Oberschule Lachendorf

Waldbad als Klassenzimmer

Oberschüler aus Lachendorf holen ihre Schwimmdefizite, die während der Corona-Pandemie entstanden sind, bei einer Projektwoche auf.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 16. Juli 2022 | 13:00 Uhr
  • 16. Juli 2022
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  • 16. Juli 2022 | 13:00 Uhr
  • 16. Juli 2022
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Hohne.

Montagmorgen um 8.30 Uhr im Waldbad Hohne-Spechtshorn. Die Sonne scheint, sie hat die Luft zu dieser noch frühen Stunde auf angenehme 24 Grad erwärmt. In den Becken ist bereits Betrieb. Es wird geschwommen, gerutscht, geplanscht und gespritzt: Wie das eben so ist, wenn zehn- bis zwölfjährige Mädchen sowie Jungen ihrem Bewegungsdrang folgen. Aber es sind noch keine Sommerferien, es ist noch Schulzeit. Der vormittägliche Unterricht der Oberschule Lachendorf hat bereits begonnen. In anderer Form allerdings, die Stunden bis zum folgenden Freitag stehen im Klassenzimmer „Waldbad“ im Zeichen eines Projekts. Das firmiert unter dem Titel „Vom Nichtschwimmer zum Schwimmer“, was Ziel für die Schülerschaft und die sie begleitenden zehn Lehrerinnen und Lehrer sowie die sechs Schulbegleiter ist.

86 Kinder sind es an diesem Morgen, die sich im Freibad versammelt haben. Sie kommen alle aus den fünften Klassen an der OBS Lachendorf. Teresa Bodenstedt, die Jahrgangsleiterin, erläutert die Bedeutung dieser ungewöhnlichen Aktivitäten am Vormittag: „Viele der Kinder in Deutschland, auch hier bei uns, können gar nicht schwimmen. Bei der großen Zahl der schwerwiegenden Badeunfälle ist das Schwimmen aber, meine ich, lebensnotwendig.“

Die Pädagogin, die im Alter von fünf Jahren lernte, sich sicher in tiefem Wasser zu bewegen, ergänzt: „Durch Corona sind die vorgesehenen Schwimmstunden in den Grundschulen weggefallen, was das Nichtschwimmerproblem erhöht hat. Wenn man sich ansieht, wie lang Listen und Wartezeit bei privaten Schwimmkursen derzeit sind, so ist eine Projektwoche wie diese mehr als sinnvoll.“

Nun, längst nicht alle Fünftklässler aus Lachendorf sind des Schwimmens unkundig. Ein Drittel ist es, über den Daumen gepeilt, aber schon. Und die Schwimmer unter ihnen, die sollen ihre Fertigkeit noch einmal unter Beweis stellen und an den fünf Tagen weitere Sicherheit im Wasser gewinnen. Die Voraussetzungen, was die Schwimmfähigkeit der Mädchen und Jungen angeht, sind vollkommen unterschiedlich. Das heißt: Es muss differenziert werden.

Wasserratten und Katzen am Beckenrand

Sportlehrer und Projekt-Initiator Nils Bürgel ist derjenige, der die Basis legen soll. Er zieht mit einer Gruppe ins hüfthohe Wasser des Nichtschwimmerbeckens und beginnt mit der Wassergewöhnung. Durch das Becken gehen, aufrecht oder in der Hocke, auf einer Stelle stehen und untertauchen, vom Beckenrand abstoßen und unter der Wasseroberfläche möglichst weit gleiten, die Palette der Übungsformen ist breit gefächert. Und auch die Kinder entpuppen sich als heterogene Lerngruppe. Während die einen voller Elan und Spaß tauchen, zeigen sich andere eher zögerlich und verkrampft.

Pia Borchers zum Beispiel sitzt auf der Treppe und ist zunächst nicht dazu zu bewegen, ins Wasser zu gehen. An ihrem Beispiel zeigt sich bald die Bedeutung des sozialen Lernens in einer (Sport-)Gruppe. Neele Leiffer und Judy Wolff, beide könnte man als so genannte Wasserratten charakterisieren, nehmen sich ihrer an. Rechts und links an den Händen gehalten, gelingt Pia ein erster Gang durchs Nichtschwimmerbecken. Sie gewinnt mit jedem Schritt an Selbstsicherheit und braucht immer weniger Unterstützung. Neele sagt zu ihrer Motivation, sich engagiert einzubringen: „Ich helfe gern Leuten.“

