100 Jahre Nationalhymne

Sehnsucht nach Einheit in schwieriger Zeit

Vor 100 Jahren wurde das vom Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) verfasste Deutschlandlied zur offiziellen Nationalhymne.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Sept. 2022 | 15:50 Uhr
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Celle.

Im August des Jahres 1841 besucht der Dichter August Heinrich Hoffmann (1798-1874), der sich in Erinnerung an seinen Geburtsort bereits als Student „Hoffmann von Fallersleben“ nennt, die zu jener Zeit im britischen Besitz befindliche Insel Helgoland, um hier in der Einsamkeit neue Kraft zu schöpfen. Die täglichen Spaziergänge auf dem roten Felsen in der Nordsee bringen Erholung und Entspannung und regen Hoffmann auch zum Dichten an. So entsteht in dieser Abgeschiedenheit am 26. August 1841 das „Lied der Deutschen“.

Dass dieses Lied einmal als deutsche Nationalhymne erklingen würde, war im Jahre 1841 noch nicht abzusehen Es konnte lange Zeit keine weitreichende Wirkung erzielen. In dem durch Otto von Bismarck 1871 gegründeten Kaiserreich wird die preußische Königshymne „Heil dir im Siegerkranz“ bei Staatsakten und anderen öffentlichen Veranstaltungen als nationale Hymne vorgetragen.

Lied als Bestandteil des Langemarck-Mythos

Eine besondere Deutung erfährt das Lied im Ersten Weltkrieg, als deutsche Soldaten mit „Deutschland, Deutschland über alles“ auf den Lippen gegen feindliche Stellungen anrennen und das Lied Bestandteil des Langemarck-Mythos wird.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird heftig gestritten, ob das Deutschlandlied angesichts der Missdeutungen im Kriege als Nationalhymne geeignet ist. Schließlich ergreift Reichspräsident Friedrich Ebert die Initiative und erklärt nach vorheriger Zustimmung der Fraktionen des Reichstages am 11.August 1922, dem dritten Jahrestag der Verabschiedung der Weimarer Verfassung, in einem in allen großen deutschen Tageszeitungen veröffentlichten Aufruf Hoffmanns „Lied der Deutschen“ zur Hymne der Republik. Für Ebert war der Dreiklang „Einigkeit und Recht und Freiheit“ „im Zeichen innerer Zersplitterung und Unterdrückung“ Ausdruck der „Sehnsucht aller Deutschen“ nach „einer besseren Zukunft“. Zugleich warnt er vor einem Missbrauch des Liedes im Meinungsstreit der Parteien und betont im Sinne des Dichters: „Deutschland, Deutschland über alles“ bedeutet nicht nationalistische Überheblichkeit, sondern Liebe zum Vaterland. „Der feste Glaube an Deutschlands Rettung und die Rettung der Welt soll uns nicht verlassen.“

Kaum Raum für Kompromisse

Die Hoffnung Eberts, das Deutschlandlied könne als eine Art Brücke zwischen den unterschiedlichen politischen Gruppierungen dienen und eine integrierende Wirkung entfalten, erfüllte sich jedoch nicht. Zwar fand Eberts Entscheidung zunächst breite Zustimmung in den verschiedenen politischen Lagern. Doch die Gegensätze zwischen den Parteien verschärften sich zusehends, sodass kaum noch Raum für Kompromisse blieb. „Kampflieder“ und traditionelle Symbole (wie die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“) schienen für die Parteien eine stärkere Integrationskraft zu besitzen als die Nationalhymne. Aber auch im Ausland waren immer wieder kritische Stimmen zu hören, die den im Deutschlandlied enthaltenen Friedenswunsch angesichts der Ergebnisse des Krieges nicht für glaubwürdig hielten.

In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde nur die erste Strophe des Deutschlandliedes gesungen und anschließend das Horst-Wessel-Lied: „Die Fahne hoch“. Zudem wurde die erste Zeile des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles“ umgedeutet in „Deutschland, Deutschland über allem“ und „über allen“ und dadurch dem Lied bewusst eine chauvinistische Zielrichtung gegeben.

Einschnitt in unserer Geschichte

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs übernahmen die Siegermächte in Deutschland die Herrschaft. Dieser tiefe Einschnitt in unserer Geschichte hatte auch Konsequenzen für die Verwendung staatlicher Symbole. Durch eine Anordnung des Alliierten Kontrollrates vom September 1945 wurde das „Absingen oder Vorspielen“ der Nationalhymne unter Strafe gestellt.

