Restaurant „La Taverna“

Hermannsburger sagen nach 38 Jahren Ciao

Mit Leidenschaft und Herzblut aufgebaut: Corinna und Gunnar Deutgen treten ab Juli kürzer und geben das Restaurant „La Taverna“ in neue Hände.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 26. Juni 2022 | 14:00 Uhr
  • 26. Juni 2022
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  • 26. Juni 2022 | 14:00 Uhr
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Hermannsburg.

Da wird man selbst als „Außenstehender“ ganz sentimental, wenn man über die vergangenen 38 Jahre mit Corinna und Gunnar Deutgen spricht. Seinerzeit haben sie ihr damaliges Bistro und Musikkneipe „Das Haus der dreißig Biere“ in Hermannsburg in ein Genießer-Restaurant verwandelt. Zum Monatsende ziehen sie sich als Betreiber aus dem „La Taverna“ zurück.

Doch der Reihe nach: Mitten in seiner beruflichen Laufbahn als Bankkaufmann stand für Gunnar Deutgen ungeplant und überraschend fest, aus dem ehemaligen Elektroinstallationsladen „Donner“ ein Bistro zu machen. Ab Mitte der 60er Jahre unternahm der heute 64-Jährige mit Eltern und Geschwistern zahlreiche Urlaubsfahrten nach Südfrankreich und lernte dort die Lebens- und Esskultur schätzen. Besonders begeisterten ihn die vielfältigen Angebote auf den mediterranen Märkten in Grasse und den Markthallen in Cannes und Nizza. In Hermannsburg befand und befindet sich noch heute am Ende der Straße das Christian-Gymnasium, also „Kundschaft“.

Kurzerhand kündigte er bei der Deutschen Bank und nach einer gewaltigen Umbauaktion wurde am 7. Dezember 1984 das „Le Bistro“ eröffnet. Die Karte war zunächst übersichtlich, sieben Baguettes, drei Salate und eine Zwiebelsuppe fanden reißenden Absatz. „In unserem Bistro traf sich zunächst die Dorfjugend und später auch Gäste aller Generationen. Hier sind zahlreiche Ehen entstanden“, erinnert sich die 56-jährige Corinna Deutgen.

Nicht nur die Deutgens starteten in ihre neue Karriere, auch Holger Wortmann als Koch war „Mann der ersten Stunde“. Auch er geht ab Juli in den verdienten Ruhestand. Natürlich stehen alle der Nachfolger-Familie Steven und Jessica Anderer anfänglich auf Wunsch bei Fragen noch zur Verfügung, aber dann ist endgültig Schluss für die Deutgens.

China ganz oben auf der Liste

Es gibt eine ganze Liste von Plänen für die Zukunft. An oberster Stelle: einmal richtig durchzuatmen, Zeit frei einteilen zu können und nicht ständig auf die Uhr gucken zu müssen. Außerdem sind noch zahlreiche Verwaltungsaufgaben zu erledigen. Und dann sind da noch der Sohn und die Zwillingstöchter, mittlerweile natürlich aus dem Haus, und nicht nur das: Den Ältesten hat es seit 2012 nach China, Shanghai und Beijing, verschlagen und man hat sich während der Pandemie drei Jahre lang nicht gesehen. Da steht ein Besuch des Sohnes und der Schwiegertochter ganz oben auf der Liste. Auf der anderen Seite sind da noch die Eltern, die versorgt werden müssen.

Tatkräftig übernahmen Gunnar und Corinna Deutgen zum „Le Bistro“ 1990 ein ehemaliges Eiscafé ein paar Häuser weiter und wandelten es in eine Pizzeria um. Mit vollem Erfolg – es war für beide ein „Lehrbetrieb“, der sie sechs Jahre später (1996) einen Anbau an ihr Bistro mit dem heute so typischen und bei den Gästen heiß begehrten Türmchen unternehmen ließ. „Sechs Türme hätten wir bauen können, sie wären immer ausgebucht gewesen“, so Gunnar Deutgen.

Viele Außenveranstaltungen wie das überregional bekannte Straßenfest mit Live-Musik und Flohmarkt sowie im Bistro die unzähligen Livemusikauftritte waren legendär. Caterings zu allen Gesellschaftsfeiern begeisterten die Gäste. Ein Highlight war sicher auch das Ausrichten der 125-Jahr-Feier der Volksbank im Hermannsburger Örtzepark mit über 1000 Gästen. „Wir haben damals mit 78 Leuten Personal die Sache geschaukelt“, so Gunnar Deutgen. „Ein voller Erfolg.“

2008 wurden die „Le Bistro Musikkneipe“ und das Restaurant vereint. Nach dem Durchbruch der Wand zum angebauten Teil entstand „La Taverna – Ihr Genießer-Restaurant“ mit drei großzügigen Gasträumen und einer Lounge. Zusammen mit seinen Köchen entwickelte das Gastronomenpaar eine feine Frischeküche. Wareneinkäufe in Großmärkten und bei regionalen Anbietern, hier vor allem je nach Saison Spargel, Kürbis, Flugenten und Wild, waren stets Chefsache. „Wir waren ständig auf der Suche und fast schon süchtig nach bester Qualität“, so Gunnar Deutgen.

