Erntezeit

Celler Roggen für Knäckebrotfabrik Wasa: "Carbon Farming“ hautnah

Geernteter Roggen aus Groß Hehlen geht an die Celler Knäckebrotfabrik Wasa. Der Landwirt und Wasa nehmen am Pilotprojekt „Carbon Farming“ teil.

  • Von Lothar H. Bluhm
  • 05. Aug. 2022 | 09:00 Uhr
  • 05. Aug. 2022
  • Von Lothar H. Bluhm
  • 05. Aug. 2022 | 09:00 Uhr
  • 05. Aug. 2022
Anzeige
Groß Hehlen.

Der Landwirt huscht nur schnell an seinem Feld vorbei: Er muss den Ernteeinsatz koordinieren. Der große graugrüne Mähdrescher indes schiebt sich laut Bahn für Bahn durch das Roggenfeld und zieht seine graue Staubwolke hinter sich her. Es ist Erntezeit im Celler Land.

Rentabilität der Landwirte verbessern

Der geerntete Roggen geht an die Celler Knäckebrotfabrik Wasa in Vorwerk, denn der Landwirt und Wasa nehmen an dem dreijährigen Pilotprojekt „Carbon Farming“ teil, das von Indigo-Agriculture koordiniert wird und durch die Einführung regenerativer landwirtschaftlicher Methoden zur Kohlenstoffbindung in den Böden führen soll. Indigo Agriculture verbessert nach eigenen Angaben die Rentabilität der Landwirte, die ökologische Nachhaltigkeit und die Gesundheit der Verbraucher durch den Einsatz natürlicher Mikrobiologie und digitaler Technologien.

Mit Partnern lernen

Das Projekt hat jetzt Halbzeit, es ist nun eineinhalb Jahre alt. „Die dynamischen Prozesse in den Böden dauern ihre Zeit“, sagt Frank Witt, Senior Manager Regenerative Agronomie von Indigo Agriculture: „Wir lernen hier zusammen mit unseren Partnern. Bei uns geht es jetzt darum, mit den Landwirten Maßnahmen durchzuführen.“

Spirale der Innovationen

In Celle, Burgdorf, in der Region Hannover und darüber hinaus beteiligen sich insgesamt zwölf landwirtschaftliche Betriebe mit rund 300 Hektar Ackerfläche an dem Projekt. „Die Landwirte, die mitmachen merken auch, dass sich etwas verändern muss“, berichtet Witt über die Zusammenarbeit. In vielen Gesprächen werde eruiert, welche Möglichkeiten es gäbe, Emissionen zu reduzieren. „So entsteht eine Spirale der Innovationen.“

Projekt hilft Pilotlandwirten

Indigo misst während der Projektzeit die Veränderung des organischen Kohlenstoffs im Boden und rechnet sie nach einer zertifizierten Methode hoch. Das Projekt helfe so Pilotlandwirten, die Leistungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit ihres Betriebs zu steigern. Ermöglicht werde dies durch die Einführung nachhaltiger, regenerativer Agrarpraktiken, die Kohlenstoff in den Böden speichern und somit zu der Produktion von CO2-Zertifikaten führen.

Regenerative Landwirtschaft

„Wir haben das Projekt gestartet, um mehr über regenerative Landwirtschaft zu lernen“, steht für Bastian Diegel, Regional Head of Sustainability Wasa, fest: „Wir sind bei Wasa schon seit über zehn Jahren dabei, unseren CO2-Fußabdruck deutlich zu reduzieren. Wir sind seit drei Jahren mittlerweile CO2-neutrale Marke.“

CO2 deutlich verringert

Zudem habe man in dem Werk in Celle Maßnahmen ergriffen, die CO2 deutlich verringert hätten: „Wir beziehen zu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien und wir haben im Energiemanagement im Werk Beleuchtungen umgestellt auf LED-Beleuchtung, wo wir CO2-Emissionen einsparen.“

Komplette Lieferkette im Fokus

Wie Diegel unterstreicht, stehe für Wasa immer die komplette Lieferkette im Fokus: „Wenn wir uns anschauen, wo Emissionen entstehen, sehen wir, dass beim Anbau der Rohstoffe nach wie vor immer noch die meisten bisher unvermeidbaren CO2-Emissionen entstehen. Und deswegen wollen wir genau da ansetzen und zusammen in einem Pilotprojekt verstehen, wie wir uns in dem Feld verbessern und den CO2-Fußabdruck weiter reduzieren können, um unseren Gesamt-Impact über alle drei Stufen weiter zu reduzieren.“

