Ausstellung Bomann-Museum

Celler misst wie Gauß vor 200 Jahren

Ein ehemaliger Mathelehrer vom HBG lässt vor Celler Ausstellungseröffnung Geschichte zur Vermessung des Königreichs Hannover lebendig werden.
  • Von Peter Bierschwale
  • 04. Sept. 2022 | 11:00 Uhr
  • 04. Sept. 2022
  • Von Peter Bierschwale
  • 04. Sept. 2022 | 11:00 Uhr
  • 04. Sept. 2022
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Celle.

Vor 200 Jahren hatte sich der Göttinger Universalgelehrte Carl Friedrich Gauß (1777 bis 1855) über einen längeren Zeitraum im Celler Land aufgehalten und sich dort auch einquartiert, um die in Göttingen begonnene Vermessung des Königreichs Hannover fortzusetzen. Spannend wie ein Krimi geriet der Versuch des Cellers Holger Bachs, anlässlich dieses Jubiläums zu demonstrieren, mit welcher Methode es Gauß gelungen war, das Königreich Hannover sehr genau zu vermessen.

Holger Bach, ehemals Mathe-Lehrer am Hermann-Billung-Gymnasium, hatte vor einigen Jahren mit einer zehnten Klasse erfolgreich an einem Wettbewerb teilgenommen, bei dem dazu aufgerufen worden war, historische Persönlichkeiten aus der Region zu präsentieren. Bach war dabei auf Gauß gestoßen, weil der auch in Celle gewesen war. Das Projekt erhielt ein Preisgeld in Höhe von 5000 Euro. Damit konnten Nachforschungen und der Bau von Heliotropen finanziert werden.

Die Idee zu diesem Heliotrop beruhte auf einer Beobachtung, die Gauß 1818 in Lüneburg gemacht hatte: Von dort aus sah er ein zufällig angestrahltes oberes Fenster des Hamburger „Michels“ als hellen Lichtpunkt. Der Empfänger konnte das vom Heliotrop ausgesandte Licht sehen und per Winkelmesser die Richtung bestimmen. Das funktionierte natürlich nur bei freier Sicht und Sonnenschein. Carl Friedrich Gauß saß dann mit seinem Winkelmesser im Dachreiterturm der Stadtkirche oder in den Obergeschossen des Celler Schlosses, wartete auf die Lichtsignale seiner Mitarbeiter und notierte die Richtung, aus der sie kamen. Mit speziellen mathematischen Verfahren konnte der „Fürst der Mathematiker“, wie er schon zu Lebzeiten genannt wurde, Messfehler herausrechnen.

Zielfernrohr und Spiegelkonstruktion

Der Fachbegriff „Triangulation des Königreichs Hannover“ lässt ahnen, dass die Messung von Winkeln eine zentrale Rolle bei der Landvermessung spielte. „Winkel wurden deshalb bevorzugt, weil die sich in unwegsamem Gelände einfacher bestimmen lassen als Strecken“, erklärt Bach.

Gauß positionierte seine Mitarbeiter auf den wenigen Anhöhen der Gegend, wie den Osterberg in Garßen oder den immerhin 27 Kilometer entfernten Brelinger Berg in der Wedemark.

Um die Position seiner recht weit entfernten Mitstreiter ausmachen zu können, hatte Gauß das „Heliotrop“ entwickelt, das aus einem Zielfernrohr besteht sowie einer komplizierten Spiegelkonstruktion, die einen Lichtstrahl exakt auf ein anvisiertes Objekt lenken kann.

Ob und wie das Heliotrop über große Entfernungen funktionierte, wollte Bach nun anlässlich des 200-Jahre-Jubiläums testen, indem er vom Wietzer Ölberg aus über 19 Kilometer Luftlinie ein Signal an den Celler Stadtkirchturm senden würde. Der Ölberg existierte zwar 1822 noch nicht, aber wie Bach festgestellt hatte, stehen sämtliche Messpunkte, die Gauß genutzt hatte, nicht mehr zur Verfügung: Sie sind heute entweder überbaut oder mit Bäumen bewachsen, sodass man von dort keinen freien Blick hat.

