrialisierung im Königreich Hannover verlief schleppend. Dennoch: Celle profitierte im 19. Jahrhundert vom Ausbau der Infrastruktur. Der Wandel offenbarte aber auch Schattenseiten.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 19. Nov. 2022 | 06:05 Uhr
  • 23. Nov. 2022
Der hannoversche König Georg V. (1819 bis 1878) zeigte wenig Verständnis für den tiefgreifenden Wandlungsprozess.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 19. Nov. 2022 | 06:05 Uhr
  • 23. Nov. 2022
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Georg Egestorff (1802 bis 1868), ein Sohn des Unternehmers Johann Egestorff aus Hannover. Er übernahm 1834 die Leitung der Geschäfte.
Celle.

Aufgrund des technischen Fortschritts und der durch die Industrialisierung im Verlauf des 19. Jahrhunderts bedingten grundlegenden Veränderungen im Bereich der Güterproduktion und des Handels wurde der Ruf nach einer Liberalisierung der Wirtschaft immer lauter. Solche aus der Bürgerschaft kommenden Forderungen wurden jedoch im Königreich Hannover mit einem Wirtschaftsdenken der Regierung und von einzelnen Gruppen der Bevölkerung, die an der Aufrechterhaltung städtischer Privilegien festhalten wollten, konfrontiert, das wenig Aufgeschlossenheit für industrielle Neuerungen und für notwendige rechtliche, politische und gesellschaftliche Veränderungen und Maßnahmen erkennen ließ.

Solche Hindernisse zeigten sich zum Beispiel in der Gewerbegesetzgebung, insbesondere in der Domizilordnung von 1827 (Einschränkung der Freizügigkeit), in Verbindung mit dem Trauscheinzwang, die dazu führten, dass „dem potentiellen Proletariat Hannovers, der besitzlosen Landbevölkerung, zur Umwandlung in eine potentielle industrielle Arbeiterschaft die Grundvoraussetzung fehlte: die Mobilität“. 1

Heftiger Widerstand der Städte und Zünfte gegen Liberalisierungsversuche

Initiativen, wie sie von dem Geheimen Regierungsrat Berning in Hannover mit dem Gesetzentwurf für eine gemäßigte Form der Gewerbeordnung ausgingen, scheiterten 1848 am heftigen Widerstand der Städte und Zünfte. Bei einer Bewertung der gewerblichen Entwicklung im Königreich Hannover bis zum Jahre 1848 im Sinne der Vorstellungen von Gewerbe- und Wettbewerbsfreiheit kann deshalb zusammenfassend festgestellt werden: „Die ersten Ansätze zu einer Wettbewerbsfreiheit konnte man in der Regierungsinitiative [siehe Gesetzentwurf Berning] erblicken, die vorsah, daß der Konsument durch die Aufhebung der Bannrechte keiner Einkaufsbeschränkung mehr unterlag, dem zünftigen Meister die freie Niederlassung in allen Städten des Königreichs offenstand und bestimmte, für das Land unentbehrliche Gewerbe von Konzessionszwang freigestellt wurden. Daneben war der Einfluß, den die Regierung auf die Gewerbe nehmen konnte, unverhältnismäßig intensiver, denn die meisten Gewerbe ohne Zunftzwang unterlagen weitgehend der Konzessionierung durch die Obrigkeit. Man hielt also prinzipiell an dem staatlichen Dirigismus des 18. Jahrhunderts fest. Der weitere bestimmende Faktor in der Wirtschaftsordnung blieben die Zünfte, deren Privilegien […] 1848 erneut anerkannt und ausdrücklich bestätigt wurden.“ 2

Industrialisierungsprozess im Königreich Hannover nur schleppend

Aufgrund der Dominanz von Agrarwirtschaft und Handwerk vollzog sich der Industrialisierungsprozess im Königreich Hannover nur langsam. Im Jahre 1833 befanden sich unter den 91.733 Gewerbetreibenden nur 1091 Fabrikherren mit 3200 „Gehilfen“. Damit ergab sich eine mittlere Betriebsgröße von etwa drei Beschäftigten. 3

