Reiten auf Steckenpferden

86 Cellerinnen zeigen bei Hobby-Horse-Turnier Trendsport

Aus Finnland ist über das Internet die Trendsportart "Hobby Horsing" nach Celle geschwappt. Dabei reiten Mädchen auf Steckenpferden. 86 Teilnehmerinnen zeigen bei Hobby-Horse-Turnier im RuF Herzogstadt Celle, worum es geht.

  • Von Lothar H. Bluhm
  • 12. Okt. 2022
  • 08:59 Uhr
16. Okt. 2022
 
Das Publikum verfolgt die Prüfungen lebhaft.

Wie sie zum Hobby Horsing gekommen ist? „Ich habe das im Internet gesehen, fand es interessant und wollte es mal selbst ausprobieren“, sagt Nia-Joelle Knopp aus Ebstorf bei Uelzen. „Dazu braucht man kein Pferd, denn das kann man auch im Haus üben.“ Jetzt ist das Mädchen in Abteilung 4 mit Stilspringen 40 Zentimeter beim Turnier in Celle dabei: „Das ist auch nicht so weit von uns.“

Ausgelassene Stimmung bei Turnier

Vor der großen Reithalle des Vereins unter den alten Eichen sitzen die Eltern der Aktiven, Mitglieder und Freunde des Vereins an Bierzeltgarnituren. Der Duft von frischen Waffeln und aufgebrühtem Kaffee zieht in die Nase. Grillgut schmurgelt nebenan. Kinder genießen den sonnigen Herbsttag lautstark und erfreuen sich am Kinderschminken. Es ist ein fröhliches Bild ausgelassener Stimmung. Zwischendurch wird in der Halle Ponyreiten angeboten.

Josephine Kapp springt im Parcours des Stilspringen (60 Zentimeter).  

Nach der erfolgreichen Premiere im vorigen Jahr soll das Turnier des Reit- und Fahrvereins Herzogstadt Celle zu einem regelmäßigen Event im Celler Pferdesport werden: „Bei der Trendsportart aus Finnland reiten Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Steckenpferden, den sogenannten Hobby Horses“, umreißt Rieke Schole den sportlichen Ansatz. Sie ist Pressewartin in dem Klein Hehlener Verein: „Fast jede Sparte des Pferdesports wird auch im Hobby Horsing mit großem Ernst durchgeführt. Auf unserem Turnier können die Teilnehmer ihr Vermögen im Springen und in der Dressur zeigen.“

Breites Teilnehmerfeld bei Kleinsten

Immerhin diene dieses Turnier auch der Vorbereitung auf weitere Turniere. „Die Kleinsten werden so an den Reitsport herangeführt“, sagt Veranstaltungsleiter Reinhard Gleue zum breiten Teilnehmerfeld, von dem etwa die Hälfte von außerhalb kommt. Aus Bockelskamp etwa, aus Südheide, Bergen, Eicklingen, Hänigsen, Salzgitter und aus Ettenbüttel und Bad Nenndorf.
 

Charlotte Mild auf "Falbo" wärmt sich für das Stilspringen (60 Zentimeter) auf, bei dem die beiden den sechsten Platz belegten. In der M-Dressur am Nachmittag erreichten sie den zweiten Platz.

Heute sind ausschließlich Mädchen am Start. Dabei sollen sie die Figuren mit ihren Steckenpferden absolvieren, die sie später auch bei Turnieren mit echten Pferden reiten müssten: Neben allen Lektionen aus der leichten Klasse beherrscht die Hobby-Horse-Reiterin Mitteltrab und Mittelgalopp sowie versammelten Schritt. Hinzu kommen Tempounterschiede innerhalb einer Gangart beispielsweise zwischen Arbeitstrab – Mitteltrab – Arbeitstrab. Punktgenaue Übergänge, Handgalopp und Außengalopp, einen fliegenden Galoppwechsel bei Richtungsänderung, Seitengänge wie Schenkelweichen und Schulterherein, Kurzkehrtwendung. „Die Kinder haben Freude an dem Sport, es macht ihnen richtig Spaß“, hat Gleue beobachtet.

Von Finnland aus Youtube erobert

„Wir sind im Landkreis Celle die ersten, die Hobby Horsing anbieten“, steht für Rieke Schole fest. Diese finnische Trendsportart habe in Deutschland bereits viele Fans: „Es gibt sogar schon die ersten Turniere in Deutschland − nicht nur bei uns.“
Hobby Horsing – was ist das? Die Kinder reiten mit ihrem Steckenpferd Dressur oder Springen, aber auch Ausritte dürfen nicht fehlen. „Die Kids bei uns im Verein lieben das Springen. Höher, weiter, keine Grenzen sind gesetzt.“ Es gibt keine Altersbegrenzungen. Kinder lernen viele wichtige Inhalte im Umgang mit dem Pferd, die sie dann später im Reitunterricht umsetzen können.

Johanna Wolf (mit Calle) dokumentiert die Leistungen der Mitbewerberin. 

