Alternative Energien im Landkreis

Biogas führt in Celle nur ein Schattendasein

Bioenergie wird ein großer Eckpfeiler der Energieversorgung sein. Ohne eine Ausweitung der Bioenergiekapazitäten wird die Energiewende nicht gelingen.

  • Von Lothar H. Bluhm
  • 27. Aug. 2022 | 13:00 Uhr
  • 29. Aug. 2022
  • Von Lothar H. Bluhm
  • 27. Aug. 2022 | 13:00 Uhr
  • 29. Aug. 2022
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Celle.

Wenn in der kommenden Woche beim „Branchentag mobil“ des Landesverbandes Erneuerbare Energien Niedersachsen/Bremen (LEE) das Thema „Lösungen für die kommunale Energiewende – Energetisches Nachbarschaftsquartier“ diskutiert und erörtert wird, verdeutlicht sich, dass Klimaschutzaspekte in den Bereichen Bauen und Wohnen eine besondere Rolle spielen. Aus Expertensicht gilt ein „Weiter so!“ mit Blick auf den Bau- und Wohnungssektor mittlerweile als ausgeschlossen.

Klimaneutrale und energiearme Quartiere

Doch welche Instrumente stehen den Kommunen zur Verfügung, um auf die notwendige Dekarbonisierung bei der Energieversorgung zu reagieren? Und wie lassen sich klimaneutrale und energiearme Quartiere realisieren? – Spannende Fragen, die auf Antworten warten.

Abhängigkeit von importiertem russischem Erdgas

Der nun schon ein halbes Jahr andauernde Russland-Ukraine-Krieg zeige den Verbrauchern hierzulande die Abhängigkeit von importiertem russischem Erdgas, stellte die Geschäftsführerin des LEE, Silke Weyberg, kürzlich fest. „Doch gerade Niedersachsen mit seinen 1709 Biogasanlagen bietet Alternativen bei der Wärmeversorgung, die kurz- und mittelfristig abrufbar sind.“ Dass Biogas jahrelang energiepolitisch ein Schattendasein geführt habe, räche sich momentan. „Ungefähr 60 Prozent unserer Anlagen haben eine Wärmeauskopplung. Die Leistungen der Anlagen und damit auch die Wärmekapazitäten können wir bis zum nächsten Winter um 20 Prozent erhöhen. Damit kompensieren wir zwar nur einen Teil des russischen Erdgases, aber ein substanzieller Anfang ist gemacht.“ Voraussetzung dafür sei, Strom und Wärme bei der Einspeisung getrennt zu betrachten.

Wärmeversorgung wird gekappt

Momentan würden bei einem Stromüberschuss im Netz Biogasanlagen teilweise über lange Zeiträume bis zu zwei Tagen abgeschaltet. Damit werde auch die Wärmeversorgung gekappt, was insbesondere im Winter fatale Folgen für die Endverbraucher hat: „Im Endergebnis kommen dann wieder konventionelle fossile Brennstoffe zum Einsatz.“ Der Gasvorrat ließe sich mittelfristig aufstocken. Dazu müsste das Gasnetz aber für Biogasanlagen geöffnet werden: „Gassammelleitungen müssen vom Bestand her geplant werden. Dann können die Gasspeicher in den nächsten zwei bis fünf Jahren vollständig gefüllt werden“, so Weyberg, und ihr Vorstandkollege Thorsten Kruse stellt fest: „Wir könnten unsere Anlage sofort hochfahren und die Energiemenge steigern, wenn die Politik die rechtlichen Rand- und Rahmenbedingungen herstellt.“ Bioenergie werde ein großer Eckpfeiler der künftigen Energieversorgung sein. Ohne eine deutliche Ausweitung der Bioenergiekapazitäten werde die Energiewende nicht gelingen. Zudem könnten Biogasanlagen bei Stromengpässen passgenau hochgefahren werden.

Energiewirtschaft in einer noch nie da gewesenen Lage

Für Ulrich Finke, Geschäftsführer des Netzbetreibers Celle-Uelzen Netz GmbH (CUN), einem Unternehmen der SVO-Gruppe, steht fest: „Durch den Ukraine-Krieg befindet sich die Energiewirtschaft in einer noch nie da gewesenen Lage. Ziel ist es, dass Deutschland auf Dauer wieder unabhängiger vom Energieimport, insbesondere einzelnen Importländern wird.“ Seit das Bundesministerium für Wirtschaft und Klima die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas ausgerufen hat, bereite sich die CUN als Netzbetreiber auf eine Gasmangellage vor. „Im Fokus stehen dabei Szenarien, die durch eine Reduzierung der Gasabgabe an bestimmte Großverbraucher eintreten können. Ein Aspekt ist dabei der Ersatz von Erdgas durch andere Energiequellen.“ Hierbei werde die Wechselwirkung von Strom und Gas extrem deutlich. „Tatsache ist, dass jede gesparte Kilowattstunde oder jede aus anderen Energiequellen erzeugte Kilowattstunde den Gasabsatz entlasten kann. Allerdings müssen dafür die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden.“

