Deutsches Reich

Kaiser Wilhelm II. als nationales Symbol

Kaiser Wilhelm II. und seine Gemahlin Auguste Viktoria besuchten am 20 Juni 1913 Celle. So reagierte die Stadt und so gefestigt war die Macht des Monarchen.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Dez. 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Dez. 2022
Kaiser Wilhelm II. im offenen Automobil an der Stadtkirche bei seinem Besuch in Celle im Juni 1906.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Dez. 2022 | 06:00 Uhr
  • 10. Dez. 2022
Anzeige
Celle.

Mit der Thronbesteigung Wilhelms II. im Jahre 1888 war ein Monarch an die Spitze des Deutschen Reiches getreten, mit dessen Regentschaft viele Menschen in Deutschland hohe Erwartungen verbanden. Herausragende politische und gesellschaftliche Ereignisse und bewegende Momente stellten in dieser historischen Epoche die zahlreichen Besuche des Kaisers im Lande und die damit verbundenen Begegnungen mit der Bevölkerung und den führenden gesellschaftlichen und politischen Repräsentanten auf der lokalen und regionalen Ebene dar. Bei diesen Gelegenheiten zeigte sich die Bedeutung der für das kaiserliche Deutschland kennzeichnenden „Symbolpolitik“.

Viermal besuchte der Kaiser die frühere welfische Residenzstadt Celle

In diesem Sinne waren auch die vier Besuche des Kaisers in der früheren welfischen Residenzstadt Celle zu verstehen. Dies wurde zum Beispiel auch bei dem Besuch Wilhelms II. am 20 Juni 1913 deutlich, bei dem Wilhelm II. von seiner Gemahlin, der Kaiserin Auguste Viktoria begleitet wurde. Das Kaiserpaar hielt sich allerdings nur für kurze Zeit in der Stadt auf. Die besondere Aufmerksamkeit der Kaiserin galt dabei der nach ihr benannten Töchterschule und den zur Begrüßung anwesenden Lehrern und Schülerinnen, mit denen sich die Kaiserin unterhielt. Der Kaiser hingegen war, wie zuvor bei seinen Besuchen in Celle, vorrangig an der Aufstellung des Militärs interessiert, das er an sich vorbeiziehen ließ und begutachtete.1

Wilhelm II. hauptsächlich an Militär interessiert

Die Vorliebe des Kaisers für militärisches Gepränge, Imponiergehabe und markige Worte und sein Bestreben, die Macht und Größe des Hohenzollernhauses mit bedeutenden geschichtlichen Ereignissen und dynastischen Traditionen zu verknüpfen und sich dem ihm zujubelnden Volk als zugewandter, fürsorglicher und entschlossen handelnder Monarch zu präsentieren, stieß auch bei seinen Besuchen in Celle auf viel Sympathie und freudige Erwartung.

Gedicht in der „Celleschen Zeitung“ veröffentlicht

In diesem Sinne wurde in der lokalen Presse in Verbindung mit dem vierten Besuch des Kaisers in Celle auch das 25-jährige Regierungsjubiläum Wilhelms II. in großer Aufmachung gewürdigt. Die beigefügte Huldigung in Form eines Gedichtes, das zu diesem Anlass am 16. Juni 1913 in der „Celleschen Zeitung“ veröffentlicht wurde, zeugt von dieser überschwänglichen Begeisterung und Zuneigung, die dem Kaiser überall im Lande zuteilwurde.

Gedicht von Benno Schönherr zum Regierungsjubiläum:

Mein Kaiser
Heut’ ist der Deutschen Jubeltag.
Mein Kaiser! Dich gab uns der Tag
Zum Glück, zum Glück des
deutschen Volks.

Wir alle sind begeistert, stolz,
Wir stehen treu und männiglich
Und rufen Gottes Schutz für Dich.
Treu steht zu Dir Dein Volk,
Dein Volk zu Dir,
Treu steht Dein Volk zu Dir
„Mein Kaiser“.

Recht lange mag Dein Tun und Sein,
Mein Kaiser, uns beschieden sein,
Mit Gott, mit Gott! Dir folgen wir
Und bringen deutsche Liebe Dir!
Rein, wie der gold’ne Sonnenschein
Soll sie für Dich, mein Kaiser sein,
Dein Volk zu Dir,
Treu steht Dein Volk zu Dir
„Mein Kaiser“.

Die bei diesen Aufenthalten Wilhelms II. in Celle sichtbar gewordenen Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen bestätigen die herausragende Bedeutung des Kaisers als „nationales Symbol“ und als eine für den Zusammenhalt der Gesellschaft unverzichtbare staatliche Institution.

Cellesche Zeitung vom 17. Juni 1908.

