Warme Mahlzeit für Bedürftige

Silke Dümeland leitet Essenszeit: "Es soll niemand hungrig gehen"

Von der Ein-Euro-Kraft zur Leiterin des karitativen Angebots: Silke Dümeland leitet seit zwölf Jahren die Essenszeit der Diakonie in Celle. Der Mittagstisch an der Harburger Straße ist sozialer Treffpunkt, günstige Mahlzeit und auch Seelsorgestation. Er wird von der CZ-Aktion "Mitmenschen in Not" unterstützt.

  • Von Jana Wollenberg
  • 30. Dez. 2022 | 10:55 Uhr
  • 30. Dez. 2022
Von Chefin Silke Dümeland und ihrem Mitarbeiter Freed Ludeweg wird jeder Gast der Celler Essenszeit herzlich begrüßt.
  • Von Jana Wollenberg
  • 30. Dez. 2022 | 10:55 Uhr
  • 30. Dez. 2022
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Celle.

Wer durch die schwere Holztür im Erdgeschoss des Gebäudes an der Harburger Straße tritt, wird von Silke Dümeland mit freundlichen Worten und einem herzlichen Lächeln begrüßt. Derzeit lächelt die Chefin der Essenszeit in Celle vor allem mit den Augen – zum Schutz der Gäste bedeckt sie Mund und Nase während der Essensausgabe nach wie vor mit einer bunten Maske. Die meisten der Männer und Frauen scheint Dümeland schon lange zu kennen; einige Gäste kommen seit Jahren regelmäßig zum Mittagessen, erzählt sie. „Manche sind schon länger her, als ich es bin“, sagt sie. „Sie haben hier quasi mit aufgeschlossen.“

„Ich hätte vorher nicht gedacht, dass mir Fremde so ans Herz wachsen können.“

Silke Dümeland, Leiterin der Essenszeit

Jeder soll sich warmes Mittagessen leisten können

Heute gibt es Spaghetti, dazu einen Salat und anschließend Dessert. Zwei Euro zahlen die Gäste in der Einrichtung der Diakonie, die unter anderem aus Mitteln der CZ-Aktion „Mitmenschen in Not“ unterstützt wird, für ihr Mittagessen – Ziel ist es, dass sich hier jeder eine warme Mahlzeit leisten können soll, unabhängig vom Einkommen. Als der größte Andrang vorbei ist, nimmt sich die Chefin Zeit für ein Gespräch auf der Terrasse des Hauses, in dem die Essenszeit untergebracht ist, ihr Kollege kümmert sich um diejenigen, die etwas später eintreffen. Neben diesem weiteren hauptamtlichen Mitarbeiter wird Dümeland noch von zwei AGH-Kräften (Arbeitsgelegenheit zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt) unterstützt – diese werden vom Jobcenter an die Essenszeit vermittelt.

Ein warmes Mittagessen für wenig Geld bekommt in der Einrichtung jeder, egal ob reich oder arm, jung oder alt. 

Von der Ein-Euro-Kraft zur Leiterin

Auf dem gleichen Wege ist die heutige Leiterin vor 16 Jahren selbst zu der Einrichtung der Diakonie gekommen, erzählt sie, zu der Zeit, als es anstatt der heutigen AGH-Beschäftigungen noch Ein-Euro-Jobs gab. Sich als alleinerziehende Mutter nur um Haushalt und Kind zu kümmern – ihre Tochter war zehn Jahre alt, als Dümeland im Jahr 2006 zum ersten Mal in der Essenszeit arbeitete – kam für sie nicht länger in Frage. „Ich wollte etwas tun.“ Das Jobcenter habe ihr damals die Beschäftigung in der Essenszeit vorgeschlagen. Als der Ein-Euro-Job endete, blieb die 54-Jährige zunächst als Ehrenamtliche, heute arbeitet sie hauptberuflich hier. „Seit 2010 bin ich Leiterin“, erzählt sie. „Damals wurde ich ein bisschen ins kalte Wasser geworfen. Meine frühere Chefin hat damals gesagt: ‚Wenn Sie etwas entscheiden, ist das gut, auch wenn ich anders entschieden hätte.‘ Das hat mir zu Beginn etwas Sicherheit gegeben.“ Mit zwölf Jahren Erfahrung ist die Unsicherheit inzwischen längst verflogen.

Viele Besucher ans Herz gewachsen

„Es hat mir hier einfach so viel Spaß gemacht“, blickt Dümeland zurück, vor allem der Umgang mit den Menschen, die jeden Tag zum Essen kommen. „Ich hätte vorher nicht gedacht, dass mir Fremde so ans Herz wachsen können.“ Irgendwann sind die Stammgäste aber keine Fremden mehr, erzählen Persönliches und fragen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen auch mal um Rat. „Bei den meisten dauert es ein wenig, bis sie anfangen, einem zu vertrauen. Beim ersten Besuch trauen sich einige kaum zur Tür rein. Es gibt viele, die uns mit der Zeit ans Herz gewachsen sind.“

Angebot an Harburger Straße vor allem sozialer Treffpunkt

Wenn die anfängliche Zurückhaltung überwunden ist, weiß die Chefin, wird das Angebot an der Harburger Straße für die Gäste nicht nur Gelegenheit für eine günstige Mahlzeit, sondern vor allem ein sozialer Treffpunkt. Besonders deutlich habe sich das während der Coronazeit gezeigt, als die Menschen das Essen eine Zeit lang nur noch abholen konnten. Sich hinzusetzen, sich mit anderen zu unterhalten und auch mal länger zu bleiben, war nicht mehr möglich.

