Vor 150 Jahren

Als der letzte Wolf nahe Becklingen erlegt wurde

Vor 150 Jahren wurde nahe Becklingen bei Bergen der letzte Wolf in Niedersachsen erlegt. Er endete als dekorativer Fußteppich.
  • Von Matthias Blazek
  • 03. Sept. 2022 | 06:00 Uhr
  • 03. Sept. 2022
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  • 03. Sept. 2022 | 06:00 Uhr
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Becklingen.

Westlich von Becklingen wurde 1872 gleich zu Jahresbeginn der vorerst letzte Wolf in der Lüneburger Heide gesehen und geschossen. Schütze war der Förster H. Grünewald, ehemals ein Jagdbegleiter Georgs V., des letzten Königs von Hannover. Grünewald war damals schneller als die Präparatoren und ließ sich von dem Wolf nach einigen Zurschaustellungen einen dekorativen Fußteppich anfertigen.

Gedenkstein im Becklinger Holz erinnert an getöteten Wolf

Der damals erlegte Wolf, ein alter Rüde, war der letzte von insgesamt 15 Wölfen, die im 19. Jahrhundert in der Lüneburger Heide ihr Ende fanden. 1929 wurde im Becklinger Holz an dem längst hübsch gestalteten Platz des Ereignisses ein Gedenkstein aufgestellt. 61 Jahre später wurde der Wolf im vereinigten Deutschland unter Naturschutz gestellt.

Die Meinungen gehen heute stark auseinander. Man möchte sie schützen oder aber man fühlt sich von ihnen bedroht. Zuletzt hat ein Wolf mitten in Hannover-Hainholz im August für Schlagzeilen gesorgt. „Viele Menschen sind auch vom Wolf fasziniert, weil dieser ikonenhaft die unberührte Natur symbolisiert“, so Paul C. Paquet, wissenschaftlicher Leiter der Raincoast Conservation Foundation, in seinem Vorwort zum Buch „The Last Wild Wolves“ von Ian McAllister (2007). „Wir wissen, dass unsere expandierende, alles vereinnahmende Zivilisation die Vernichtung der Wölfe verursacht hat, und betrachten deshalb weitere Eingriffe des Menschen in ihre letzten unberührten Rückzugsgebiete mit Sorge.“

Wölfe als Nahrungskonkurrenten bejagt

Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Wölfe in Niedersachsen regelmäßig ausgemacht und als Nahrungskonkurrenten bejagt. Zwar war Norddeutschland seit dieser Zeit weitgehend wolfsfrei; dennoch wurden laut dem Sachbuchautor Erich Hobusch beispielsweise im Jahre 1885 insbesondere in den östlichen Landesteilen noch 79 Tiere zur Strecke gebracht (davon 22 lebend gefangen). Da waren Wölfe in Niedersachsen längst Geschichte.

Die Heimatforscher und Brüder Otto und Theodor Benecke schreiben in dem im Auftrag der Bezirkslehrervereine Lüneburg und Celle 1914 aufgelegten „Lüneburger Heimatbuch“: „Das Becklinger Holz hat mit der Göhrde zusammen die Ehre, in den siebenziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die beiden letzten, von Rußland herüber verirrten Wölfe der Heide beherbergt zu haben, das Becklinger Holz im Winter 1872, die Göhrde im Jahre 1876.“

Etliche Schafe in der Gegend um Becklingen gerissen

Im Januar 1872 wurden in der Gegend um Becklingen in einem Radius von 14 Kilometern (bis nach Soltau und Dorfmark) einige Schafe gerissen. In der Nähe von Ostenholz riss der Wolf in Sichtweite von zwei Schäfern zwei Schafe. Das Revier des Wolfes war aber das Becklinger Holz westlich von Becklingen. Sein Revierradius lag bei rund 30 Kilometern. In der Fallingbosteler Gegend wurde der Wolf mehrmals an unterschiedlichen Stellen gefährtet. Bei Vierde ging er auch durch die Böhme. Da man ihm nachstellte, begab er sich auf Wanderschaft.

Wie Förster H. Grünewald, der von 1871 bis 1892 in Wardböhmen seinen Dienst versah, der historische Schuss gelang, wird in einem Schreiben an die Königliche Finanzdirektion in Hannover vom 15. Januar 1872 beschrieben. „Im Anfange der vorigen Woche verbreitete sich das Gerücht von dem Vorhandensein von Wölfen in der Gegend zwischen Soltau und Dorfmark, wo nächtliche Einbrüche in allein stehende Schafkoben stattgefunden hatten, und die Raubthiere auch gesehen sein sollten. Eine hierauf von Bauern angestellte wilde Jagd bis zum Forstorte Wisselshorst bei Fallingbostel war zwar resultatlos geblieben, hatte aber wie leicht zu erachten, alle Welt alarmirt und bereits abenteuerliche Geschichten in Cours gebracht; jedoch wurde durch den noch stellenweis vorhandenen Schnee die Sache in soweit festgestellt, daß allerdings eine Spur, welche durch fortwährendes Schnüren sich auszeichnete, für eine Wolfsfährte angesprochen werden mußte.

