Hyperinflation 1923 - Teil 1

399 Milliarden Mark für ein Brot

Die Besetzung des Ruhrgebietes und die galoppierende Inflation prägten das Jahr 1923 in Deutschland. Auch in Celle gab es Appelle, in der Krise zu helfen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. Jan. 2023 | 06:00 Uhr
  • 24. Jan. 2023
Der Wertverlust der Reichsmark vollzog sich 1923 in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. Jan. 2023 | 06:00 Uhr
  • 24. Jan. 2023
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Celle.

Das Jahr 1923 stellte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Regierung der Weimarer Republik vor schwere Belastungsproben. Am 9. Januar 1923 ließ der französische Ministerpräsident Poincaré das Ruhrgebiet besetzen, nachdem kurz zuvor, Ende 1922, die Reparationskommission einen Rückstand Deutschlands bei der Erfüllung der von den Siegermächten auferlegten Reparationen festgestellt hatte. Die Reichsregierung protestierte dagegen, stoppte sogleich alle Reparationsleistungen an Frankreich und Belgien und rief die Bevölkerung des besetzten Gebietes zum „passiven Widerstand“ auf. Die Weigerung der Arbeiter, Angestellten und Beamten, die Anordnungen der Besatzungsmacht zu befolgen, führte zur Abriegelung dieses Gebietes vom übrigen Reich.

Erhebliche Geldzahlungen fürs Ruhrgebiet

Diese einschneidenden Maßnahmen veranlassten die Reichsregierung, die Streikenden und die mehr als 140.000 von den Franzosen Ausgewiesenen mit erheblichen Geldzahlungen zu unterstützen. Auch zahlreiche andere Institutionen und Organisationen auf allen Ebenen des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens konnten durch Spendenaufrufe umfangreiche Mittel für die Bewohner der besetzten Gebiete zur Verfügung stellen. Dies galt ebenso für die Menschen hierzulande.

Widerstand auch von Celle aus mit Geld und Gütern unterstützt

In der „Celleschen Zeitung“ wurde in den ersten Monaten des Jahres 1923 in vielfältiger Weise an die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung appelliert. Aufrufe der Städtischen Kollegien und des Landkreises (repräsentiert durch Landrat Wilhelm Heinichen), des „Hannoverschen Landbundes“, des „Kreislandbundes“ und anderer Vereinigungen und Gruppen aus Stadt und Landkreis Celle trugen dazu bei, dass innerhalb weniger Wochen der passive Widerstand gegen die französische Besetzung des Ruhrgebietes auch von Celle aus mit erheblichen Geldmitteln und zahlreichen anderen Gütern unterstützt werden konnte.

Es zeigte sich jedoch rasch, dass die Regierung in Berlin mit diesen Leistungen überfordert war. Für die Finanzierung des Ruhrkampfes wurden ständig neue Banknoten gedruckt, ohne dass dafür ein ausreichendes Warenangebot vorhanden war beziehungsweise der Gegenwert in Form von Gütern und Dienstleistungen erwirtschaftet werden konnte. Dies führte zu einer immer schnelleren Geldentwertung.

399 Milliarden Mark für ein Brot

Nicht nur in den besetzten Gebieten, sondern im gesamten Reich war diese Entwicklung mit schwerwiegenden Folgen für die Lebensgestaltung der Menschen verbunden. Der Preis für ein Kilogramm Roggenbrot (in Berlin) stieg von 0,54 Mark im Januar 1919 über 163,15 Mark im Dezember 1922 auf unvorstellbare 201.000.000.000 Mark (= 201 Milliarden Mark) im November 1923 und 399.000.000.000 Mark (= 399 Milliarden Mark) im Dezember 1923. 1

