"Unheimliche Dynamik"

Seeadler erobern das Land

Vor 25 Jahren gab es eine erste Seeadler-Ansiedlung bei Meißendorf - heute gibt es 97 Paare in Niedersachsen.
  • Von Andreas Babel
  • 02. Juli 2022 | 11:00 Uhr
  • 02. Juli 2022
  • Von Andreas Babel
  • 02. Juli 2022 | 11:00 Uhr
  • 02. Juli 2022
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Meißendorf.

Was gleitet denn da oben durch die Luft? Wenn man im Landkreis Celle in der Höhe ein dunkles, großes Brett fliegen sieht, dann handelt es sich mit Sicherheit um einen von 14 Seeadlern, die hier derzeit ihr Revier haben. Schwanz und Kopf sieht man meist mit bloßem Auge nicht, aber kleinere Vögel, die versuchen, den Seeadler zu attackieren, wie Raben, Krähen und Bussarde.

1197 lässt sich erstes Paar im Landkreis nieder

Peter Görke aus Meißendorf ist seit 25 Jahren Seeadler-Beauftragter des Landes Niedersachsen. Ehrenamtlich versteht sich. Zuvor war der Meißendorfer schon in Schleswig-Holstein in ähnlicher Funktion tätig. Doch dann kam das Jahr 1997 und in der Nähe seines Heimatortes ließen sich die beiden ersten Seeadlerpaare nieder – der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht.

AAN vor 25 Jahren gegründet

Der mittlerweile 80-jährige Rentner (er war jahrzehntelang Kaufmann) gründete auch vor 25 Jahren die Arbeitsgemeinschaft Adler Niedersachsen (AAN). Aus den zwei Seeadlerpaaren aus dem Jahr 1997 sind mittlerweile landesweit 97 geworden. „Da ist eine unheimliche Dynamik drin“, sagt Görke. Weil der Seeadler, der eigentlich kein „echter“ Adler ist, sondern zu den milanartigen Greifvögeln gehört, kein Zugvogel ist, macht ihm der Klimawandel kaum zu schaffen. „Die Beuteverfügbarkeit ist nach wie vor da, vom Wassergeflügel über Fische bis hin zu Säugetieren hat er hier ein reichliches Angebot“, führt Görke aus.

Spannweite kann 2,60 Meter betragen

Die majestätischen Tiere sind die größten europäischen Adler. Die Weibchen können Spannweiten bis 2,60 Meter und sieben Kilogramm Gewicht erreichen. Die Männchen sind 20 Prozent kleiner, weil sie die Hauptjäger sind. „Die Männchen sind an der Beutebeschaffung stärker als die Weibchen beteiligt. Von daher sind sie wendiger und erreichen höhere Geschwindigkeiten. Das ist vergleichbar mit einem Kampfflugzeug und einem Jumbojet“, meint der Adlerexperte.

Auch Elbe wieder stark besiedelt

In diesem Jahr gab es an elf Brutplätzen Neuansiedlungen. Auffällig sei, dass sich im Weser-Ems-Gebiet bis an die holländische Grenze viele dieser Vögel angesiedelt haben. Und das zweite Kerngebiet neben dem in der Südheide ist ein traditionelles Seeadlergebiet, nämlich das in der Elbeniederung. Hier gab es vor 200 Jahren alle drei Stromkilometer einen besetzten Horst. „Jetzt ist auch die Elbe wieder stark besiedelt“, freut sich der Naturschützer. Im südöstlichen Teil unseres Bundeslandes gibt es keine Seeadler, das südlichste Vorkommen findet sich bei Laatzen.

Nur zwei Jungvögel in diesem Jahr

Im Landkreis Celle sind zu den fünf angestammten Seeadlerrevieren zwei weitere hinzugekommen. Die genauen Standorte werden nicht bekanntgegeben. „Wir wollen keinen Ornitourismus. Das ist verpönt bei uns“, begründet Görke diese Entscheidung. Leider sind in diesem Jahr wenige Bruterfolge zu verzeichnen. Lediglich in einem Horst sind zwei Jungvögel entdeckt worden und in einem weiteren Horst ein Jungvogel. Das bedeutet, dass in den weiteren fünf Horsten, die jeweils mit einem Weibchen und einem Männchen besetzt sind, kein Bruterfolg gelungen ist. Dabei muss man wissen: Wenn Seeadlerpaare nicht gestört werden, bleiben sie ihr Leben lang zusammen. Vielleicht klappt es dann bei dem ein oder anderen Paar im kommenden Jahr?

