Vereinsgründer Südheide

Weltenbummler und Aquarianer

Martin Hohmann bereiste 47 Länder, saß in Afrika im Gefängnis und gründete einen Aquarienverein. Über ein Leben voller Höhen und Tiefen - und mit Zierfischen.
  • Von Georg Wießner
  • 09. Juli 2022 | 14:00 Uhr
  • 09. Juli 2022
  • Von Georg Wießner
  • 09. Juli 2022 | 14:00 Uhr
  • 09. Juli 2022
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Unterlüß.

Sie tollen nicht ausgelassen im Garten herum, hören nie aufs Wort und streicheln lassen sie sich erst recht nicht, und dennoch möchten manche Menschen sie als Haustiere auf gar keinen Fall missen – die Fische. Einer dieser Liebhaber ist Martin Hohmann, der im Februar den Verein der Aquarien- und Terrarienfreunde Südheide ins Leben gerufen hat. Den Star in seiner umfangreichen Sammlung präsentiert er dem Besucher als Sturisoma Aureum, einen Goldbart-Wels aus seiner eigenen Züchtung. Dass er ihn in privater Atmosphäre vielleicht Welsi oder Flossi nennt, ist natürlich reine Spekulation. „Sein Name rührt von seinem kleinen ‚Asterix-Bart‘, den aber nur die Männchen tragen. Die Goldbart-Welse sind fast ausgestorben und es gibt in Deutschland nur noch drei Züchter, die sich um ihren Fortbestand kümmern“, weiß der 63-Jährige zu berichten. Zwölf „Aquarianer“, wie sich die Vereinsmitglieder nennen, sind es derzeit – mit eigenem Vereinsheim. „Es wäre schön, wenn sich uns noch viel mehr anschließen würden, denn es ist ein faszinierendes Hobby“, äußert er seinen Wunsch für die Zukunft und ergänzt: „Vielleicht sind manche Interessenten abgeschreckt von den teilweise sehr hohen Preisen für Aquarien, aber ich bastele sie für einen Bruchteil der Preise selbst und bin für alle Wünsche offen.“

Seine Handwerkskunst in diesem Bereich ist tatsächlich beeindruckend. Die selbst entworfenen Landschaften bieten nicht nur den Fischen eine natürliche Umgebung, sondern sind auch ein echter Blickfang für den Betrachter. Erst kürzlich hat er ein Aquarium gefertigt, das antike chinesische Kultur nachempfindet. Man hat den Eindruck, dass es den kleinen Bewohnern geradezu Spaß bereitet, durch die verwinkelte Tempellandschaft zu wuseln. Sogar ein kleines Unterwasser-Bonsai-Bäumchen gehört mit zum Inventar. Nicht-Kenner sind vielleicht von der Größe der Fische überrascht, wenn es um Welse oder Barsche geht, denn die Zierfische werden in der Regel kaum mehr als einen Daumennagel groß. Dreißig Aquarien nennt Hohmann sein Eigen, und sogar das Futter bereitet er selbst zu. Er hat schon Vorträge in Schulen gehalten, wobei gerade die Kinder ein großes Interesse an den kleinen Lebewesen zeigten.

Weg in die Selbstständigkeit

Der Ursprung seiner Zuneigung für die Wasser-Bewohner reicht weit in seine Kindheit zurück. Er verbrachte die ersten fünf Lebensjahre bei seinem Großvater im Allgäu. Schnell teilte er dessen Leidenschaft für Aquarien und sie blieben in der wechselvollen Geschichte seines Lebens immer eine Konstante. Seine Lebensgeschichte könnte auch einem Abenteurerroman Jack Londons entnommen sein. Seine Entdeckerleidenschaft und immer wieder zufällige Begegnungen mit ganz besonderen Menschen führten dazu, dass er im Laufe der Jahrzehnte 47 Länder bereist und fast 20 Jahre lang in Afrika gelebt hat.

