Celler Typen

Künstlerin bietet Schicksal die Stirn

Voller Lebensfreude widmet sich Carola M. Duis ihren Mitmenschen und der Kunst. Die Cellerin ist Mitglied im „Atelier 22“ und im Amateurmalkreis Celle.

  • Von Georg Wießner
  • 22. Okt. 2022
  • 14:05 Uhr
22. Okt. 2022
 
Carola M. Duis mit einem Jahr in Hannover.

Trotz ihres Handicaps hat Carola ihr Leben gemeistert – voller Elan und Fröhlichkeit! Das sagt die Cellerin Sabine Oswald über ihre Freundin und Nachbarin Carola M. Duis, und angesichts derer Lebensgeschichte möchte man uneingeschränkt zustimmen. Vielen Kunstinteressierten wird Carola M. Duis als Malerin ein Begriff sein. Als Mitglied im Amateurmalkreis und dem „Atelier 22“ hat sie ihre Bilder schon häufig bei Ausstellungen präsentiert, unter anderem in einer dreijährigen Dauerausstellung in Uetze. „Ob das Malen, Schreiben oder die Fotografie – ein Leben ohne die Kunst könnte ich mir nicht vorstellen“, sagt die Künstlerin mit einem gewinnenden Lächeln. Ihre herzliche Art, Menschen zu begegnen, und ihre lebhafte und interessante Gesprächsführung haben ihr im Leben zahlreiche Türen geöffnet. Dabei war ihr Start ins Leben alles andere als auf Rosen gebettet.

Carola M. Duis im Alter von anderthalb Jahren mit ihrem Vater.

„Die wird wieder, die will“

Ihre Eltern flohen 1951 mit Sohn und Tochter aus der sowjetischen Besatzungszone nach Niedersachsen. Der Junge überlebte die Strapazen der Flucht nicht. In Hannover wurden sie in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht, die mit den heutigen Standards nicht zu vergleichen ist. Die hygienischen Verhältnisse waren teilweise sehr schlecht – für zahlreiche Personen gab es nur eine Toilette. Es war die Umgebung, in der die kleine Carola das Licht der Welt erblickte. Gerade für die Jüngsten waren ausbrechende Krankheiten oft lebensgefährlich. Zehn Kinder erkrankten an Kinderlähmung, Carola M. Duis war eines von ihnen. Drei Kinder fielen der Krankheit zum Opfer. Die Diagnose für das anderthalbjährige Mädchen war, dass sie in Zukunft nur noch einen Arm würde gebrauchen können und das Gehen eingeschränkt sein würde. Aber sie lebte – und trotz ihres damals so zarten Alters hatte sich ihr ein Satz der Therapeutin ins Gedächtnis gebrannt: „Die wird wieder – die will!“ Und sie wollte – entwickelte sich zu einem lebhaften und frohen Kind, es schien, als hätte ihr die Natur zum Ausgleich für ihr Handicap eine besonders starke Persönlichkeit geschenkt.

Carola M. Duis im Alter von fünf Jahren mit ihrer kleinen Schwester.

Familie lebt als Selbstversorger im Holzhaus

Die Familie entschloss sich, in die Wedemark zu ziehen, fernab der großen Städte, in ein kaum besiedeltes waldreiches Gebiet. „Wir lebten in einem Holzhaus im Wald, so wie man es aus Märchen kennt. Wir sammelten Holz und Beeren und lebten praktisch als Selbstversorger“, kann sich Carola M. Duis noch gut an ihre außergewöhnliche, glückliche Kindheit erinnern. Die Idylle fand aber ihr Ende, als es für das Kind anstand, zur Schule zu gehen. Durch die Abgeschiedenheit hätte es für sie bedeutet, mehrere Kilometer weit mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, was angesichts der Einschränkungen durch die Kinderlähmung praktisch nicht in Frage kam.

Carola M. Duis im Alter von 35 Jahren.

Schweren Herzens entschlossen sich die Eltern, ihre Tochter in die Obhut des Anna-Stifts in Hannover zu geben, wo sie dann auch gewohnt hat. Die christliche Erziehung kannte sie schon gut aus ihrem Elternhaus: „Vor und nach dem Essen zu beten, war für mich absolute Normalität.“ Nun tauchte aber ein Problem auf, zwar nicht offiziell, aber im persönlichen Empfinden des Mädchens: Sie war nämlich katholisch und ihre Mitschülerinnen waren alle evangelisch. Sie hatte das Gefühl, deswegen gehänselt zu werden, und so fasste sie den Entschluss, zum evangelischen Glauben überzutreten. Ihre Eltern, die den starken Willen ihrer Tochter kannten, gaben ihre Einwilligung. Das Mädchen genoss die Zeit im Stift, und die vielen Freundschaften, die sie schloss, bewogen sie, nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau dem Annastift auch als Mitarbeiterin lange Jahre die Treue zu halten.