Störungen durch die Natur

Wie die großen Greifvögel mit Störungen durch die Natur zurechtkommen, schildert Görke mit einem eindrucksvollen Beispiel: Im Jahr 2020 fanden Naturschützer 100 Meter vom Horst entfernt ein totes Männchen ohne erkennbare äußere Verletzungen. Im darauffolgenden Jahr gab es auf diesem Horst eine Neuverpaarung. Die Brut wurde aber durch den Menschen gestört. Forstarbeiten, die nach Stürmen und Borkenkäferbefall „unumgänglich“ waren, seien sehr dicht an den Horst herangerückt. Und wo die Harvester genannten riesigen Holzerntemaschinen am Werke sind, da entstehen natürlich Geräusche, die die Tiere nicht einordnen können und die sie verschrecken. Aber in diesem Jahr wurde bei einem der drei Stürme im Spätwinter der Baum mitsamt dem Horst im Wipfel umgeweht. „Der Adler hat aber sofort begonnen, auf der nächsten Kiefer einen neuen Horst zu bauen“, erzählt Görke. Und trotz der massiven Störung durch den Sturmschaden ist hier ein Jungadler erfolgreich herangezogen worden.

Adlerhorst erreicht Größe eines Bullis

Ein Seeadler-Horst ist in etwa vom Durchmesser so groß wie der eines Weißstorches, sagt Görke und deutet auf das Nest des Zugvogels in der Winser Ortsmitte, unter dem das CZ-Gespräch stattfindet – also etwa 1,50 Meter groß. Die meisten Horste haben eine Höhe von einem Meter, können aber auch bis zu drei Meter hoch werden. Auch Durchmesser bis zu 2,50 Meter sind keine Seltenheit. „Da können sich ohne weiteres drei Personen hineinlegen“, erläutert der Umweltschützer. Die Horste können sechs bis acht Zentner schwer werden. „Bei Wahrenholz kennen wir seit 2006 einen Horst, der ist so groß wie ein VW Bulli“, so der Meißendorfer. Wie schnell ein Seeadlerpaar einen Horst bauen kann, das wurde vor Jahren am Steinhuder Meer protokolliert. Innerhalb von einer Woche hatten die Vögel hier Stöckchen für Stöckchen herangeschafft und eine Mulde ausgebildet, so dass hier eine erfolgreiche Brut zu beobachten war.

Neue Generation von Seeadlern

Die Adlerbewahrer haben beobachtet, dass man heutzutage Seeadlern weitaus näher kommen kann als noch in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Damals, als der Vogel in Norddeutschland fast ausgestorben war, kam man nicht näher als 400 Meter ran, dann flogen die Greifvögel davon. Heute gibt es an der Elbe ein Seeadlerpaar, das sich auf einer von drei Pappeln einen Horst gebaut hat, die nur 120 Meter von einem bewohnten Gehöft entfernt stehen. Sie sehen also jeden Tag Menschen in ihrer Nähe und nehmen kein Reißaus. „Das ist eine neue Generation von Seeadlern, an die man sicher 150 bis 200 Meter rankommt“, sagt Görke: „Das sind die Anfänge der Anpassung. Sonst können sie nicht überleben.“

Verheerende Wirkung einer Bleivergiftung

Eine große Gefahr besteht für die geschützten Tiere durch Bleimunition. Nicht dass sie selbst beschossen würden, aber weil sie bequem sind und gerne an Aas gehen, nehmen sie eben auch die in Wasservögeln befindliche Bleimunition auf. „Wenn eine Kugel Blei in den Magen eines Seeadlers gelangt, führt das schon nach zwei Stunden zu Lähmungserscheinungen, dann fliegt er schon gegen Bäume“, beschreibt Görke die verheerende Wirkung einer Bleivergiftung. Die Landes- und Bundesforsten schießen schon bleifrei. „Es wäre sehr vernünftig, wenn alle Jäger nur noch mit Stahlmunition schießen würden. Das muss eigentlich verboten werden, die Bleimunitionsreste noch zu verschießen“, fordert der streitbare Meißendorfer vehement.