Sportlehrer Sebastian Kart steht am Rand des Schwimmerbeckens, mit einer Stoppuhr in der Hand. Er und seine Kollegen nehmen die Prüfungen fürs Seepferdchen sowie fürs Deutsche Schwimmabzeichen vor. Es geht, in verschiedenen Anforderungs- und Ausdauerstufen, um Bronze, Silber oder Gold. Beim Bronzeabzeichen sind viele Mädchen und Jungen in der Lage, 15 Minuten zu schwimmen, und wagen auch den geforderten „Paketsprung“ aus einem Meter Höhe. In den nächsthöheren Kategorien sind nicht alle auf Anhieb erfolgreich. Sebastian Kart ermutigt: „Weiter trainieren, wir haben noch bis zum Freitag Zeit.“

Förderverein und Cebus unterstützen Schule

Birgit Szeppek aus dem Vorstand des „Fördervereins Waldbad Hohne-Spechtshorn“ ist an diesem warmen Montagvormittag ebenfalls vor Ort. „Wir freuen uns immer, wenn Schulen hierherkommen und Betrieb bei uns ist“, sagt sie mit Blick auf die muntere Kinderschar.

Ein Zeitensprung: Donnerstag, 8.30 Uhr. Es schüttet, wie man landläufig sagt, wie aus Eimern. Für die „Lachendorfer Projektkinder“ ist das, bei immerhin 22 Grad Lufttemperatur, kein Hindernis. Training und Bewegungsspaß im Wasser gehen weiter. Ins temperierte Nass begibt sich, zusammen mit den am weitesten fortgeschritten Fünftklässlern, eine Lehrergruppe. Gemeinsam strebt man die Ein-Stunden-Marke, das so genannte Totenkopf-Abzeichen, an. 59 Minuten später heißt es vom Rand aus: „Noch eine Minute.“ Doch nicht alle Pädagogen und Schüler wollen aufhören zu schwimmen. „Wir machen weiter, wir wollen Silber“, rufen sie zur Zeitnehmerin, und die nächste Stunde bricht an.

Lehrerinnen liefern sich Schwimmduell

Lilly Tötebera, Varvara Aidonopoulou und Marlene Metzger machen derweil mit Proviant Pause unterm Dach. Was ihnen im Waldbad am meisten Spaß bereitete? „Das Rutschen“, sagen sie wie aus einem Munde. Da können Hanna Wübbolt und Juline Schäfer nur zustimmen. Sie allerdings werden nicht nur Spaß beim Rutschen haben, sie müssen zudem im großen Becken trainieren. Denn ihr Blick richtet sich auf die nochmals anstehende Prüfung zum „Goldabzeichen“. Was Jerome Mltschoch (12) besonders an der Projektwoche gefällt, sagt er in einem Satz: „Wir gehen jeden Tag zum Schwimmen, und es kostet nichts.“ Frei ist auch der Transport von Lachendorf nach Hohne, wofür Stufenleiterin Teresa Bodenstedt der CeBus dankbar ist. Und auch das Waldbad Hohne-Spechtshorn unterstützt „unser Vom-Nichtschwimmer-zum-Schwimmer-Vorhaben“, sagt sie.

Drei Schulbegleiterinnen an der OBS Lachendorf, sie kommen von der Linerhaus-Stiftung, sind begeistert vom Projekt. „Es ist eine großartige Aktion“, finden Kerstin Winkelmann, Imke Trumann und Nadine Kammann. Eine, bei der sich Schüler und Lehrer auch von bisher unbekannten Seiten her kennenlernen. So liefern sich Stufenleiterin Teresa Bodenstedt sowie eine ihrer Kolleginnen ein 25-Meter-Sprint-Schwimmduell,angefeuert von den Kindern. Und Lehrer Cord Bramman zeigt einen „astreinen Kopfsprung“ vom Fünfer. Das wollten ihm mehrere Jungs am Beckenrand nachmachen.

Nils Bürgel ist besonders stolz auf Pia Borchers. „Sie hat ihre Angst vor dem Wasser überwunden“, sagt der Pädagoge und zeigt auf das Mädchen, das sich, mit einer „Schwimmnudel“ sowie einem Schwimmgürtel ausgestattet und von Neele Leiffer motiviert, in Bauchlage frei im Nichtschwimmer-Becken bewegt. Bei so viel positiven Eindrücken hoffen die Begleiterinnen und Begleiter, „dass wir ein solches Projekt für die Fünftklässler − immer kurz vor Schuljahresende − im schuleigenen Lehrplan verankern können.“ Die Bilanz am Ende der Woche kann sich sehen lassen: 9 Mal Gold, 15 Mal Silber, 14 Mal Bronze, 3 Mal Seepferdchen und 17 Mal Totenkopf wurden abgenommen.

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Von Andreas Stolz