Führende Knäckebrotmarke

In Celle wird seit 1967 Knäckebrot hergestellt. Wasa, 1919 in Schweden gegründet, ist die weltweit führende Knäckebrotmarke mit einem Volumen von rund 67.000 Tonnen Knäckebrot sowie andere Bäckereiprodukte pro Jahr. Das Unternehmen ist in über
40 Ländern weltweit vertreten. Wasa hat in Celle 430 Mitarbeiter.

Erkenntnisse und Daten sammeln

Das Projekt Carbon Farming startete in Deutschland und Schweden. „Wir wollen Erkenntnisse und Daten sammeln, um zu verstehen, wie wir uns weiter verbessern können.“ Über den Erfolg könne man jetzt nach eineinhalb Jahren noch nichts sagen. „Wie es immer so ist in der Landwirtschaft, sind Erkenntnisse meistens nicht nach kurzer Zeit zu erlangen. Deswegen haben wir uns entschieden, dass wir uns das Projekt über mehrere Jahre anschauen und in Ruhe bewerten, was sich gut bewährt hat. Wir nehmen regelmäßig Bodenproben und bekommen auch Daten aus der Landwirtschaft. Wasa habe Indigo als Partner identifiziert, weil das Unternehmen auf dem Bereich der regenerativen Landwirtschaft schon vorher unterwegs war und renommiert ist. „Wir sind Experten im Backen von Knäckebrot – wir sind keine Experten in regenerativer Landwirtschaft. Deshalb brauchen wir da einen starken Partner an unserer Seite, der uns unterstützen kann und der uns mit wissenschaftlichen Methoden fundiert begleiten kann.“ Es war wohl wirklich der bislang heißeste Tag des Jahres, als man sich am Roggenfeld traf, um das dreijährige Pilotprojekt vorzustellen.

Wirksamen Effekt für das Klima erzielen

Carbon Farming ist Bestandteil der Farm-to-Fork-Strategie und bereits im Fokus vieler Landwirte und Zertifizierungsinitiativen, stellt Hans Marten Paulsen vom Thünen-Institut fest: „Das Ziel von Carbon Farming ist es, der Atmosphäre durch den Anbau von Pflanzen CO2 zu entziehen und den Kohlenstoff (C) im Boden langfristig in Form von Humus zu binden. Um tatsächlich einen wirksamen Effekt für das Klima zu erzielen, muss dieser Humusaufbau durch Zufuhr von mehr und zusätzlich erzeugter Biomasse erfolgen. Dazu muss mehr C eingetragen als veratmet werden.“ Dieses Ziel verfolgt auch die Europäische Union im Rahmen des Entwicklungsfonds Interreg. Danach werden fünf Methoden zum Carbon Farming vorgesehen:

Zwischenfrüchte: Ständiger Pflanzenbewuchs ist die beste Versicherung für den Erhalt von Bodenfruchtbarkeit und Bodenfunktionen, verlagert stetig Kohlenstoff (C) in die Böden und ist Energiequelle für das Bodenleben. Das Eintrags-Austrags-Gleichgewicht von C hat eine große Bedeutung für die CO2-Gehalte in der Atmosphäre.

Anreicherung von Fruchtfolgen: Organischer Kohlenstoff (Humus, Corg) wird durch Wurzeln, Wurzelexsudate und auf dem Feld verbleibende oberirdische Biomasse in Böden angereichert. Häufige Bodenbearbeitung fördert dagegen den Abbau der organischen Substanz. Eine dichte, vielfältige Pflanzendecke mit einem tiefen, dichten Wurzelsystem die viel Biomasse auf dem Feld hinterlässt, wirkt positiv auf die Kohlenstoff-Bilanz.

Grünlandmanagement: Schätzungen zum Grünlandanteil auf der Erdoberfläche liegen zwischen 20 und 40 Prozent. Verbessertes Beweidungsmanagement, angepasste Düngung, Leguminosen und verbesserte Gras-Varietäten können den Gehalt an organischem Kohlenstoff (Corg) in Böden steigern. Sehr hohe C-Anreicherung kann erwartet werden, wenn Ackerland in Grünland umgewandelt oder wenn in Grünland der Grundwasserspiegel angehoben wird.