Schäfer sehen zu, wie der Räuber seine Beute erlegt

Einige Tage später war denn auch der Wolf in der Nähe von Ostenholz am hellen Tage gesehen, hatte im Angesicht zweier Schäfer, 2 Schafe gerissen, eins fortgeschleppt und, wie sich später herausstellte, in einem nahen Gehölz gefressen; die Schäfer waren davon gelaufen und der Wolf hatte die Richtung nach Manhorn zu genommen, wo er abermals am Sonnabend den 13. d. M. Morgens von einem Bauer gesehen und bis zum Becklingerholze verfolgt worden war. – Der Förster Grünewald in Wardböhmen, von dem Einwechseln des Wolfs ins Becklingerholz schleunigst in Kenntnis hatte darauf, begünstigt durch Spurschnee, den Wolf in der Abtheilung Nr. 42, einer 80 Morgen großen Kieferndeckung eingekreiset; als herbeigeholte Waldarbeiter die Dickung eben betraten, kam der Wolf angetrabt und wurde von Förster Grünewald auf 30 Schritt mit einem Schuß Palester erlegt.“

Tier zum Förster Grünewald getrieben

Wilhelm Bieling, Försterei Dalle b. Eschede, war damals als Förster in der Raubkammer, dem Waldgebiet zwischen Soltau und Lüneburg, stationiert. Er berichtete: „Als kein Schnee kommen wollte, wurde dort eine Treibjagd auf alles mögliche Wild abgehalten, aber der Wolf kam nicht vor, war aber infolge der Treibjagd verschwunden. Ich hatte das vorausgesagt. Vielleicht zehn Tage später drang zu uns die Runde, der Kgl. Förster Grünewald zu Wardböhmen, früher Leibjäger bei König Georg V., habe im Becklinger Holze einen starken männlichen Wolf erlegt. Dieses war unser Wolf aus der Raubkammer.

Ein Schäfer, der auf der Heide im Becklinger Holze Schafe hütete, hatte kurz vor Mittag bemerkt, daß ein großes Raubtier plötzlich aus dem nahen Walde gekommen war, sofort den nächsten Hammel erfaßt hatte und ebenso rasch mit dem Hammel im Fange wieder im Walde verschwunden war. Der Schäfer brachte sofort seine Schafe in den Roben, lief zum Förster Grünewald und berichtete, was geschehen war. Dieser ging darauf zu seinen Arbeitern im Schlage und wies sie an, ihm die ziemlich große Dickung zu treiben, und stellte sich auf einen besonders guten Fuchspaß an.

„Der Wolf brach im Feuer zusammen“

Kaum hatten die Treiber mit großem Lärm zu treiben angefangen, da sah er auch schon den Wolf angetrabt kommen. Auf fünfundzwanzig Schritt stutzte der Wolf und sicherte nach den Treibern zurück. In diesem Augenblick dampfte es und der Wolf brach im Feuer zusammen.

Im Frühjahr desselben Jahres suchte ich in der Raubkammer nach Hirschstangen und fand dabei sechs verschiedene Dickungen längs der Heide, wo ein rheinischer Hammel gerissen war. An solchen Stellen lag die weiße Wolle im Umkreis von vier Metern herum. Die Schafe waren förmlich abgerupft. Sonst fand sich außer einem Teil von den Schalen nichts von ihnen mehr vor.“

Kadaver wird polnischen Wölfen zugeordnet

Forstmeister Schimmelpfennig in Hannover befasste sich kurz nach den Ereignissen in einem forstkundlichen Aufsatz mit der schicksalhaften Begegnung. Er schrieb:

„(…) Dieser Wolf hatte sich erst bei Soltau, also mehr nach der Elbe hin, bemerklich gemacht, hatte bei Ostenholz am hellen Tage zwei Schafe, Angesichts zweier Schäfer, zerrissen, das eine davon in dem nächsten Gehölz verzehrt, und wurde bis in das Recklingerholz (sic!) verfolgt. Hier konnte Grünewald ihn in einer 20 Hectar großen Kieferdickung einkreisen und nach gut arrangirtem Treiben auf 30 Schritt erlegen. Der Wolf ist 1,64 Meter lang, 0,85 Meter hoch und 45 Kilogramm schwer, gehört also unzweifelhaft zu den polnischen Wölfen, da die Ardennen-Wölfe diese Stärke nicht erreichen, während die stärksten polnischen Wölfe ein Gewicht bis zu 50 Kilogramm haben. Der glückliche Jäger hat sich in diesem Falle die Prämie, welche zehn Thaler beträgt, leicht verdient. (…)“

