Traumberuf für Celler Typ

Als Kellner Schimanski bedient

Für ihn ist Kellner ein Traumberuf. In 50 Berufsjahren hat Karl-Heinz Kislenko einige Promis getroffen. Er schätzt den Umgang mit Menschen.

  • Von Dagny Siebke
  • 11. Okt. 2022
  • 11:09 Uhr
15. Okt. 2022
 
Auf dem kleinen Bild links ist Karl-Heinz Kislenko mit Mutter Anni und Schwester Angelika zu sehen.

Ein Mann, der seinem Heimatkreis Celle verbunden ist: In dieser Region wurde Karl-Heinz Kislenko 1952 geboren, und zwar in Altenhagen. Sein Vater, aus russischer Gefangenschaft geflohen, und seine Mutter wohnten zu dieser Zeit dort. Drei Jahre später zog die Familie nach Pollhöfen. Karl-Heinz Kislenko wurde dort 1958 eingeschult. „Eine kleine Schule damals“, erzählt der heute 70-Jährige, „es wurden noch alle Klassenstufen in einem Raum unterrichtet.“ Nach der Grundschulzeit besuchte Kislenko die Schulen in Ummern. Nach der Schulentlassung, zu jener Zeit war das an den so genannten Volksschulen nach acht Jahren, stand die Berufswahl an. „Ich wollte gern Kraftfahrzeugmechaniker werden“, erinnert sich der heute in Sülze lebende Rentner. Aber es gab keine Lehrstellen. „Deswegen hat meine Mutter mich kurzerhand beim Hotel und Restaurant Sandkrug in Celle untergebracht.“

Das deutsche Eiskunstlaufpaar Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler beim Training in Cortina d'Ampezzo (undatiertes Archivbild)

Karl-Heinz Kislenko wurde Kellner und erhielt 1967, im ersten Lehrjahr, 80 Mark im Monat. Aber zum Glück gaben die Gäste Trinkgeld, das besserte das Salär des 15-Jährigen auf. „Schließlich musste ich von dem Lohn auch die Busfahrkarte von Pollhöfen nach Celle bezahlen“, erzählt der vitale, humorvolle Kislenko. „Im zweiten Lehrjahr habe ich dann an meiner Ausbildungsstätte gewohnt. Da gab‘s Mehrbettzimmer für die Belegschaft, übrigens getrennt nach Köchen und Kellnern.“ Das dritte Lehrjahr absolvierte Kislenko im Schaperkrug in Celle, der Sandkrug schloss nämlich die Pforten.

Hund von Sängerin ausgeführt


 

„Trude Herr musste ich morgens den Kaffee ans Bett bringen und anschließend mit ihren beiden Hunden Gassi gehen."

Karl-Heinz Kislenko

Im Blick zurück auf seine Ausbildungsjahre gibt Karl-Heinz Kislenko Begegnungen und Erlebnisse preis mit prominenten Zeitgenossen aus den 1960er und 1970er Jahren. „Im Sandkrug bin ich dem Eiskunstlauf-Weltmeister Hans-Jürgen Bäumler begegnet, der populären Berliner Schauspielerin Edith Hanke und der beliebten und bekannten Sängerin und Komödiantin Trude Herr. „Der musste ich morgens den Kaffee ans Bett bringen und anschließend mit ihren beiden Hunden Gassi gehen. Dem Schauspieler Götz George (Anmerkung: der Tatort-Kult-Kommissar Schimanski) habe ich sein Spargel-Gericht im Schaperkrug auf dem Zimmer serviert. Und auch mit Inge Meysel (Anmerkung: Die Schauspielerin wurde wegen ihrer vielen Mutterrollen liebevoll als „Mutter der Nation“ tituliert) hatte ich dort Kontakt.“
 

Der Schauspieler Götz George als TV-Kommissar Horst Schimanski in Köln, aufgenommen am 22.03.2006.

Vom Schaperkrug führte der Weg anschließend zum Berger Hotel und Restaurant Kohlmann, er blieb dort 18 Jahre lang. 1990 zog es Kislenko ein paar Kilometer weiter zum Michaelishof in Offen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich sein Leben schon entscheidend verändert. 1989 lernte Karl-Heinz Kislenko seine spätere Frau Petra kennen, mit er nun seit 32 Jahren verheiratet ist. Das Adjektiv „spätere“ passt übrigens nicht so ganz. Petra Kislenko erzählt: „Im August 1989 haben wir uns kennengelernt, im Dezember verlobt, im Mai 1990 geheiratet und im Juli kam unser Sohn Marvin zur Welt. Familiengründung innerhalb eines Jahres“, fügt sie lachend hinzu.
 

Komiker Dirk Bach sitzt im Fledermauskostüm neben Schauspielerin Inge Meysel und Moderator Thomas Gottschalk am 13.01.1996 in Bremerhaven in der ZDF-Livesendung „Wetten, dass..?“. 

