Fachwerk-Triennale

Fachtagung "Wohnen neu denken" in Celle

Die Baugeschichte Celles war Thema bei der Fachwerk-Triennale 22. Ein Rundgang führte die Teilnehmer der Fachtagung quer durch die Altstadt.

  • Von Lothar H. Bluhm
  • 08. Okt. 2022 | 15:05 Uhr
  • 08. Okt. 2022
Der Rundgang für die Teilnehmer der Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Fachwerkstädte verlief quer durch die Celler Altstadt.
  • Von Lothar H. Bluhm
  • 08. Okt. 2022 | 15:05 Uhr
  • 08. Okt. 2022
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Celle.

Zwischen Vision und Wirklichkeit bewegte sich jetzt die Fachwerk-Triennale 22 in Celle zum Thema "Wohnen im baukulturellen Erbe, Wohnen neu denken". Robert-Meyer-Platz – Markt – Schuhstraße – Am Heiligen Kreuz – Bergstraße: Der besondere Rundgang für die Teilnehmer der Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Fachwerkstädte (ADF) verlief bewusst quer durch die Celler Altstadt, immer an bereits restaurierten, noch zu sanierenden Fachwerkhäusern und an einem Grundstück vorbei, das Visionen zulässt.

Preisgekröntes Neubauprojekt in der Altstadt: der Village-Komplex an der Bergstraße.

Vorsicht war in der Schuhstraße geboten, denn der Autoverkehr, nach Worten von Stadtbaurätin Elena Kuhls ein Politikum, störte die Fachwerkexperten beim Austausch.

Renoviertes Schmuckstück

Bereits der Tagungsort war mit dem sanierten Doppelfachwerkhaus Bergstraße 48 bewusst ausgesucht. Als „Jahrhundertbaustelle“ bezeichnete die Eigentümerin Barbara Hofmann-Weseloh schon vor fünf Jahren ihr Vorhaben, das geerbte Gebäude zu sanieren. Zu dem Zeitpunkt plante und überlegte sie immerhin seit drei Jahren gemeinsam mit dem Architekten Andreas Brüggemann. Auch zu regenerativer Energie. Inzwischen wartet das renovierte Schmuckstück mit 200 bis 500 Quadratmetern Gewerbefläche im Erdgeschoss auf einen Pächter. Andreas Brüggemann war es aber jetzt, der die Baugeschichte des Hauses aus seiner fachmännischen Sicht bei der Fachwerk-Triennale 22 darstellte und erläuterte.

Celler Objekt in der Schuhstraße: Probleme mit der Statik.

Die ADF vertritt über 150 Fachwerkstädte in ganz Deutschland und setzt sich für den Erhalt des historischen Erbes der Mitgliedstädte ein. Über das Netzwerk werden Erfahrungen und Informationen zu allen relevanten Themen rund um das Fachwerk, von Stadtentwicklung und Stadtmarketing über baurechtliche Fragestellungen bis hin zu Bautechnik und Denkmalpflege ausgetauscht. Seit 2009 gibt es das Format der Fachwerk-Triennale, in dem unzählige Projekte und Initiativen entstanden, die einen wesentlichen Beitrag zur Reaktivierung der Altstädte liefern. Zwölf Fachwerkstädte – von Alsfeld bis Wernigerode – sind in diesem Jahr mit Beiträgen präsent.

„Wir zeigen gerne, was wir schon bewegen konnten und welche Strategien wir verfolgen.“

„Das Wohnen in unserer Altstadt ist heute im Aufschwung“, fasste Kuhls die derzeitige Situation in Celle zusammen. Darum liege ihr das diesjährige Thema der Fachwerk Triennale besonders. „Wir zeigen gerne, was wir schon bewegen konnten und welche Strategien wir verfolgen.“ Man zeige aber auch gerne Hürden und Herausforderungen auf, um zum Lernen anzuregen.

Am Heiligen Kreuz: Blickfang auch nach Jahren.