Die ersten industriellen Betriebe verdankten ihre Existenz zumeist der Initiative einzelner privater Unternehmer, die insbesondere im Raum um Hannover und Osnabrück anzutreffen waren. Als herausragendes Beispiel kann in diesem Zusammenhang Johann Egestorff (1772 bis 1834) genannt werden, der in Hannover als Unternehmerpersönlichkeit einen beispiellosen Aufstieg erlebte. 4 Weitere im Verlauf dieser Jahrzehnte sich entwickelnde Standorte, dies betrifft vor allem die Textilherstellung, die Gummierzeugung und die Eisengießereien, waren Harburg, Lüneburg, Celle und Hildesheim. 5

Erschließung größerer wirtschaftlicher Räume

Diese Industrieansiedlungen benötigten ebenso wie der Handel und die weiter voranschreitende gewerbliche Produktion umfassende Maßnahmen zur Bildung und Erschließung größerer wirtschaftlicher Räume. Gegenüber solchen Erfordernissen und Notwendigkeiten hatte sich die Politik der königlich hannoverschen Regierung in den zurückliegenden Jahren als zögerlich gezeigt.

So war Hannover dem zwischen Preußen, dem Großherzogtum Hessen, dem Kurfürstentum Hessen, Bayern, Württemberg und Sachsen am 1. Januar 1834 wirksam gewordenen Deutschen Zollverein zunächst nicht beigetreten. Das Land hatte, nachdem durch eine Verordnung vom 9. September 1825 die Binnenzölle aufgehoben und damit ein einheitlicher Außenzoll gebildet worden war, im Jahre 1834 mit den kleineren norddeutschen Staaten Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe den „Steuerverein“ gegründet. Ein wesentliches Ziel dieser Zollunion war es, das einheimische Gewerbe zu schützen. Zugleich bedeutete die Zugehörigkeit zu dem so entstandenen geschlossenen Wirtschaftsgebiet im norddeutschen Raum jedoch eine weitgehende Abtrennung von dem für die heimische Wirtschaft wichtigen, konsumstarken Absatzmarkt des Deutschen Zollvereins mit Preußen als führender Macht.

Ausbau von Häfen, Straßen und Gleisen

Der Versuch Hannovers, eine von Preußen unabhängige wirtschaftliche Entwicklung zu betreiben, ließ sich aber nicht durchhalten. Deshalb entschloss man sich 1851, dem Zollverein beizutreten, wenngleich nicht zu übersehen war, dass Preußen „damit nicht nur den Zusammenhang seiner beiden Landeshälften gewonnen [hatte], sondern auch den Anschluß an den Welthandel“ und darüber hinaus auch seine politische Stellung nördlich der Mainlinie festigen konnte. 6

In den 1840er und 1850er Jahren wurden dann mit dem Ausbau der hannoverschen Häfen Geestemünde (1846) und Harburg (1847) sowie dem Straßen- und Eisenbahnbau einige bedeutende Infrastrukturmaßnahmen eingeleitet. 7

Celle profitiert vom Ausbau der Infrastruktur

Von dieser Entwicklung konnte in den 1850er Jahren auch Celle profitieren. Dies betraf zum Beispiel den Bau der Landstraße Celle-Winsen-Hademstorf, die teilweise Pflasterung der Strecke von Celle nach Steinförde sowie die erste Teilstrecke der Landstraße in Richtung Altmark durch den Bau einer besonderen Straße durch die „Sprache“. Die in den 1825er Jahren diskutierten, dann aber nicht weiter verfolgten Vorschlage für die Errichtung von Schienenwegen (zum Beispiel von Hannover nach Goslar) wurden in der 1840er Zeit mit der Errichtung verschiedener Eisenbahnlinien umgesetzt: Am 29. August 1843 begann der Verkehr auf der Eisenbahnstrecke von Hannover nach Lehrte, am 22. Oktober 1844 auf der Strecke Hannover-Braunschweig.

