Objektkünstlerin

Christiane Möbus trägt die Heide im Herzen

Zum 75. Geburtstag ist der Künstlerin Christiane Möbus in Hannover eine Doppelausstellung gewidmet. Ihre Wurzeln liegen zwischen Heide und Bergbau.

  • Von Jörg Worat
  • 23. Juli 2022 | 14:00 Uhr
  • 23. Juli 2022
  • Von Jörg Worat
  • 23. Juli 2022 | 14:00 Uhr
  • 23. Juli 2022
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Hannover.

Ein Kurzgedicht von Christiane Möbus aus dem Jahr 1983 heißt "Harfe", und es geht folgendermaßen: „Ein / Engelsinstrument. / Ich / kann / die Langeweile / nicht ertragen.“ Das glaubt man sofort: In mehr als 50 Jahren hat die Künstlerin ein außergewöhnliches Werk geschaffen, was sowohl die Machart als auch den Umfang betrifft. Im April ist sie 75 geworden; Anlass für zwei herausragende hannoversche Institutionen, Sprengel-Museum und Kunstverein, eine Doppelausstellung zu zeigen – eine derart konzentrierte Kooperation kommt hier nur sehr selten vor.

Möbus‘ Arbeiten können sehr groß sein oder sehr klein. Ihr Material? Hier ausgestopfte Tiere von der Krähe bis zum Krokodil, da Perlen oder Blätter, dort nur ein paar Schriftzeilen. Zuweilen vergehen zwischen Konzept und Realisierung einer Arbeit viele Jahre, dann wieder entstehen sie spontan vor Ort. Auch Performances und deren fotografische Dokumentationen gehören zum Repertoire von Christiane Möbus.

Mal lässt die Künstlerin eine Giraffe schweben, mal kombiniert sie ein wuchtiges Lkw-Führerhaus mit zartem Tüllgewebe. Im Deutschen Bundestag hat die Künstlerin vier beweglich unter einem Hallendach aufgehängte Rennachter angebracht, für Göttingen das Denkmal „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben“ entworfen, das dem hannoverschen Ernst-August-Denkmal nachempfunden ist, jedoch einen leeren Sockel aufweist – eine spezielle Würdigung jener sieben Göttinger Professoren, darunter die Brüder Grimm, die 1837 gegen die Aufhebung der liberalen Verfassung im Königreich Hannover protestierten und daraufhin entlassen wurden. Dass Möbus bei der Inschrift die Namen der mutigen Männer durch ihren eigenen ergänzt hat, macht sehr deutlich, dass Aufmüpfigkeit durchaus zu den Charaktereigenschaften der Künstlerin gehört.

Wie will man nun einen Oberbegriff für dieses vielfältige Schaffen finden? Oft ist diesbezüglich von der „Objektkünstlerin“ die Rede − kann sich Möbus damit anfreunden? „Naja, das passt schon einigermaßen“, sagt sie und zeigt ihr typisches, leicht verschmitztes Lächeln. „Aber eigentlich bin ich wie ein Kartoffelbauer, der auch noch Salatfelder hat.“

Wurzeln zwischen Heide und Bergbau

Der landwirtschaftliche Vergleich kommt womöglich nicht von ungefähr. Denn die Künstlerin, die weltweit unterwegs gewesen ist und zahlreiche bedeutende Auszeichnungen vorweisen kann, hat durchaus bodenständige Wurzeln. Geboren in Celle, wuchs sie in Ohof und Groß Bülten unter einfachsten Bedingungen auf: „Meine Eltern waren Vertriebene aus dem Kreis Crossen/Oder in Brandenburg.“ Und da kostspielige Vergnügungen damals nicht drin waren, hielt sich die kleine Christiane viel in der Natur auf: „Da bekam ich alles gezeigt und erklärt. Ich habe damals auch schon unterschiedliche Landschaftsformen kennengelernt − Ohof war mehr von der Heide geprägt, Groß Bülten vom Bergbau.“

Noch heute kann die Künstlerin zwischen Spitz- und Breitwegerich unterscheiden, und höchst lebendig schildert sie den Besuch eines Reitturniers im Alter von gut drei Jahren: „Danach habe ich Zeichnungen gemacht. Gar nicht so schlecht, mit Hürden, dem wehenden Pferdeschwanz und der hüpfenden Mütze des Reiters.“ Kurz, die Vorliebe für Fauna und Flora, die später im Werk der Künstlerin eine so große Rolle spielen sollte, wurde schon früh geweckt. Und später vertieft – von 1984 bis 1986 war Möbus Gaststudentin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover: „Da bin ich bei den Rindviechern gelandet“, erinnert sie sich in dem leicht flapsigen Duktus, der bei ihr immer mal wieder durchbrechen kann.