Kein Präparat fürs Museum

Eine Erzählung des Seminaroberlehrers Heinrich Brammer aus dem Jahre 1939 liefert weitere Hintergrundinformationen. Brammer hatte den Förster Grünewald anlässlich eines persönlichen Besuches bei ihm berichten lassen. Der Schütze hatte sich später eine Fußdecke von dem Balg machen, anstatt ihn dem Museum zu übergeben:

„… ich selbst stellte mich schußbereit vor einer dichten Schonung vor einer freien Waldwegstrecke auf und richtete Blick und Waffe auf die junge, dichte Schonung. Auf dieser Strecke waren keine lärmenden Holzknechte. Als diese ihm von drei Seiten immer näher kamen, nahm er mit mächtigen Sprüngen den Weg durch die Schonung.

Beim letzten Sprunge, dem Weg zu, traf ihn meine Kugel. Ich ging nun auf ihn zu. Es war ein grausiger Anblick, als er nun todwund aufsprang und ich ihm mit dem Hirschfänger den Gnadenstoß geben mußte. Ich sollte dann das Tier für das Göhrdeschloß freigeben. Aber hier liegt sein Winterpelz nun schon seit zwei Jahrzehnten mit gegerbter Haut zu meinen Füßen.“

Kadaver zur Schau gestellt

Der erlegte Wolf wurde zuerst in Bergen, Celle, Soltau, Fallingbostel und Walsrode von einem Unternehmer für Geld gezeigt und dann einige Tage im Jägerhof zu Hannover ausgehängt. Der Eintrittspreis bei der Zurschaustellung betrug 10 Pfennig. Aus Wolthausen wurde berichtet, dass der tote Wolf eines Morgens in der dortigen alten Lüßmannschen Gastwirtschaft auf dem Tisch gelegen habe.

H. Grünewald erhielt die letzte im 19. Jahrhundert ausgezahlte Prämie für einen erlegten Wolf, nunmehr allerdings nur noch in Höhe von 10 Reichstalern. Diese waren angesetzt für einen alten Wolf. Für eine alte Wölfin hätte Grünewald 12 Reichstaler Prämie erhalten.

Am 1. Juli 1892 trat H. Grünewald in den Ruhestand. Die „Deutsche Forst-Zeitung“ vermeldete: „Grünewald, Förster zu Wardböhmen, Oberförsterei Wardböhmen, Regbz. Lüneburg, ist unter Bewilligung der gesetzlichen Pension in den Ruhestand versetzt worden.“ In der „Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen“ heißt es dann 1919: „(…) Der glückliche Schütze, Förster Grünewald, ist erst vor wenigen Jahren hochbetagt gestorben.“

In Burckhardts „Aus dem Walde“ schrieb 1874 Forstmeister A. Meier zu Hankensbüttel, dass noch immer einzelne Wölfe durch das Lüneburgische streifen würden.

Gedenkstein erinnert an getötetes Tier

Auf der Höhe der langen Brandrute, wo der Wolf im Becklinger Holz erlegt wurde, wurde eine Rasenbank angelegt, wie die Cellesche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 13. Juni 1912 berichtete. Davor stand ein einfacher Stein mit der Jahreszahl 1872. Hinter der Rasenbank standen einige kümmerliche Eichen. 17 Jahre später wurde dort ein Gedenkstein gesetzt, und zwar vom Allgemeinen Deutschen Jagdschutz-Verein, Bezirksverein Hannover. Er trägt die Inschrift: „Am 13. Januar 1872 wurde hier der letzte Wolf in Niedersachsen erlegt.“ Heinrich Brammer: „Die Stelle, wo der Wolf endete, bezeichnete ein größerer Stein, aber vor zehn Jahren lieferte mein Bruder als seinen würdigen Ersatz aus seinen benachbarten Waldungen einen großen Findling.“

Stelle befindet sich auf Truppenübungsplatz Bergen-Hohne

Zu diesem Platz hat man so ohne weiteres keinen Zutritt mehr, da er sich heute auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne befindet. Der Jagdliebhaber und Redakteur Hermann Löns wusste überdies zu berichten, dass ein Bild des erlegten Wolfes in Kirchwahlingen aufgehängt gewesen sei.

Der vorerst letzte freilebende Wolf in Deutschland kam im Jahre 1904 in der Lausitz zur Strecke. Im Jahrbuch des Provinzial-Museums zu Hannover verlautete im gleichen Jahr: „In Nordost- und Südwestdeutschland erscheint der Wolf als nicht sehr seltener Irrgast.“

Quelle

Matthias Blazek: Die Jagd auf den Wolf – Isegrims schweres Schicksal in Deutschland. Beiträge zur Jagdgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. ibidem-Verlag, Stuttgart 2014.