Für Celle hatte die Fertigstellung der Teilstrecke nach Lehrte am 13. September 1844 besondere Bedeutung. Diese Strecke wurde dann in den folgenden Jahren bis Harburg weitergeführt, so dass vom 6. Dezember 1846 ab die Züge zunächst bis Uelzen und vom 1. Mai 1847 auf der Gesamtstrecke bis nach Harburg gelangen konnten. 8 Mit diesen Verbesserungen der Infrastruktur ging die Gründung weiterer fabrikartiger Unternehmungen insbesondere in der sich zum Verkehrsknotenpunkt entwickelnden Residenzstadt Hannover einher.

Bevölkerungswachstum, Verarmung und Verelendung

Diese Maßnahmen und Veränderungen erwiesen sich jedoch nicht als hinreichend, um die vor allem auf dem Lande enorm angestiegene Bevölkerungszahl absorbieren zu können. Aufgrund dieses Bevölkerungswachstums und einer Verarmung und Verelendung großer Massen wurden viele Menschen zur Auswanderung gezwungen. Im Königreich Hannover verließen zwischen 1824 und 1864 etwa 230.000 Personen das Land, um vor allem in den USA bessere Lebensbedingungen zu finden. 9

Auswanderer hoffen auf bessere Lebensbedingungen in den USA

Diese Minderung des Bevölkerungszuwachses lag in der Zeit nach 1850 durchaus im Interesse des hannoverschen Staates. „Nach einem Konsistorialausschreiben vom 9. März 1854 konnten Auswanderer die Erlaubnis erhalten, sich in Fällen, wo sonst kein Trauschein ausgestellt werden durfte, vor der Einschiffung in Bremerhaven trauen zu lassen. […] Man hoffte auf diese Weise ein Ventil für die sozialen Probleme zu haben, die sich zunehmend verschärften, weil die gewerbliche Entwicklung mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht Schritt hielt.“ 10 Die Besitzlosen, „auf die der Staat am leichtesten verzichten mochte“, konnten diese Möglichkeit der Auswanderung jedoch nicht ohne weiteres nutzen, weil ihnen die finanziellen Mittel dazu fehlten. Eine Erleichterung für diese Gruppen trat erst durch Bereitstellung staatlicher Mittel zur Förderung der Auswanderung ein. 11

König Georg V. von Hannover bremst Industrialisierung

Diese verschiedenen Probleme belasteten die Wirtschaft Hannovers auch während der Regentschaft Georgs V. (1851 bis 1866). Umgeben von unqualifizierten Beratern und orientiert an traditionellen obrigkeitsstaatlichen Vorstellungen, hatte der hannoversche König auch wenig Verständnis für das beginnende Industriezeitalter und die damit verbundenen tiefgreifenden Wandlungsprozesse gezeigt. Statistische Erhebungen für das Jahr 1861 weisen lediglich 41.855 im industriellen Sektor Beschäftigte aus, die in 7141 Betrieben tätig sind, was einer durchschnittlichen Zahl von sechs Beschäftigten pro Betrieb entspricht. Es gab zu dieser Zeit nur 29 Fabriken mit mehr als 100 Beschäftigten, und zwar in den Bereichen der Textilherstellung, der Gummierzeugung sowie in Eisengießereien. Ein weiterer Beleg für den niedrigen Entwicklungsstand der Industrie im Königreich Hannover ist die Tatsache, dass 1861 lediglich 465 Dampfmaschinen im ganzen Lande vorhanden waren. 12