Schwester wird Opfer eines Gewaltverbrechens

Aber die Schicksalsschläge sollten kein Ende nehmen. Ihre Tochter starb nur wenige Monate nach ihrer Geburt und 2004 fiel ihre Schwester, zu der sie ein inniges Verhältnis hatte, in Celle einem brutalen Gewaltverbrechen zum Opfer. Der starke Familienzusammenhalt und die Opferhilfsorganisation „Weißer Ring“, insbesondere Paul Kühling, halfen ihr und der Familie über die Krisen hinweg.

Erste Ausstellung 2022 - "Begegnung" im Atelier 22 Carola Duis: "Wellenritt".

Naturidylle an den Spreewaldseen

Mit ihrem zweiten Mann erfüllte sich die junge Frau einen lange gehegten Traum, der sie an ihre Kindheit im Wald erinnerte. Sie lebten 30 Jahre lang in einem Haus in der Nähe von Uetze mitten in unberührter Natur, direkt an den Spreewaldseen gelegen. Ihr Gatte konnte seinem Lieblingshobby, dem Segeln, nachgehen, und Carola M. Duis fand in der Umgebung die Muße und Inspiration, ihren Talenten an der Staffelei und mit dem Fotoapparat Ausdruck zu verleihen. Zahlreiche Bilder entstanden, in denen die Natur immer eine große Rolle spielte. Die Malerei bot ihr dabei die Gelegenheit, ihre ausgeprägte Fantasie mit der technischen Kunstfertigkeit zu verknüpfen: So durfte zum Beispiel ein Himmelbett standesgemäß auch in einer Baumkrone aufgehängt werden.

Erste Ausstellung 2022 - "Begegnung" im Atelier 22 Carola Duis: "Im siebten Himmel".

Als Postkarten veredelte Fotografien

Als sie ihre Leidenschaft für die Natur-Fotografie entdeckte, war ihr Mann zunächst skeptisch. Sie erinnert sich an ihren ersten Versuch auf einem Markt, ihre als Postkarten veredelten Fotografien zu verkaufen: „Mein Mann sagte, man würde sicherlich nicht lange bleiben, denn so etwas würde ja keiner kaufen. Kurze Zeit später musste er aber wieder zurück nach Hause fahren und kräftig Nachschub besorgen. Zum Schluss waren alle Postkarten verkauft.“ Das Lob einer Kundin ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: „Ich sehe erst durch Ihre Fotos, wie schön die Welt ist“.

Carola M. Duis fühlt sich in unterschiedlichen Malstilen zu Hause.

Ihre Affinität zur Natur und zu luftigen Höhen erstreckt sich dabei bis weit in den Weltraum. Einige ihrer Gemälde sind inspiriert durch Fotografien aus dem Hubble-Teleskop. Teilweise sind die Sternennebel wahre Farbexplosionen, die sie auf Leinwand bannt. Eine ihrer Lieblings-Astronomie-Zeitschriften „Sterne und Weltraum“ druckte in einer Ausgabe ihr Ölgemälde des Pferdekopf-Nebels im Orion ab. Ihr Talent, Geschichten zu erzählen („Ich bin wie Käpt’n Blaubär, nur dass meine Geschichten stimmen"), haben schon häufig zu Veröffentlichungen in Magazinen und Büchern geführt. Vor allem die Hannoversche Allgemeine Zeitung druckte sie gerne in ihren Publikationen über besondere, aus dem Leben gegriffene Geschichten ab.

"Pilgerhaus" empfängt viele Gäste

Nach dem Tod ihrer Mutter vor sechs Jahren ist sie nach Celle gezogen. Ein Schritt, den sie nicht bereut: „Mein Haus wird mittlerweile schon ‚Das Pilgerhaus‘ genannt. Es gibt alle Tage Besuch. Jeder bekommt zu essen, Tee oder Kaffee. Es wird auch viel gelacht, und es werden jede Menge Geschichten erzählt.“

Von Georg Wießner