„Möglichmacher der regionalen Energiewende“

Die Stromnetze wurden einst für fossile Energieträger gebaut, die verlässlich und berechenbar sind. „Heute wird der Strom zunehmend in vielen kleinen Erzeugungsanlagen produziert, wie Wind- und Photovoltaikanlagen“, berichtet die CUN. „Diese sind vom Wetter abhängig und dadurch schlecht planbar.“ Mit der Energiewende verändern sich die Anforderungen. Die Anzahl der EEG-Anlagen und damit die Einspeisungen ins Stromnetz nehmen zu. Damit das möglich wird, investiert die CUN in ihre Netze und werde somit zum „Möglichmacher der regionalen Energiewende“, wie SVO-Unternehmenssprecherin Christiane Poestges betont. Im Jahr 2020 betrug der Anteil aus Windenergie 31 Prozent (2021: 25 Prozent). „Das ist ein deutlicher Rückgang der Stromerzeugung durch Wind. Der Grund liegt in der Witterungsabhängigkeit bei der Stromerzeugung durch EEG-Anlagen, das betrifft besonders die Erzeugung durch Wind und Solar. Die erzeugte Strommenge ist fast immer von den tatsächlichen Sonnenstunden und vom Windaufkommen abhängig“, so Poestges. Da liege die Hauptursache für eine schwankende Stromerzeugung durch Wind- und Solaranlagen.

Gezielt in eine starke und effiziente Infrastruktur investieren

Rund 75 Prozent des in der Region benötigten Stroms könnte rein rechnerisch durch „grünen Strom“ aus regionalen Erneuerbaren Energien-Anlagen gedeckt werden. Die CUN schließt diese Anlagen als Netzbetreiber ans Netz an und sorgt dafür, dass der Strom zu den Verbrauchern kommt.

Gezielt investieren

Dafür baut die CUN das Stromnetz kontinuierlich aus und investiert gezielt in eine starke und effiziente Infrastruktur. Allein 2021 investierte die CUN rund 7,7 Millionen Euro in den Netzausbau.

Anteil erneuerbarer Energien

Die Anzahl der Anlagenbetreiber hat stetig zugenommen, und die CUN unterstützt nach eigenen Angaben seit vielen Jahren die Betreiber dabei, in das Stromnetz einzuspeisen. Nach Angaben der SVO beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien im Gesamtunternehmensmix SVO insgesamt 67,2 Prozent. 32,8 Prozent des Stroms kommen aus Kohle, Erdgas, anderen fossilen Brennstoffen und aus der Kernenergie. Zum Vergleich: Der bundesweite Energieträgermix beträgt nach Angaben der SVO 49 Prozent für erneuerbare Energien.

Realisierung gestaltet sich schwierig

Zurzeit sind in Niedersachsen rund fünf Gigawatt an Photovoltaikanlagen (PV) installiert. Bis 2035 sollen nach dem Niedersächsischen Klimagesetz insgesamt 65 Gigawatt an Solarleistung installiert sein – verteilt auf
50 Gigawatt Dachflächen-PV und versiegelte Flächen und 15 Gigawatt Freiflächen-PV. „Doch die Realisierung der Freiflächen-PV-Anlagen gestaltet sich schwierig“, befürchtet die LEE-Vorsitzende Bärbel Heidebroek: „Die Entscheidung darüber, ob und wie Erneuerbare Energieanlagen errichtet werden können, liegt bei den Kommunen. Gerade bei der Planung und Errichtung von Freiflächen-PV fehlt in den Verwaltungen jedoch häufig das Know-how.“

Regionaler Ansprechpartner

Das entsprechende Flächenziel für Freiflächen-PV von mindestens 0,47 Prozent der Landesfläche als Gebiete für die Nutzung von solarer Strahlungsenergie zur Erzeugung von Strom, die in Bebauungsplänen bis 2033 in Niedersachsen ausgewiesen werden sollen, sei im Niedersächsischen Klimagesetz verankert.
Zu dem aktuell auf 41 Hektar nahe Lachendorf geplanten Solarpark, der jährlich etwa zwei Gigawatt erzeugen soll, sagt SVO-Sprecherin Poestges: „Die Celle-Uelzen Netz ist der regionale Ansprechpartner für alle Betreiber von Erneuerbaren Energie-Anlagen und wird meist sehr früh in die Planung einbezogen. Je nach geplanter Größe der Anlage werden Übertragungsnetzbetreiber involviert.“