Malcolm Chamberlain

Wie ein britischer Soldat in Celle seine neue Heimat fand

Malcolm Chamberlain kommt als Soldat nach Deutschland – und bleibt. Im Landkreis Celle lernt er seine spätere Frau kennen und wird in Müden sesshaft.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. Jan. 2023 | 13:00 Uhr
  • 07. Jan. 2023
Malcolm Chamberlain lebt heute in Müden.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. Jan. 2023 | 13:00 Uhr
  • 07. Jan. 2023
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Müden.

Dass Kirche in seinem Leben einmal eine starke Rolle spielen sollte, das wurde dem 69-jährigen Malcolm Chamberlain nicht an der Wiege gesungen. „Ich bin zwar getauft und habe meinen Glauben, aber das hat mich viele Jahre nicht sehr beschäftigt“, sagt der in Müden wohnende Mann mit englischer und deutscher Staatsangehörigkeit. Wie es dazu kam, dass christlicher Glauben großen Anteil an seinem Leben hatte, dazu an späterer Stelle mehr.

In England geboren und aufgewachsen

Getreu dem Motto, dass man ein Pferd nicht von hinten aufzäumen sollte, folgt erst einmal der Blick auf das beruflich und ehrenamtlich abwechslungsreiche Leben von Malcolm Chamberlain. Geboren 1953 in Jarrow, einem kleinen Ort nahe der Hafenstadt Newcastle, wuchs Chamberlain mit Vater, Mutter sowie seinem älteren Bruder Paul und seiner älteren Schwester Christin in der englischen Gemeinde auf. Er besuchte von 1958 an dort zunächst die Primary School, die Grundschule mit vier Klassenstufen.erthemen zu behandeln, sondern auch immer aktuelle gesellschaftliche Themen zum Gegenstand der Treffen zu machen.“

„1936 wurde praktisch über Nacht die Palmer Schiffswerft geschlossen. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 70 Prozent."

Die Familie zog, als Malcolm Chamberlain zehn Jahre alt war, in den Newcastler Ortsteil Primrose. Dort ging die Schullaufbahn an der Secondary Modern School weiter. Erwähnt werden sollte Geschichtsträchtiges, über das Chamberlain im Gespräch erzählt. Denn sein Geburtsort Jarrow ist für viele Engländer ein Begriff. Hier übersetzte im siebten Jahrhundert ein Benediktiner-Mönch erstmals das Johannes-Evangelium, und 1936 startete im Ort der „Marsch auf London“. Malcolm Chamberlain erklärt: „1936 wurde praktisch über Nacht die Palmer Schiffswerft geschlossen. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 70 Prozent. Daraufhin machte sich die Bevölkerung auf den Weg zum Parlament nach London. Doch der Protest half nichts.“

Der kleine Malcolm im Alter von neun Monaten mit seinen Geschwistern Paul und Christine.

Arbeitslosigkeit war kein Thema (mehr), als der junge Chamberlain nach seinem Abschluss die Schule verließ. Er startete eine Ausbildung zum Schweißer. „Das dauert normalerweise fünf Jahre, aber ich habe nach drei Jahren aufgehört“, berichtet der Wahl-Müdener. Der 18-Jährige verpflichtete sich 1971 nämlich bei der Royal Army. Er wurde dort ein „Royal Electrical and Mechanical Engineer“, ein Waffentechniker, der in Yorkshire stationiert war.

Fürs Militär nach Deutschland

1974 wurde der Soldat Chamberlain nach Deutschland abkommandiert, und zwar nach Munster(lager). Von dort aus führte der „militärische Weg“ nach Lippstadt. Es war die letzte Station seiner Zeit bei der Royal Army, denn 1978 quittierte Malcolm Chamberlain seinen Dienst. Zwischendurch hatte es nämlich „gefunkt“. Der Engländer mit (Kasernen-)Wohnsitz im Celler Landkreis lernte in einer Diskothek, sie hieß „Waldkater", seine spätere Frau Karin kennen. Zwei Jahre nach dieser das weitere Leben prägenden Begegnung wurde 1976 geheiratet. Die junge Familie durfte in eine Wohnung der Army nach Müden ziehen. Im selben Jahr kam der älteste Sohn zur Welt. Die vor 46 Jahren gegründete Familie wuchs im Laufe der Jahre auf drei Kinder und vier Enkel an.

 

Malcolm Chamberlain als Soldat 1977 im nordirischen Belfast.

Zurück ins Jahr 1978. Malcolm Chamberlain fand schnell einen Job bei der Firma Rheinmetall in Unterlüß. Es war die Zeit, als das Unternehmen die ersten Panzer des Typs Leopard nach Australien und Kanada lieferte. Der Ex-Soldat hätte dort mit seinen Kenntnissen rasch Karriere machen können, sollte in Kanada mit den Wartungsarbeiten an dem mobilen Militärgerät betraut werden. Was eine häufige, längere Trennung von seiner Familie bedeutet hätte. „Und genau das wollte ich keinesfalls“, wie Malcolm Chamberlain in der Rückschau sagt. Stattdessen wechselte er zum Unternehmen Haugk, das Spritzgussteile für die Autoindustrie produzierte. „Abwechslungsreich und gut bezahlt war die Tätigkeit schon“, erinnert sich der 69-Jährige. Der Haken an der Sache: Wegen der immer weiter um sich greifenden Devise „Schneller, schneller, schneller“ sei die Arbeit zunehmend stressig geworden.

