Selbstständigkeit war sein Wunsch

„Ich habe immer gern gebacken“

Werner Moese wollte sich schon früh als Bäcker selbstständig machen. Später hat er sich auch in seiner Zunft engagiert.

  • Von Peter Bierschwale
  • 09. Okt. 2022 | 13:05 Uhr
  • 09. Okt. 2022
Werner Moese auf seiner kleinen Terrasse vor seiner Wohnung.
  • Von Peter Bierschwale
  • 09. Okt. 2022 | 13:05 Uhr
  • 09. Okt. 2022
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Celle.

Werner Moese gehört mit seinen 90 Jahren zu einer Generation, deren Kindheit und Jugend durch das NS-Regime, den Krieg und die Vertreibung geprägt wurde. Aber für einen „Flüchtling“ gelang es ihm doch recht zügig, in der jungen Bundesrepublik erfolgreich Fuß zu fassen.

Als Junge bei den "Pimpfen"

Werner Moese wird im niederschlesischen Kreis Waldenburg geboren und wächst in einem Nachbarort von Waldenburg auf. Er wird mit sechs eingeschult und geht später in seiner Freizeit wie nahezu alle Jungs seines Alters zu den „Pimpfen“, der NS-Jugendorganisation. Die bieten Zeltlager oder Waldläufe. „Aber das ging ja nicht lange, dann war der Krieg zu Ende“, erinnert er sich.

Der kleine Werner bei Kriegsbeginn in „Pimpf“-Uniform mit seinen Eltern.

Moeses Vater wird im Krieg zu einer Luftwaffen-Einheit eingezogen und gerät später in britische Kriegsgefangenschaft. Gegen Ende des Krieges fällt der Unterricht in der Schule aus und es gibt kein Abschlusszeugnis. Als die Russen Schlesien besetzt haben, werden die Deutschen aus ihren Wohnungen vertrieben, weil dort Menschen aus Ost-Polen angesiedelt werden sollen.

Im Göttinger Raum den Vater wiedergefunden

Die Moeses verschlägt es in den Raum Göttingen, und mit Hilfe des Roten Kreuzes finden sie den Vater wieder. Der war inzwischen bei den „Tommys“ aus der Gefangenschaft geflüchtet, wie Moese verschmitzt erzählt.

 

„Aufs Dach wollte ich nicht, also habe ich 1947 in Göttingen eine Bäckerlehre begonnen.“

Doch wie soll es nun für ihn weitergehen? Nach dem Krieg ist es nicht einfach, eine Lehrstelle zu bekommen. Werner Moese geht zum Arbeitsamt und dort wird ihm vorgeschlagen, eine Lehre zum Dachdecker oder zum Bäcker aufzunehmen. „Aufs Dach wollte ich nicht“, erinnert er sich, „also habe ich 1947 in Göttingen eine Bäckerlehre begonnen“. Vielleicht, so vermutet Werner Moese, wurde die Entscheidung zugunsten des Bäckerhandwerks dadurch erleichtert, dass sein Großvater Bäcker gewesen war. Nach der Lehre arbeitet er in verschiedenen Bäckereien, hauptsächlich in Hannover. „Ich wollte mich immer selbstständig machen und was dazulernen“, begründet Moese die Wechsel der Arbeitsplätze. Nachdem er die nötigen fünf Gesellenjahre hinter sich gebracht hat, besucht er in Hannover die Meisterschule und wird 1957 Bäckermeister.

Werner Moese 1947 vor Beginn seiner Lehre in Göttingen.

Elisabeth Rössing betreibt damals in der Celler Zöllnerstraße eine Bäckerei und benötigt für die Ausbildung ihrer Lehrlinge einen Meister. Sie bietet Moese an, bei ihr einzusteigen und in fünf Jahren die Bäckerei zu übernehmen. Das Angebot nimmt er an.

In Hannover wird geheiratet

Während dieser Zeit lernt er sonntags beim Tanztee in den Maschseegaststätten eine nette Frau namens Inge kennen: „Doch die wollte mich nicht, die wollte einen Kerl mit Geld!“, berichtet er. Da trifft es sich gut, dass Inge eine Zwillingsschwester hat, die Liliane heißt. Die beiden werden ein Paar, heiraten 1958 in Hannover, 1961 kommt Tochter Bettina zur Welt.

