Austrocknung droht

Wenn das Wasser im Landkreis Celle knapp wird

Der Bericht zur Entwicklung des Grundwassers im Land für 2021 bereitet Grund zur Sorge. Die anhaltende Trockenheit im Sommer hat für niedrige Pegelstände im Landkreis Celle und der Region gesorgt.

  • Von Lothar H. Bluhm
  • 01. Okt. 2022 | 11:05 Uhr
  • 01. Okt. 2022
Die anhaltende Trockenheit sorgt für sehr niedrige Pegelstände an der Leine. Am Pegel Herrenhausen fiel der Pegel unter 50 Zentimeter.
  • Von Lothar H. Bluhm
  • 01. Okt. 2022 | 11:05 Uhr
  • 01. Okt. 2022
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Celle.

Hohe Temperaturen, kaum Niederschläge: Der Sommer 2022 war – mal wieder – heiß und trocken. Viele Seen und Flüsse zeigen deutlich gesunkene Pegelstände, erschreckend viele Oberflächengewässer sind vom Austrocknen bedroht. Doch was bedeutet das für das Grundwasser?

„Die aktuelle, nun über mehrere Jahre andauernde Trockenphase hat vielerorts zu extrem niedrigen Grundwasserständen geführt, die sich möglicherweise auch nur langsam regenerieren“

„In den westlichen und nordwestlichen Landesteilen sind die Grundwasserstände auf etwa durchschnittliche Niveaus angestiegen, während in den östlichen und südlichen Teilen Niedersachsens weiterhin zum Teil ausgesprochen angespannte Verhältnisse herrschen“, sagte die Direktorin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), Anne Rickmeyer, kürzlich bei der Präsentation der Sonderausgabe des Berichts zur Entwicklung der Grundwasserstände in Niedersachsen. Dazu wurden Daten von insgesamt 1475 Messstellen ausgewertet, die der NLWKN zur Überwachung des Grundwassers landesweit unterhält. Aus dem Bereich Celle mit dabei: Die Grundwassermeldestellen GD 14 N 12 Becklingen und Fuhrberg-Süd.

Geologe Dr. Gunter Wriedt

266 Messstellen erreichten 2021 ihren tiefsten Grundwasserstand seit 1987. Dem Bericht zufolge haben sich die Grundwasserstände in Niedersachsen im vergangenen Jahr im Westen etwas gebessert. Im Osten und Süden dagegen melden viele Messstellen weiter sinkende Wasserstände. Auch schon in den Vorjahren, besonders 2019, wurden vielerorts Tiefststände gemessen. Laut NLWKN bewegen sich die Grundwasserstände bereits seit 2009 auf einem durchschnittlichen bis niedrigen Niveau. „Die aktuelle, nun über mehrere Jahre andauernde Trockenphase hat vielerorts zu extrem niedrigen Grundwasserständen geführt, die sich möglicherweise auch nur langsam regenerieren“, sagte der NLWKN-Grundwasser-Experte, Gunter Wriedt: „Die bislang vorliegenden Klimaprojektionen legen jedoch auch nicht nahe, dass sich diese Situation dauerhaft als Norm etabliert. Möglicherweise pendeln wir zukünftig auch zwischen Extremen hin und her.“ Die Häufigkeit trockener Sommer werde jedoch zunehmen.

Wassermanagement gefordert

Bereits vor einigen Monaten waren sich die Waldeigentümer im Absenkungsgebiet Fuhrberger Feld einig, dass die Bäume verdursten. Mit der Forderung nach einem wirkungsvollen Wassermanagement wandten sie sich an die Landespolitik. Der Vorsitzende des Vereins Waldeigentümer im Absenkungsgebiet Fuhrberger Feld, Hermann Wöhler, formulierte einen Katalog: Die derzeitige Grundwasserzehrung müsse beendet werden und es dürfe nur so viel Wasserrecht zur Trinkwasserförderung bewilligt werden wie nötig. Zudem sei eine wissenschaftliche, fachliche Begleitung der Wasserförderung erforderlich und ein jährlicher Grundwasserspiegel-Differenzplan. Als langfristiges Ziel forderte er, dass in 20 Jahren die Grundwasserentnahme vollständig ersetzt werden müsse, durch gereinigtes Flusswasser aus der Wietze zur Wiedervernässung des FFH-Gebietes in den Wieckenberger Hellern. Zudem sei die Rückführung von gereinigtem Flusswasser aus Aller und Leine ins Einzugsgebiet sinnvoll.