Die Kindheit in eher beengten Verhältnissen war sicherlich einer der Gründe dafür, dass die Aufbruchsgedanken um so üppiger gerieten: „Ich wollte zuerst Architektur studieren. Unter anderem bei Le Corbusier.“ Als die Wissensdurstige allerdings den Tod dieses berühmten Meisters zur Kenntnis nehmen musste, machte sie es eine Nummer kleiner, arbeitete als Praktikantin am Institut für Baustoffkunde an der Technischen Universität Braunschweig und studierte anschließend an der dortigen Hochschule für Bildende Künste bei Emil Cimiotti.

Christiane Möbus wird nicht müde, die moralische Unterstützung durch die Familie in diesen frühen Jahren zu betonen. Wobei der Vater als Grund- und Hauptschullehrer ebenso wenig einen musischen Beruf ausübte wie andere Familienmitglieder: „Es war allerdings von einem Großvater die Rede, der vier Instrumente gespielt haben soll: Klavier, Orgel, Cello und Tennis.“ Jedenfalls wurden die Ideen der heranwachsende Künstlerin ernst genommen und gefördert, auch durch die 20 Jahre ältere Schwester Astrid, die Biologie studierte und Mikropaläontologin wurde, sowie den Schwager.

Frauenbilder tauchen immer wieder auf

Wenngleich Möbus in Braunschweig mit Emil Cimiotti einen weithin anerkannten Lehrer hatte, kam der wahre Durchbruch für sie beim New Yorker DAAD-Stipendium in den Jahren 1970 und 1971: „Dort habe ich gelernt, wie es ist, wenn Grenzen in der Kunst wegfallen.“ Vom klassischen Skulpturbegriff war in diesen Kreisen keine Rede mehr, und Möbus lernte bahnbrechende Konzepte von Künstlern wie Lawrence Weiner, Richard Long, Carl Andre oder Robert Smithson kennen.

„Alles Männer“, bemerkt sie bei dieser Aufzählung, womit ein wichtiges Themengebiet in Möbus‘ Werk angerissen wäre – Frauenbilder spielen hier immer wieder eine Rolle, wenn sie etwa im Sprengel-Museum bei einer vor Ort entstandenen Arbeit Korsagen mit einem Gurt an Stellwänden festzurrt und somit eine doppelte Bedrängnis darstellt. Die Kleidungsstücke hat sie übrigens im Brustbereich mit je zwei Kokosnüssen gefüllt. Wiewohl Möbus sich nicht primär als feministische Künstlerin bezeichnet, erinnert sie sich heute noch an unbehagliche Erlebnisse aus der Studienzeit: „Einmal habe ich einen Filmprofessor um Equipment gebeten und er hat vor versammelter Mannschaft gesagt: ‚Was willst du als Frau denn damit?‘“

Diese Zeiten sind lange vorbei, und auch den Brotberuf als Kunstlehrerin, den Christiane Möbus von 1974 bis 1982 an der hannoverschen Herschelschule ausübte, braucht sie nicht mehr. Ihre Wurzeln hat sie indes bei aller nationalen und internationalen Anerkennung nicht vergessen: „Ich besuche Celle immer wieder gern. Ich mag beispielsweise die Architektur von Otto Haesler und finde es toll, dass im Schloss immer noch Theater gespielt wird. Es gab mehrfach eine gute Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Celle. Das Gebäck im Café Kiess und Krause liebe ich. Und wenn ich bei Huth bin, muss ich jedes Mal Kaffee kaufen.“

lebenslauf

11. April 1947 geboren in Celle, aufgewachsen in Ohof und Groß Bülten1953 bis 66 Grundschule Groß Bülten, Gymnasium Peine1966 bis 70Studium an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig1970/71  Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in New York1981/82Gastprofessur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg1982 bis 90Professur an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig1990Gastprofessur an der Universität Göteborg1990 bis 2014Professur an der Universität der Künste Berlin1993Niedersachsenpreis

Die Doppelausstellung „seitwärts über den Nordpol“ über Christiane Möbus läuft bis 11. September im Sprengel-Museum und im Kunstverein Hannover bis 24. Juli.