Kommunikativ im Ruhestand

Perfekte Aufgabe im Alter gefunden

Michael Brocklesby ist als Ruheständler im Förderverein Luftbrücke aktiv. Für Besucher in der Luftbrückengedenkstätte in Faßberg ist er erster Anlaufpunkt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Sept. 2022 | 13:05 Uhr
  • 24. Sept. 2022
Michael Brocklesby ist für Besucher erster Anlaufpunkt in der Luftbrückengedenkstätte in Faßberg.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Sept. 2022 | 13:05 Uhr
  • 24. Sept. 2022
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Faßberg.

Es war Sonntag, der 20. Dezember 1953. Da wurde Michael, der Sohn des Faßberger Ehepaars Brocklesby, geboren. So gegen 12 Uhr sei das gewesen, sagt der heute 68-Jährige. Mutter Charlotte, eine gebürtige Kruse, hat ihren Jungen jahrelang mit diesem besonderen Zeitpunkt − verbal scherzend − aufgezogen. „Sie sagte, ich hätte ihr das Sonntagsessen vorenthalten. Alle anderen hätten schön zu Mittag gegessen und sie musste mich auf die Welt bringen“, erzählt Michael Brocklesby, der Sohn eines Engländers und einer Deutschen. Sein Vater John war bei der Air Force und in Faßberg stationiert, wo er seine spätere Ehefrau kennenlernte. Schon bald nach der Geburt des Sohnes zog es das Ehepaar gen England, nach Thorne. Dort baute John ein Haus und Michael verlebte seine Kindergarten- und Schulzeit sowie die frühe Jugendzeit in Yorkshire.

Nach dem Schulabschluss jobbte er zunächst einmal in der Nähe des Elternhauses. Bei einem Unternehmer, der unter anderem eine Marina, also einen Hafen für Motor- und Sportboote, betrieb, baute er Kajaks. Oder er und sein Kollege stellten, wie es Brocklesby erzählt, „Equipment für den Wassersport her. So prall war das aber nicht“, blickt der Deutsch-Engländer zurück.

Berufswunsch führt zur Army

Als seine Eltern mal im Urlaub waren, bewarb er sich bei der Army, erhielt eine Mitteilung des „Ministry of Defense“ und erklärte seinem überraschten Vater, wie es um seinen Berufswunsch bestellt war. Brocklesby senior stellte sich dem nicht entgegen, sagte nur, „wenn du es wirklich willst“, und der Junior rückte ein. Aber nicht zur Air Force, sondern zu den Pionieren, den Royal Engineers.

Am 11. Dezember 1969 begann der gebürtige Faßberger seinen Militärdienst. Das Datum zeigt er anhand seines damaligen Wehrpasses, den er, wie andere Dokumente auch, sorgsam pflegt. Die Eltern kehrten aus familiären Gründen, und zwar wegen Charlottes Mutter, nach Faßberg zurück.

Der kleine Michael Brocklesby auf dem Arm von Mutter Charlotte

John Brocklesby hatte sein Haus verkauft, sich einen älteren Lkw samt Wohnanhänger zugelegt, und damit ging es auf die Reise in Richtung Deutschland. Auch Michael wurde im Ausland stationiert. Seine Kaserne bei den britischen Truppen stand in Iserlohn.

1974 rückte, nach fünf Jahren, der Tag der Entlassung von Michael Brocklesby aus der Army näher. „Sie hätten mich gern behalten“, äußert der 68-Jährige, „aber ich wollte nicht.“ Der Entschluss rührte aus der Lebensperspektive her, die der damalige Soldat vor Augen hatte. „Ich wusste, einmal ein Pionier zu sein, das heißt, immer ein Pionier zu bleiben.“ Nun denn: „Auf zum Neustart“ lautete die Devise des 21-jährigen Michael Brocklesby, dessen Eltern jetzt (wieder) in Faßberg wohnten. Er hatte dort deshalb eine Unterkunft und außerdem einen Job in Aussicht. So brauchte er nicht erst nach England zurückzukehren, um sich ausbürgern zu lassen.