Grundwasserstand ist deutlich gefallen

Auch die Wietzerin Irene Rathe, sie besitzt rund 160 Hektar Wald mit anmoorigen und dünenartigen Standorten rund um Wietze, stellt fest, dass der Grundwasserstand messbar deutlich gefallen ist. Nicht zuletzt an den Peilbrunnen werde das deutlich, „auch an den Feuerwehrbrunnen im Wald, wo das Wasser einen oder anderthalb Meter weiter weg ist.“

„Was wir jetzt brauchen, ist, wie sorgen wir eigentlich dafür, dass wir nicht nur genügend Grundwasser fördern können, damit wir die Trinkwasserversorgung sicherstellen können, sondern was tun wir dafür, dass genügend Grundwasser sich auch neu bildet.“

Für den niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies ist indes klar: „Wir haben natürlich durch die Jahre 18, 19, 20, die ja nicht vorbei sind durch ein feuchteres Jahr 21, erhebliche Dramatik. Das, was uns alle umtreibt − das war vielleicht keine Ausnahme, sondern beschreibt die Regelsituation der Zukunft, also stärker aufeinander folgende Jahre.“ Zur Grundwasserentnahme stellt er fest, dass eine große Stadt natürlich auch einen derart großen Wasserbedarf hat. Das dürfe man nicht unterschätzen. „Was wir jetzt brauchen, ist, wie sorgen wir eigentlich dafür, dass wir nicht nur genügend Grundwasser fördern können, damit wir die Trinkwasserversorgung sicherstellen können, sondern was tun wir dafür, dass genügend Grundwasser sich auch neu bildet.“

Eichen sterben erheblich ab

Günter Ilper besitzt 400 Hektar Wald in Rixförde und stellt fest, dass an Landesstraßen Eichen erheblich absterben: „Die sind wunderschön, das ist eine Straße, die grün im Atlas eingezeichnet ist. Aber das Problem ist das Wasser. Wir haben das früher nicht gehabt.“

 

 

NLWKN-Direktorin Anne Rickmeyer

Niederschlagsgefälle und menschliche Einflüsse

Als Ursachen für die regional unterschiedlichen Wasserstände führt der Bericht unter anderem neben einem Niederschlagsgefälle von Nordwest nach Südost und trockeneren Witterungsverhältnissen auch menschliche Einflüsse an − etwa den Ausbau der künstlichen Beregnung von landwirtschaftlichen Feldern im Osten Niedersachsens. Wie genau die gestiegene Grundwasserentnahme insgesamt die Entwicklung der Grundwasserstände im Land beeinflusse, lasse sich aber nicht abschließend beurteilen.

Osten des Landes besonders betroffen

Die Trockenjahre 2018 und 2019 markierten den vorläufigen Höhepunkt einer bereits seit etwa 2009 anhaltenden Phase mit unterdurchschnittlichen Niederschlägen und niedrigen Grundwasserständen. „Auch 2020 waren weiterhin extrem niedrige Grundwasserstände zu verzeichnen. Zum Ende des hydrologischen Jahres 2021 zeigte sich eine deutliche Differenzierung der Entwicklung“, heißt es in dem Bericht. „Anstiege der Grundwasserstände traten in den westlichen und nordwestlichen Landesteilen auf und es wurden teilweise auch wieder durchschnittliche Verhältnisse erreicht. In den östlichen Landesteilen zeigte sich erneut eine Grundwasserstandsentwicklung auf einem extrem niedrigen Niveau ähnlich wie 2019. Teilweise waren die Grundwasserstände weiter abgesunken.“

„Generell sind Extremereignisse wie Dürren und Hochwasser häufiger zu erwarten als bisher. Diese Änderungen sind eine direkte Fortsetzung der bereits in der Vergangenheit in Niedersachsen zu beobachtenden Veränderungen.“

Für die zukünftige Entwicklung des Klimas gehen Klimaforscher für Niedersachsen derzeit von einem weiteren Anstieg der Jahresmitteltemperaturen aus. Damit stiegen auch die Verdunstungswerte weiter an und für die Niederschläge würden für den kurzfristigen Planungshorizont bis 2050 keine Änderungen der mittleren Jahresniederschlagssummen erwartet, wohl aber eine Verschiebung der Niederschlagsverteilung zugunsten erhöhter Winterniederschläge. „Generell sind Extremereignisse wie Dürren und Hochwasser häufiger zu erwarten als bisher. Diese Änderungen sind eine direkte Fortsetzung der bereits in der Vergangenheit in Niedersachsen zu beobachtenden Veränderungen.“

Nachgefragt bei NLWKN-Direktorin Anne Rickmeyer und Geograf Gunter Wriedt

Anne Rickmeyer ist Direktorin des Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, Dr. Gunter Wriedt ist Geograf und Grundwasser-Fachmann.

