Von Papenhorst zurück in die Ukraine

Rückkehr nach Tschernihiw - Rückkehr ins Ungewisse

„Das normale Leben,“ das ist auch der Grund, warum die 60-jährige Maria und ihre 22 Jahre alte Tochter Viktoria nun Papenhorst verlassen und in ihre ukrainische Heimatstadt zurückfahren. Anfang März waren die beiden Frauen aus Tschernihiw nach Deutschland geflohen. Oleg Friesen hat als als Freiwilliger für eine medizinische Hilfsorganisation in Kiew gearbeitet. Auf der Fahrt zu seinen Verwandten erlebt der junge Mann ein Bild der Zerstörung: Autowracks, Ruinen, durchlöcherte Brücken. Und er hört die Geschichten von Menschen, die ihr Leben riskiert haben. Menschen, die alles verloren haben - aber nicht ihren Stolz.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 23. Okt. 2022 | 11:05 Uhr
  • 23. Okt. 2022
Zerstörte Wohnhäuser im Kiewer Vorort Irpin. Überall an den Straßenränder stehen noch Wracks wie hier von Privatfahrzeugen, aber auch zerstörte Panzer herum.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 23. Okt. 2022 | 11:05 Uhr
  • 23. Okt. 2022
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Papenhorst.

Während durch den bevorstehenden harten Winter mehr Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland erwartet werden, zieht es einige bereits im März nach Deutschland geflüchtete Ukrainer zurück in die Heimat. Konkret kehren viele Menschen in Gebiete wie Kiew und Tschernihiw zurück, die Russland gleich zu Beginn seiner Invasion zu erobern versuchte, scheiterte, und Anfang April seine Truppen zurückzog. Doch diese Rückkehr ist eine Rückkehr ins Ungewisse.

Menschen kehren in die Ukraine zurück

„Wir wollen nach Hause“, sagt Maria. „Es ist schön hier, aber wir müssen endlich zurück in unser normales Leben.“ Maria (60) ist mit ihrer Tochter Viktoria (22) Anfang März aus Tschernihiw nach Deutschland geflohen. Die nordukrainische Stadt war damals ein erstes Ziel der russischen Invasion, wurde massiv beschossen und teilweise von russischen Truppen blockiert.

„Alles ist besser, als unter ständigem Beschuss zu leben. Und für die Gastfreundschaft hier in Papenhorst sind wir mehr als dankbar.“

Maria (60) und ihre Tochter Viktoria (22)

Aus Tschernihiw geflüchtet und in Papenhorst untergekommen

Durch eine private Initiative fanden die beiden eine Unterbringung in Dorf Papenhorst. Dass Celle nicht das Zentrum der Welt ist, besonders, wenn man auch noch im Dorf Papenhorst untergebracht wird, darüber beschwert sich im Einfamilienhaus niemand, in dem außer Maria und Viktoria noch drei andere Geflüchtete aus Tschernihiw untergebracht sind: „Alles ist besser, als unter ständigem Beschuss zu leben. Und für die Gastfreundschaft hier in Papenhorst sind wir mehr als dankbar.“ Wenn Maria und Viktoria zurück in ihre Heimat wollen, geht es ihnen vor allem darum, ihrem normalen Leben wieder nachzugehen, sofern es der andauernde Krieg zulässt. Maria musste ihren Ehemann in Tschernihiw zurücklassen. Viktoria somit ihren Vater, aber auch ihre Freunde und ihre Kommilitonen. Die Sehnsucht ist groß.

Eine begehbare Attraktion für junge Ukrainerinnen und Ukrainer: Im Kiewer Stadtzentrum ausgestellte zerstörte russische Militärtechnik.

Ukrainische Rückeroberungen machen Mut

Die jüngste Ankündigung der russischen Seite, in Belarus bis zu 22.000 Soldaten zu stationieren, schürt wieder Ängste, Russland könne wieder einen Vormarsch von Belarus aus auf Kiew unternehmen. Doch das Stocken des russischen Vormarsches, wie auch die erfolgreichen ukrainischen Rückeroberungen der jüngsten Wochen, stimmen beide optimistisch – Russland hat nicht mehr die Kraft, Kiew, geschweige denn andere Gebiete der Ukraine unter seine Kontrolle zu bringen.