Als Transportfahrer Nachschub geliefert

Der Royal Engineer verließ am 19. Dezember 1974 die Army. Er lebte und arbeitete fortan in Faßberg. Als Transportfahrer für ein Getränkeunternehmen, der mit einem Lkw „flüssigen Nachschub“ an Kantinen, Kasernen und Gaststätten lieferte. Auf diese Weise lernte Brocklesby den Landkreis, und vor allem Celles Straßen, rasch kennen.

Jetzt, fünf Jahre nachdem er 2017 in Rente ging, erzählt der Ruheständler in scherzhafter Manier: „Ich glaube, ich könnte heute noch blind durch Celle fahren. Aber ich mach’s nicht. Wegen der Sicherheit der anderen“, scherzt der Deutsch-Engländer.

Michael Brocklesby als Pfadfinder.

Was ihm noch nach Jahren fest in Erinnerung geblieben ist: „Ich war mal im Gefängnis“, sagt Michael Brocklesby und lacht. „In Salinenmoor.“ Aber nein, ein Übeltäter war er nicht. Als Fahrer lieferte er dort lediglich Getränke an. In der Strafvollzugsanstalt setzte er seine Ladung im Innenhof ab. „Deshalb musste ich durch eine Schleuse, die haben alles durchsucht“, blickt der Lkw-Fahrer auf eine langwierige Prozedur zurück. „Das Ganze zweimal, bei der Ein- und bei der Ausfahrt, sie haben bis in den letzten Winkel nachgesehen. Sie mussten ja sicherstellen, dass keiner der Insassen sich versteckt hatte, um auf diesem Weg das Gefängnis zu verlassen.“

„Man darf sich nie unterkriegen lassen.“

Dreimal war Brocklesby verheiratet. Es habe einfach nie gepasst, schildert er diese Ehen. Heute hat er eine Lebensgefährtin. Und obwohl es diesmal keine größeren Probleme gibt, zum vierten Mal will er nicht zum Standesamt gehen. Michael Brocklesbys Lebensmotto ist: „Man darf sich nie unterkriegen lassen.“ Von dieser Devise ist Brocklesby überzeugt, denn sie habe ihm das Leben gerettet. Gegen drei schwere Erkrankungen hat er im Lauf der Jahrzehnte gekämpft, es ging um Leben und Tod, und er hat es überstanden. „Ich bin eben ein Stehaufmännchen“, sagt der Mann, der, nach eigenen Worten, sowohl in Celle als auch in Faßberg bekannt ist wie ein bunter Hund.

Anlaufpunkt in Gedenkstätte

Die Hände in den Schoß zu legen, das ist Michael Brocklesbys Sache nicht. Deshalb ist er jetzt, an zehn Tagen im Monat, für je vier Stunden erster Anlaufpunkt in der Luftbrückengedenkstätte in Faßberg. Besucher, die sich über die Blockade Berlins durch die Russen in den Jahren 1948 und 1949 informieren möchten, sie sind bei Brocklesby und seinen zwei Kollegen an der richtigen Stelle. Die Männer nehmen die Gäste in Empfang, kassieren den Eintritt und erklären, wie ein Rundgang über das Gelände am besten gelingt. Über eine Fläche, auf der auch eine vom Luftbrückenverein Faßberg platzierte C 47 steht. Es ist einer der so genannten Rosinenbomber, die Berlin damals mit allem Lebensnotwendigen aus der Luft versorgten. Das reichte von Lebensmitteln über Medizin bis hin zu Heizkohle und Benzin.

Und nochmals zu Michael Brocklesby: Der kommunikative deutsch-englische Ruheständler hat in dieser Umgebung und in dieser Tätigkeit eine – für ihn – perfekte Aufgabe im Alter gefunden.

Lebenslauf

20. Dezember 1953

geboren in Faßberg

1954

Übersiedlung der Familie nach Thorne/Yorkshire

1960 bis 1968

Schulbesuch in Thorne

1968/1969

Beschäftigung als Kajakbauer und Gerätewart in einem Sportboothafen in Yorkshire

11. Dezember 1969

Beginn des Dienstes bei der Army, bei den Royal Engineers in Iserlohn

19. Dezember 1974

Entlassung aus der Army

1975

Rückkehr nach Faßberg

1975 bis 2017

Arbeit als Kraftfahrer bei einem Celler Getränkeunternehmen

2022

Teilzeitmitarbeiter beim Luftbrückenmuseum Faßberg

Von Andreas Stolz