Was ist denn der Erkenntnisgewinn aus dem aktuellen Sonderbericht für das Jahr 2021?
Rickmeyer: Bereits seit 2009 bewegen sich die Grundwasserstände auf einem durchschnittlichen bis eher niedrigen Niveau. Die Trockenjahre 2018 und 2019 haben die Situation noch deutlich verschärft. Das hat zu zum Teil extremst niedrigen Grundwasserständen geführt. In den Jahren 2020 und 2021 zeichnet sich zwar insgesamt eine Verbesserung der Situation ab, diese verläuft aber regional komplett unterschiedlich: In den westlichen und nordwestlichen Landesteilen sind die Grundwasserstände auf etwa durchschnittliche Niveaus angestiegen, während in den östlichen und südlichen Teilen Niedersachsens weiterhin zum Teil ausgesprochen angespannte Verhältnisse herrschen.

Wo mögen die Gründe dafür liegen?
Wriedt: Ursache sind zum einen regionale Konstellationen wie hydrogeologische Gegebenheiten und die Witterungsverhältnisse vor Ort. In Niedersachsen haben wir ein deutliches Niederschlagsgefälle von Nordwest nach Südost mit zunehmend trockeneren Witterungsverhältnissen. In Niederungsregionen haben wir in der Regel stabilere Grundwasserverhältnisse, da hier immer Wasser „von oberhalb“ zufließt. In den Geestgebieten schwanken die Grundwasserstände dagegen nicht nur saisonal, sondern auch sehr deutlich in mehrjährigen Zyklen.

Können Wasserentnahmen Ursache dafür sein?
Wriedt: Welchen Einfluss gestiegene Grundwasserentnahmen zum Beispiel für die öffentliche Wasserversorgung, den erhöhten Bewässerungsbedarf beziehungsweise den weiteren Ausbau der Feldberegnung die Entwicklung der vergangenen Jahre beeinflusst haben, können wir als NLWKN nicht abschließend beurteilen.

Welche Rolle spielt denn der Klimawandel?
Wriedt: Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch in Niedersachsen deutlich spürbar. Die Entwicklungen, die sich nicht nur als Folge der Trockenjahre 2018 und 2019, sondern bereits seit über zehn Jahren in unseren Grundwasserständen abzeichnen, sind nicht lediglich Folge zufälliger Witterungsschwankungen. Mit den in der Vergangenheit beobachteten und für die Zukunft prognostizierten Änderungen der saisonalen Verschiebungen der Niederschläge, Anstieg der Temperaturen und Änderungen der Wetterlagen sind sie auch Ausdruck einer sich infolge des Klimawandels insgesamt verändernden Wasserhaushaltsdynamik. Konkrete Vorhersagen über die nächsten Jahre sind jedoch nicht möglich. Als Fachbehörde werden wir die Entwicklung selbstverständlich weiter beobachten.

Was bedeutet das für die Grundwasserbewirtschaftung?
Rickmeyer: Für eine vorausschauende Grundwasserbewirtschaftung ist es unerlässlich, nicht nur die aktuellen klimatischen Bedingungen zu betrachten, sondern sowohl die zu erwartenden klimatischen Bedingungen inklusive der damit einhergehenden Extreme als auch die Veränderungen der Wasserbedarfe für die verschiedenen Nutzungen angemessen zu betrachten und in Einklang zu bringen.
Als einen wesentlichen Beitrag zu diesen Fragen hat das Land Niedersachsen das Wasserversorgungskonzept Niedersachsen aufgestellt und veröffentlicht. Danach wird geschätzt, dass der Bedarf an Grundwasser für Feldberegnung bis 2050 um 136 Prozent von 254 Millionen Kubikmeter pro Jahr (2015) auf etwa 600 Millionen Kubikmeter pro Jahr ansteigen wird. Kurzfristig bis 2030 ist eine Bedarfssteigerung von 54 Prozent zu erwarten. Für die öffentliche Wasserversorgung wird mit einer Bedarfssteigerung um neun Prozent bis 2050 von 747 Millionen Kubikmeter pro Jahr (2015) auf 815 Millionen Kubikmeter pro Jahr gerechnet. Für industrielle Entnahmen in Eigenversorgung werden keine wesentlichen Änderungen angenommen.