„Ich hätte es mir nie träumen lassen, so etwas zu machen.“

Und dann erfuhr Chamberlain, dass die Küsterstelle an der evangelischen Kirche in Müden freigeworden sei. „Die suchten einen Küster und Friedhofswärter“, erzählt der Müdener. Die Aufgabenstellung hieß: Allgemeine Gottesdienste sowie kirchliche Trauungen und Taufen vorbereiten! Außerdem sollte der Bewerber, nach den Vorstellungen der Hannoverschen Landeskirche, für die Friedhofsgestaltung und -verwaltung zuständig sein. „Ich hätte es mir nie träumen lassen, so etwas zu machen“, sagt Chamberlain heute, auch im Rückblick auf seine anfangs eher geringe „religiöse Sozialisation“.

Seminare liefern notwendiges Rüstzeug

Er bekam die Stelle und blieb bis zum Eintritt in den Ruhestand 2018. „Es war genau das, was zu mir passte“ meint der Müdener und hebt die handwerklichen Aufgaben ebenso hervor wie die Kommunikation mit Gemeindemitgliedern und Gottesdienstbesuchern. Notwendiges (berufliches) Rüstzeug erhielt Malcom Chamberlain unter anderem durch die Teilnahme an Seminaren.

Malcolm Chamberlain mit Müdener Männergruppe 2019 in Schottland.

Hier könnte die Geschichte enden, wenn da nicht die „jederMann-Gruppe“ wäre. Diese kirchliche Männergruppe hat Malcolm Chamberlain bereits 1997 ehrenamtlich aus der Taufe gehoben. Es war – und ist – ein niedrigschwelliges Angebot, das wegen der Themen, die der Kreis aufnimmt, nicht nur für Leute geeignet ist, die sich einer kirchlichen Gemeinde eng verbunden fühlen. Bei den Männerfrühstücken, die Malcolm Chamberlain und seine Gruppe ausrichten, werden hochkarätige Referentinnen und Referenten zu verschiedenen sozialen oder spirituellen Fragen eingeladen. Aber auch Candle Light Dinner zusammen mit den Frauen, Grünkohlessen, Pilgertouren mit dem so genannten Müdener Pilgerpapst Rudi Hensch sowie zwei längere Touren nach Schweden und Großbritannien haben schon auf dem Plan gestanden.

„Er hat es in den 25 Jahren verstanden, nicht nur Männerthemen zu behandeln, sondern auch immer aktuelle gesellschaftliche Themen zum Gegenstand der Treffen zu machen.“

Einmal im Monat trifft sich die Männer-Runde. Es ist eine Einrichtung, die zu führen dem kommunikativen, gut vernetzten Deutsch-Engländer wie auf den Leib geschneidert erscheint. Dabei habe es anfangs ein paar Schwierigkeiten gegeben, das neue Angebot reibungslos ins Laufen zu bringen, erinnert sich Chamberlain. „Bis ich mir eines Tages sagte, dass ich das jetzt so organisiere, wie ich es mir vorstelle“, nennt der Leiter der Männergruppe den Schlüssel zum danach eintretenden Erfolg des kirchlichen Angebots.

Dem Nachfolger steht er weiter zur Verfügung

An der Spitze wird er nicht weiter stehen. „Ich habe meiner Frau versprochen, dass mit 70 Schluss ist“, äußert Malcolm Chamberlain. Aber seinem Nachfolger Hartmut Klages werde er bei Fragen immer zur Verfügung stehen, und die donnerstäglichen „Gruppentreffen selbstverständlich besuchen“. In Würdigung seines Engagements wurde Chamberlain Ehrenmitglied der Gruppe. Hans-Dietrich Springhorn, ein Mitglied der Männergruppe, sagt: „Er hat es in den 25 Jahren verstanden, nicht nur Männerthemen zu behandeln, sondern auch immer aktuelle gesellschaftliche Themen zum Gegenstand der Treffen zu machen.“

Lebenslauf

29. Januar 1953

Geburt in Jarrow/England

1958

Einschulung Primary School, anschließend Secondary Modern School

1968 bis 1971

Ausbildung zum Schweißer

1971 bis 1978

Dienst in der Royal Army, ab 1974 stationiert in Deutschland

1976

Heirat mit seiner deutschen Frau Karin, Geburt dreier Kinder zwischen 1976 und 1988

1978 bis 1996

Arbeit in der Rüstungs- und Metallindustrie

1996 bis 2018

Küster und Friedhofswärter der St.-Laurentius-Gemeinde in Müden

Von Andreas Stolz