„Eat-the-World“-Tour Celle

Bei kulinarischer Stadtführung in drei Stunden um die Welt

Hinter die Fassaden von Gastronomie und Geschäften in der Celler Altstadt können die Teilnehmer bei kulinarischen Stadtführungen von "Eat-The-World" blicken.

  • Von Jana Wollenberg
  • 17. Sept. 2022
  • 14:00 Uhr
17. Sept. 2022
 

Von der Fußgängerzone tritt die Gruppe in das Geschäft von Petra Kriegerowski. In den Regalen des Fachwerkhauses an der Neuen Straße reihen sich Fässer, Gläser und Flaschen mit ihren bunten Inhalten dicht aneinander. Im Hinterhof des „Zapfhahns“ ist vom Trubel in der Altstadt nichts mehr zu hören. An einer Handvoll kleiner Holztische begrüßt die Geschäftsinhaberin die Gäste der „Eat-the-World“-Tour, die an diesem Nachmittag im Zapfhahn Halt macht.

Tour in Bremen gebucht und nach Celle gebracht

Seit dem Frühjahr gibt es die kulinarischen Stadtführungen, die ihren Ursprung in Berlin haben, auch in Celle. Das Konzept: Anders als bei einer „gewöhnlichen“ Führung, bei der Geschichte und sehenswerte Plätze einer Stadt im Mittelpunkt stehen, können die Teilnehmer bei „Eat the World“ die kulinarische Vielfalt Celles entdecken. Ihr Wissen über den Ort streuen die Gästeführer auf den Wegen zwischen den Anlaufpunkten ein. „Ich habe so eine Tour in Bremen gebucht und gedacht: Das möchte ich auch in Celle machen“, erzählt Birgit Plückebaum. Die 58-Jährige ist eine von sechs Gästeführerinnen und -führern, die Gäste durch die Lokale der Stadt begleiten.

Gäste können eigene Stadt neu entdecken

Im Schatten der Häuser, die den Hinterhof des Zapfhahns einrahmen, serviert Kriegerowski ihren Gästen Häppchen aus den Spezialitäten, die sie in ihrem Laden anbietet. Nacheinander tragen sie und ihre Mitarbeiterin gefüllte Blätterteigtörtchen und geröstetes Brot mit getrockneten Tomaten und Ingwer-Aprikosen-Chutney ins Freie. Sechs Stationen stehen in den drei Stunden auf dem Programm, ganz so streng nimmt es Plückebaum mit dem Zeitplan aber nicht. Obwohl die Gruppe ein paar Minuten im Verzug ist, können sich die Teilnehmer noch ein wenig im Geschäft umsehen, bevor es weitergeht.

Celle ist Empfehlung der Freundin

Aus Celle selbst verirre sich nur selten jemand zu den Touren, verrät die Gästeführerin, als sie aus der Tür des Fachwerkhauses zurück auf die Straße tritt. „Dabei weiß man eigentlich nie alles“, sagt einer der Teilnehmer. Heute hat er sich für die Führung in Celle entschieden, aber auch in seiner Heimatstadt Peine möchte er die Chance nutzen. „Wir wollten schon länger eine Tour machen und haben geschaut, in welchen Städten so etwas angeboten wird“, erzählt Bernadette Harting, die mit ihrem Mann Otto aus Vechta angereist ist. Auf Empfehlung einer Freundin fiel die Wahl schließlich auf die Stadt an der Aller.

 

Kürbissuppe und orientalische Gerichte

In den drei Stunden bekommen die Gäste die Gelegenheit, Spezialitäten aus unterschiedlichen Winkeln der Welt zu probieren. So verleiht zum Beispiel Ingwer der Kürbissuppe, die Karl-Heinz Mehlis im „Suppenkaspar“ serviert, eine asiatische Note, später probieren sie die orientalischen Gerichte in Hatti Kizilyels Restaurant an der Zöllnerstraße. Für die Inhaber der Lokale sind die Stopps dabei auch eine Gelegenheit, sich selbst und ihr Konzept vorzustellen.

Wissen über Celle in kleinen Häppchen

Als die Gruppe bei „Marchelle“ an der Mauernstraße eintrifft, sind die meisten Tische und Stühle vor der Tür bereits besetzt, viele scheinen die Nachmittagssonne für ein Getränk auf Celles „kleinem Marktplatz“ zu nutzen. Inhaber Rainer Samleit empfängt die Teilnehmer mit einer seiner Naschplatten, wie er sie selbst nennt: Chorizo, Trüffelsalami und zwei Sorten Bergkäse finden sich auch im Sortiment seines Geschäfts wieder. „Vor neun Jahren hatte ich die Idee, ein Geschäft aufzumachen, in dem man alles probieren kann“, erzählt er seinen Gästen, während er mit ihnen ein Glas portugiesischen Roséwein trinkt. Nur ein paar Türen weiter, im Unverpacktladen „Loserei“, kommen sie anschließend mit Kerstin Vansbotter über regional erzeugte Lebensmittel und Möglichkeiten, Plastikmüll zu vermeiden, ins Gespräch.

Rästel um Häuser am "Alten Posthof"

Immer wieder streut Gästeführerin Birgit Plückebaum auf der Tour Wissenswertes über Celles Stadtgeschichte ein. Sie versteht es, die Blicke ihrer Begleiter auf Details zu lenken, die wohl auch manchem unachtsamen Celler entgehen würden, der fast täglich durch die Altstadt geht. Und sie gibt ihren Begleitern das eine oder andere Rätsel auf: Warum scheinen zum Beispiel die beiden Häuser am Eingang zum Alten Posthof an der Burgstraße ursprünglich eins gewesen, in der Mitte geteilt und falsch herum wieder aufgebaut worden zu sein? Die Antwort darauf fällt etwas nüchterner aus als die Möglichkeit, dass ein Fahler passierte, als der Baumeister seine Lehrlinge auf der Baustelle allein ließ: Die Gebäude wurden einfach so geplant, wie sie heute dort stehen.

Celler Legende um Gefängnis und Uni

Besonders scheinen es ihr die Erzählungen und Legenden angetan zu haben, über deren Wahrheitsgehalt sich heute nur noch Vermutungen anstellen lassen. So auch die Erzählung darüber, wie die Stadt Anfang des 18. Jahrhunderts zu ihrem Zucht- und Tollhaus, der heutigen JVA, kam. „Die Legende besagt, dass die Celler gefragt wurden, ob sie lieber eine JVA oder eine Universität haben wollen“, erzählt die Stadtführerin. Damals hätten sich die Menschen für das Gefängnis entschieden – wohl, weil zu dieser Zeit nur Männer studieren durften und sie Sorge um ihre Töchter hatten. Eine weitere Legende, die sie zum Besten gibt, bezieht sich auf das Hoppener Haus an der Poststraße, wo die Gruppe kurz verweilt und die Figuren betrachtet, die in das Holz des Fachwerkhauses geschnitzt sind. „Man sagt, dass das die Gesichter der Nachbarn waren“, erzählt Plückebaum mit einem Schmunzeln.

Von Jana Wollenberg