Für die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland gab es keinen Grund, die bestehende staatliche Ordnung infrage zu stellen, für sie hatte der machtpolitische Gedanke, von dem auch die offizielle Politik sich leiten ließ, vorrangige Bedeutung, verbunden mit dem Ziel, dem Deutschen Reich die ihm gebührende „Weltgeltung“ und einen „Platz an der Sonne“ zu verschaffen. Für das Deutsche Reich als eine „verspätete Nation“ galt es, den aus der Sicht der Regierung und der Mehrheit der Bevölkerung berechtigten Anspruch auf weltweite Interessenwahrnehmung und Einflussnahme gegenüber den anderen Großmächten mit Nachdruck zu vertreten und gegebenenfalls auch gegen Widerstände durchzusetzen.

Das „Persönliche Regiment“ Wilhelms II.

Von solchen Vorstellungen und politischen Absichten ließ sich auch der Kaiser leiten. Wilhelm II. war nach der Übertragung der Kaiserwürde sogleich fest entschlossen, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und einen „Neuen Kurs“ in der Politik einzuleiten. Er wollte selbst entscheiden und sah sich gern in der Rolle des eigentlichen Leiters und Lenkers in der Reichspolitik, der neue Maßstäbe setzen wollte. In der Zeit seiner Regentschaft sollte der Reichskanzler nicht über jene Handlungsfreiheit verfügen, die es Bismarck ermöglicht hatte, nach eigenen Vorstellungen Politik zu gestalten.

Unausgereifte Ideen und Beschlüsse

Tatsächlich war Wilhelm II. jedoch nach der Entlassung Bismarcks nie in der Lage, in dessen Fußstapfen zu treten und für Kontinuität und Verlässlichkeit in der politischen Gestaltung zu sorgen. Deshalb erweckte die deutsche Politik bald den Eindruck des Sprunghaften und Unberechenbaren. Durch die häufig unausgereiften Ideen und Beschlüsse Wilhelms II. ließen es die Reichsregierungen, deren Kanzler in der Folgezeit zumeist nicht die Fähigkeit besaßen, sich gegenüber dem Kaiser und seinem anmaßenden Verhalten zu behaupten oder durchzusetzen, an einer klaren Ausrichtung der Politik fehlen. Wer dennoch wagte, sich dem Kaiser zu widersetzen, bekam sehr schnell die Konsequenzen zu spüren. Reichskanzler Caprivi, „Verkörperung deutscher Staatsraison und vertrauensbildender Weltpolitik, mußte zurücktreten und dem greisen Fürsten Hohenlohe Platz machen, hinter dem des Kaisers Entourage das persönliche Regiment als populäre Regierungsform entfalten wollte. Am Ende aber kam nichts zustande als Lähmung der Politik und Diskriminierung der Monarchie“.2

Kaiser Wilhelm II. berücksichtigt Belange der Arbeiterschaft

Zu Beginn seiner Regentschaft zeigte sich der Kaiser als ein für den technischen Fortschritt und die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen im Industriezeitalter aufgeschlossener Monarch, der auch willens war, sich im Sinne weiterführender sozialer Ideen für die Belange der Arbeiterschaft einzusetzen und eine Politik des Ausgleichs gegenüber den bisher in Opposition zur Reichsregierung stehenden Gruppen einzuleiten. Forderungen nach einem wirksamen Arbeitsschutz und einer Reform des Arbeitsrechtes wurden 1891 teilweise im Rahmen der Gesetzesnovelle zur Gewerbeordnung verwirklicht.

Arbeiter für „monarchischen Nationalstaat“ gewinnen

Darin enthalten war das Verbot der Sonntagsarbeit für Kinder und die eingeschränkte Beschäftigung von Kindern und Frauen in Fabriken. Durch solche Maßnahmen wollte der Kaiser die Arbeiter für den „monarchischen Nationalstaat“ gewinnen. Als die Arbeiterschaft aber zu erkennen gab, dass sie nicht bereit war, den Verlockungen des Kaisers zu folgen und sich von der weiterhin in Opposition gegen die Regierung verharrenden Sozialdemokratischen Partei zu entfernen, änderte Wilhelm II. seine Meinung, wollte von seinen Reformplänen nichts mehr wissen und zeigte, wie zuvor Bismarck, eine unnachgiebige Haltung gegenüber den Organisationen der Arbeiterbewegung.

Konfrontation mit Sozialdemokratie

Die von ihm nun als „vaterlandslose Gesellen“ gebrandmarkten Mitglieder und Anhänger der Sozialdemokratie sollten fortan nicht mehr die Vorteile seiner Regentschaft genießen. In dieser Konfrontation wurde deutlich, dass dem Kaiser die existenziellen Bedingungen der Arbeiterschaft und die sozialpolitischen Probleme der Zeit in Wirklichkeit fremd und unverständlich geblieben waren. Er war deshalb auch nicht in der Lage, die durch die Industrialisierung bewirkten ökonomischen Wandlungsprozesse mit den sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Veränderungen sach- und realitätsgerecht einzuschätzen und die notwendigen politischen Konsequenzen zu ziehen. 3

Cellesche Zeitung vom 17. Juni 1908.