Weg nach Tschernihiw führt nun durch spektakuläre Umwege

Tschernihiw liegt am Fluss Desna, in der nördlichen Zentralukraine. Im Westen sind es knapp mehr als 50 Kilometer bis zur belarusischen Grenze, im Norden 70. Im Nordosten sind es 95 Kilometer bis zur russischen Grenze. Vor dem Krieg war Tschernihiw von Kiew aus relativ schnell zu erreichen. Weniger als eine Stunde dauerte die Fahrt auf der Schnellstraße. Während der Kampfhandlungen im Frühjahr wurde die einzige Desna-Brücke jedoch gesprengt. Der Weg nach Tschernihiw führt nun durch spektakuläre Umwege.

Autor Oleg Friesen Ende Juni in Kiew, wo er für ein internationales Ärzteteam gearbeitet hat.

Fahrt führt an vollständig ausgebrannter Kaserne vorbei

Erst im Juli, als ich mich als Freiwilliger für eine medizinische Hilfsorganisation in Kiew befand, beschloss ich, meine Verwandten in dieser Stadt zu besuchen, sagt Oleg Friesen. Ein Minibus wartete an der Kiewer Metro-Haltestelle Lisowa, bis nicht der letzte Platz im Fahrzeug belegt war. Mit mir fuhr Tetiana (48), die Ehefrau meines Cousins, welche mich schon bei der Ausfahrt aus der Stadt auf die russischen Zerstörungen hinwies. Am nördlichen Stadtrand fährt man sofort an einer vollständig ausgebrannten ukrainischen Kaserne vorbei, welche am ersten Tag des Krieges von Raketen getroffen wurde. Befährt man die Schnellstraße Kiew–Tschernihiw, so wird man gleich bei der Ausfahrt aus dem Vorort Browary mit dem Ausmaß der Zerstörung konfrontiert. Dörfer, in denen beinahe jedes zweite Haus kein Dach mehr hat. Ausgebrannte Tankstellen. Zerstörte, ebenfalls völlig ausgebrannte, russische Militärfahrzeuge am Straßenrand. Der Minibus biegt von der Schnellstraße ab, denn beim Örtchen Oster befindet sich noch eine mit Fahrzeugen befahrbare Desna-Brücke. Kurzzeitig kann man sich von den düsteren Eindrücken der Zerstörung erholen, während der Fahrt durch die idyllischen nordukrainischen Wälder.

Gefahr auf ausgelegte Minen zu treten

Nähert man sich der Stadt Tschernihiw, sollte man in diesen Wäldern lieber nicht wandern gehen. Die Gefahr, auf eine Mine zu treten, gelegt von den ukrainischen Verteidigern, oder den abziehenden Russen, sei noch zu hoch. Und dann beginnt es erneut: zerstörte Häuser, ausgebrannte Tankstellen. Vor der Stadt ein militärischer Kontrollposten, der den Minibus jedoch schnell durchwinkt. „Wir fahren jetzt bei meiner Arbeit vorbei“, sagte Tetiana, „hier, dieses Gebäude da.“ Das Gebäude war intakt. Doch fuhr der Bus auch am benachbarten Gebäude vorbei, einem fünfstöckigen Plattenbau, dessen Fassade buchstäblich durchlöchert war durch russische Artillerietreffer. Nähert man sich dem Stadtzentrum, wird es wieder etwas weniger mit den Zerstörungen. Doch der Minibus hält vor dem Hotel „Ukrajina“, was auch schon vor dem Krieg die zentrale Haltestelle für den Transport von und nach Kiew war. Das „Ukrajina“ wurde im März durch einen gezielten Raketeneinschlag beinahe komplett zerstört. Die Umgebung der Ruine ist aufgrund der Einsturzgefahr immer noch abgesperrt.

Älteren Wasser und Essen gebracht

In ihrem Haus, etwas abgelegen vom Stadtzentrum, kommt die Familie zusammen. Alle Versammelten waren während der Belagerung der Stadt in Tschernihiw. Tetianas Ehemann Ihor (51), selbst aus gesundheitlichen Gründen untauglich für die Armee, betätigte sich während der Belagerung als Volontär. Mit seinem Privatauto brachte Ihor älteren Menschen, die ihre Häuser nicht verlassen konnten, Essen und Wasser. Die Wasserversorgung war teilweise am Boden zerstört und um an Lebensmittel zu gelangen, riskierte man sein Leben, in dem man an den wenigen existierenden Lebensmittelvergabestellen in langen Schlangen warten musste. Am 16. März starben durch den Beschuss solch einer Warteschlange gleich zehn Zivilisten, an einem Tag, an dem laut offiziellen Angaben insgesamt 53 Zivilisten durch russischen Beschuss ihr Leben verloren.

