Hannoversche Straße

Hier residierte einst der Adel in Celle

Einst säumten Bäume die Hannoversche Straße in Celle. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Bild der wichtigen Verkehrsader und Prachtstraße deutlich geändert.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 26. Nov. 2022 | 06:05 Uhr
  • 26. Nov. 2022
Ansichtskarte „Hannöversche Straße“ mit dem Eckhaus zur Bahnhofstraße (heute Cellesche Zeitung). Alte Abbildungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert belegen den Alleecharakter der Straße, wo einst begüterte Adlige und Hofbedienstete wohnten.
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  • 26. Nov. 2022 | 06:05 Uhr
  • 26. Nov. 2022
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Celle.

Die Hannoversche Straße im Celler Stadtteil Neuenhäusen, die einst wie ihre heutige Fortführung Hannoversche Heerstraße hieß, ist der erste Abschnitt der alten südlichen Ausfallstraße aus der Stadt Celle. Diese führte rechts von der Trift (heute Bahnhofstraße) abbiegend über Westercelle und die Poststation Engensen bis zur der benachbarten Residenzstadt Hannover. Aktuell ist sie ein kleiner Teilabschnitt der Bundesstraße 3, welche in Hamburg beginnt und weiter über Celle, Hannover, Göttingen, Kassel, Marburg, Gießen, Frankfurt am Main, Darmstadt, Heidelberg, Karlsruhe, Ettlingen, Baden-Baden, Offenburg und Freiburg in den Südwesten der Bundesrepublik Deutschland führt. Sie endet in Weil-Otterbach an der Bundesgrenze zur Schweiz.

Auftrag zum Bau von befestigter Straße von Hannover nach Celle

Um den vermehrten Waren- und Personenverkehr zu optimieren, gab die königliche Regierung in Hannover im Jahre 1776 den Planungsauftrag für eine neue Streckenführung und eine befestigte Straße von Hannover nach Celle. Bis dahin mussten sich die Fuhrleute, Postkutschen und Reisenden noch mit einer schlecht ausgebauten Poststraße begnügen, die über Ramlingen, Engensen und Bothfeld nach Hannover führte. Da Straßenplanungen damals bei Weitem nicht so langwierig wie heutzutage waren, begann man bereits im Jahr 1779 mit dem Bau der von Hannover über Altwarmbüchen, Kirchhorst und Schillerslage nach Celle führenden Heerstraße. Hierbei mussten die Bewohner jener Orte, die bis zu drei Meilen von ihr entfernt lagen, unentgeltlich Hand- und Spanndienste leisten.

Die frühere Allee ist verschwunden: Heutzutage prägt unter anderem die Congress Union das Erscheinungsbild der Hannoverschen Straße.

In diesem Beitrag soll jedoch nicht die Geschichte der gesamten Hannoverschen Heerstraße betrachtet werden, sondern allein jener Abschnitt in Celle, der heutzutage den Namen Hannoversche Straße trägt. Der ursprüngliche Verlauf führte mit der Schwedenbrücke (einst Wester-Celler Brücke oder Fuhsebrücke genannt) über den Fluss Fuhse nach Westercelle, dessen Grenze vor 1897 etwa im Bereich der heutigen Abzweigung der Bernstorffstraße (einst Artilleriestraße) lag. Heute ist die Hannoversche Straße ab dieser Straße nach Westen zur Hannoverschen Heerstraße verschwenkt.

Noble Adresse für begüterte Adlige und Hofbedienstete

Im stadtnahen Bereich der Hannoverschen Straße entstanden seit dem 17. Jahrhundert außerhalb der Stadtmauern zahlreiche Bauten für begüterte Adlige sowie Hofbedienstete und im Jahr 1700 der von hugenottischen Glaubensflüchtlingen erbaute französisch-reformierte „temple“ mit seinen zwei französischen Pfarrhäusern. Die Straße, die eine noble Adresse war, wurde um 1700 gepflastert und um 1737 an den tieferen Stellen bis zu einem Meter aufgeschüttet, was einen weitgehenden Neubau erforderte. Beiderseits der Straße führten einst seitlich Entwässerungsgräben entlang, so dass die anliegenden Häuser nur durch kleine Brücken zu erreichen waren. Im 18. und im 19. Jahrhundert besaß sie eine zunächst von Pappeln, dann von Linden gesäumte Allee. Alte Abbildungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert belegen ebenso wie eine historische Karte aus dem Jahr 1739 den Alleecharakter. Lange konnte ihn die Ausfallstraße bewahren, bis 1926 die Linden dem „Fortschritt“ zum Opfer fielen. Wie heutzutage bei Abholzungen an der Breiten Straße oder der 77er Straße blieben auch damals Bürgerproteste nicht aus. Um 1935 erfolgte die Verlegung der einst nahe der Schwedenbrücke einmündenden Sägemühlenstraße stadteinwärts an ihren heutigen Ort mit der Kreuzung Hannoversche Straße/Jägerstraße/Sägemühlenstraße.