Diese Anmerkungen verweisen darauf, dass es im Reich zahlreiche ungelöste Probleme und strukturelle Mängel gab, die ihre Ursache vor allem darin hatten, dass dieses Staatswesen nicht durch die Entscheidungen des Volkes „von unten“ gewachsen war, sondern „von oben“ als „Fürstenbund“ geschaffen wurde, dessen Ausgestaltung das Werk Bismarcks war. Die von ihm erarbeitete Reichsverfassung (im Folgenden mit „RV“ gekennzeichnet) fußte auf der Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867, die ebenfalls die Handschrift Bismarcks trug und nach seinen Vorstellungen gestaltet war.

Wilhelm II., Bismarck und die Reichsverfassung

Dieser Bundesstaat bestand aus 22 monarchischen Einzelstaaten und drei freien Städten (Art. 1 RV). Hinzu kam das Reichsland Elsass-Lothringen. Der König von Preußen war als deutscher Kaiser erbliches Bundeshaupt (Art. 11 RV) und verfügte über weitreichende Befugnisse: Er ernannte und entließ den Reichskanzler und legte gemeinsam mit dem Reichskanzler die Grundlinien der Politik fest. Er berief, eröffnete und schloss den Bundesrat und den Reichstag und konnte mit Zustimmung des Bundesrates den Reichstag auflösen (Art. 12 RV). Das von ihm ausgeübte Präsidium des Bundes beinhaltete das Recht, das Reich völkerrechtlich nach außen zu vertreten, Kriege zu erklären und Frieden zu schließen. Des Weiteren hatte er die Befehlsgewalt über das Heer und die Marine sowie das Recht, Offiziere zu ernennen (Art. 63 RV). Auch die Reichsbeamten berief und entließ er (Art. 18 RV). Die Leitung der Reichspolitik lag beim Reichskanzler, der in der Regel auch preußischer Ministerpräsident war. Er war der einzige verantwortliche Minister und gleichzeitig Vorsitzender des Bundesrates. Seine enge Bindung an das Vertrauen des Kaisers sollte ihn als Regierungsvertreter unabhängig von der Volksvertretung machen. Der Reichstag war weder bei der Berufung noch bei der Ablösung des Kanzlers beteiligt. Die später hinzugekommenen Reichsämter, die von Staatssekretären geleitet wurden, waren ebenfalls dem Einfluss des Parlaments entzogen.

Strukturelle Mängel des Kaiserreiches

Die mit diesen verfassungsrechtlichen Grundlagen und staatsrechtlichen Bestimmungen verbundenen Auswirkungen zeigten sich nicht nur in der mangelnden Integration der Arbeiterschaft, der im institutionellen Gefüge des Kaiserreiches der Zugang zur politischen Verantwortung und zur Wahrnehmung von Regierungsaufgaben verwehrt war. Vorbehalte und Kritik in Bezug auf die Verfasstheit des Reiches und die politischen Entscheidungsprozesse wurden auch von anderen Gruppen und politischen Vereinigungen vorgebracht.

Erwartungen demokratischer Parteien und der Arbeiter enttäuscht

Eine wirksame parlamentarische Kontrolle und Verantwortlichkeit der Regierung, für die es bereits während der Kanzlerschaft Bismarcks keinen Raum gab, wollte auch Wilhelm II. nicht zulassen. Damit blieb er ebenfalls weit hinter den Erwartungen liberaler und demokratischer Parteien zurück. Die engen Bindungen des Reichskanzlers an den Kaiser und das Festhalten Wilhelms II. an spätabsolutistischen Vorstellungen von Macht und Herrschaft verhinderten eine fortschreitende Demokratisierung der staatlichen Ordnung. In einer besonders schwierigen Situation befanden sich in dieser Epoche zweifellos die Arbeiter und die sie repräsentierenden Organisationen in Staat und Gesellschaft.

Quellen

1 Cellesche Zeitung vom 21.6.1913.

2 Michael Stürmer: Mitten in Europa. In: Hartmut Boockmann; Heinz Schilling; Hagen Schulze;

Michael Stürmer: Deutsche Geschichte (Sammlung Siedler), 1. Auflage. Berlin 1992, S. 311.

3 Vgl. Hans-Peter Ullmann: das Deutsche Kaiserreich 1871-1918. Neue Historische Bibliothek, herausgegeben von Hans-Ulrich Wehler. Frankfurt a. Main 1995, S. 138ff.

Von Karl-Heinz Buhr