„Ich kann dich jetzt erschießen, wenn ich will“

Am Tisch sitzt noch Mykolaj (21), der Freund von Ihors Nichte Khrystyna. Sein Heimatdorf, nördlich von Tschernihiw, wurde im Februar von russischen Truppen eingenommen. Während Khrystyna den russischen Truppen lediglich ihr Mobiltelefon und ihren Laptop abgeben musste, wurde Mykolaj auf den Boden gelegt, mit einer Waffe im Hinterkopf. „Ich kann dich jetzt erschießen, wenn ich will“, soll der russische Soldat gesagt haben, von Mykolaj fordernd, dass er um sein Leben bettele.

Rechtzeitig gerettet, Autos davor zerschossen

Auch ein weiterer Verwandter sitzt am Tisch – Pawlo (44), welcher erzählt, wie er es in einer spektakulären Aktion geschafft hat, seine Frau und deren Mutter aus der Stadt zu bringen. Zwei Mal hätten sie mit dem Auto versucht, die damals noch nicht gesprengte Brücke zu passieren. Der zweite Versuch endete fast tödlich, denn fast vor ihren Augen geschah ein russischer Versuch, die Brücke einzunehmen. Pawlo konnte mit seinem Auto rechtzeitig wenden, während die beiden Fahrzeuge vor ihnen zerschossen wurden, wie sie später erfuhren.

Das zerstörte Hotel "Ukrajina" in Tschernihiw.

Pawlos Tochter Daria (23) ist auch vor kurzem nach Tschernihiw zurückgekehrt. Im März fuhr sie über Rumänien nach Spanien, wo sie bei Freunden lebte. Doch auch sie wollte zurück in ihre Heimatstadt, wieder ihrem normalen Leben nachgehen. Sie versucht nun, wieder an eine Stelle als Tanzlehrerin zu gelangen. Ein gewisses Unbehagen hat sie dabei schon: „Sollten die Russen wieder angreifen, wir haben ja gesehen, welche Ziele sie zuerst bombardieren… Schulen, Kindergärten.“ Daria holt Luft: „Selbst die Kirche am Markt haben sie zerstört, die Kirche des Moskauer Patriarchates“, die Kirche, die ihre vor einigen Jahren verstorbene Großmutter regelmäßig besuchte, die wie viele älteren Menschen noch bis zu ihrem Ende eine gewisse Sowjet-Nostalgie pflegte. Von einer russischen Rakete getroffen zu werden ist ein rechnerisch kleines, doch immer noch ein Risiko.

Der friedliche Schein in Kiew trügt

Eine Woche vor meiner Fahrt wurde das besagte Städtchen Oster beschossen, das Wochenende zuvor zerstörte eine russische Rakete wieder ein Wohngebäude in Kiew. Am nächsten Tag möchte ich mir ein eigenes Bild von der Situation in der Stadt machen. Im Zentrum könnte man fast vergessen, dass diese Stadt noch im April belagert wurde und unter täglichem Beschuss stand. Doch der Schein trügt, denn beispielsweise vom Filmtheater „Tschors“ aus den Dreißigerjahren, steht nur die Fassade. Auch auf dem historischen Burghügel, dem „Wall“, sieht man, dass die russischen Geschosse auch vor den Kathedralen der einst zweitbedeutendsten Stadt der Kiewer Rus nicht Halt machten.

Zerstörte Wohnhäuser im Kiewer Vorort Irpin.

Brücke durchlöchert von russischen Artillerietreffern

Zwei Einschlaglöcher vor der barocken Katharinenkirche. Der weiße Putz der Fassade am Bröckeln. Selbst die Christi-Verklärungs-Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert, übrigens auch noch zum Moskauer Patriarchat gehörend, hat Schäden an den Fenstern.

Zurück nach Kiew geht es nun über eine andere Route. Viele in Richtung Kiew fahrende Fahrzeuge halten nun hinter der noch bestehenden Fußgängerbrücke, und fahren über eine Schotterstraße auf die Schnellstraße. Die Brücke selbst gibt einem nicht das Gefühl von Sicherheit, denn wer nicht vor seine Füße schaut, kann schnell im Fluss landen. Wie einen Käse durchlöchern die Brücke Löcher russischer Artillerietreffer.

Der Artillerietreffer vor der Katherinenkirche hat zum Glück keinen größeren Schaden angerichtet.

