Solequellen und Saline

So wurde Salz in Sülze gewonnen

Es ist eine Geschichte ohne Happy End - aber das Salinenmuseum erhält und pflegt kulturelles Erbe Sülzes und der dortigen Salzgewinnung.
  • Von Doris Hennies
  • 13. Aug. 2022 | 16:00 Uhr
  • 13. Aug. 2022
  • Von Doris Hennies
  • 13. Aug. 2022 | 16:00 Uhr
  • 13. Aug. 2022
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Sülze.

Das rhythmische Klackern von Holz auf Holz erfüllt den Hofbereich des Sülzer Salinen-Museums – der Klang des historischen Pumpengestänges, das am abgrenzenden Grabenbach seine Arbeit tut. Über beinahe fünf Jahrhunderte lang war das ein Geräusch, das zum Alltag der Menschen in Sülze gehörte – bis 1862 die Salzgewinnung in der Gemeinde beendet wurde. Der Ofen ist angezündet, die Sole in die Pfanne gefüllt … Gabriele Link – waschechte Sülzerin und zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin – schließt ihre Vorbereitungen ab. Inzwischen treffen die letzten Teilnehmer der Führung ein.

Erforschung und Vermittlung der Geschichte

Es ist die erste offizielle Führung, die das Museum in diesem Jahr anbietet. Gabriele Link gehört zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins Saline Sülze, der sich um die Erforschung und Vermittlung der Geschichte sowie den Erhalt und die Pflege des kulturellen Erbes des Dorfes kümmert. Seit 2012 steht an der Kreuzung mitten im Ort das dafür neugebaute Museumshaus mit der Ausstellungsfläche im ersten Stock. Diese Besichtigung ist aber erst nach dem „Anschauungsunterricht“ im Hof und dem Dorfrundgang geplant.

Zwanzig Generationen gewinnen Salz

„Salzsieder, Torfstecher, Schmiede und Stellmacher, Salzschreiber und Salzfahrer und viele mehr prägten 500 Jahre das Leben im Heidedorf Sülze. Zwanzig Generationen haben in und um Sülze für die Salzgewinnung gearbeitet. Obwohl die Saline vor rund 150 Jahren aufgegeben wurde, sind auch heute noch die Spuren dieser Epoche zu finden – allerdings nicht auf den ersten Blick …“ Gabriele Link hat zu ihrer Einführung ins Thema auch geschmierte Butterbrote und Salz mitgebracht. Salz, das aktuell aus der Saline in Göttingen stammt und dem des Sülzer Salzes entspricht. „Im Zuge der Schließung des Salinen-Betriebs – sie galt als nicht mehr rentabel – wurden auch die Solequellen zugeschüttet. Ich hoffe noch immer, wir können zumindest eine davon irgendwann mal wieder in Betrieb nehmen, um eigenes Salz zu gewinnen“.

Siedestellen wurden immer wieder verlegt

An der ersten Station des Rundgangs geht es um Pumpwerk, Förderung – und Leitungen. Denn zwischen dem Ort, an dem die Sole zutage kam, und den Stätten zur Weiterverarbeitung des salzhaltigen Wassers zu Salz lagen oft etliche Kilometer. „In den ersten Jahrhunderten wurden die Siedestellen immer wieder verlegt, wegen des rar werdenden Brennmaterials. Die Siedepfannen wurden mit Torf geheizt und die Sole hat man über Holzrohre zu immer neuen Salzkaten rund um Sülze gebracht – eine Saline auf Wanderschaft“.

Produktives Wirtschaften auf Dauer unmöglich

Zwischen 1719 und 1725 hatte man die Soleleitung über eine Strecke von mehr als fünf Kilometern zu den Katen nach Altensalzkoth gelegt. Die großen Anstrengungen, die Sole dorthin zu transportieren, machten ein produktives Wirtschaften auf Dauer unmöglich. So wurde 1793 begonnen, die Siedestelle wieder nach Sülze zu verlegen. Um den Brennstoffmangel aufzufangen, wurde nun der Torf aus den umliegenden Mooren nach Sülze gebracht. Im schmalen Wassergraben auf dem Museumsgelände – neben der Bachanlage, die das Wasserrad für die Pumpe antriebt – liegt deshalb ein nachgebauter Torfkahn vor Anker.

