Hyperinflation 1923 - Teil 3

Wende durch das „Wunder Rentenmark“

Die galoppierende Inflation sorgt 1923 für soziale Verwerfungen in Deutschland. Die Regierung richtete eine zweite Notenbank ein. So wirkte die Rentenmark.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 21. Jan. 2023 | 06:00 Uhr
  • 23. Jan. 2023
Die mit der Einführung der Rentenmark verbundene Stabilisierung der Währung zeigte sich auch beim Warenangebot in den Celler Kaufhäusern - wie hier in einer Anzeige in der Celleschen Zeitung vom 14. Dezember 1923.
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  • 21. Jan. 2023 | 06:00 Uhr
  • 23. Jan. 2023
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Die Rentenmark als neues Zahlungsmittel.
Celle.

Im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise von 1923 und der damit verbundenen Inflation in Deutschland, in deren Verlauf die Notenpresse immer schneller in Gang gesetzt worden war, hatte das Geld seine Funktion als von allen anerkanntes Tauschmittel verloren. In dieser Situation trat an die bisherige Stelle des Handels der primitive Warentausch. Da für die weitgehend wertlos gewordenen Banknoten viele wichtige Güter nicht mehr zu erhalten waren, musste für notwendige Lebensmittel häufig kostbarer Familienbesitz (Schmuck, Tafelsilber, Kunstgegenstände) zur Verfügung gestellt werden.

Mittelstand von Hyperinflation stark betroffen

Nicht zu übersehen war aber auch, dass die Menschen von dieser Krise in unterschiedlicher Weise betroffen waren. Zu den Verlierern dieser galoppierenden Inflation gehörten vor allem diejenigen Bevölkerungsteile, die ihre Geldersparnisse in Versicherungen und Staatsanleihen angelegt hatten und durch die Entwertung praktisch den Verlust ihres gesamten Sparguthabens zu beklagen hatten. Davon waren vor allem große Teile des Mittelstandes mit ihren in festen Geldbeträgen angelegten Vermögenswerten betroffen. Ebenso mussten die Angehörigen des unteren Mittelstandes (Angestellte und kleine Beamte) erhebliche finanzielle Einbußen in Kauf nehmen; im Zuge dieser Entwicklung unterschied sich deren monatliches Einkommen nicht mehr von den Löhnen der Arbeiter.

Geld verliert in Deutschland rasend schnell an Wert

Aufseiten der Arbeiter und Angestellten hatte sich zudem gezeigt, dass die von den Gewerkschaften ausgehandelten Lohnerhöhungen angesichts der noch schneller steigenden Preise ohne nachhaltige Wirkung blieben. Auch diese Gruppen der Lohn- und Gehaltsempfänger konnten trotz oft täglicher Auszahlung des ihnen zustehenden Geldes und sofortiger Warenkäufe aufgrund des noch schnelleren Wertverfalls des Geldes eine Minderung ihrer Kaufkraft nicht verhindern, sodass sich deren existenzielle Bedingungen ständig verschlechterten und viele Menschen in soziale Not gerieten. Am schwierigsten war die Situation vieler alter Menschen, die in besonderer Weise auf Hilfe und Unterstützung angewiesen waren. „Ende 1923 gab es dreimal soviele Fürsorgeempfänger wie 1913, unter ihnen viele alte Menschen, die um ihre Ersparnisse gebracht waren, von denen sie sonst sorgenfrei hätten leben können.“ 1

Unternehmer profitieren von galoppierender Inflation

Weitgehend unbehelligt blieben hingegen die Besitzer von Sachwerten. Denn Grundstücke, Häuser, und Produktionsmittel waren in ihrem Wert nicht vom Geldkurs abhängig. Besonders profitieren konnten dabei Unternehmer wie der Großindustrielle Hugo Stinnes, die mit den aus der vermehrten Banknotenausgabe vergebenen kurzfristigen Krediten große Gewinne erzielen konnten.

Dies hatte etwas damit zu tun, dass die Reichsbank nicht nur dem Staat inflationäre Darlehen gewährte, sondern auch den wirtschaftlichen Unternehmungen. Die Industriellen nutzten solche kurzfristigen Kredite als langfristige Anlage, um ihren Unternehmensbesitz zu erweitern beziehungsweise auszubauen. Aufgrund des rapiden Währungsverfalls konnten sie ihre Schuldverpflichtungen dann zum Fälligkeitstermin leicht zurückzahlen, sodass sie für geringe Kosten einen hohen Gegenwert zu verbuchen hatten.

Gewinner in der Krise: Riesige Vermögen entstehen

Während somit auf der einen Seite riesige Vermögen angesammelt wurden, verarmten auf der anderen Seite im Verlauf dieser Inflation breite Schichten der Bevölkerung, darunter große Teile des Mittelstandes. Hierbei handelte es sich zudem um gesellschaftliche Gruppen, die vor dem Krieg in Deutschland eine bedeutende soziale und politische Rolle gespielt hatten.

Spätestens im Herbst 1923 war die völlige Zerrüttung der Währung offenkundig. Die Verwirrung über das Geschehen in der Wirtschaft verlangte nach einer raschen Lösung der Probleme. Die Währungsreform war zu einer existenziellen Frage für das gesellschaftliche Zusammenleben geworden.