Kompost und Festmist: Der Kohlenstoffgehalt (Corg) von Böden kann durch Kompost und Festmist deutlich erhöht werden. Beide enthalten organisches Material in unterschiedlichen Umsetzungsstadien und haben variable C/N Verhältnisse. Bei der Ausbringung müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Düngung eingehalten werden.

Agroforstsysteme: Hecken und Schutzpflanzungen an Feldern, beweidete Obstgärten, Baumstreifen im Acker, Geflügelausläufe in Kurzumtriebsholz oder in Fruchtplantagen sind Agroforstsysteme. Die Kombination von Bäumen und Büschen mit Pflanzen- und Tierproduktion kann viele positive ökologische und ökonomische Wechselwirkungen haben.

Nachgefragt bei Berater Dieter Fricke

Dieter Fricke ist Berater bei der Genossenschaft Centralheide Soltau und Carbon-Farming-Fachmann bei der Beratung Zentralheide Eschede. Hier erklärt er unter anderem die fünf Prinzipien der regenerativen Landwirtschaft.

Wie definieren Sie das Carbon Farming oder regenerative Landwirtschaft?

Das Ziel der regenerativen Landwirtschaft ist es, durch gesteigerte Humusgehalte und ein aktiveres Bodenleben wichtige Parameter zu erhöhen. Parameter wie Wasserspeichervermögen und Kationenaustauschkapazität unserer Böden. So kann die Ertragsfähigkeit gesteigert werden. Außerdem trägt die regenerative Landwirtschaft dazu bei, CO2 aus der Atmosphäre langfristig in den Böden zu speichern.

Sie ist also ein Werkzeug, um dem Klimawandel entgegenzuwirken?

Ja, genau. Und um diese Ziele zu erreichen, wird auf die fünf Prinzipien der regenerativen Landwirtschaft gesetzt.

Das sind die fünf Prinzipien, die im EU-Entwicklungsfond Interreg und auch vom Thünen-Institut beschrieben sind. – Wie sieht das in der Praxis aus?

Organische Substanz, also Erntereste auf der Fläche zu lassen, ist ein wichtiger Hebel, um überhaupt erst einmal positive Humusbilanzen zu erreichen. Der in den Ernteresten gebundene Kohlenstoff dient als Ausgangsstoff um neuen Humus im Boden aufzubauen. Außerdem sind Erntereste eine Nahrungsgrundlage für die vielen Mikroorganismen. Natürlich müssen wir auch Zwischenfrüchte und Untersaaten beachten, denn sie spielen eine ebenso zentrale Rolle.

Und dann wird ja auch gesagt, dass weniger Bodenbearbeitung mehr ist…

Die Intensität der Bodenbearbeitung sollte in der Tat auf ein nötiges Maß reduziert werden. Es muss jedoch gerade in den ersten Jahren damit gerechnet werden, dass aufgrund der geringen Nachlieferung bei gewissen Nährstoffen Mangelsymptome auftreten können.

Welchen Stellenwert erhält denn da die Tierhaltung?

Ein Bestandteil einer vollständigen Kreislaufwirtschaft ist die Integration von Tieren in das System, denn Tiere bringen durch ihre Ausscheidungen erhebliche Mengen der organischen Substanz zurück in den Boden. Auch die Rücklieferungen aus den Biogasablagen tragen einen erheblichen Teil zur Verbesserung des Bodes bei.

Und das alles muss genau dokumentiert werden?

Durch Bodenproben über mehrere Jahre wird die Entwicklung in der CO2-Humusdatenbank genau festgehalten. Bei Steigerung des Humusgehaltes werden dann die Zertifikate ausgestellt.

Wie viele Betriebe machen in Ihrem Bereich Centralheide beim Projekt Humusaufbau mit?

Wir stehen erst am Anfang. Wir wollen bis zu zehn Betriebe in den Landkreisen Celle und Heidekreis in den nächsten Jahren begleiten. Ziel soll es sein, dass wir in bereits drei Jahren positive Ergebnisse haben.