Baumstämme per Hand ausgehöhlt

Gleich nebenan bekommen die Gäste etwas zum Anfassen. Gabriele Link hat einen historischen „Leitungsbohrer“ bereitgelegt, dessen Einsatz sie von einigen starken Männern demonstrieren lässt. Mit der Bohrspitze an einem Eisenstab wurden früher die Baumstämme per Hand ausgehöhlt, danach an einer Seite angespitzt und später Stamm für Stamm zu einer Leitung zusammengesteckt. Auch dafür hatte Link ein Mitmachmodell im Kleinformat dabei. „Die Leitungen wurden in der Regel im Boden verlegt. Und weil auch Holz ein rares Material war und die Anfertigung der Röhren harte Arbeit, hat man die Stämme bei Verlegung immer wieder ausgebuddelt und wieder verwendet – echtes Recycling!“

Salzgehalt erhöhen, ohne Heizmaterial zu verschwenden

Die erste Station zur Salzgewinnung aus der herangebrachten Sole war das Gradierwerk. Auch davon steht ein kleines Anschauungsmodell auf dem Museumshof. Um den Salzgehalt der Sole zu erhöhen, ohne wertvolles Heizmaterial zu verschwenden, wurde ein geschicktes „natürliches“ Verdunstungssystem benutzt: Die Sole rieselte von oben über ein dicht gestopftes, aber noch luftdurchlässiges Strauchwerk von Weißdorn oder Schlehe. Von oben geschützt ließ man Wind und Sonne ihre Arbeit tun und die Sole, die im unteren Auffangbecken ankam, hatte einen deutlich höheren Salzanteil. Das letzte große Gradierwerk in Sülze hatte eine Länge von 170 Metern, war 14 Meter hoch und unten acht Meter breit. Der Spaziergang durchs Dorf – auf den Spuren der ehemaligen Sülzer Salzgewinnung – führte auch dorthin, wo dieses gewaltige Bauwerk einst stand. Heute erinnert dort nur noch der Name des Hotels mit Restaurant auf dem Gelände – sowie der angelegte Teich und die noch vorhandenen Gräben daran.

Sole brauchte eine Woche zum Verdampfen

Von dort führt der Rundgang zum Kokturhof, dem heutigen Kathof, wo das 1795 erbaute große Siedehaus stand. Auch hier ist davon nur wenig erhalten. In den zwei Flügeln des Gebäudes sorgte eine gleichmäßig geschürte Glut für genügend Hitze unter den beiden etwa vier mal vier Meter großen, rund 40 Zentimeter hohen Pfannen. Dort brauchte es etwa eine Woche, bis das Wasser der eingefüllten Sole soweit verdampft war, dass das kristallisierte Salz entnommen und auf dem in der Mitte befindlichen Salzboden weiter getrocknet werden konnte. Auch dieser Siedevorgang wird auf dem Museumshof anschaulich demonstriert. Das geschürte Feuer im Ofen hat die Sole inzwischen zum Kochen und Verdunsten gebracht. Die ausfallenden Salzkristalle sind gut zu erkennen und als Gabriele Link zum großen Holzschieber greift, um die Maße zu mischen und gleichmäßig zu verteilen, steht sie einen Moment lang in einer dichten Dampfwolke: „Man kann sich gut vorstellen, wie schweißtreiben diese Arbeit war“.

Händler meist in der Region bekannt

Im Siedehaus wurden schließlich die Säcke mit dem „weißen Gold“ befüllt, die die vorfahrenden Händler auf ihre Fuhrwerke luden. „Man nannte sie Sölter, sie trugen blaue Kittel und sie kauften und verkauften in der Regel auf eigene Rechnung. Die Händler waren meist in der ganzen Region bekannt“, erzählt Link.

Öffnungszeiten und Führungen

Das Museum ist vom 14. August bis 25. September sonntags,
13 bis 17 Uhr geöffnet, auch die entsprechenden Führungen starten am Salinenmuseum, Am Salinenbach 1A, in Sülze. Sie beginnen jeweils um 11 Uhr (bis etwa 12.30 Uhr) – sowie nach telefonischer Vereinbarung. Es gibt auch größere Wanderungen und Radwanderungen im Angebot. Kontakt, Anmeldung und Gästeführerin: Gabriele Link, Telefon (05054) 94070, E-Mail: Gabriele.Link@t-online.de