Neue Regierung der Großen Koalition in Weimarer Republik

Am 12. August 1923 war die Regierung Cuno zurückgetreten. Eine neue Regierung der Großen Koalition (aus SPD, Deutscher Demokratischer Partei, Zentrum und Deutscher Volkspartei) unter Leitung Gustav Stresemanns wurde gebildet. Am 26. September 1923 erklärten Reichspräsident und Reichsregierung den Abbruch des passiven Widerstands.

Am 13. Oktober 1923 beschloss der Reichstag nun mit Zweidrittelmehrheit ein Ermächtigungsgesetz, das der Regierung erlaubte, ohne parlamentarische Mitwirkung Gesetze im Bereich der Wirtschaft zu erlassen. Am 16. Oktober dieses Jahres wurde von der Regierung der Großen Koalition unter Reichskanzler Gustav Stresemann aufgrund dieses Gesetzes durch eine Regierungsverordnung neben der weiterhin bestehenden Reichsbank eine zweite Notenbank unter dem Namen Deutsche Rentenbank errichtet, die ab 15. November 1923 als neues Zahlungsmittel die Rentenmark (= 1 Billion Papiermark) herausgab.

Zweite Notenbank führt Rentenmark ein

Da das Reich bei der Durchführung dieser Währungsreform nicht über genügend Goldvorräte zur Absicherung verfügte, wurde industrieller und landwirtschaftlicher Grundbesitz in die stabilisierenden Maßnahmen einbezogen und Grundbesitz sowie Handel, Banken und Industrie mit einer Hypothek von 3,2 Milliarden Rentenmark belastet. Die Forderungen der Rentenbank an Landwirtschaft und Industrie dienten als Deckung für die Rentenbankscheine, die die Rentenbank bis zu einem Betrag von 2,4 Milliarden Rentenmark ausgeben durfte. Obwohl es sich hierbei nicht um ein gesetzliches Zahlungsmittel handelte, mussten die Rentenmarknoten überall im Zahlungsverkehr in gleicher Weise anerkannt und angenommen werden.

12 Billionen Mark für einen Dollar

Von diesem Höchstbetrag von 2,4 Milliarden Rentenbanknoten floss die eine Hälfte über die Reichsbank als Darlehen an die Reichsregierung, und die andere Hälfte war für die Ausgabe von Krediten an die Wirtschaft bestimmt. Am 15. November 1923 wurde mit der Ausgabe der Rentenmark begonnen. Der damalige Direktor der Darmstädter und Nationalbank, Hjalmar Schacht, kennzeichnete die Situation in jenen Tagen so: „Die Reichsbank konnte nicht umhin zunächst noch einige Tage die Steigerung [des Dollars] mitzumachen. Am 20. November 1923 erreichte der Dollar den offiziellen Kurs von 4,2 Billionen Mark für einen Dollar. [...] Der offizielle Kurs an der Börse blieb also 4,2 Billionen, während am schwarzen Markt im Laufe der letzten Novemberwoche der Dollar bis auf 12 Billionen Mark stieg. In jenen Novemberwochen befand sich Deutschland in der merkwürdigen Situation, sozusagen drei verschiedene Währungen nebeneinander zu haben, die Papiermark, die Rentenmark und theoretisch gesprochen die alte Goldmark, die durch die Reichsbank praktisch wiedereinzuführen mein Ziel war.“2

Deutsche Wirtschaft erlebt Wiederbelebung

Von entscheidender Bedeutung für den Erfolg dieser Maßnahmen war die Frage, ob und inwieweit die Bevölkerung nach den schlimmen Erfahrungen der vorangegangenen Monate von der Stabilität der neuen Währung überzeugt war. Diese Erwartung erfüllte sich, weil es tatsächlich gelang, dieses Vorhaben konsequent durchzuführen.

Die Reichsregierung konnte mithilfe des Darlehens von 1,2 Milliarden Rentenmark die Zeit, bis die Steuern wieder zu fließen begannen, finanziell überbrücken. Gleichzeitig wurden die Staatsausgaben reduziert. Auch die Wirtschaft erlebte schnell eine Wiederbelebung. Und die Reichsbank tat weiterhin alles, um den Erfolg der Währung zu sichern. Als im März/April 1924 der Wechselkurs in Gefahr geriet abzugleiten, verfügte die Reichsbank einen radikalen Kreditstopp.