Seine Mutter hatte ihn aufgrund einer Schwangerschaftsdepression nach der Geburt in die Obhut ihres Vaters gegeben. Dort verbrachte der kleine Martin eine glückliche Zeit, was sich aber schlagartig ändern sollte, als seine Mutter ihn nach fünf Jahren von ihrem Vater zurückforderte. Martin Hohmann kann sich auch heute noch genau an seine Tränen erinnern, als er von der Polizei bei seinem Großvater abgeholt wurde, der sich geweigert hatte, den Jungen wieder herzugeben. Sein Stiefvater erzog ihn in den Folgejahren mit Schlägen und in dem Heranwachsenden verfestigte sich der Gedanke, dass es draußen in der Welt einen Platz geben müsste, der allemal besser sei als zu Hause. So nutzte er als 16-Jähriger die erste Gelegenheit, die sich bot, auszuziehen und auf eigenen Füßen zu stehen. Er machte eine Ausbildung bei der Polizei, doch die Vorstellung, dort auch sein berufliches Leben zu verbringen, war nicht das, wonach er suchte. Entscheidend für seine spätere freiberufliche Tätigkeit war eine Anstellung bei der Gewerkschaft ÖTV, wo er das Druckerhandwerk und insbesondere die neuaufkommenden digitalen Verfahren lernte. Er entwickelte sich zu einem Fachmann in diesem Bereich und gepaart mit seiner kommunikativen Art machte er sich als IT-Spezialist selbstständig.

Weltreisen und Schicksalsschläge

Es folgten regelmäßig Aufträge, die ihn nach und nach ganz Europa bereisen ließen. Mit dabei in seinem Herzen immer die Liebe zu Fischen, was unter anderem dazu führte, dass er zum Ehrenmitglied des früheren jugoslawischen Aquaristik-Verbandes und des Luxemburger Aquarien- und Terrarienverbandes ernannt wurde. Bald wurde ihm auch Europa zu klein, und er erlag der Faszination für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, den USA.

Zusammen mit seiner Frau und dem kleinen Sohn wagten sie den Sprung über den großen Teich. Irgendwann neigte sich aber das Ersparte dem Ende entgegen, und es hieß, dort Arbeit zu finden. Eine zufällige Begegnung half dem auf die Sprünge, als sein Sohn einen älteren Herrn in Las Vegas nach dem Weg fragte. Angesichts seiner geflickten Kleidung mit zerschlissenen Schuhen wollte Hohmann ihm ein paar Dollar zustecken, doch im Gespräch stellte sich heraus, dass er der Chef der ältesten an der Stockexchange eingetragenen Corporation im Land war, und Bedarf an Computer-Spezialisten hatte er auch. Aber nach zwei Jahren machte ein Schlaganfall dem amerikanischen Traum ein jähes Ende. Soziale Absicherung gab es nicht, in den USA herrschte das Prinzip „hire and fire“. Seine Frau trennte sich von ihm und ging mit dem Sohn zurück nach Deutschland, und irgendwann saß er selbst alleine in Frankfurt am Flughafen.

Nach Urlaub im Gefängnis gelandet

Wieder brachte ein zufälliges Gespräch dort eine neue Wendung in sein Leben. Ein Architekt suchte händeringend IT-Spezialisten für ein Projekt an der Technischen Universität in Botsuana. „Ich hätte vorher nie damit gerechnet, dass ich dann fast 20 Jahre in dem Land verbringen würde. Aber die traumhafte Natur und letztlich die Liebe haben den Ausschlag gegeben“, erinnert sich Hohmann. Aber vor Schicksalsschlägen blieb er auch in Afrika nicht verschont. Während eines Urlaubsaufenthalts in Kenia kam es dort zu einem Militärputsch und Ausländer wie Martin Hohmann wurden unter Spionageverdacht verhaftet. Er verbrachte über ein Jahr im Gefängnis, bis die deutsche Botschaft ihn frei bekam. Auch die zweite Ehe ging in die Brüche, und bald sah er sich ohne Arbeit und Wohnung alleine in Deutschland wieder.

Er zog nach Unterlüß, wo er eine geräumige Wohnung für seine Aquarien fand und bis vor kurzem noch ein IT-Geschäft betrieb. Der Körper macht ihm mittlerweile sehr zu schaffen. In der kenianischen Haft wurde ihm ein Wirbel gebrochen, und das Gehen bereitet ihm große Mühe. Aber sein Geist und sein Ideenreichtum sind ungebrochen, wovon die Gründung des Aquaristik-Vereins ein beredtes Zeugnis ablegt.

lebenslauf

1959Geboren in Aurich, acht Kinder aus zwei Ehen1978 bis 1980Ausbildung bei der Polizei1982 bis 1989Ausbildung und Arbeit als Drucker und in der Datenverarbeitung bei der ÖTVAb 1989Selbstständig als EDV-Fachmann1998 bis 2016Aufenthalt in Botsuana2022Vereinsgründung der Aquarien- und Terrarienfreunde Südheide