In einer besonders schwierigen Situation befanden sich dabei die Bäcker, denen es nicht möglich war, den von der Regierung vorgeschriebenen Höchstpreis von 65 Goldpfennigen für ein Brot einzuhalten, weil für den amtlich festgelegten Preis für Roggenmehl (der börsennotierte Preis für 100 Kilogramm schwankte am 10. November zwischen 28,50 und 31,50 Goldmark) kein Mehl zu bekommen war. Die Bäcker waren deshalb in diesen Novembertagen (am 10. und 12. November 1923) gezwungen, 9,5 Millionen Mark für 100 Kilogramm Roggenmehl zu bezahlen, was dem Wert von 63,33 Goldmark entsprach. 2

Für ein Pfund Kartoffeln wurden im November 1923 50.000.000.000 Mark verlangt, und ein Ei kostete 80.000.000.000 Mark.

Wäschekörbe voll Papiergeld für Löhne erforderlich

Für die arbeitende Bevölkerung wurde diese Entwicklung zu einem entnervenden Lotteriespiel. Auf dem Höhepunkt der Inflation im Jahre 1923 waren für die nun täglich ausgezahlten Löhne Wäschekörbe voll Papiergeld erforderlich. Da das Bargeld täglicher und später sogar stündlicher Entwertung unterlag, musste diese Geldmenge umgehend für Waren und Güter ausgegeben werden, um angesichts des rasanten Wertschwunds der Mark noch weitere Verluste zu vermeiden.

Die Bauern weigerten sich aufgrund dieser unsicheren Lage in zunehmendem Maße, ihre Erträge gegen Papiergeld zu verkaufen.

Vor allem die Kinder hatten unter diesen Auswirkungen zu leiden. Über deren Lebenssituation in jener Zeit gibt ein Bericht des Berliner Oberbürgermeisters Auskunft: „Zahlreiche Kinder, auch im zartesten Alter, erhalten nie einen Tropfen Milch, kommen ohne warmes Frühstück zur Schule. Als Schulfrühstück erhalten sie trockenes Brot oder als Aufstrich gequetschte Kartoffeln. Die Kinder gehen vielfach ohne Hemd und warme Kleidungsstücke zur Schule oder werden aus Mangel an Leib- und Unterwäsche ganz vom Schulbesuch zurückgehalten. Die Not erstickt allmählich jedes Gefühl für Ordnung, Sauberkeit und Sitte und läßt nur noch dem Gedanken an Kampf gegen Hunger und Kälte Raum.“ 3

Währungsfrage eines der schwerwiegendsten Probleme der Weimarer Republik

Diese Beispiele und Erscheinungen spiegeln zugleich die Komplexität der mit dem Ersten Weltkrieg verbundenen Folgen für Deutschland wider und verweisen auf zentrale Herausforderungen, mit denen die Regierung nach dem Zusammenbruch der Monarchie konfrontiert wurde, auf die sie nicht vorbereitet war. Die Währungsfrage erwies sich als eines der schwerwiegendsten innenpolitischen Probleme seit der Gründung der Weimarer Republik. Sie belastete im Jahre 1923 in Deutschland nicht nur die Wirtschaft, sondern stellte mit ihren weitreichenden, verhängnisvollen Auswirkungen alle Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft vor bisher nicht gekannte Schwierigkeiten.

Belastungen aus Versailler Vertrag beschleunigen Inflation

Der rapide Verfall der Währung war jedoch nicht ursächlich auf den im Jahre 1923 die Politik und die Öffentlichkeit beherrschenden Ruhrkampf zurückzuführen, sondern vor allem als Erblast des Kaiserreiches – infolge der durch ungedeckte Kredite finanzierten Kriegsausgaben – zu betrachten. Geringes Steueraufkommen der Wirtschaft nach dem Krieg und zugleich hohe Staatsausgaben für Kriegsfolgekosten (Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft, Rückführung und Wiedereingliederung der Soldaten, Hilfsleistungen für Arbeitslose, Flüchtlinge und Verwundete) sowie die Belastungen durch Demontagen und Reparationen in Verbindung mit dem Versailler Vertrag beschleunigten den Wertverfall des Geldes. Am Ende des Krieges im November 1918 hatte die Mark gegenüber dem Dollar erst etwa 50 Prozent ihres Wertes eingebüßt. In der Folgezeit, insbesondere ab 1921, beschleunigte sich die Inflation zusehends.

