Hyperinflation 1923 - Teil 2

So setzte die massive Geldentwertung den Cellern zu

Die Hyperinflation 1923 setzte den Menschen in Celle massiv zu. Die Not war groß. So kämpfte man sich durch den Alltag - zweiter Teil des Rückblicks.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Jan. 2023 | 06:00 Uhr
  • 24. Jan. 2023
Ernst Schädlich (1884 bis 1949), bedeutender Vertreter der Sozialdemokratie, war in der Zeit der Weimarer Republik Mitglied des Magistrats der Stadt Celle.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Jan. 2023 | 06:00 Uhr
  • 24. Jan. 2023
Anzeige
Celle.

Von den weitreichenden Folgen der Inflation im Jahre 1923 blieb auch die Celler Bevölkerung nicht verschont. Die Menschen waren gezwungen, ihren Lebensalltag ganz und gar auf die sich ständig verändernden Bedingungen einzustellen. Bereits in den vorangegangenen Jahren waren bei der Versorgung teilweise erhebliche Mängel aufgetreten. Dies galt insbesondere für die Verfügbarkeit von Kohle, die der Brennstoff-Zwangsbewirtschaftung unterlag, und den deutlichen Preisanstieg für Kartoffeln. An dieser prekären Situation hatten auch die gegenüber der Vorkriegszeit deutlich angestiegenen Einkommen der Arbeiter, Angestellten und Beamten nichts Entscheidendes ändern können, da sich gleichzeitig die Preise für existenziell notwendige Güter im Vergleich zu den Verdiensten der Beschäftigten um das Mehrfache erhöhten. 1

Rasende Inflation sorgt für hohe Arbeitslosigkeit

Noch schwieriger wurden die Lebensbedingungen für Teile der Bevölkerung der Stadt durch die Hyperinflation im weiteren Verlauf des Ruhrkampfes. Hatte bisher trotz aller Versorgungsmängel im heimischen Bereich noch weitgehend Vollbeschäftigung geherrscht, so wurde jetzt infolge der Wirtschaftskrise und der rasenden Inflation die Arbeitslosigkeit zu einem großen Problem. In der Zeit von August 1923 bis zum Ende des Jahres stieg die Zahl der Arbeitslosen von 154 auf 1766. 2

Menschenreihen vor den Kaufläden

Für diese Personen stand nur eine geringe Unterstützung aus Mitteln des Reiches, des Staates Preußen und der Stadt Celle zur Verfügung. Jeder Tag bedeutete eine neue Herausforderung, der man sich stellen musste. „Ein rasender Taumel hatte alle ergriffen, endlose Menschenreihen standen vor den Kaufläden. Jeder wollte gewinnen, jeder rannte hinter Lebensmitteln her, und keiner wusste, was der neue Tag bringen würde. Alle waren auf alles gefaßt. Die Bevölkerung war mit Explosivstoff bis zum Rande geladen.“3

Die mit dieser Inflation einhergehenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme stellten auch für die städtischen Kollegien und Behörden in Celle eine bisher nicht gekannte Herausforderung dar.

Frauen in Not werden beim Celler Senator Ernst Schädlich vorstellig

Einen anschaulichen Eindruck von dieser schwierigen Situation vermittelt der Bericht des damaligen Senators der Stadt Celle, Ernst Schädlich, der zu dieser Zeit in besonderer Weise mit „Wohlfahrtsangelegenheiten“ befasst war: „Am 23. Juli 1923 drangen etwa dreihundert Frauen ins Rathaus, die Spitze in mein Dienstzimmer. Ich stand eingekeilt zwischen ihnen, und aus dem Schwall von Worten, der auf mich herniederprasselte, entnahm ich, daß sie keine Kartoffeln mehr hatten, sie hungerten. Was sollte ich tun? Und seltsam – ich habe es oft erlebt –, wenn die Not am größten, wenn der Fall am dringendsten, man findet immer wieder einen Ausweg. Am selben Nachmittag wurden 270 Zentner Kartoffeln verteilt. Ist es da ein Wunder, daß ich beim größten Teil der Einwohnerschaft unbegrenztes Vertrauen genoß?“4

Celler Behörden reagieren auf Hyperinflation

Angesichts der zunehmenden Verschärfung der Gesamtlage wurden die städtischen Behörden in Celle zu umfangreichen Maßnahmen und Eingriffen in den Lebensalltag der Bürger gezwungen. Besonders in der Endphase dieser Entwicklung im Herbst 1923 mussten fast täglich neue Anpassungen an die mit rasender Geschwindigkeit verlaufende Geldentwertung vorgenommen werden.

Gebühren und Preise in Celle explodieren

So wurde in der „Celleschen Zeitung“ vom 12. Oktober 1923 der Beschluss der Städtischen Kollegien zur Erhöhung der Kanalgebühren „auf vier Millionen Monatsprozent für Oktober“ im Vergleich zum Vormonat mitgeteilt. Und den „Amtlichen Bekanntmachungen“ des Magistrats und verschiedener städtischer Behörden war an diesem Tage zu entnehmen, dass die Verwaltungsgebühren sich mit sofortiger Wirkung „auf den 250.000fachen Betrag“ des in der Gebührenordnung vom 8. Februar 1923 festgelegten Satzes erhöhen sollten.