Umstritten war das Lied aber auch in der deutschen Bevölkerung. Viele Bürger konnten in dem nationalen Pathos der vergangenen Jahrzehnte keinen Sinn mehr erkennen. Die Kontroversen verschärften sich noch, als nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 erneut über die Einführung einer Nationalhymne entschieden werden sollte. Unterschiedliche Positionen vertraten in dieser Zeit auch die beiden führenden Repräsentanten des neuen Staates, Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer. Während Heuss sich für eine neue Hymne einsetzte, wollte Adenauer an der Regelung aus der Weimarer Republik festhalten. In einem Brief an den Komponisten Carl Orff aus dem Jahre 1950 hatte sich Theodor Heuss gegen die erneute Einführung des von Hoffmann gedichteten Deutschlandliedes als Nationalhymne ausgesprochen. Er war der Meinung, die erste Strophe passe „ nicht mehr in die geschichtliche Landschaft“, die zweite sei „ trivial und immer trivial gewesen“, die dritte „allein für sich zu wenig“. Der Versuch des Bundespräsidenten, eine neue Hymne durchzusetzen, scheiterte jedoch. Der dazu von Rudolf Alexander Schröder entworfene und von Hermann Reutter vertonte Text fand als „Hymne an Deutschland“ keinen nennenswerten Anklang in der Bevölkerung. Zu sehr wurde man an kirchliche Gesänge oder Trauermärsche erinnert.

Kontroverse nach Zweitem Weltkrieg

Eine entscheidende Rolle bei der Einführung einer neuen Nationalhymne für die Bundesrepublik Deutschland spielte Kanzler Adenauer, der schon frühzeitig für das Lied von Hoffmann plädiert hatte. In seinem Brief an Theodor Heuss aus dem Jahre 1952 bekräftigt er seinen Standpunkt und bezieht sich dabei auch auf Friedrich Ebert, „der das Deutschlandlied durch eine staatsmännische Entscheidung zur Nationalhymne erklärte. Daher die erneute Bitte der Bundesregierung, das Hoffmann-Haydnsche Lied als Nationalhymne anzuerkennen“. Bundespräsident Heuss musste schließlich nachgeben und willigte in Adenauers Vorschlag ein. Er erklärte am 6. März 1952 in Verbindung mit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen ihm und Bundeskanzler Adenauer im Bulletin des Bundespresse- und Informationsamtes das Deutschlandlied zur Nationalhymne. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch der einschränkende Hinweis, dass bei staatlichen Veranstaltungen nur die dritte Strophe mit der Eingangszeile „Einigkeit und Recht und Freiheit“ gesungen werden soll. Damit wollte man an die Weimarer Tradition anknüpfen und die Gefahr von Fehldeutungen ausschließen.

In der Presse fand die Hymne ein überwiegend positives Echo. Es wird vor allem die Bedeutung eines solchen Symbols für die Integration der Menschen eines Gemeinwesens hervorgehoben und an den historisch-politischen Kontext des Liedes erinnert.

Dennoch gab es auch in der Folgezeit Probleme im Umgang mit der Hymne. Besonderes Aufsehen erregte das Verhalten deutscher Zuschauer bei der Fußballweltmeisterschaft im Jahre 1954, die bei der Siegerehrung für die deutsche Mannschaft die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmten. Der Schweizer Rundfunk brach sogleich die Übertragung ab.

Verankerung im Bewusstsein der Menschen schwierig

Mochten auch führende Repräsentanten aus Politik, Wissenschaft und Kultur sich immer wieder für ein sachgerechtes Verständnis der Hymne einsetzen und wie der Tübinger Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg darauf hinweisen, dass „in diesem Lied Nationalbewusstsein, Staatsordnung und Gesellschaftsbewusstsein wie selten sonst in einer Hymne enthalten sind“, die Verankerung dieses Symbols im Bewusstsein der Menschen war auch weiterhin mit Schwierigkeiten verbunden. So wurde von führenden Politikern unseres Landes wiederholt die geringe Bereitschaft in der Bevölkerung beklagt, die Nationalhymne bei offiziellen Anlässen zu singen und sie nicht nur als Musikdarbietung (als „stumme Hymne“) wahrzunehmen.