„In diesem Dorf waren die Orks“

Vor der Brücke jedoch ein Checkpoint. Als deutscher Staatsangehöriger werde ich fast eine halbe Stunde lang von den Nationalgardisten festgehalten, um meine Identität zu überprüfen. Den Soldaten selbst ist es unangenehm, einer schenkt mir gar sein Ärmelabzeichen mit der berühmten Aufschrift „Russisches Schlachtschiff fick dich!“. Doch sicher ist sicher. Warum die Kontrolle so gründlich verläuft, sehe ich gleich im nächsten Moment. Ein Auto hält am Checkpoint, aus dem ein anderer Nationalgardist aussteigt und seinen Kameraden zuruft: „Jungs, ein Burjate hat gerade eine alte Frau überfallen und ihr die Geldbörse geklaut!“ Als „Burjaten“ bezeichnet man die versprengten russischen Soldaten, die nach dem fluchtartigen russischen Abzug Anfang April zurückgelassen wurden, und die sich noch immer in den Wäldern verstecken. „Burjate“ ist dabei eine Anspielung darauf, dass der Großteil der russischen Soldaten aus den entlegendsten Gegenden Russlands kommt und oft ethnischen Minderheiten angehört.

Die Rückfahrt selbst führt wieder durch zerstörte Dörfer, von denen in manchen gar kein Haus mehr unbeschädigt ist. Der Minibusfahrer heißt Valeriy (46). Auch während der Belagerung fuhr er Menschen aus der Stadt heraus, und Lebensmittel in die Stadt hinein. Auf der Schnellstraße fahrend, erklärt er, in welchem Dorf „die Unseren“ waren, und in welchem Dorf die „Orks“, wie die russischen Soldaten in der Ukraine gern genannt werden. Die Dörfer sind menschenleer.

Überall am Straßenrand Panzerwracks

Überall am Rand zerstörte Militärtechnik – russische, in einigen Fällen aber auch ukrainische. Überall Wracks von Panzern und Schützenpanzern, in denen höchstwahrscheinlich Menschen verbrannt sind. „Doch wir haben sie nicht hierhin eingeladen!“, sagt Valeriy, der selbst gebürtig von der Krim kommt und nur gebrochen Ukrainisch spricht. Auch für ihn als Menschen, der russischsprachig aufgewachsen ist und Verwandte in Russland hat, ist der Krieg ein Drama. Mit seinen Verwandten in Russland spreche er nicht mehr, denn sie hörten nicht zu und wollen nicht glauben, was ihre Armee in der Ukraine angerichtet hat. „Das hat sie angerichtet!“, ruft Valeriy und zeigt dabei erneut auf zerstörte Häuser. „In diesem Dorf waren die Orks übrigens,“ erzählt Valeriy und zeigt auf die Mauer eines zerstörten Hauses, auf die mit weißer Farbe ein großes „Z“ gemalt wurde – das Erkennungszeichen des russischen Militärs während der Invasion.

Über hundert Menschen im Keller festgehalten

In einem anderen Dorf auf der Strecke haben die russischen Soldaten über hundert Menschen in einem Keller festgehalten, von denen einige an Hunger gestorben seien. Tatsächlich ein Fall, der zumindest in der Ukraine in die Medien kam. Auf meine neuerliche Anfrage hin, ob sich seit Juli etwas verändert habe, antworteten meine Verwandten mit „Nein“. Der Krieg ist immer noch allgegenwärtig. Täglich heulen mehrmals die Luftschutz-Sirenen, werden jedoch mittlerweile größtenteils von den Menschen ignoriert, die, sofern sie können, wieder ihrem normalen Leben nachgehen können.

Rolle von Belarus und Machthaber Lukaschenko unklar

„Das normale Leben,“ das ist auch der Grund, warum Maria und Viktoria nun Papenhorst bei Celle verlassen und in ihre Heimatstadt zurückfahren. Dabei nehmen sie die Strapazen einer fast zweitägigen Busfahrt von Hannover nach Tschernihiw auf sich. Die anderen Bewohner des beschaulichen Klinkerbaus in Papenhorst bleiben vorerst. Niemand weiß, ob die Russen nicht doch noch einmal versuchen, die Ukraine von Norden her anzugreifen. Niemand weiß, ob nicht Belarus von Russland so stark unter Druck gesetzt wird, dass sich der dortige Machthaber Lukaschenko entschließt, an Seiten Putins in den Krieg zu ziehen. Ebenfalls weiß niemand, wo und wann die nächste Rakete einschlägt.

Über den Autoren

Oleg Friesen ist 1991 geboren und promoviert im Fach Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Von März bis Juli war er als Übersetzer für ein internationales Ärzteteam in der Ukraine tätig, in Czernowitz und dann in Kiew. Nach Tschernihiw fuhr er privat.
 

Von Oleg Friesen