Aufruf an die Bewohner der Stadt und des Landkreises Celle, in Not geratene Bürger durch Spenden zu unterstützen (CZ vom 16. Oktober 1923).

Ähnliches galt für den Strompreis in dieser Zeit. Angesichts der ungeheuren Geldentwertung sollten unter Berücksichtigung der Preisverhältnisse am 10. Oktober 1923 nun für Lichtstrom 250 Millionen Mark je Kilowattstunde und für Kraftstrom 230 Millionen Mark je Kilowattstunde berechnet werden. Diese Angaben wurden ergänzt durch Hinweise auf notwendige, den veränderten Währungsverhältnissen angepasste Maßnahmen zur Ermittlung des Stromverbrauchs in den einzelnen Haushalten der Stadt sowie auf dabei einzuhaltende Fristen und Verfahrensweisen bei der Bezahlung des jeweiligen Stromverbrauchs.5

Strom kostet 3,8 Milliarden Mark

Bereits 14 Tage später sah man sich aufgrund des weiteren Verfalls der Mark gezwungen, den Strompreis erneut drastisch zu erhöhen, und zwar auf 3,8 Milliarden Mark für Lichtstrom und 3,4 Milliarden Mark für Kraftstrom je Kilowattstunde.6

Wie kurzfristig diese Verordnungen erfolgen mussten, wird ebenfalls am Beispiel der Gas- und Wasserpreise deutlich, die vom Celler Magistrat in dieser Phase der galoppierenden Inflation lediglich für vier Tage (vom 14. bis 17. Oktober 1923) festgelegt wurden. Der Preis für einen Kubikmeter Gas betrug nun 120.000.000 Mark und für einen Kubikmeter Wasser 60.000.000 Mark. An die Verbraucher gewandt, hieß es dann: „Wir fordern hiermit zum Einkauf von Gutscheinen an den drei ersten Wochentagen auf und bemerken, daß der nicht durch Gutscheine gedeckte Verbrauch beim Einkassieren zum Tagespreise bezahlt werden muß. Am 15. ds. Mts. beginnt das Inkasso von neuem nur für Gas; ein Aufruf der Straßen folgt. Für Großabnehmer und Behörden gilt als letzter Ueberweisungstermin: Mittwoch, 17. Okt. d. J.“ 7 Im Zusammenhang mit der Berechnung der Preise für Gas und Wasser verwies das Celler Gaswerk zudem auf notwendige Anpassungen unter Berücksichtigung des Goldpreises. Dies gelte insbesondere für die importierte englische Kohle.

Ausgabe von Gas- und Wassergutscheinen

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Verfahren zur Abrechnung des Gas- und Wasserverbrauchs. Für die Abwicklung war – der Not gehorchend – „das direkte Inkasso in Verbindung mit dem wertbeständigen Einkauf von Gutscheinen“ vorgesehen, das den Bewohnern der Stadt so erläutert wurde: „1. Die Ausgabe der Gas- und Wassergutscheine erfolgt in den ersten drei Wochentagen in den bekannten Verkaufsstellen.

2. Man ermittelt seinen wöchentlichen Bedarf am besten durch Selbstablesen des Messers oder aus früheren Rechnungen.

3. Man kaufe sich in jeder Woche nur seinen Wochenbedarf und bedenke, daß zuviel gekaufte Gutscheine nicht wertbeständig angerechnet werden. [...]

4. Die Wassergutscheine können nur vom Hauswirt (Vizewirt) angenommen werden. Von Mietern gekaufte Wassergutscheine sind also dem Hauswirt als Zahlungsmittel zu übergeben.

5. Die Zeit der Einkassierung in den einzelnen Bezirken soll künftig möglichst einige Tage vorher bekanntgemacht werden.

6. Man halte den Einkassierer nicht unnütz auf und bedenke, daß nicht er die Preise festsetzt.

7. Die Einladung zum Gutscheinkauf ist im rechtlichen Sinne eine Zahlungsaufforderung. Wer ihr nicht nachkommt, gerät in Verzug und muß dann wertbeständig bezahlen.“8

Solche Entwicklungen waren nicht nur kennzeichnend für die kommunale Ebene, sondern prägten den Gesamtbereich staatlicher Dienstleistungen in der Weimarer Republik. So wurden zum Beispiel auch die Eisenbahntarife von dem Zwang zu einer ständigen Anpassung an die Geldentwertung erfasst und ebenso die Postgebühren drastisch erhöht. Die Beförderung eines Briefes bis 20 Gramm kostete ab 1. November 1923 im Ortsverkehr 20 Millionen Mark, im Fernverkehr 50 Millionen Mark und ins Ausland bis zu 120 Millionen Mark. 9