Bäcker waren geselliges Völkchen

Doch das Angebot, die Bäckerei Rössing zu übernehmen, zerschlägt sich, Frau Rössing hat es sich anders überlegt. Moese pachtet stattdessen 1962 für viele Jahre von Hans Kadolph dessen Bäckerei an der Stechinellistraße. Bäcker gab es damals in der Region noch viele, und sie scheinen ein geselliges Völkchen gewesen zu sein. Tochter Bettina erinnert sich: „Mein Zimmer war damals direkt über der Bäckerei, und unten gab es immer wieder Feiern, ob wegen Geburtstagen oder aus anderen Anlässen“.

„Ich habe immer gern gebacken. Wir haben gute Ware gemacht, und die Kunden haben sie gemocht.“

In ihrer Bäckerei praktizieren die Moeses die klassische Arbeitsteilung: Frau Moese steht hinter dem Tresen, er arbeitet in der Backstube. Wirtschaftlich geht es ihnen gut: „Ich habe immer gern gebacken. Wir haben gute Ware gemacht, und die Kunden haben sie gemocht“, erklärt der Bäckermeister nicht ohne Stolz. 1973 können sich die Moeses in Westercelle ein Haus „An Schapers Eichen“ kaufen.

Engagement in der Celler Bäckerinnung

Als Kind hatte er auf einfachen Holzbrettern ein wenig Skilaufen gelernt, nun kann er das ausbauen: Auch seine Frau hatte das Skilaufen gelernt, und so verbringen die Moeses zahlreiche Skiurlaube mit Familie und Freunden in den österreichischen Alpen auf den Pisten von Ischgl, Sölden oder Mayrhofen.

Werner Moese im Alter von etwa 18 Jahren mit den Eltern.

Im Jahr 1976 beginnt er sich ehrenamtlich in seiner Zunft zu engagieren: Er wird für seine Bäckerinnung Lehrlingswart und „Vorsitzender des Prüfungsausschusses der Bäckergesellen und Fachverkäuferinnen“, ein Amt, das er 17 Jahre lang ausübt. Moese betreut die Lehrlinge und organisiert die Prüfungen. Für dieses Engagement wird er im Rahmen einer Feier von der Celler Bäckerinnung geehrt.

„Den Unternehmer hatte ich in unserem Café kennengelernt, da war er regelmäßig Gast.“

Die Ära der Bäckerei Moese an der Stechinellistraße endet 1979: Dank guter Kontakte zur Inhaberin des Hotels Borchers kann Werner Moese mit seiner Frau in diesem Jahr das „Café am Markt“ eröffnen. Es liegt direkt an der Schuhstraße und reicht in die „Passage Hotel Borchers“ hinein. Das Café läuft gut, aber Moese geht pünktlich mit 60 in Rente. Das war so früh möglich, weil es damals noch eine „Bäcker-Pensionskasse“ gab, wie er erklärt. Aber er will noch „etwas nebenbei verdienen“, und beginnt, bei einer Groß Hehlener Firma Wintergärten zu verkaufen. „Den Unternehmer hatte ich in unserem Café kennengelernt, da war er regelmäßig Gast“, erzählt Moese lächelnd.

Kleines Appartment im Pflegeheim bezogen

2018 verstirbt seine Frau, mit der er so lange verheiratet war. Nun lebt Moese allein in seinem Haus, und es macht sich sein Alter deutlich bemerkbar: Im Alter von 87 Jahren stürzt er zweimal in seinem Haus und verletzt sich dabei. Nun ist klar, dass er nicht mehr alleine wohnen kann. Er zieht 2020 in ein kleines Appartement im Pflegeheim Sankt Annenstift in der Blumlage. Seine in Celle lebende Tochter kümmert sich um ihn und besucht ihn regelmäßig. Besonders freut es Moese, wenn es seine 29-jährige Enkeltochter aus Magdeburg zu ihm schafft.

Mit Blick auf die Blumlage

Ein Pflegeheim kann kein vollständiger Ersatz für ein eigenes Haus sein, aber man kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Werner Moese hat sich damit pragmatisch arrangiert und freut sich über die Wohnung, die er im St. Annenstift „ergattert“ hat, wie er es nennt: Sie liegt Parterre und verfügt über eine kleine Terrasse mit Blick auf die Blumlage.

Lebenslauf

1932

in Hermsdorf, Kreis Waldenburg (heute Wałbrzych), Niederschlesien, geboren

1938

eingeschult in Weißstein
(Biały Kamień)

1947

Beginn der Lehre zum Bäcker in Göttingen

1957

Bäckermeister

1958

Heirat mit Liliane, 1961 Geburt der Tochter Bettina

Ab 1963

14 Jahre die „Bäckerei Moese“ in der Stechinellistraße geführt
Danach 15 Jahre Pächter des „Kaffee am Markt“ im Hotel Borchers

1992

Rente

Mitte 2020

Umzug in den St. Annenstift