Reportagen-und-Hintergruende

Mit Herz und Hand fürs Heimatdorf

Rudi Thiele trug wesentlich zum Erhalt und zur Entwicklung von Wohlenrode bei. Sein Herz hat schon immer an seiner Heimat gehangen.
  • Von Georg Wießner
  • 07. Sept. 2022 | 16:00 Uhr
  • 07. Sept. 2022
  • Von Georg Wießner
  • 07. Sept. 2022 | 16:00 Uhr
  • 07. Sept. 2022
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Wohlenrode.

Rudolf-Thiele-Stadion prangt in großen Lettern im Eingangsbereich der Wohlenroder Sportstätte. Das ist schon ungewöhnlich, denn in der Regel geschehen solche Ehrungen von Personen mit großen Verdiensten erst lange nach deren Ableben. Es muss schon ein allseits sehr vertrauter und beliebter Mensch sein, dem solch eine Referenz zuteil wird. Und das ist Rudolf Thiele, der von all seinen Freunden und Verwandten nur Rudi genannt wird, ganz ohne Zweifel. Vor kurzem ist er 90 Jahre alt geworden und gehört zu der Generation von Zeitzeugen, welche die Geschichte und Entwicklung ihrer Heimatdörfer seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hautnah miterlebt haben. Seine Heimat war und ist Wohlenrode-Grebshorn, das Dorf, an dem bis heute sein Herz hängt.

Wohlenrode war immer Lebensmittelpunkt

Gelegenheiten hätte er in seinem Leben viele gehabt, im Karrieresinne seiner Heimat den Rücken zu kehren, aber der Jubilar ist sich ganz sicher: „Das habe ich zu keiner Zeit erwogen. Für mich war immer klar, dass Wohlenrode mein Lebensmittelpunkt bleiben wird“.

Nationalsozialismus erlebt

Als Heranwachsender hat er noch die Zeit des Nationalsozialismus erlebt und erinnert sich an die ungeliebte Pflicht, einmal wöchentlich zum Treffen der Hitler-Jugend gehen zu müssen: „Weder mir noch meinen Freunden haben diese Treffen irgendwelche Freude bereitet, aber wir haben die Zähne zusammengebissen und es hinter uns gebracht.“ Aufgewachsen ist er auf dem elterlichen Bauernhof, an dessen Aufbau er sich noch gut erinnern kann: „Angefangen haben wir mit einem recht kleinen Stück Land und einer Ziege. Nach und nach kamen dann Kühe und Pferde dazu. Das Geld war knapp, und jede helfende Hand wurde benötigt. So musste ich schon als Kind kräftig mit anpacken. Gepflügt wurde noch mit Kühen und später mit Pferden.“

Heimatdorf profitiert von Tischlerlehre

Nach 1945 konnte der junge Mann endlich anfangen, seine Träume zu verwirklichen. Nach der Schule machte er in Eldingen eine Tischlerlehre – ein Handwerk, wovon sein Heimatdorf in späteren Jahren noch sehr profitieren sollte. Auf der Suche nach Arbeit hat er ganz Deutschland bereist und seine Ehefrau Gertrud erzählt ganz freimütig mit einem Schmunzeln: „Ich hatte schon sehr früh ein Auge auf Rudi geworfen. Als er dann beruflich für Jahre fort war, habe ich so lange gewartet, bis er wiederkam und ich ihn schlussendlich einfangen konnte“. Es war ein Fang fürs Leben und mittlerweile hat das Paar schon seine diamantene Hochzeit gefeiert. Auf die Frage nach dem Geheimnis für solch eine lange gemeinsame, glückliche Zeit sind sich beide einig: „Öfters mal streiten, neben dem Austeilen auch Einstecken können und niemals nachtragend sein!“

Vom Bolzplatz zum Stadion

Der Fußball hat in seinem Leben immer eine große Rolle gespielt, und wo heute das Stadion steht, haben er und seine Freunde schon als Kinder regelmäßig auf dem Bolzplatz gekickt. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass er mit seinem Enthusiasmus und vor allem mit seiner Hände Arbeit ganz wesentlich dazu beitragen würde, dass aus dem Bolzplatz einmal ein echtes Fußball-Stadion entstehen sollte.