1,5 Milliarden Mark für Bezug der Celleschen Zeitung

Die „Cellesche Zeitung“ konfrontierte ihre Bezieher gleichfalls in immer kürzeren Abständen mit hören Bezugspreisen. So mussten vom 16. bis 31. Oktober 1923 für das Blatt 500 Millionen Mark bezahlt werden. Bereits eine Woche später sah man sich veranlasst, den Bezugspreis für die zweite Oktoberhälfte auf 1.500.000.000 Mark zu erhöhen und von den „Stadtbeziehern“ eine Nachzahlung einzufordern. 10

Von den „Postbeziehern“ sollte als „vorläufiger Bezugspreis“ für den Monat November von jedem Abonnenten der astronomische Betrag von 1.320.000.000 Mark entrichtet beziehungsweise eingezogen werden. Aufgrund des rasenden Wertschwunds des Geldes sah man sich jedoch bereits Ende Oktober genötigt, von den Postbeziehern für November einen zusätzlichen Betrag von 40 Milliarden Mark zu fordern, während für die Stadtbezieher der Preis für November auf 45 Milliarden Mark festgelegt wurde.11

Hilfe für notleidende Menschen in Celle

Um die soziale Not zu lindern, in die viele Menschen auch hierzulande in zunehmendem Maße gerieten, organisierten die kommunalen Organe zusätzliche Unterstützungsprogramme. In diesem Sinne erging am 16. Oktober 1923 von Stadt und Landkreis Celle an alle Bewohner die Aufforderung, angesichts der wachsenden Teuerung der lebenswichtigen Güter den in Not geratenen Bewohnern (Invaliden, Witwen und Kleinrentner, Arbeitslose) durch reichhaltige Spenden schnelle Hilfe zukommen zu lassen. Für die Verteilung der dafür vorgesehenen Lebensmittel sollte „die Celler Notstandshilfe“ ins Leben gerufen, eine Volksspeisung eingerichtet und ein sog. „warmer Herd“ geschaffen werden.12

Volksspeisung für alle Celler offen

Die Volksspeisung sollte grundsätzlich für alle Bewohner offen sein und für einen niedrigen Geldbetrag die Teilnahme daran ermöglichen. Für Menschen, die dazu nicht in der Lage waren, sollten solche Mahlzeiten kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Um diese hilfreichen Einrichtungen und Unterstützungsleistungen finanzieren zu können, wurde die Bevölkerung sowohl von institutioneller als auch von privater Seite wiederholt zu Spenden in Form von Geld, Lebensmitteln, Kleidung und anderen Gütern und Gebrauchsgegenständen aufgerufen.13

Darüber hinaus gehörte zu den in Celle durchgeführten Hilfsmaßnahmen die Einrichtung von Wärmehallen, die der armen Bevölkerung angesichts der unbezahlbaren Kohlenpreise Schutz vor der Kälte bieten sollten.

Wärmehallen wegen unbezahlbarer Kohlenpreise

In Verbindung mit dieser Notsituation erhöhte sich aber auch bei den politisch Verantwortlichen die Sorge um die Aufrechterhaltung von Sicherheit und öffentlicher Ordnung. Illegaler Warenhandel, „spekulatives Zurückhalten von Lebensmitteln“ und Plünderung von Kaufhäusern und Felddiebstählen zählten nun zu den Delikten, die immer häufiger Beunruhigung auslösten und denen man durch umgehende Bestrafung wirksam begegnen wollte.14

All diese mit der Inflation verbundenen Erscheinungen verlangten im Herbst 1923 nach einem schnellen Handeln des Staates zur Überwindung der immer bedrohlichere Ausmaße annehmenden Krise.

Quellen

1 Cellesche Zeitung (fortan CZ): v. 21.8.1921, vgl. auch Stadtarchiv Celle (fortan StA Celle), 9 A 92, Bd. 1, Nr. 1, 2-4 u. 9-10.

2 Fünfter Verwaltungsbericht des Magistrats der Stadt Celle von 1911–1925: S. 196-198; vgl. auch StA Celle, 9 B 55, Bd. III, Nr. 249 u. StA Celle 9 B 57, Bd. I, Nr. 176-177.

3 Ernst Schädlich: Im Kreuzfeuer der Ereignisse. Erlebnisse eines Kommunalpolitikers 1914-1948. Celle 1949, S. 67.

4 A.a.O.

5 CZ: v. 12. 10.1923.

6 CZ: v. 27.10.1923.

7 CZ: v. 13. 10.1923.

8 CZ: v. 13.10., 2. Blatt.

9 CZ: v. 27.10.1923.

10 CZ: v. 23.10.1923.

11 CZ: v. 22. u. 31.10. sowie v. 1.11. 1923.

12 CZ: v. 16. u. 18. u. 19.10.1923.

13 Vgl. u. a. CZ: v. 27.10. 1923, v. 30.10.1923. v. 1.11.1923, 2. Blatt, v. 3.11.1923, v. 5.11.1923.

14 CZ: v. 3.11.1923.

Von Karl-Heinz Buhr