Als der frühere Bundespräsident Walter Scheel 1988 die Hymne „als Ausdruck unseres politischen Willens“ kennzeichnete, „die Teilung Deutschlands nicht zu akzeptieren“, war noch nicht vorauszusehen, dass diese Aussage bereits ein gutes Jahr später im Zusammenhang mit dem Fall der Berliner Mauer aktuelle Bedeutung erlangen sollte. In jenen dramatischen Tagen und Wochen wurde häufig spontan die Hymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“ angestimmt. Das Deutschlandlied wurde so zum einigenden Band zwischen den Menschen in West- und Ostdeutschland. Als Hymne für das wieder vereinigte Deutschland wurde das Lied erst 1991 aufgrund eines Briefaustausches zwischen Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl bestätigt – verbunden mit der Feststellung, dass nur die dritte Strophe des Deutschlandliedes die Nationalhymne darstellt.

Späte Anerkennung für den Dichter

Im Jahre 1991 wurde der Dichter und Germanist August Heinrich Hoffmann von Fallersleben von der Bundespost mit einer Briefmarke geehrt. Damit sollte an den 150. Jahrestag der Nationalhymne erinnert werden. Zu später Ehre kam Hoffmann auch in der Landeshauptstadt Hannover, wo am 26. September 2007 der damalige Landtagspräsident Jürgen Gansäuer (CDU) gemeinsam mit dem Künstler Siegfried Neuenhausen an der Frontfassade des Niedersächsischen Landtags ein fünf Meter hohes und drei Meter breites Außenrelief mit dem Portrait des Verfassers des Deutschlandliedes enthüllte.

Dass diese Auszeichnungen erst nach so langer Zeit erfolgt sind, muss im Zusammenhang mit der spannungsreichen Entwicklung Deutschlands in den vergangenen 200 Jahren gesehen werden. Politische und gesellschaftliche Umbrüche mit einschneidenden Veränderungen haben nicht nur nach 1945 die Möglichkeit erschwert, dass sich in Deutschland ein „natürlich“-emotionales Verhältnis zur Nationalhymne im Rahmen einer von der Bevölkerung anerkannten staatlichen Ordnung entwickeln konnte. Erst gegen Ende der achtziger Jahre und vor allem im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung Deutschlands erhielt der Gedanke der „Identität“, verbunden mit dem Wunsch nach „Integration“, stärkere Bedeutung.

Zeichen der Freude

Diese Entwicklung hat sich bis in die Gegenwart hinein fortgesetzt. Nicht nur 1989/90 waren das Singen der Hymne und das Fahnenschwingen Ausdruck eines solchen Wunsches der Bürger nach Identifikation, nach Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit. Auch die Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2006 in Deutschland hat deutlich werden lassen, dass die in spontaner Begeisterung geschwenkten schwarz-rot-goldenen Fahnen und in anderer Form gezeigten staatlichen Symbole nicht nationalistische Überheblichkeit demonstrierten, sondern als Zeichen der Freude und einer symbolisch-emotionalen Identifikation der Menschen mit ihrem Lande zu verstehen waren, das durch die auf dem Spielfeld agierenden Sportler repräsentiert wurde. Ebenso gilt es bei diesen Erörterungen zu bedenken, dass durch die zunehmende europäische Integration die Nation nicht mehr nur im Sinne von Trennung und Abgrenzung verstanden und erlebt wird, sondern als Teil einer umfassenderen, die einzelnen Staaten übergreifenden Ordnung. Vor diesem Hintergrund ist die im Deutschlandlied von Hoffmann von Fallersleben enthaltene Aussage „Einigkeit und Recht und Freiheit“ sowohl als Erinnerung an unterschiedliche Epochen deutscher Geschichte als auch als Auftrag zu verstehen, diesen Prinzipien ebenso in einem größeren politisch-gesellschaftlichen Ordnungsrahmen gerecht zu werden.

Quelle

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Quellen

M. Jeismann: Die Nationalhymne, in: François/Schulze (Hg.), Erinnerungsorte. München 2001, Bd.III, S. 660–664.

P. Reichel: Schwarz-Rot-Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole nach 1945. München 2005.

K.-W. Frhr von Wintzingerode-Knorr: Zur Geschichte deutscher Dichtung und Demokratie im 19. Jahrhundert, 2. Auflage. Gifhorn 1998.

Von Karl-Heinz Buhr