Warenknappheit, Preistreibereien und Kapitalflucht ins Ausland

Während die Gold- und Devisenbestände des Reiches nun dahinschwanden und sich die Regierung aufgrund geringer Staatseinnahmen außerstande zeigte, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, führte der Versuch der Reichsbank, durch eine expansive Kreditpolitik zur Belebung der Wirtschaft beizutragen, zu einem nicht mehr zu überschauenden Geldüberhang und einer zunehmenden Geldentwertung. Weitere Folgen waren Warenknappheit, Preistreibereien, Spekulationen und Kapitalflucht ins Ausland. Die Ausgaben für den Ruhrkampf verstärkten diese inflationäre Entwicklung noch. 4

Massiver Verfall der deutschen Währung

Für einen US-Dollar mussten 1914 im Juli 4,20 Mark bezahlt werden, im Juli 1919 waren es schon 14 Mark und im Januar 1922 dann 191,80 Mark.

1923 erfolgte dann der Wertverlust der Mark in einer kaum noch nachvollziehbaren Geschwindigkeit: Für einen Dollar mussten im Januar 17.972 Mark, im Juli 353.412 Mark, im August 4.620.455 Mark, im September 98.860.000 Mark, im Oktober 25.260.208.000 Mark und im November dieses Jahres 4.200 Milliarden Mark bezahlt werden. Der völlige Verfall der Mark war nicht mehr aufzuhalten. 5

Papierfabriken und Druckereien ununterbrochenen tätig

Obwohl in den letzten Monaten des Jahres 1923 in Deutschland 300 Papierfabriken und 150 Druckereien mit 2000 Pressen ununterbrochenen tätig waren, konnte dennoch eine störungsfreie Versorgung des Publikums mit Zahlungsmitteln (Reichsbanknoten) nicht garantiert werden. Angesichts der in immer kürzeren Abständen sich vollziehenden Entwertung des Bargeldes versuchte jeder sich so schnell wie möglich davon zu trennen und das Geld in Waren umzusetzen. Damit verbunden war eine ständig wachsende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Die umlaufende Geldmenge stieg vom November 1918 bis zum Höhepunkt der Inflation im Jahre 1923 um mehr als das Hundertmillionenfache an.

Menschen in Deutschland geraten in Existenznot

Einen Eindruck von der beängstigenden Notlage, in die eine Familie geraten konnte, vermittelt die Darstellung einer Bewohnerin Hannovers, deren Ehemann außerhalb des Wohnsitzes der Familie an einem entfernten Ort einer beruflichen Tätigkeit nachgehen musste. „Mein Mann war Generalmusikdirektor in Mannheim geworden, eine der am höchsten geschätzten Stellungen, die ein ehrgeiziger Dirigent sich erhoffen konnte. Inzwischen blieb ich mit unseren kleinen Jungen, die gerade fünf und zwei Jahre alt waren, in Hannover zurück, bis zu dem gesegneten Zeitpunkt, da das Wohnungsamt uns an unserem neuen Wohnort ein Zuhause zuweisen würde. Mein Mann wurde wie jeder andere Sterbliche in der jeweiligen Währung des Tages bezahlt, doch bevor die Post es mir aushändigen konnte, war das Geld bereits absolut wertlos. Wir lebten, um es deutlich zu sagen von den Brosamen, die Freunde uns gelegentlich hinwarfen. […]“ 6