Für Bach traf es sich gut, dass vom Bomann-Museum gerade eine Ausstellung mit dem Arbeitstitel „Die wahre Vermessung der Welt“ vorbereitet wird, die am 15. Dezember beginnen soll. In ihr wird zu sehen sein, wie die „Kartierung des Königreichs Hannover“ erfolgte, und außerdem wird das Leben und Wirken von Carl Friedrich Gauß beleuchtet werden. Da lag es für das Bomann-Museum auf der Hand, Holger Bachs Aktion zu unterstützen und mit Fotos zu dokumentieren.

So, nun stapften also Holger Bach und sein junger „Assistent“ Bulat Bisaev bei schönstem Sonnenschein mit zwei Stativen den steilen Geröllweg zum Ölberg hinauf. Am ersten Stativ war das Heliotrop befestigt, der Zweck des zweiten Stativs erschloss sich zunächst nicht. Oben angekommen, blieb kaum Zeit, den herrlichen Ausblick zu genießen. In weiter Ferne konnte man die Silhouetten der hohen Gebäude Celles nur erahnen. „Doch welches davon ist der Stadtkirchturm?“, fragten sich die Hobbyforscher.

„Nach dem Aufstellen der Stative ist es uns gelungen, den Stadtkirchturm exakt ins Fadenkreuz des Heliotrops zu bekommen“, berichten die beiden Männer stolz. Zudem richtete Bach noch ein weiteres, aus Vierkantlatten, Wäscheklammern und reflektierender Folie bestehendes, merkwürdiges „Fadenkreuz“ an irgendetwas aus.

Museumsmitarbeiterin fotografiert Licht

Zu gleicher Zeit stieg Hilke Langhammer vom Bomann-Museum mit einem Fotoapparat den Stadtkirchturm hinauf und wartete ab. Langhammer und Bach hatten verabredet, dass sich Langhammer per Smartphone melden würde, wenn sie das Licht entdeckt hatte. „Das ist natürlich historisch nicht ganz korrekt, aber praktisch“, so die Beteiligten.

Bach, der sich inzwischen als Carl Friedrich Gauß kostümiert hatte, und Bisaev warteten nun sehnsüchtig auf den entsprechenden Anruf, aber der kam nicht! „Vielleicht liegt es daran, dass wir den Wuchs der Büsche auf dem Ölberg unterschätzt haben, die die Sicht Richtung Celle immer wieder verdecken“, vermuten Bach und Bisaev. „Vielleicht liegt es aber auch an der wackeligen Stativkonstruktion, dass es nicht funktionierte.“ Zudem erklärte Bach: „Wir haben nach der Justierung unseres Fernrohrs nur zwei Minuten Zeit, weil sich die Sonne so schnell bewegt.“

Der Fehlversuch traf ihn offenbar nicht unvorbereitet, den nun wechselte Bach an sein zweites Stativ, auf dem ein Spiegel montiert war, kaum größer als ein Taschenspiegel. Er richtete den Spiegel an seinem selbst gebauten Fadenkreuz aus, sodass dieses hell aufleuchtete. Nach ein paar Nachjustierungen kam endlich die ersehnte Rückmeldung Langhammers: „Es gibt ein Leuchten auf dem Ölberg! Es ist ein recht helles Licht, und ich habe es fotografiert!"

Auf die Frage, wieso er denn mit einem einfachen Spiegel den Stadtkirchturm getroffen habe, antwortete der sichtlich zufriedene Bach als ehemaliger Mathe-Lehrer etwas überraschend: „Mit Pi mal Daumen! Ich habe mal auf einer Landkarte ausgemessen, dass, vom Ölberg aus gesehen, der Kirchturm genau drei Grad rechts vom Wietzer Bohrturm steht, und das entspricht genau meiner Daumenbreite.“

Holger Bach zeigte ein faszinierendes Beispiel, Geschichte lebendig werden zu lassen und Laien für praktische Anwendungen der Mathematik und die Gauß-Ausstellung zu interessieren.

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