Wirtschaft des Landes stark von Landwirtschaft und Handwerk geprägt

Die Wirtschaftsstruktur des Landes wurde auch während der Regierungszeit Georgs V. noch stark von der Agrarwirtschaft und dem handwerklichen Gewerbe geprägt. Welche politische Bedeutung dabei weiterhin dem zünftlerisch organisierten handwerklichen Gewerbe vonseiten der führenden Vertreter des Landes beigemessen wurde, zeigen die Aussagen eines engen Beraters des Königs und herausragenden Repräsentanten des Konservatismus im Königreich Hannover, Oskar Meding, der sich veranlasst sah, bei der Frage nach einer notwendigen Reform der hannoverschen Gewerbeordnung einen behutsamen Umgang mit den bestehenden Zunftverhältnissen der alten Landesteile zu fordern. „Denn die Zünfte bildeten den Kern des ganzen hannoverschen Bürgertums, das bürgerliche Handwerk aber war zugleich politisch die festeste Stütze der Regierung und der monarchischen Ordnung, und gerade durch die Organisation der Zünfte war es zu verhindern möglich, daß die Kreise der kleinen Bürger vollständig der liberalen Agitation in die Hände fielen.“ 13

Zu grundlegenden Veränderungen im Land kam es dann erst infolge der Ereignisse von 1866 und der damit einhergehenden Umgestaltung der politischen Verhältnisse in Deutschland.

Beziehung zu Großbritannien und Abhängigkeit von Preußen

Aber nicht nur wirtschaftliche Probleme behinderten die Entwicklung des hannoverschen Königreichs. Heftig umstritten waren auch politische Fragen, die insbesondere die Handlungsmöglichkeiten der Regierung in den Beziehungen zu anderen Staaten betrafen. Für Hannover bedeutete dies, dass trotz der dynastischen Beziehungen zu Großbritannien die Abhängigkeit von Preußen ein wichtiger Faktor in den Außenbeziehungen des Landes war. Zu dieser politisch und ökonomisch starken Macht galt es, ungetrübte nachbarliche Beziehungen zu unterhalten. Eng verbunden damit war die ungelöste „deutsche Frage“, die die Bildung einer staatlichen Ordnung für Gesamtdeutschland betraf, deren Durchsetzung jedoch in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht erreicht werden konnte.

Quellen

1 H. Linde, in : Neues Archiv für Niedersachsen, Bd. 5, H. 21-26, 1951/52, S. 434.

2 K. Kolb; J. Teiwes: Beiträge zur politischen, Sozial- und Rechtsgeschichte der Hannoverschen Ständeversammlung von 1814-1833 und 1837-1849. Hildesheim 1977, S. 217.

3 H. Linde, in: Neues Archiv für Niedersachsen, Bd. 5, H. 21-26, 1951/52, S. 420.

4 M. Bertram: Das Königreich Hannover. Kleine Geschichte eines vergangenen deutschen Staates, herausgegeben im Auftrag des Museumsvereins für Volkskunde, Heimat- und Landesgeschichte in Celle. Hannover 2003, S. 63.

5 Vgl. B. Pollmann: Niedersachsen in Geschichte und Gegenwart, hg. von der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische Bildung. Hannover 1979, S. 49.

6 W. Bußmann: Das Zeitalter Bismarcks, 4., erg. Aufl. Frankfurt 1968, S. 13.

7 Vgl. H. Linde, in: Neues Archiv für Niedersachsen, Bd. 5, H. 21-26, 1951/52, S. 437ff.

8 Vgl. hierzu Cl. Cassel: Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes- und Kulturlebens der Bewohner, herausgegeben von der Stadt Celle, zweiter Band. Celle 1934, S. 274ff.

9 Bertram, wie Anm. 4, S. 65.

10 R. Oberschelp: Politische Geschichte Niedersachsens 1803-1866. Hildesheim 1988, S. 303.

11 Ebd.

12 Pollmann, wie Anm. 5, S. 49.

13 O. Meding: Memoiren zur Zeitgeschichte, Bd. 2. Hannover 1881, S. 5.

Von Karl-Heinz Buhr