Erziehung im Wandel

Beratungsstelle unterstützt Familien seit 1952

Wenn Familien im Landkreis Celle nicht mehr weiter wissen, finden sie Rat und Unterstützung bei der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche. Die Einrichtung gibt es bereits seit 70 Jahren. So hat sich die Erziehung seither verändert.

  • Von Stefanie Franke
  • 24. Dez. 2022 | 15:00 Uhr
  • 24. Dez. 2022
Angst, Aggressionen, Trennung und das Schulleben sind nur einig Themen, bei denen die Beratungsstelle die Familien unterstützt.
  • Von Stefanie Franke
  • 24. Dez. 2022 | 15:00 Uhr
  • 24. Dez. 2022
Anzeige
Celle.

Die Eltern leben in Trennung und alles wird zu viel. Ärger in der Schule, Mobbing, Stress und Selbstfindung. Wut im Bauch, Streit mit den Freunden, Einsamkeit. Familienkonflikte, psychologische Beratung, Erziehungsthemen. In all diesen Bereichen ist die Erziehungsberatungsstelle ein verlässlicher Ansprechpartner für Kinder, Jugendliche und Eltern. Wenn Familien nicht mehr weiterwissen, können sie sich mit all ihren Fragen, Unsicherheiten und Problemen an das Team der Beratungsstelle wenden.

Im November feierte die Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Celle ihr 70-jähriges Bestehen. Seit 1952 steht die Einrichtung Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite. Bis Ende 2021 wurden insgesamt 30.799 Familien dort beraten. Im Zuge des Jubiläums erfolgte nun die Umbenennung in "Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche". Damit soll die Stigmatisierung als psychologische Beratungsstelle vermieden und das Beratungsrecht von Kindern und Jugendlichen hervorgehoben werden.

"In den ersten zehn Jahren des Bestehens waren insgesamt 700 Kinder angemeldet, heute wird diese Zahl in einem Jahr erreicht."

Anja Werner, Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche

Gestiegene Nachfrage nach Beratung

Laut Leiterin Anja Werner ist die Nachfrage nach Beratung in Familiendingen deutlich angestiegen. "In den ersten zehn Jahren des Bestehens waren insgesamt 700 Kinder angemeldet, heute wird diese Zahl in einem Jahr erreicht." Im Laufe der Jahre veränderten sich mit den Lebensbedingungen auch die Anforderungen an die Beratungsstelle. Das weiß auch der Autor, Erziehungsberater und Kolumnist Dr. Jan-Uwe Rogge (75), der im Rahmen des Festaktes zum 70-jährigen Jubiläum Erziehungsthemen im Wandel der Zeiten näher beleuchtete.

"Wir hatten viele Freiheiten. Wir konnten hinter jedem Busch spielen - heute steckt in jedem Busch eine Mutter."

Dr. Jan-Uwe Rogge; Erziehungsberater, Autor und Kolumnist

Beratungsarbeit im Wandel der Zeiten

Gerade zu Beginn der Beratungsarbeit im Jahr 1952 seien noch andere Aspekte in die Problematik mit eingeflossen. "Von vielen Familien ist ein Elternteil im Krieg gewesen und teilweise nicht zurückgekehrt. Traumata und Behinderung waren die Folge und vieles davon ist dann mitgeschleppt worden." Die Erziehung der Kinder unterschied sich deutlich von heutigen Ansätzen: "Wir hatten viele Freiheiten. Wir konnten hinter jedem Busch spielen - heute steckt in jedem Busch eine Mutter", erläutert er augenzwinkernd.

Rogge promovierte an der Universität Tübingen zum Thema Kindermedien. Bereits in den Siebzigerjahren forschte er zu Kindern und Mediennutzung, wirkte an der Entwicklung von Formaten wie "Die Sendung mit der Maus" und "Logo" mit. Seitdem haben die Medien immer mehr Einzug in das Alltagsleben der Kinder gehalten - ein Aspekt, der sich auch in der Erziehungsarbeit wiederfindet. "Damals war der Teufel der Fernseher", so Rogge. Kinder sollten am Tag nicht mehr als 20 Minuten fernsehen. Inzwischen hat sich die Mediennutzung durch Kinder gewandelt - somit auch die Medienerziehung.

Beziehungen entscheidend bei der Erziehung

"Die Fragen der Eltern und Kinder sind gleich geblieben", weiß Rogge. "Es geht um Aspekte wie 'Was darf ich' und 'Wie lange'. Worum es jedoch eigentlich gehen sollte, sind die Beziehungen. Entscheidend ist, warum die Kinder das Medium nutzen." Um die besondere Wichtigkeit der Kommunikation in der Eltern-Kind-Beziehung zu verdeutlichen, greift der Erziehungsberater gerne auf den Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi zurück: „Erziehung ist Vorbild und Liebe, sonst nichts“, zitiert er. Der Medienumgang werde häufig vorgelebt, so Rogge weiter. Dies beginne häufig schon im frühen Kindesalter. "Oft sieht man Mütter, die mit dem Kinderwagen unterwegs sind und dabei nur auf ihre Smartphones schauen, anstatt mit dem kleinen Wesen vor sich zu kommunizieren. Da fängt es an."

"Lasst die Kinder doch mal Kinder sein und spielen. Spielen ist Anarchie und Kinder sind wunderbare Anarchisten."

Auch das Spielverhalten der Kinder habe sich verändert. Während es in vorherigen Jahren mehr beobachtungsfreie Zonen gegeben hätte, in denen Kinder Dinge für sich selbst regeln durften, stünden die Kinder heute viel häufiger unter intensiver Beobachtung. Jede Handlung auf dem Spielplatz werde kommentiert. Dazu hat Rogge eine klare Haltung: "Lasst die Kinder doch mal Kinder sein und spielen. Spielen ist Anarchie und Kinder sind wunderbare Anarchisten." Dafür müsste laut Rogge mehr Zeit und Raum eingeplant werden.

"Wir können Landkarte und Kompass sein - gehen müssen sie den Weg allein."

Jan-Uwe Rogge

Bedürfnisorientierung vor Autorität

Im Laufe der Jahre hätten sich weitere entscheidende Aspekte verlagert. Während zuvor Autorität und Respekt eine große Rolle gespielt haben, geht die Entwicklung im erzieherischen Bereich weiterhin Richtung Bedürfnisorientierung. "Heute will man alles anders und perfekt machen", so Rogge. "Ein Überangebot an Möglichkeiten, beispielsweise beim Thema Essen, kann aber auch schnell überfordern." Er setzt daher auf klare Ich-Botschaften und ermutigt die Eltern, zu sich selbst zu stehen. Für ihn unverzichtbare Komponenten in der Erziehung: Witz, Humor und Leichtigkeit. Auch hier zitiert er Pestalozzi: "Lache dreimal am Tag mit deinem Kind."

Humor, Herzenswärme und Vertrauen

Insgesamt beobachtet Rogge drei Bereiche, die in der Erziehungsberatung immer mehr an Bedeutung gewinnen. Neben dem Humor auch in ernsten Situationen führt er die Punkte Herzenswärme und Vertrauen ins Feld. Dabei sei es jedoch auch für die Beratenden wichtig, eigene Grenzen zu erkennen und zu wahren. "Du kannst nicht immer helfen", erläutert Rogge. "Man kann vieles, aber nicht alles. In der Erziehungsberatung kann man unterstützen und begleiten. Als Berater kann man ein sicherer Hafen sein." Dabei seien Beraterinnen und Berater jedoch auf die Mithilfe der Eltern angewiesen. "Wir können Landkarte und Kompass sein - gehen müssen sie den Weg allein."