Leben in Bewegung

Herbert Lohmann (89) aus Celle läuft seit über 40 Jahren

Herbert Lohmann entdeckte seine Leidenschaft für das Laufen in der ägyptischen Wüste. Sein Leben ist nicht nur in sportlicher Hinsicht voller Bewegung.

  • Von Stefanie Franke
  • 13. Nov. 2022 | 13:05 Uhr
  • 14. Nov. 2022
Herbert Lohmann (89) war der älteste Teilnehmer beim diesjährigen Celler Wasa-Lauf. Er lief die 5 Kilometer in etwas über 40 Minuten.
  • Von Stefanie Franke
  • 13. Nov. 2022 | 13:05 Uhr
  • 14. Nov. 2022
Anzeige
Sein Laufzeug hat er überall auf der Welt mit dabei. Hier läuft Lohmann einen Marathon in Borneo.
Celle.

Wasa-Lauf, im Oktober 2022: Der Countdown bis zum Startschuss des Fünf-Kilometer-Laufes läuft. Mit an der Startlinie steht Herbert Lohmann. Mit 89 Jahren ist er in diesem Jahr der älteste Teilnehmer. Seine hellblaue Strickmütze hat er bis über die Ohren heruntergezogen. Dann ertönt die Kanone, Lohmann läuft los. Innerhalb von 40 Minuten will er ins Ziel kommen und zeigen, dass man auch im hohen Alter noch fit sein kann. Am Ende verfehlt er seine persönlich gesetzte Zeitvorgabe um nur wenige Minuten.

In der Wüste fing alles an

Lohmann begann im Alter von 45 Jahren mit dem Laufen – ausgerechnet in der ägyptischen Wüste, denn er hat nicht nur in sportlicher Hinsicht ein bewegtes Leben geführt. Herbert Lohmann ist ein Weltenbummler, wie er im Buche steht.

In der Nachkriegszeit begann für Lohmann eine „wilde Zeit“, wie er selbst sagt: „Ich war noch nicht lange als Kraftfahrer für die German Service Organisation tätig, als ich davon erfuhr, dass South African Railways in ganz Norddeutschland Leute für Südafrika suchte.“ Lohmann war sofort Feuer und Flamme. Er bewarb sich und wurde in die deutsche Botschaft eingeladen. „Da ich noch nicht 21 war, mussten meine Eltern ihre Einwilligung geben. Dann ging es mit dem Schiff über Southampton nach Kapstadt.“ Dort wurden Lohmann und seine Mitbewerber erst einmal mit der Landespolitik vertraut gemacht – zu Zeiten der Apartheid eine schwierige Angelegenheit.

Sein beruflicher Werdegang führte Lohmann durch zahlreiche Länder dieser Erde - so auch auf eine Ölplattform bei Cabinda.

Lohmann unterschrieb einen Siebenjahresvertrag und wurde als Rangierer in Johannesburg eingestellt. Doch die Arbeitsbedingungen waren schlecht: „Wir wollten weg, aber wir durften nicht, denn wir hatten ja einen Vertrag unterschrieben“, erinnert sich Lohmann.

Quer durch Südafrika

Entgegen der Vereinbarung gab Herbert Lohmann seine Stelle als Rangierer auf und wurde damit kontraktbrüchig. Im Anschluss arbeitete er für zwei Jahre in einer Goldmine. „Dort sprach man eine einheimische Sprache, Fanakalo, die ich lernen musste. Die Arbeiter sprachen sie unter sich, manchmal auch die Weißen mit den Arbeitern. Fanakalo war besonders in den Minen verbreitet.“ Nach zwei Jahren hatte Lohmanns Gesundheit stark unter der Arbeit in der Mine gelitten. „In dieser Zeit musste ich zweimal ins Krankenhaus. In der Goldmine erkrankte ich an Tuberkulose. Bei der Fahrt mit einer Minenlore habe ich mir das Auge verletzt. Danach war für mich Schluss.“

Es folgte ein rastloses, unbeständiges Leben. Ohne feste Arbeit musste Lohmann erfinderisch werden und schlug sich anfangs mit Touristenfotografie durch. Sein Weg führte ihn nach Bloemfontein, von dort als Tramper ins knapp 600 Kilometer entfernte East London. Von der südöstlichen Küste Südafrikas ging es anschließend über 1000 Kilometer quer durchs Land nach Windhoek und im Anschluss zurück nach Johannesburg. Gelegenheitsjobs hielten ihn dabei über Wasser.

„Von meiner Familie wusste in diesen Jahren niemand, ob ich lebe oder nicht."