Mit besonderen Ideen Lockdown überstanden

Die Zeit der Pandemie konnte erfolgreich umschifft werden: Schon immer hat das La Taverna einen Außer-Haus-Service angeboten, der dann erweitert wurde. Was einfach klingt, ist trotzdem mit viel Arbeit verbunden gewesen. Von einem auf den anderen Tag waren Restaurants geschlossen. Mit neuen Ideen, wie die hausgemachten, in Gläsern abgefüllten Spezialitäten unter dem Label „DeutGenuss“ und der „La Taverna Kochbox“, überstand man den Lockdown gut und konnte alle Mitarbeiter weiterbeschäftigen. Niemand musste entlassen werden, und seit Juni 2021 gab es auch keine pandemiebedingte Kurzarbeit mehr im Betrieb.

„Ich bin ja eher der spontane Typ, meine Frau ist bei allem viel strukturierter.“ Also ein eingespieltes Team, ein sich in ihren vielfältigen Aufgaben ergänzendes Ehepaar, lange verheiratet, lange Gastronomen, und „wir haben immer unser Bestes gegeben, mit ganz viel Herzblut und Leidenschaft“, so die Chefin. Davon zeugen auch die vielen Gäste-Reaktionen, die es natürlich bedauern, dass die beiden sich jetzt aus dem aktiven Geschäft zurückziehen, es ihnen aber auch gleichermaßen gönnen. „Sie haben es sich verdient“, so der Tenor. Worte, die den Abschied nicht ganz leicht machen.

Mit Herzblut und Leidenschaft dabei

Der selbstgewählte Schlusspunkt der Deutgens gibt aber einem anderen die Chance auf einen Neuanfang. Und das war ihnen immer ein besonderes persönliches Anliegen: dass es weitergeht und die unzähligen Gäste in gute und fachliche Hände zu „übergeben“. Und es geht weiter – mit einem etwas anderen Stil, aber im Sinne des Genießer-Restaurants.

Weiter auch mit einem Teil des Personals und mit der Sicherheit der Weiterbeschäftigung in einem renommierten Betrieb. Und auch mit der Verbindung zur Kulturinitiative „Augenschmaus“, die mit Kinoabenden, Vernissagen und musikalischen Darbietungen seit nunmehr 20 Jahren mit ihrer Organisatorin Dörte Meyer-Gaudig dem Restaurant die Treue hält, sowie „Weibswerk“ organisiert von Andrea Stüber und einem Orgateam.

Hunderte Hände haben geholfen

Beide sind ihrer Belegschaft sehr dankbar. Zurzeit sind es 23 Mitarbeiter, über die Jahre waren es wohl hunderte fleißige Hände. Vor allem Koch Holger Wortmann ist seit 1984 dabei, seit fast 30 Jahren ist Menice Yavsan als Beiköchin tätig. Und auch Koch Monty Liewald hält Deutgens seit 15 Jahren die Treue. Es geht halt nur im Team, so eine Mammutaufgabe, sieben Tage die Woche fast 40 Jahre lang gleichbleibende Qualität abzuliefern und Freude an der Arbeit zu haben.

Ab 1. Juli herrscht ein anderer Rhythmus im Leben des Ehepaares Deutgen. Dazu gehört für die beiden auch immer, den Geschmack auf ihren Gaumen tanzen zu lassen.

lebenslauf

20. Juni 1958Geburt von Gunnar Deutgen1. März 1966Geburt von Corinna Deutgen1986Hochzeit1984  Eröffnung des „Le Bistro“1986 und 1990 Geburt der Kinder1990 Eröffnung Pizzeria „La Taverna“ an der Lotharstraße 401996Anbau an das bestehende Bistro und Eröffnung des neuen Restaurants mit moderner Küche und Wirtschaftsräumen2008 Umbau und Zusammenlegung der Gebäude mit Modernisierung. Abschied von „Le Bistro“ und Schaffung des „La Taverna“30. Juni 2022Abschied vom „La Taverna“
Von Kirsten Pröve-May