Dass er Kellner geworden ist, befindet Karl-Heinz Kislenko für sich als perfekte Wahl. „Ich habe ständig Umgang mit Menschen, zum Büroarbeiter am Schreibtisch hätte ich nicht getaugt.“ Was ihm Spaß machte und bis heute Spaß macht, denn er arbeitet weiter in Teilzeit, das beschreibt der Mann aus dem Ort Sülze so: „Man unterhält sich, blödelt auch mal mit den Gästen rum, aber nur, wenn man erkennt, dass ein lockerer Umgangston möglich ist.“ Außerdem ist die Anerkennung, die Kislenko häufig erfährt, seine zusätzliche Motivation. Ehefrau Petra berichtet über den „Teilzeitrentner“: „Oft rufen Leute bei uns an und fragen, ob mein Mann an bestimmten Tagen, zum Beispiel am Sonntag, Dienst habe. Wenn nicht, dann kämen sie nicht ins Restaurant.“ Wie bewältigt der 70-Jährige das nicht ganz einfache Pensum in der Gastronomie ohne allzu großen Stress? „Mit Bedacht und Übersicht schafft man das“, sagt der Kellner Kislenko über seinen so genannten „Unruhestand“, ohne den er nach eigenen Worten „nicht könnte“.
 

Das zweite alte Bild zeigt Karl-Heinz Kislenko der 1990er Jahre in seinem Element an der Theke.

Und wie begegnet er Gästen, die sich wenig angenehm, also unangemessen, verhalten? „Ruhig bleiben und weiter höflich sein“, heißt seine Devise. „Dann merken die meisten Leute, dass sie mit solch einem Verhalten nicht weiterkommen.“ In Sülze hat sich Karl-Heinz Kislenko, den die meisten Leute dort nur „Carlo“ nennen, gut ins Gemeinschaftsleben integriert. Er ist Mitglied in der Schützengilde und besucht, „sofern es meine Zeit zulässt“, die Spiele der Sülzer Fußballer in der Kreisliga. Hin und wieder begleitet er, dessen Herz in puncto Profifußball für die „Kölner Geißböcke“ vom 1. FC schlägt, das Team aus Sülze zu Auswärtsspielen. Kislenko selbst hat in jungen Jahren in Ummern sowie in Hohne gekickt und sein sportliches Faible für den Fußball an seine Söhne weitergegeben. „Er war ja tagsüber zu Hause, da hat er viel mit Marvin und Phillipp unternehmen können, eben auch Fußball spielen“, erzählt Petra Kislenko. Noch einmal zurück zur „Gilde“: Denn fast wäre der Mann aus der Gastronomie mal Schützenkönig geworden. „Fünf Minuten haben mir gefehlt“, blickt Karl-Heinz Kislenko zurück. „Kurz vor dem Ende kam ein Schütze, der hat mich noch übertroffen.“ Seine Frau war darüber gar nicht böse, wie sie anmerkt. Sie selbst steht dem Schützenwesen nämlich eher zurückhaltend gegenüber. Außerdem hätte die Majestäten-Würde für den Familienvater Kislenko viele repräsentative Verpflichtungen mit sich gebracht, die ganz schön ins Geld gegangen wären.

Bei Köchen Tricks abgeschaut

„Ich habe mir im Laufe der Jahre einiges bei meinen Kollegen aus der Restaurantküche abgeguckt.“

Karl-Heinz Kislenko

Was der Kellner aus Leidenschaft gut kann, ist das Kochen. „Ich habe mir im Laufe der Jahre einiges bei meinen Kollegen aus der Restaurantküche abgeguckt“, erläutert er. Außerdem ist Karl-Heinz Kislenko ein eifriger Pilzsammler, und zwar bereits seit Kindertagen. Er erzählt: „Mit meinem Vater sind wir in der Saison fast jeden Sonntag Pilze suchen gegangen. Damals wuchsen überall Wiesenchampignons, und wir kamen mit vollen Körben nach Hause.“ Das gelingt ihm auch heute noch, wie Ehefrau Petra bestätigt. Kislenkos bevorzugte Sorten sind Steinpilze und Maronen. Als ausgesprochenen Experten möchte er sich nicht bezeichnen, und beim Pilzesammeln handelt er nach dem Leitspruch „Sicher ist sicher, im Zweifel die Finger davon lassen.“ Bliebe noch die Frage nach dem „Dresscode“ der Ober zu klären. Wozu auch einst die Fliege um den Hals zählte. „Gibt‘s nicht mehr, wir tragen offenen Kragen.“ Der Kellner fügt scherzhaft hinzu: „Oben bleibt es offen, schließlich arbeite ich in Offen.“ Und welche Kleidung trägt er nun während seiner Arbeit? Karl-Heinz Kislenkos Antwort lautet: „Weißes Hemd, schwarze Hose und eine Weste.“

Lebenslauf

29. März 1952 geboren in Celle

1958 Einschulung in Pollhöfen

1962 Besuch der Volksschule in Ummern

1967 Beginn der Ausbildung zum Kellner im Celler Sandkrug

1969 Wechsel zum Schaperkrug

1971 Anstellung im Hotel Kohlmann in Bergen

1972 bis 1974 Wehrdienst in Lüneburg

1990 Hochzeit mit Petra Kislenko, Sohn Marvin wird geboren

1991 Wechsel zum Michaelishof in Offen

1993 Sohn Phillipp wird geboren 2017 Renteneintritt

 

Von Andreas Stolz