Leichtathletin aus Leidenschaft

Wathlingerin ist Deutsche Meisterin: Lebensgeschichte mit vielen Hürden

Annett Kramers Traum von der Leichtathletik-Karriere platzte früh. Doch sie verlor ihn nie aus den Augen - und das zahlte sich aus.

  • Von Sebastian Salpius
  • 28. Okt. 2022 | 13:05 Uhr
  • 28. Okt. 2022
Der Hürdenlauf ist ihre Lieblingsdisziplin: Annett Kramer aus Wathlingen kämpfte 2017 um die Deutsche Seniorenmeisterschaft.
  • Von Sebastian Salpius
  • 28. Okt. 2022 | 13:05 Uhr
  • 28. Okt. 2022
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Wathlingen.

Ihren sportlichen Lebenstraum hat sich Annett Kramer erfüllt. Auch wenn es viel länger dauerte als eigentlich geplant. Schon als fünfjähriges Mädchen wollte sie bei großen Leichtathletik-Turnieren starten – doch ihr Ziel lag damals in weiter Ferne. Oder besser gesagt: weit hinter den Bergen ihrer Heimat Zierenberg, wo 1972 ihre Geschichte beginnt.

In der nordhessischen Kleinstadt fiebert sie als Fünfjährige bei den Olympischen Spielen in München vor dem Fernseher mit. Ihr Vater ist als Zuschauer vor Ort. „Ich habe mich geweigert, in den Kindergarten zu gehen, weil ich meinen Vater im Stadion sehen wollte“, erinnert sich Kramer mit einem Schmunzeln. In Wathlingen sitzt sie heute an einem hölzernen Esstisch im Wohnzimmer. Sie trägt hellgraues, kürzeres Haar und eine schwarze Brille mit türkisblauen Akzenten. Ein Gänseblumen-Muster ziert ihr dunkelblaues Oberteil. Kramer ist sportlich – davon zeugen auch die Pokale, Urkunden und Medaillen, die auf einem zweiten Tisch stehen. Und sie erinnert sich gerne an ihre Kindheit zurück: An der Wand hängt ein großes Panoramafoto, auf dem das verschneite Zierenberg vor einer weißen Hügellandschaft zu sehen ist.

„Ich war total traurig und wollte das unbedingt, doch es ging nicht.“

Annett Kramer über ihren geplatzten Traum

Der Traum findet ein jähes Ende

Genau dort, 15 Kilometer nordwestlich von Kassel, macht Kramer vor 50 Jahren ihre ersten sportlichen Schritte. Die Begeisterung ist ihr quasi in die Wiege gelegt: „Unsere ganze Familie war im Tischtennisverein. Und in Hessen war es so, dass Leichtathletik und Tischtennis zu einer Sparte gehörten.“ Somit ist es naheliegend, was nach der Olympiade in München passiert: Kramer, die damals noch Annett Wicke heißt, tritt in den TTC Burgharsungen ein. An Tischtennis verliert sie schnell das Interesse, doch in der Leichtathletik blüht sie auf. Ihr Vater fährt mit ihr zu Wettkämpfen und auch außerhalb des Vereinslebens ist die Familie sportlich aktiv. Als Annett zwölf ist, möchte sie den nächsten Schritt wagen und einer größeren Leichtathletik-Sparte beitreten. „Ich habe versucht, mich beim KSV Hessen Kassel anzumelden. Das war der beste Verein in unserer Region“, sagt Kramer. Doch die Familie hat kein zweites Auto, um Tochter Annett ihren Wunsch zu erfüllen. Sie muss ihren Traum vorzeitig auf Eis legen. „Ich war total traurig und wollte das unbedingt, doch es ging nicht.“

Stolz zeigt sich Annett Kramer in ihrem Garten in Wathlingen. In der Hand hält sie ihre Siegerurkunde von der Deutschen Seniorenmeisterschaft 2022 (links) und die EM-Urkunde von 2017.

Kramer probiert sich in anderen Sportarten aus. Schwimmen, Reiten, Handball – das, was Zierenberg eben hergibt. Abseits des Sports ist ihre Jugendzeit politisch von der Anti-Atomkraft-Bewegung geprägt. Nachhaltigkeit ist ihr schon damals wichtig. „Ich hatte nur Birkenstock-Schuhe und selbstgestrickte Pullis an“, lacht Kramer heute. „Ich wollte gerne die Welt retten, aber habe es natürlich nicht geschafft.“ Ihr Abitur macht sie am Berufsgymnasium in Kassel und studiert anschließend Ökotrophologie in Gießen, das ist die Lehre der Haushalts- und Ernährungswissenschaften. Doch weil ihr die Perspektive nach dem Studium nicht gefällt, bricht Kramer nach vier Semestern ab. Es ist die Zeit, in der sie dem Vereinssport den Rücken kehrt. Sie beginnt schließlich eine Ausbildung zur Diätassistentin. Den Beruf übt sie heute noch selbstständig aus, und er passt zu ihr. Es sei schon immer ihre Art gewesen, anderen Menschen zu helfen und sie auf den richtigen Weg hinzuweisen