Die städtebauliche Sanierung habe in der Vergangenheit viel bewirkt, man könne auch auf die Eigentümer hoffen, die viel in ihre Gebäude investieren. Es sei gelegentlich aber ein zähes Geschäft beim Zusammenwirken aller Beteiligten.

„Es hat die direkte Ansprache und Beratung von Eigentümern durch die Sanierungsabteilung, die Bauordnung, die Denkmalpflege und die Innenstadtmanagerin stattgefunden.“

Um das Wohnen in der Innenstadt attraktiver zu machen, habe man die Wohnoffensive für die historische Altstadt gestartet, sagte Kuhls. Fachwerkgebäude sollen nachhaltig nutzbar gemacht und Wohnraum, wo immer dies möglich und sinnhaft ist, modernisiert oder neu geschaffen werden. Kuhls: „Es hat die direkte Ansprache und Beratung von Eigentümern durch die Sanierungsabteilung, die Bauordnung, die Denkmalpflege und die Innenstadtmanagerin stattgefunden.“

Verwaltung ist neue Wege gegangen

Am Beispiel der „Goldenen Sonne“ an der Schuhstraße und der Vision des projektierten Strohballenhauses an der Bergstraße gegenüber dem Village-Komplex verdeutlichte die Stadtbaurätin verschiedene Möglichkeiten der Herangehensweise der Stadt. Mit der Entwicklung der städtischen Liegenschaft an der Bergstraße 25 ist die Verwaltung neue Wege gegangen. Für die Fläche lässt sie eine Konzeptstudie erstellen, die die Klärung der Umsetzungsmöglichkeiten, weitgehende nachbarschaftliche Abstimmungen bis hin zur Baugenehmigung beinhaltet. Erst danach wird die Liegenschaft mit dem Konzept verkauft.

Fokus lag vermehrt auf gewerbliche Nutzung

Die Kombination von Arbeiten und Wohnen war Celles Altstadt seit Jahrhunderten fest verankert. In den vergangenen Jahrzehnten lag der Fokus aber vermehrt auf der gewerblichen Nutzung der Erdgeschosse. Dadurch wurden die Nutzung und die Instandhaltung der Obergeschosse vernachlässigt. „Wir sollen die Fokussierung auf die Erdgeschosszonen aufbrechen und das Augenmerk wieder vermehrt auf eine nachhaltige Nutzung des Gesamtgebäudes legen“, so Kuhls.

„Integrative Stadtentwicklung braucht hier gelebte Praxis.“

Fachwerkstädte sind dauerhaft nur überlebensfähig, wenn das Wohnen in der historischen Altstadt wieder an Attraktivität gewinnt und Verluste im Einzelhandel und bei Dienstleistungen kompensiert werden können. „Dies ist kein Selbstläufer, sondern stellt Architekten, Planer und Eigentümer vor außergewöhnliche Aufgaben, die zur Lösung alle gesellschaftlichen Kräfte benötigen", sagte die Stadtbaurätin. "Integrative Stadtentwicklung braucht hier gelebte Praxis.“

Nachgefragt bei Maren Sommer-Frohms, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte

Auf dem Fundament der Gemeinschaft ist die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Fachwerkstädte ein fester Bestandteil der Förderung der Baukultur und des Tourismus der über 150 Mitgliedsstädte. Während der diesjährigen Fachwerk-Triennale, die alle drei Jahre veranstaltet wird, sprach CZ-Mitarbeiter Lothar H. Bluhm mit der Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft, Maren Sommer-Frohms. Auch in diesem Jahr steht in den zwölf teilnehmenden Projektstädten das Handeln der Arbeitsgemeinschaft dafür, einen Mehrwert zu schaffen für die Fachwerkstädte und ihre Bürger.