Herbert Lohmann, Läufer aus Celle

Zurück in Johannesburg, vermittelte ihm ein Freund eine Anstellung bei dem Stahlhersteller Dorman Long. „Dort blieb ich so lange, bis genug Geld für die Heimreise da war“, erinnert sich Lohmann. „Von meiner Familie wusste in diesen Jahren niemand, ob ich lebe oder nicht. Handys und Internet gab es ja noch nicht.“ Die Rückreise nach Deutschland glich einem Krimi: Die Kontraktbrüchigkeit drohte Lohmann einzuholen. Mit der RMMV Stirling Castle ging es von Durban über Kapstadt zurück nach Southampton – eine Überfahrt, die um die 14 Tage dauerte. Die Gefahr: Auf dem Schiff wurden gründliche Polizeikontrollen durchgeführt. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit wurde Herbert Lohmann nicht erwischt und kam wohlbehalten erst in Southampton, dann in Deutschland an.

Johannesburg – Burgdorf – Ägypten

Auf die Metropole Johannesburg folgte für Lohmann das hannoversche Burgdorf sowie eine Anstellung bei Volkswagen in Wolfsburg. Zurück im beschaulichen Deutschland lernte er außerdem seine Frau Hannelore kennen. 1966 komplettierte die Geburt von Tochter Svenja die Familie. Lange hielt Lohmann es jedoch nicht in Deutschland aus. „Halliburton Otis Engineering, eine amerikanische Servicefirma für Erdöl, suchte Leute für das Ausland." Somit brach Herbert Lohmann mit seiner jungen Familie nach Angola auf. Nach zwei Jahren auf der Ölplattform folgte die Versetzung nach Großbritannien, fünf Jahre später ging es nach Ägypten.

Ausgerechnet dort, in der Wüste Sahara, sollte Lohmann seine bis heute ungebrochene Leidenschaft für das Laufen entdecken. „Wir arbeiteten an einem Bohrloch in der Wüste. Dann kam der Fastenmonat Ramadan und ich litt unter Langeweile. Da bin ich dann einfach laufen gegangen.“ Nach der jahrelangen körperlich schweren Arbeit folgt für Lohmann schließlich der Wechsel ins Büro. Von jetzt auf gleich fehlt ihm der körperliche Ausgleich. Hinzu kam, dass Tochter Svenja in Kairo ein amerikanisches College besuchte. „Die Amerikaner sind sportverrückt. Man macht also bei zahlreichen Sportveranstaltungen mit. So kam es, dass ich jeden Abend auf der Sportanlage der Schule gelaufen bin.“

„Wenn ich irgendwohin fuhr, war mein Laufzeug immer zuerst gepackt.“

Herbert Lohmann

Das Laufzeug ist immer dabei

Heute kann Lohmann nicht genau sagen, wie viele Läufe er in seinem Leben schon absolviert hat. „Wenn ich irgendwohin fuhr, war mein Laufzeug immer zuerst gepackt“, erinnert sich der Weltenbummler. Seine Füße trugen ihn nahezu um die Welt: Hier ein 24-Stunden-Marathon in Kairo, dort ein Lauf der Hash House Harriers im Dschungel von Borneo, Marathons und Langstreckenläufe in Tokio, auf Hawaii und Barbados.

Das Laufen ist für ihn ein geselliges Hobby. Wenn er durch die Wälder und Wiesen in Altencelle Richtung Bockelskamp läuft, spricht er gerne die Menschen an, die er unterwegs trifft. „Er hat immer etwas zu erzählen, wenn er wiederkommt“, weiß Lohmanns Frau Hannelore. In all den Jahren hat sich Lohmann noch nie verletzt: „Ich hatte noch nicht einmal eine Blase.“ Vier Mal die Woche zieht es ihn für 40 Minuten nach draußen. Außerdem macht der 89-Jährige jeden Morgen eine Stunde lang Gymnastik.

Ans Aufhören hat der Altenceller noch nie gedacht. „Wenn Leute mich das fragen, sage ich immer, wenn du mich beim Laufen nicht mehr siehst, dann komme ich nicht mehr wieder, weil ich nicht mehr lebe.“

Lebenslauf

23. September 1933 

geboren in Hamburg

1939 bis 1941 und 1943 bis 1945

Kinderlandverschickung nach Bayern und Brühl (Baden)

1945

Umzug nach Hänigsen 

1945 bis 1948

Besuch der Volksschule, danach Kraftfahrer bei der German Service Organisation

1954 bis 1959

Südafrika

1961

Hochzeit mit Hannelore

1966

Geburt von Tochter Svenja

1969 bis 1991 

Aufenthalte in Angola, Großbritannien, Ägypten, Singapur, Borneo und Sumatra

1991 

Umzug nach Celle