Öffentliche Volksspeisung in Celle wird wieder eingestellt

In Verbindung mit der Stabilisierung der Währung wurden auch zahlreiche, in der Notsituation des Jahres 1923 ergriffene soziale Hilfsmaßnahmen beendet. So wurde zum Beispiel in Celle die zuvor geschaffene Einrichtung der „öffentlichen Volksspeisung“ wieder eingestellt.3

Lebensmittel wieder in Hülle und Fülle vorhanden

Über das „Wunder der Rentenmark“ notierte der britische Botschafter Lord d‘Abernon am 25. Dezember 1923 in seinem Tagebuch: „Selbst die fanatischsten Befürworter der Stabilisierung [...] konnten kaum auf bemerkenswertere Ergebnisse hoffen als die, die sich heute zeigen. Die Lebensmittel in den großen Städten sind plötzlich in Hülle und Fülle vorhanden – Kartoffeln und Getreide werden in großen Mengen auf den Markt gebracht [...] Die Schlachthäuser haben jetzt reichlich zu tun [...] Die wirtschaftliche Entspannung hat eine politische Beruhigung mit sich gebracht. Von Diktatur und Putschen wird nicht mehr geredet und selbst die äußersten Flügelparteien haben für den Augenblick aufgehört, Unruhe zu stiften.“4

Neueinschätzung der Reparationsschuld

Im Zusammenhang mit dieser gesamten Entwicklung konnte auch das Problem der Reparationen auf einer neuen Grundlage verhandelt werden. Die bisher noch weitgehend von der Vorstellung von Siegern und Besiegten geprägten Reparationsverhandlungen nahmen nun, wohl auch bedingt durch die Rückkehr des Hauptgläubigers, der USA, an den Konferenztisch, einen anderen Verlauf. Der bis zum Frühjahr 1924 von einem Sachverständigenausschuss unter der Leitung des amerikanischen Finanzexperten Charles G. Dawes erarbeitete Finanzplan ging von einer Neueinschätzung der Reparationsschuld aus, ohne dass darin eine Endsumme der Reparationen und eine Dauer der Zahlungen festgelegt waren. Für die nächsten fünf Jahre wurden dem Weimarer Staat niedrigere Jahressätze als bisher und ein Zahlungsaufschub zugebilligt. Als unterstützende Maßnahme zur wirtschaftlichen Wiederbelebung in Deutschland sollte eine internationale Anleihe von 800 Millionen Goldmark dienen.

Rentenmark wird 1924 durch Reichsmark ersetzt

Obwohl die Parteien im rechten Lager in diesen Regelungen eine Demütigung für Deutschland sahen, fand dieser Plan dann doch eine mehrheitliche Zustimmung im Reichstag, weil die Abgeordneten der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nicht geschlossen dagegen votierten. Einflüsse vonseiten der Industrie und der Landwirtschaft waren für die abweichenden Stimmen zugunsten des neuen Reparationsvertrages verantwortlich. Im Jahre 1929 wurde der Dawes-Plan dann durch den Young-Plan revidiert. In Verbindung mit den im Rahmen des Dawes-Plans getroffenen Vereinbarungen konnten auch die Währungsverhältnisse abschließend geregelt werden. Im Oktober 1924 wurde die Rentenmark dann durch die Reichsmark ersetzt.

Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht vorauszusehen, dass die nun beginnende Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs, auch als die „goldenen Zwanziger“ bezeichnet, bereits nach wenigen Jahren von einer Entwicklung abgelöst wurde, die zum katastrophalen Ende der Weimarer Republik führte. Die in der dann hereingebrochenen Weltwirtschaftskrise vom damaligen Reichskanzler Brüning praktizierte „Deflationspolitik“ (Preissenkungen, Herabsetzung aller tariflich vereinbarten Löhne und Gehälter, allmähliche Ermäßigung der Zinssätze für Darlehen, Senkung der Altbaumieten) erwies sich als der falsche Wein der Bevölkerung zur Behebung der Krise.

Demokratische Kräfte in Deutschland verlieren an Unterstützung

Die Arbeitslosigkeit konnte durch diese Maßnahmen nicht wirksam bekämpft werden. Die demokratischen Kräfte in Deutschland verloren an Unterstützung in der Bevölkerung, während die antirepublikanischen Gruppen und Organisationen immer mehr Zulauf erhielten und mit ihren extremistischen, hasserfüllten Parolen und den mit Gewalt verbundenen Auftritten in der Öffentlichkeit die Sicherheit und Ordnung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens in Deutschland immer mehr gefährdeten.

Quellen

1 Anton Egner/Herbert Kraume/Bernhard Müller/Martin Vöhringer: Demokratie und Diktatur, Deutsche Geschichte 1918−1945. Hannover 1987, S.50. Zu den sozialen Folgen der Inflation vgl.

Cl.-D. Krohn: Hellferich contra Hilferding, Konservative Geldpolitik und die sozialen Folgen der deutschen Inflation 1918-1923, in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 62. Band, Heft 1(1975), S. 62ff.

2 Hjalmar Schacht über die Geldwertstabilisierung 1923, in.: W. Michalka und G. Niedhart: Die ungeliebte Republik. Dokumentation zur Innen- und Außenpolitik Weimars 1918-1933, 3. Aufl.. München 1984, S. 121.

3 Ernst Schädlich: Im Kreuzfeuer der Ereignisse. Erlebnisse eines Kommunalpolitikers 1914-1948. Celle 1949, S. 71.

4 Aus Geschichte in Quellen, Weltkriege und Revolutionen 1914-1945: München 1979, S. 200, zit. nach: Geschichte und Geschehen für Niedersachsen, G 4, Leipzig 1999, S. 57.

Von Karl-Heinz Buhr