Wie kann das passieren, wie entsteht ein Mehrwert für die Fachwerkstädte?
Ganz konkret: Aspekte der energetischen Sanierung und moderne Heizformen sind in Celle beispielsweise am Objekt in der Bergstraße zu besichtigen. Das Thema Ressourcenschonung und Klimaschutz verlangt nach einem ganzheitlichen unabdingbar ernsthaften Ansatz. Mit Blick auf unsere Fachwerkgebäude wird es damit immer wichtiger, den klimaneutralen Ansatz unserer Fachwerkgebäude herauszustellen. Mit dem Leben in den Fachwerkstädten wirken wir der Verschuldung der Klimaerwärmung durch die Bauindustrie entgegen.

Wie sieht Ihr Ansatz aus?
Mit Low-Tech-Konzepten, der Energie von Baustoffen und den robusten nachhaltigen Gebäuden mit langer Nutzungsdauer liegt der Fokus unserer Fachwerkstädte im nachhaltigen Bauen. Die Faszination von jahrhundertealten Gebäuden, die im Laufe ihrer Nutzungsdauer immer wieder verwandelt worden sind und neue Funktionen im Stadtraum erfüllen, bleibt ein Leitbild für unsere Arbeitsgemeinschaft. Diesem Leitbild treu zu bleiben, heißt aber auch: Wir müssen umdenken!

Wie bekommt man diese alten Fachwerkstädte bewohnt, so dass sie nicht nur als Kulisse für Touristen dienen?
Dieser Kernfrage gehen wir mit den unterschiedlichsten Projektansätzen aus unseren Projektstädten nach. Bei den sehr unterschiedlichen Ansätzen zur Reaktivierung historischer Bausubstanz in unseren Fachwerkstädten wird eines immer wieder deutlich: Jede Fachwerkstadt muss auf die individuellen Rahmenbedingungen abgestimmte Wege finden. Beispiele aus anderen Städten können nur Anregungen für eigene Strategien sein.

Denken Sie denn, dass Sie mit dem diesjährigen Triennale-Thema „Wohnen im Baukulturellen Erbe“ den Puls der Zeit treffen?
Unbedingt! – Was sich bereits vor der Pandemie abgezeichnet hat, ist nun Gewissheit geworden. Beschleunigt durch die pandemiebedingten Lockdowns und die Zunahme des Online-Handels in nun allen Bevölkerungsschichten ist der Rückgang des Einzelhandes in unseren Mitgliedstädten nicht mehr aufzuhalten. Veränderte Kauf- und Lebensgewohnheiten durch Digitalisierung des Einzelhandels, Homeoffice und Freizeitverhalten stellen neue Anforderungen an unsere historischen Innenstädte. Der Bedarf an Büro- und Gewebeflächen in der Kernstadt hat sich weiter reduziert, während die Suche nach attraktivem Wohnraum die Wohnungsbedarfe in ganz Deutschland weiter in die Höhe treibt.

Was heißt das?
Fachwerkstädte werden dauerhaft nur überlebensfähig sein, wenn das Wohnen in der historischen Altstadt wieder an Attraktivität gewinnt und Verluste des Einzelhandels und bei Dienstleistungen kompensiert werden können. Mit den von uns ausgewählten zwölf Projekten werden unterschiedlichste Ansätze zu Wohnraumstrategien für Fachwerkstädte in unseren Projektstädten vorgestellt, analysiert und diskutiert. Ich möchte nochmal verdeutlichen: Es geht nicht darum, die Lust am Bauen zu nehmen, sondern nur um eine andere Wahrnehmung, um eine Umwertung des Gebäudebestands vom „wertlosen Müll“ zum „Wertstoff“. Hierzu müssen wir eine andere Haltung einnehmen. Wir brauchen Architekten und Planer, für die umzubauen genauso reizvoll ist wie neu zu bauen. Für die der Gebäudestand kein ärgerliches Hindernis für das Ausleben der eigenen Kreativität ist, sondern sie im Gegenteil zwingt zum Entwickeln neuer Ideen, die man ohne diese Reibung gar nicht hätte.