Zur Charakterisierung dieser, durch ein derartiges Ungleichgewicht zwischen Geld- und Gütervorrat gekennzeichneten wirtschaftlichen Entwicklung, passt auch der folgende Vergleich: „Inflation ist Diebstahl. Wenn man für zehn Eingeladene gedeckt hat und zwanzig erscheinen, muß jeder der ursprünglich Eingeladenen die Hälfte der ihm zugedachten Speisen den neu Hinzugekommenen abtreten. Diese letzteren gewinnen, was die ersteren verlieren. Genau das gleiche spielt sich in der Volkswirtschaft ab, in der man die Menge des umlaufenden Bar- und Bankgeldes vermehrt.“ 7

Wochenlohn reicht für einen Zentner Kartoffeln

Die Entwicklung traf die arbeitende Bevölkerung besonders hart, „da die Löhne den Preisen ständig nachhinkten und der Reallohn zusammenschrumpfte. Im Oktober 1923 reichte der Wochenlohn eines qualifizierten Facharbeiters aus, um einen Zentner Kartoffeln zu kaufen. Ein Pfund Margarine kostete den Lohn für neun bis zehn Arbeitsstunden, ein Pfund Butter den für zwei Tage. Für einen Zentner Briketts zahlte man den Lohn von zwölf Arbeitsstunden, für ein Paar einfache Stiefel den von sechs und für einen Anzug den Lohn von zwanzig Wochen.“ 8

Der Dollar war in Verbindung mit dieser galoppierenden Inflation zum eigentlichen Wertmesser und Faktor für die Preisbildung in Deutschland geworden. Die Information über die täglichen Dollarnotierungen war inzwischen zur Pflichtaufgabe eines jeden Bürgers geworden. Auch die Kaufleute passten ihre Preise sogleich dem veränderten Dollarkurs an. Sie schlossen ihre Geschäfte über die Mittagszeit und öffneten am Nachmittag, nachdem sie in der Zwischenzeit ihre Preise nach dem neuesten Stand des Dollars erhöht hatten. Eine Orientierungshilfe erhielt die Bevölkerung durch die täglich in den Zeitungen abgedruckten Börsennotierungen.

Quellen

1 Entnommen aus: Geschichte und Geschehen Niedersachsen G 4. Geschichtliches Unterrichtswerk für die Sekundarstufe I. Leipzig 1999, S. 57. Zur Entwicklung des Brotpreises von 1919 bis Januar 1924 vgl. Hagen Schulze: Kleine deutsche Geschichte. München 1996, S. 172.

2 Vgl. Cellesche Zeitung (fortan CZ) v. 13. Nov. 1923.

3 Arthur Rosenberg: Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik, Bd. II. Frankfurt/M. 1955, S. 400, zit. nach: Erich Görlitz/Joachim Immisch (Hgg.): Zeiten und Menschen, Band 4. Von der Oktoberrevolution bis zur Gegenwart. Paderborn 1985, S. 49.

4 Zu den Reichsfinanzen 1920 bis 1923 vgl. Karlheinz Dederke: Reich und Republik, Deutschland 1917−1933, 2. Aufl. Stuttgart 1973, S. 62.

5 Vgl. „Index der Geldentwertung“ und „Dollarnotierungen“, in: Wolfgang Michalka / Gottfried Niedhart (Hgg.): Die ungeliebte Republik. Dokumentation zur Innen- und Außenpolitik Weimars 1918-1933,

3. Aufl. München 1984, S. 118f. Vgl. hierzu auch Joachim Immisch (Hg.): Zeiten und Menschen, Ausgabe K, Band. 4/1: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft von 1919 bis 1945. Paderborn 1990, S. 71.

6 Georg Kotowski (Hg.): Historisches Lesebuch, Band 3, 1914-1933. Frankfurt am Main 1968, S. 215.

7 A. Hahn: Geld und Kredit. Frankfurt 1960, S. 131.

8 Walter Tormin (Hg.): Die Weimarer Republik, 12. Auflage. Hannover 1973, S. 121.

Von Karl-Heinz Buhr