Kfz-Verkehr macht Ausbau nötig

In den 1960er Jahren wurde die Hannoversche Straße im Zug des Ausbaus der Bundesstraße 3 verbreitert. Dem wachsenden Kraftfahrzeugverkehr musste Tribut gezollt werden. Dieser Baumaßnahme fielen auch zahlreiche Vorgärten und Gebäude zum Opfer. Überhaupt wurden in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg etliche barocke Anwesen an der Hannoverschen Straße abgebrochen, zum Beispiel 1965 das einstige Haus des Oberförsters Caspar Wissel (ehemals Nr. 54). An dessen Stelle wurde 1966 der architektonisch umstrittene naturwissenschaftliche Trakt des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasiums errichtet, der bereits auch schon wieder Geschichte ist. Das barocke Landstallmeisterhaus (ehemals Nr. 47) wich 1975 dem Neubau der Polizeiinspektion. Ebenso abgebrochen wurde das Haus Nr. 46 (die spätere „Jacobi-Schule“), das Haus Nr. 49 (Gastwirtschaft „Drei Kronen“) sowie die Barockhäuser Nr. 51 (ehemaliges Pfarrhaus der Concordia Gemeinde) und Nr. 52. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist unter anderem der Verlust der Barockhäuser 12, 12A sowie der Seitenflügel des „Palais Beaulieu“ (Nr. 4) zu beklagen.

Immer noch zahlreiche denkmalgeschützte Gebäude

Trotz dieses großen Verlustes an historischer Bausubstanz aus der Barockzeit existieren noch zahlreiche denkmalgeschützte Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert an der Hannoverschen Straße, wie beispielsweise die Nr. 3 (das Hauptgebäude des „Palais Beaulieu“, die Nummern 5 bis 8, Nr. 48, Nr. 50/50a („Walmoden Palais“), Nr. 55/56 (Hotel Fürstenhof), Nr. 57, Nr. 58 (Carl-Herold-Haus) sowie mit den Hausnummern 69 bis 61 die Evangelisch-reformierte Kirche (Hugenottenkirche) mit ihren Nebengebäuden.

Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium und Martin-Luther-Kirche

Zu den bedeutenden nach der Barockzeit entstandenen Gebäuden von der Schwedenbrücke stadteinwärts zählt auch das 1876 errichtete neugotische Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium mit seinen späteren Erweiterungen. Ferner die von dem bekannten Architekten Fritz Höger entworfene Martin-Luther-Kirche der Concordia-Gemeinde, in der die alte Kapelle integriert wurde.

Mehrere Gebäude im Denkmalatlas Niedersachsen verzeichnet

Hinter der Schwedenbrücke standen einst stadtauswärts nur wenige barocke Häuser, so dass dort heutzutage auch der städtebauliche Charakter der Ausfallstraße ein anderer ist. Doch auch in diesem Bereich sind zahlreiche Gebäude aus dem 19. und 20. Jahrhundert im Denkmalatlas Niedersachsen verzeichnet. Dazu zählen neben zahlreichen Wohnhäusern unter anderem die ehemalige Ausspannwirtschaft „Schwedenkönig“ aus dem Jahr 1859 (Nr. 18) oder das ehemalige Stabsgebäude der Cambridge-Dragoner-Kaserne aus dem Jahr 1842 (Nr. 30).

Modern: Anbau der Congress Union und Lidl-Markt

Heutzutage sind es freilich auch zahlreiche im 20. und 21. Jahrhundert errichtete Gebäude, die die Hannoversche Straße optisch mitprägen, so der moderne Anbau der Congress Union aus dem Jahr 1994, das Gebäude der Regionaldirektion der VGH (Nr. 44), das „Hochhaus“ (Nr. 33), das Jugend- und Veranstaltungszentrum CD-Kaserne oder der Lidl-Markt. Und statt einer Baumallee säumen aktuell beidseitig Fahrradwege die Bundesstraße 3.

Von Andreas Flick