Handwerkskunst ist überall

Seine Handwerkskunst ist überall im Ort zu bewundern. Ob bei den Tribünen des Stadions oder bei den Bänken an den Ortseingängen, die nicht nur Wanderern eine willkommene Gelegenheit bieten, inne zu halten und die Natur zu genießen.

Beachtliche Erfolge als Torwart gefeiert

Seine Hände haben ihm aber nicht nur als Tischler große Dienste geleistet, auch für seine Fußballmannschaft waren sie Gold wert. Als Torwart musste er nur selten hinter sich fassen und bescherte so seinem Team beachtliche sportliche Erfolge. In diesem Sinne war der Spitzname, der ihm von seinen Mannschaftskollegen verliehen wurde, spaßhaft und respektvoll zugleich: „Zappel“. Beim gemeinsamen Feiern nach den Spielen zeigte Rudi Thiele seine besondere Gabe, ausgelassene Freude und Geselligkeit zu verbreiten. Auch heute sind sein gewinnendes Lächeln und seine herzliche Art das erste, was einem an seiner Person auffällt. 20 Jahre war er dann Vorsitzender des SV Wohlenrode.

Gasthaus wird kommunikativer Mittelpunkt

Sein großer Wunsch, auch beruflich im Dorf verankert zu sein, erfüllte sich. Er übernahm die Poststelle seiner Mutter und bald darauf eröffnete er zusammen mit seiner Frau ein Gasthaus, das schnell zum kommunikativen Mittelpunkt im Dorf wurde. Sein Gespür für die Wünsche der Menschen zahlte sich aus: Seine gebackenen halben Hähnchen waren heiß begehrt und weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt. Bei seiner Beliebtheit war es nicht verwunderlich, dass ihm das Amt des Bürgermeisters angeboten wurde, welches er für acht Jahre lang übernahm. Er war Mitglied in allen ortsansässigen Vereinen, und es gelang ihm, die Würde des Schützenkönigs gleich zweimal zu erlangen.

Eigene Kirche gebaut

Ein weiteres Wahrzeichen, untrennbar mit seinem Namen verknüpft, ist die Kirche in Grebshorn. In nicht gezählten Stunden selbst erbaut, erinnert es schon fast an eine biblische Geschichte aus dem Alten Testament (und er baute dem Herrn ein Haus…). Lange fanden dort regelmäßig Got-
tesdienste statt, was gerade seiner Frau Gertrud als tiefgläubige Christin viel bedeutete.

Krebskrankheit überwunden

Als ihr Mann mit 80 Jahren die bedrückende Diagnose Krebs erhielt, begann für beide eine Zeit des Kämpfens und Nicht-Aufgebens. War es sein unbedingter Wille, die Krankheit zu überwinden oder spielten auch die regelmäßigen Gebete seiner Frau eine Rolle und kam vielleicht doch ein Dank vom Himmel für seinen Bau der Kirche? Jedenfalls schaffte es Rudi Thiele, den Krebs zu besiegen.

Familientreffen will Thiele nicht missen

Noch zu seinem 85. Geburtstag kamen weit über 100 Gratulanten zu seiner Feier und sein Lieblingshobby, die Motorola von 1955, wurde nochmal für eine Spritztour aus der Garage geholt. Heute sind die Knochen doch etwas müde geworden, und er genießt sein prächtig gestaltetes Heim, was er selbstverständlich auch selbst gebaut hat, und den Garten. Nebenan wohnt sein jüngster Sohn mit seiner Familie, sehr zur Freude des 90-Jährigen. Die Familie war für ihn immer von zentraler Bedeutung, und die wöchentlichen Familientreffen mit seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln möchte er auf keinen Fall missen.

lebenslauf

1932

Geboren in Grebshorn, drei Töchter,
ein Sohn, neun Enkel, vier Urenkel

1948 bis 1951

Tischlerlehre in Eldingen

1951 bis 1958

Arbeit als Tischler in verschiedenen Regionen Deutschlands

1958

Heirat mit Gertrud

1960

Eröffnung der Gastwirtschaft, Leitung der Poststelle Grebshorn

1978

Wechsel zur Post nach Lachendorf