Johanna Wolf ist zwölf Jahre alt. Sie wohnt in Wietzenbruch und besucht die Integrierte Gesamtschule Celle. Sie ist mit Pferden groß geworden, denn ihre Mama Rebecca sei auch geritten und ihre kleinere Schwester Katharina sei auch dabei. Ihre Mama habe das erste Hobby Horse genäht, sagt die Steckenpferd-Reiterin mit den geflochtenen Haaren. „Ich bin seit einem Jahr dabei.“ Auf YouTube habe sie zum ersten Mal von dem Steckenpferd-Reiten gesehen. Bis dahin habe sie auch voltigiert. Ihren „Calle“ mit der Startnummer 325 hat sie selbst genäht. Und dann startet sie zum Warmmachen: Beim Stilspringen und in der Dressur ist sie dabei.

Darauf kommt es beim Turnier an

Im Turnier werden die korrekte Zügelführung auch im Kandarenzaum, Körperspannung, Reiterhaltung, die korrekte Ausführung und Linienführung der Hufschlagfiguren, Ausführung der geforderten Gangarten, Takt, Bewegungsfluss, Leichtfüßigkeit, Kondition, Nickbewegungen in den Lektionen und auch die Hobby Horses selbst bewertet.
 

„Bei unserem Turnier sollen Spaß und Freude für Kinder und Erwachsene im Vordergrund stehen. Wir messen Erfolge nicht an Platzierungen und Schleifen, sondern an einem harmonischen Miteinander.“

Rieke Schole, Pressewartin bei RuF Herzogstadt Celle

Keine leichte Aufgabe für die Richterinnen Nicole Hemesath und Andrea Portius, die zusammen mit viel Freude, aber auch einem scharfen Auge die Leistungen der Teilnehmer bewerten. „Bei unserem Turnier sollen Spaß und Freude für Kinder und Erwachsene im Vordergrund stehen. Wir messen Erfolge nicht an Platzierungen und Schleifen, sondern an einem harmonischen Miteinander“, sagt Schole. Dazu gehört sowohl der faire Umgang zwischen Veranstalter, Helfern und Besuchern als auch das faire Verhalten der Teilnehmer untereinander. „Egal in welcher Disziplin, bei uns haben die Steckenpferde/Hobby Horses ‚die Nase vorn‘, und Meinungsverschiedenheiten sind stets sachlich und respektvoll zu klären. Denn wir wünschen uns einen stressfreien Turniertag für alle Zweibeiner und Steckentiere.“
 

Sieger und Platzierte bei der Ehrenrunde.

Es geht in zehn Prüfungen um Stilspringen von 20 bis 60 Zentimeter Höhe, um Zeitspringen über 60 Zentimeter und um das Mächtigkeitsspringen. Es folgen Dressurprüfungen von leicht bis schwer und die Mannschaftsdressur mit drei vierköpfigen Teams. Schließlich steht „Jump and Dog“ auf dem Programm, bei dem die Teilnehmer besonders viel Spaß haben, denn die Hunde wollen nicht immer so wie die Besitzer.

Harmonie im Vordergrund

Insgesamt gibt es an diesem Turniertag 86 Teilnehmerinnen in zehn Prüfungen. Plus Pferde. Bei allen Anforderungen ist aber wichtig: zu Beginn grüßen!

Zwar sei ihr Pferd Lucy nicht lebendig, gelegentlich zickt es aber genauso, berichtet Nia-Joelle Knopp über ihre Erfahrungen mit ihrem Steckenpferd. Sie hat Lucy direkt in Finnland gekauft. „Dieses Pferd braucht kein Futter“, freut sich Nias Mutter Steffi. Insofern sei es sparsamer als ein echtes Tier. „Auch bei mir musste aber ein Umdenken stattfinden: Ernsthaftigkeit ist gefragt“, gesteht Steffi. Zum Üben hat sich Nia mehrfach und immer wieder Videos und Filme bei Instagram angeschaut: „Wir trainieren hart für die Wettkämpfe, die Lucy und ich.“

Sieben Hindernisse mit sieben Sprüngen

Beim Mächtigkeitsspringen sollte die Hobby-Horse-Reiterin alle Sprünge im Galopp anreiten können. Verreiten, dreimaliges Verweigern, das Springen von der falschen Hindernisseite, ein Abwurf oder ein Sturz führt zum Ausschluss von der Prüfung. Sieben Hindernisse mit sieben Sprüngen von 50 bis 95 Zentimetern Höhe aufsteigend sind zu bewältigen. Reichlich Applaus der Eltern und Gäste des Turniers für die Erstplatzierten, Ehrenrunden für alle Teilnehmerinnen. Rieke Schole: „Und wenn’s im Wettbewerb mal nicht so klappt? Lachen, weitermachen, nächstes Mal wird’s wieder besser. So etwas ist doch keinen Streit unter Freunden wert.“

Von Lothar H. Bluhm