„Nicht alles in die Zukunft verschieben“

Gemeinsam mit ihrem späteren Mann zieht Kramer 1993 nach Naumburg an der Saale. Wenige Jahre nach dem Mauerfall sind die grauen Stadtkulissen im Osten zunächst ein ungewohntes Bild, doch Kramer lebt sich schnell ein. Anschluss findet sie über den kirchlichen Posaunenchor. Der ist, neben dem Sport, ihr zweites großes Hobby. Schon in Zierenberg spielte sie dort jahrelang begeistert die Trompete. 1996 und 1999 kommen ihre beiden Töchter Charlotte und Henriette zur Welt. „Ab da war ich Familienmanagerin“, so Kramer. Weil ihr Mann einen Job in Hannover annimmt, sucht die Familie ein neues Zuhause nahe der Landeshauptstadt. Am Ende verschlägt es die Kramers nach Wathlingen. Die Familie ist in der Freizeit sportlich aktiv, Kramer beginnt im Alter von 39 Jahren mit Karate. Alles scheint gut zu laufen, bis ein Schicksalsschlag die Familie trifft: Bei ihrer jüngeren Tochter wird im Alter von acht Jahren Krebs diagnostiziert. Und das verändert Annett Kramers Denkweise nachhaltig: „Man darf nicht immer alles in die Zukunft verschieben“, lautet ihre größte Erkenntnis aus der schweren Zeit.

„Ich habe mir gedacht: Vielleicht kannst du deinen Traum von der Olympiade noch verwirklichen. Den Traum hatte ich sehr lange.“

Annett Kramer

Leichtathletik-Comeback mit 41 Jahren

Glücklicherweise wird der Krebs durch eine Operation besiegt. Und ihre Tochter kann weiter ihrer Leidenschaft nachgehen: der Leichtathletik. Auf diesem Weg findet auch Annett Kramer 2008 im Alter von 41 Jahren zu dem Sport zurück. „Ich habe erfahren, dass es beim SV Nienhagen eine Seniorengruppe gibt. Das wollte ich mir ansehen“, erzählt sie mit ihrer lebhaften Art. In Nienhagen flammt ihre Begeisterung für Leichtathletik wieder auf – und sie knüpft dort an, wo in den 1970er Jahren Schluss war. Kramer steigert ihr Trainingspensum und nimmt an Landeswettbewerben teil. „Ich habe mir gedacht: Vielleicht kannst du deinen Traum von der Olympiade noch verwirklichen. Den Traum hatte ich sehr lange.“ Ausgerechnet der technisch anspruchsvolle Hürdenlauf wird zu Kramers Passion. „Es kann immer alles passieren“ – diese Unberechenbarkeit und Spannung mache die Disziplin aus. Und sie sei ohnehin schon immer gerne über Sachen gesprungen.

Bei der Senioren-Europameisterschaft 2017 wurde Kramer im dänischen Aarhus Sechste. Diese Leistung möchte sie noch einmal überbieten.

Zu ihrer „persönlichen Olympiade“ wird die Senioren-Europameisterschaft in Zittau 2012. „Ich habe mir gedacht: Da musst du hin. Wer weiß, was später irgendwann ist?“ Kramer möchte aufs Ganze gehen: „Da man ein bisschen wahnsinnig ist, wenn man als älterer Mensch Sport macht, habe ich gesagt: Du musst auf jeden Fall den Siebenkampf machen.“ Ihr Ziel ist klar: „Ich wollte nicht Letzte werden und 2000 Gesamtpunkte erreichen.“ Kramer tritt an und schafft es, ihre selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Sie wird Vorletzte und knackt die angestrebte Punktemarke. „Das war ein super Erlebnis“, strahlt die Athletin. Einige Tage später nimmt sie am Hürdenlauf als Einzeldisziplin teil – und startet direkt im Finale, weil ihr Vorlauf ausfällt: „Aufgeregt ist überhaupt kein Ausdruck. Ich stand völlig nebenbei und bin natürlich tolle Letzte geworden.“

Kramer lebt den Kindheitstraum

Doch die EM-Teilnahme feuert ihren Ehrgeiz weiter an. Fünf Jahre später startet sie bei der Senioren-EM im dänischen Aarhus in einer neuen Altersklasse – und feiert ihren bislang größten Erfolg. Beim Lauf über die Kurzhürden wird sie Sechste. Wieder fünf Jahre später, 2022, kürt sie sich im Regen von Erding zur Deutschen Meisterin in der Altersklasse W55 über die 80 Meter Hürden. „Das war schon immer mein Ziel“, verrät Kramer, die nun aber schon ein neues Ziel vor Augen hat: einen internationalen Titel gewinnen. Dafür trainiert die quirlige Wathlingerin wöchentlich mehrmals und ordnet ihrem Sport vieles unter. Doch die Arbeit zahlt sich aus: Mit 55 Jahren lebt Kramer ihren Kindheitstraum. „Ich hatte das völlig abgeschrieben“, gibt sie zu, „und ich freue mich, dass ich das jetzt nochmal machen darf.“ Ihre Geschichte zeigt: Es ist möglich, sich Träume zu erfüllen, für die es eigentlich zu spät scheint. Selbst dann, wenn man für den Traum zahlreiche Hürden meistern muss.

Lebenslauf

1967: Geboren in Wolfhagen

1987: Abitur in Kassel

1994: Hochzeit

1996: Geburt von Tochter Charlotte

1999: Geburt von Tochter Henriette

2000: Umzug nach Wathlingen

2012: Teilnahme an Senioren-EM

2022: Deutsche Meisterin W55