Bei der "Essenzeit" der Diakonie Celle gibt es Mittagessen mit Salat und Nachtisch für 2 Euro, Kaffee dazu kostet 50 Cent, eine Limo 1 Euro. Der Mittagstisch ist sozialer Treffpunkt, günstige Mahlzeit und auch Seelsorgestation.

Der Wunsch, mit Menschen zu arbeiten, zieht sich durch den gesamten beruflichen Werdegang von Silke Dümeland. „Ich wäre gern Arzthelferin geworden, aber das hat nicht geklappt“, erzählt sie. Nach dem Realschulabschluss absolvierte sie zunächst eine Ausbildung als Bürokauffrau. „Aber die Arbeit im Büro war nichts für mich, also bin ich zu einer Spedition ins Lager gegangen.“ Zu den Kollegen, mit denen sie dort täglich zu tun hatte, gehörten zum Beispiel Lkw-Fahrer, die für ihre Arbeit lange Zeit weit weg von ihrer Heimat verbringen mussten, erinnert sich die 54-Jährige.

So können Sie helfen

Sozialen Einrichtungen wie der Essenszeit und Menschen in finanzieller Not können Sie mit Ihrer Unterstützung der CZ-Weihnachtsaktion helfen. Das Bankkonto des gemeinnützigen Vereins „Mitmenschen in Not“ läuft unter dem gleichnamigen Stichwort mit der IBAN: DE74 2695 1311 0000 0099 10 bei der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg. Bis zu einem Betrag von 200 Euro erkennt das Finanzamt den Einzahlungsbeleg als Spendenquittung an.

Nach der Geburt ihrer Tochter hätten ihr auch ihre Eltern ermöglicht, weiter zu arbeiten. „Hätte ich sie nicht gehabt, hätte ich das nicht geschafft“, sagt die alleinerziehende Mutter. Bald nach der Rückkehr aus der Elternzeit verlegte die Firma ihren Unternehmenssitz nach Magdeburg. „Wenn die ganze Familie hier lebt, zieht man nicht so einfach weg“, meint Dümeland, die in Celle geboren und aufgewachsen ist. Also entschied sie sich, den Job aufzugeben.

Lebenslauf

6. Februar 1968: in Celle geboren

1984: Schulabschluss an der Realschule in Westercelle

1989: Abschluss der Ausbildung als Bürokauffrau im Allgemeinen Krankenhaus

Ab 1990: Tätigkeit im Lager einer Spedition

Februar 1996: Geburt der Tochter

2006: Beginn der Tätigkeit in der Essenszeit als Ein-Euro-Kraft, anschließend blieb Silke Dümeland als Ehrenamtliche. 

Seit 2010: Hauptamtliche Leiterin der Essenszeit

„Ich habe schon in der Schule diese Ungerechtigkeit gesehen. Wenn ich bemerkt habe, dass jemand nichts zu essen hatte, habe ich mein Pausenbrot verschenkt.“

Silke Dümeland, Leiterin er Essenszeit

Jedem soll geholfen werden

Zu ihrer heutigen Aufgabe in der Essenszeit ist Silke Dümeland über einige Umwege gekommen – zu ihrem alten Beruf habe sie nie zurückgeblickt, sagt sie heute. Es scheint so, als wäre der Weg dorthin von Anfang an vorgezeichnet gewesen. „Ich habe schon in der Schule diese Ungerechtigkeit gesehen“, sagt sie, „wenn ich bemerkt habe, dass jemand nichts zu essen hatte, habe ich mein Pausenbrot verschenkt.“

Silke Dümeland leitet die Essensausgabe seit zwölf Jahren, Freed Ludewig ist seit vier Jahren dabei.

Die gleiche Intention verfolgt auch die Essenszeit. „Es soll hier niemand hungrig weggehen“, sagt Dümeland. „Jeder, der zwei Euro mitbringt, ist willkommen.“ Und auch für diejenigen, die diese Summe kaum aufbringen können, versucht das Team eine Lösung zu finden. Zum Beispiel würden Kirchenkreise und die Ambulante Hilfe für wohnungslose Männer und Frauen in Celle Bezugsmarken für kostenfreie Mahlzeiten kaufen, die sie an Bedürftige verteilen können. „Und ab und zu kommt jemand vorbei und lässt etwas Geld da, um das Essen für die Menschen zu bezahlen, die es sich nicht leisten können“, erzählt die Leiterin der Essenszeit.